Weddings & Funerals
Weddings & Funerals - Royal & the Serpent
Holy - PVRIS
What's wrong - PVRIS
Have you had enough wine - JC Stewart
Jeongguk
I spoke to you last night
Said everything's alright
Told you I was doing something special
Ich stellte den Fernseher leiser, sobald der Klingelton meines Handys erklang und meine Augen damit auch vom Bildschirm auf das kleine Gerät richtete, dessen Screen gerade hell aufleuchtete und auf dem kleinen Kaffeetisch vibrierte, auf den ich es gelegt hatte. Auf dem Bildschirm konnte ich Taes Name ausmachen und so dauerte es auch gar nicht lange und ich streckte mich auf der Couch nach dem Handy aus, ergriff es und nahm seinen Anruf entgegen.
"Taehyung?", fragte ich in den Hörer und stellte die Lautstärke des Fernsehers noch ein wenig leiser, sodass ich den Älteren am anderen Ende besser verstehen konnte. "Jeongguk!", erwiderte der Angesprochene mit einem zufriedenen Ton in der Stimme und allein der Klang jener liess mein Herz ein ganzes Stück schneller schlagen. Ein breites Lächeln fand sich auf meinen Lippen und ich liess mich wieder zurück in meine liegende Position sinken, sodass ich nun an die Decke meines Wohnzimmers anstatt zum Fernseher blickte, und dabei das Handy an mein Ohr hielt. "Wie geht's dir?", wollte ich wissen und lauschte dann wieder seiner Stimme. Ich liebte sie, so sanft und ruhig, warm und tief, beinahe irgendwie samten. Sie war so einzigartig und so verdammt schön. Er konnte einen mit dem Klang seiner Stimme in seinen Bann ziehen und ich war mir sicher, dass er sich dessen bewusst war.
Taehyung lachte leise auf meine Frage hin und mein Lächeln wurde nur noch ein Stück breiter. Ich liebte sein Lachen, genauso, wie ich auch seine Stimme liebte; beides waren so unfassbar schöne Geräusche, verfehlten nicht oft, mir einen Schauer über den Rücken hinabzusenden und mein Herz schneller schlagen zu lassen. Und das passierte bloss, wenn ich ihn hörte, wenn ich ihn sah, war das alles noch viel schlimmer. "Es ist alles in Ordnung, Gguk", antwortete er sanft und wollte dann von mir ebenfalls wissen, wie es mir ging. "Du weisst doch; jetzt, wo das Semester zu Ende ist, geht es mir blendend~", meinte ich gut gelaunt und lachte amüsiert auf, woraufhin Tae einstieg und dann leise seufzte. "Das ist gut", murmelte er leise. Für einen Augenblick herrschte Stille zwischen uns ich wartete darauf, dass er weiter sprach, doch als Taehyung nur beharrlich schwieg, nahm ich die Sache selbst in die Hand und fragte ihn neugierig: "Was gibt's? Kann ich etwas für dich tun, Hyung?"
Taehyung machte ein verneinendes Geräusch. "Ich wollte nur mal wieder ein wenig mit dir reden", erklärte er mir, was ich simpel abnickte, selbst wenn er das nicht sehen konnte. Tatsächlich hatte ich das auch im Sinn gehabt, in nächster Zeit; mich mit ihm und Jimin zu treffen oder die beiden wenigstens anzurufen, denn ich hatte sie in den letzten Wochen nicht gesehen. Die Uni und mein Studium hatten mir auf die letzten Tage noch einmal alles abverlangt und neben meinem Teilzeitjob im Supermarkt um die Ecke des Campus' war nicht viel Zeit für meine besten Freunde geblieben. Sie fehlten mir. Ich war nicht nur erschöpft von den intensiven Prüfungsphasen, die ich nun endlich hinter mir gerlassen hatte, sondern auch einsam, denn selbst wenn ich im Supermark unter die Leute kam, hatte ich eben doch nicht viel mit denen zutun gehabt. Rentnern zu zeigen, wo sie das Salz finden konnten, war nicht dasselbe, wie mit Jimin und Taehyung draussen in einem Park zu sitzen und dabei zwei XXL-Pizzen zu verputzen, gemeinsam mit einem Sixpack Bier oder Energy Drinks.
Das mussten wir dringend wieder machen, denn das waren mitunter die besten Momente in meinem Leben. Es war entspannt, ruhig und dennoch ausgelassen und ich verspürte eine ungemeine Zufriedenheit in meinem Inneren, wann immer ich mit den beiden im kühlen Gras hockte, welches nach und nach durch den Tau mit einer leichten Nässe versehen wurde, da wir oftmals bis in die frühen Morgenstunden dort hockten, während der süssliche Geruch eines Joints in der Luft hing, den wir rauchten. "Was macht Jimin so?", wollte ich wissen, denn ich musste gestehen, dass ich weder mit Taehyung, noch mit ihm viel Kontakt gehabt hatte, in den letzten Tagen. Wir hatten nur ein paar wenige Nachrichten ausgetauscht, und nun freute ich mich darauf, endlich wieder Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen.
"Der ist gerade dabei, sich das Staffelfinale von Game of Thrones reinzuziehen", meinte Tae mit einem amüsierten Unterton in der Stimme, ehe ich ihn leise schnauben hörte. Ich konnte ein paar gedämpfte Schritte vernehmen, dann leise Stimmen im Hintergrund, die wohl aus einem Fernseher drangen und gleich darauf Taehyungs: "Jimin, sag Hallo~" Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen und wartete auf die helle, fröhlich klingende Stimme meines anderen besten Freundes, die auch sogleich erklang.
"Wir müssen in den nächsten Tagen wieder etwas zusammen unternehmen, Gguk!", fügte er an und ich nickte wieder. "Auf jeden Fall", antwortete ich grinsend. Ich konnte es kaum erwarten, wieder Zeit mit ihnen zu verbringen. Wenn es sein musste, würde ich sogar auch für die beiden XXL-Pizzen bezahlen, auch wenn die scheisse teuer waren. Jimins Stimme, die nun viel näher klang als zuvor und auch besser zu verstehen war, riss mich aus meinen Gedanken: "Was hältst du von nächstem Freitag?", wollte er wissen. "Ich bin dabei", stimmte ich zu, ohne gross zu überlegen. Ich hatte ohnehin gerade meine Prüfungen hinter mir, also hatte ich jetzt auch genug Zeit.
"Dann sehen wir dich freitags, Jeongguk." Jimin lachte leise und ich selbst lächelte zufrieden. "Bis dann, Hyung", verabschiedete ich mich von ihm und hörte dabei noch Taehyungs Verabschiedung aus dem Hintergrund, bevor Jimin schliesslich auflegte.
"Wir sind da."
Der Satz riss mich so plötzlich aus meinen Gedanken, dass ich harsch zusammenzuckte, sobald die Stimme erklang und hastig aufsah. Beinahe gestresst blickte ich durch den Rückspiegel in die Augen des Taxifahrers, der diesen Blick ungerührt erwiderte. Es dauerte einen Moment, bis die Bedeutung seiner Worte auch in mein Bewusstsein sickerte, doch als es soweit war, begann jeder einzelne Muskel sich in meinem Körper anzuspannen. Ich biss die Zähne zusammen, krallte meine Finger in den Stoff meiner Anzugshose und nickte dann mechanisch, bevor mein Blick aus dem Fenster des Taxis huschte. Wir hatten direkt beim Eingang der riesigen Kathedrale gehalten, die Eisentore davor waren weit geöffnet und auf dem kleinen Gehweg, der zu den mächtigen Eichentüren der Kathedrale führte, tummelten sich ein paar wenige Menschen. Der Anblick schnitt mir ins Herz und beschwörte langsam aber sicher einen dicken Kloss in meinem Hals herauf.
Es fühlte sich an, wie eine Hand, die sich um meine Kehle legte und dann begann, langsam zuzudrücken. Erst merkte man kaum etwas, bis auf die sanfte, leichte Berührung. Erst war es gar nicht schlimm, weil man es gar nicht realisierte - man wusste nicht, was passierte, wusste nicht, wie einem geschah.
Und erst als sie begann, zuzudrücken und einem die Atemwege abzuschnüren, zu zerquetschen und man dabei war, zu ersticken, traf einen die Realität wie ein Schlag ins Gesicht - nur war es dann bereits viel zu spät.
Ich wünschte, ich könnte die Realität dieses eine Mal ignorieren, ihr entfliehen. Ich wollte überall sein, nur nicht hier. Nicht aus diesem Grund. Ich hatte mich noch nie so sehr dagegen gesträubt, ein Gotteshaus zu betreten, wie heute. Es fühlte sich so an, als würde ich keine Luft kriegen, wenn ich die Kathedrale so musterte; der Gedanke, wieso ich hier war, fühlte sich so grauenhaft an, so schrecklich. Er zerfetzte mir das Herz, denn er liess die Fakten des Geschehenen nur noch realer werden. Nun konnte ich nicht mehr davor weglaufen oder meine Augen und Ohren davon verschliessen, in der Hoffnung, dass wenn ich es nicht sehen und hören konnte, es auch nicht fühlen würde und damit auch so tun konnte, als wäre es nicht einmal da.
Als wäre alles noch wie vorher.
"Sir? Wollen Sie nicht aussteigen?", fragte mein Taxifahrer nun und brachte mich so dazu, wieder ihn anzusehen, in seine dunkelbraunen Augen zu blicken und abermals langsam und mechanisch zu nicken. Er hatte Recht; selbst wenn sich alles in mir dagegen sträubte, musste ich endlich aus diesem Wagen raus und in die Kathedrale.
Schwer schluckend nickte ich erneut, diesmal kräftiger, und zog währenddessen meine Brieftasche hervor. "Wie viel macht das?", fragte ich ihn leise und ging die paar Scheine durch, die ich bei mir trug. Der Fahrer nannte mir den Betrag, woraufhin ich ihm diesen wortlos aushändigte und dann ohne eine Erwiderung auf das "Einen schönen Tag noch, Sir", ausstieg. Ein schöner Tag war es nicht und würde es auch ganz sicher nicht mehr werden.
Today I got the word
You didn't deserve
I hung up when I heard what happened
Lautstark zu Queens 'I want to break free' mitsingend, stand ich am nächsten Morgen in der Küche meiner kleinen Wohnung und bereitete Frühstück zu, in Form von gebratenem Speck, Eiern, Toast und Kaffee. Gut gelaunt schöpfte ich alles auf einen Teller und machte mich dann, noch immer singend, auf zu der kleinen Anrichte, wo zwei Barhocker standen, wo ich mich hinsetzte. Ich hatte eigentlich einen Esstisch hier, aber ich konnte an einer Hand abzählen, wie oft ich den schon benutzt hatte in der ganzen Zeit, in der ich hier war; ich ass meistens ohnehin alleine, also lohnte es sich nicht, den ganzen Tisch zu decken und ausserdem war mir die kleine Anrichte mit den Barhockern lieber.
Ich kam allerdings nicht dazu, einen Bissen zu nehmen, als mein Handy zu klingeln begann. Ich blickte auf, griff danach und stellte dabei auch gleich die Musik leiser, sodass ich den Anrufer überhaupt verstehen konnte. Ich konnte 'Jimin' auf dem Screen ablesen, also zögerte ich nicht lange und nahm den Anruf an. "Hey, Hyung", begrüsste ich den Älteren gut gelaunt, doch ich erhielt nur ein herzzereissendes Schluchzen vom anderen Ende der Leitung. Irritiert zog ich die Augenbrauen zusammen und richtete mich automatisch etwas auf dem Barhocker auf und stützte mich mit dem Unterarm auf die Anrichte. "Jimin?", hakte ich alarmiert nach, "Was ist los? Wieso weinst du?"
Jimin war sensibel; er weinte im Vergleich zu mir öfter, doch meist hing er das nicht an die grosse Glocke. Er war jemand, der das im Stillen tat, versuchte, es niemandem zu zeigen, niemanden zu besorgen und sich schnellstmöglich wieder zu beruhigen, sodass auch niemand Fragen stellte. Er war nicht gern im Mittelpunkt, schon gar nicht, wenn es ihm nicht gut ging und er hasste es, wenn man sich Sorgen um ihn machte, dabei war er der erste, der sich um all seine Mitmenschen kümmerte. Doch seinen Kummer machte Jimin normalerweise im Stillen mit sich selbst und ohne beobachtende Augen aus. Dass er die Gesellschaft eines anderen suchte, gar sein Leid so offen zeigte, wie er es jetzt tat, war kaum je vorgekommen. Ich konnte mich zumindest nicht erinnern, dass er mich absichtlich an seinem Leid hatte teilhaben lassen. Entweder hatte ich es von selbst mitgekriegt oder gar nicht. Natürlich konnte es sein, dass er sich bei Taehyung öfter ausweinte, immerhin waren die beiden ein Herz und eine Seele - sie schienen dem Begriff 'Seelenverwandte' einen Beweis zur Existenz zu liefern. Die beiden passten zusammen und meistens schienen sie auch die Gefühlslage des jeweils anderen zu bemerken, also konnte ich mir vorstellen, dass Taehyung öfter davon mitkriegte, wenn es Jimin schlecht ging und ihn dann tröstete, so gut er eben konnte.
Doch warum rief er nun mich an? Das beunruhigte mich, denn es war einfach nicht Jimins Art.
Mein Hyung reagierte allerdings nicht auf meine Worte, ich hörte nur weiterhin sein hilflos Schluchzen; es klang schrecklich, so hektisch und laut, drang an meine Ohren und machte sie taub gegenüber jedem anderen Geräusch. Ich konnte nur Jimins hilfloses Weinen wahrnehmen und es zerriss mir das Herz. Er schien sich gar nicht mehr einkriegen zu können, lauthals weinte er in den Hörer und das so heftig, dass er für einen Augenblick keine Luft mehr zu kriegen schien. Hilflos schnappte er nach Sauerstoff und brachte dann angestrengt und mühselig ein ersticktes, beinahe hervorgewürgt wirkendes: "J-jeon-" heraus, bevor der Rest abermals in Schluchzern unterging.
In meinem Kopf schrillten all meine Alarmglocken und ich umfasste mein Handy fester, hielt es mir dichter ans Ohr und lehnte mich leicht vor. "Jimin", sprach ich meinen Hyung abermals an, "Atme tief durch." Ich wusste nicht, ob er das gerade konnte oder ob dies überhaupt half, doch ich hoffte es. Tatsächlich versuchte er, meiner Anweisung Folge zu leisten, angestrengt holte er Luft, auch wenn er sie gleich wieder in Form von ein paar Schluchzern ausstiess. "Hyung, beruhige dich. Atme weiter tief ein und aus und dann erzähl mir, was los ist", wies ich ihn an, während meine Besorgnis mit jeder Sekunde, die verstrich, weiter anstieg. Was um Himmelswillen war nur geschehen? Das sah meinem Hyung überhaupt nicht ähnlich.
Es dauerte ein paar Augenblicke, doch schliesslich hatte er sich genug beruhigt, um nicht gleich wieder in laute Schluchzer auszubrechen. "Jetzt erzähl mir, was los ist", forderte ich ihn dann leise auf und Jimin holte noch einmal tief Luft, ehe er leicht schniefte. "Es-es geht um... Tae", flüsterte er und ich konnte hören, wie seine Stimme bei Taehyungs Erwähnung wieder wegbrach. Meine Sorge schoss mit einem Mal durch die Decke und ich hielt die Luft an, ohne es wirklich zu realisieren. "Was ist geschehen? Was hat er?", fragte ich alarmiert nach und merkte, wie mein Herzschlag an Fahrt aufnahm. Ich wurde nervös, meine Hände schwitzig und in meiner Magengrube machte sich ein ungutes Gefühl breit.
Jimins Dämme brachen erneut; er schluchzte auf und gab ein verzweifeltes "Jeongguk", von sich. Leer schluckend umklammerte ich mein Handy nur noch fester. "Hyung, sag schon", verlangte ich verzweifelt, meine Stimme nur noch ein leises, hilfloses Flüstern. Es ging um Taehyung; wenn Jimin so reagierte, dann konnte ich nur noch mit dem schlimmsten rechnen. Ich hoffte nur, dass er wieder werden würde.
"Er war heute früh nicht Zuhause, Gguk", begann er mir mit belegter Stimme zu erklären und schniefte dann wieder, "Ich hab mir nichts dabei gemacht, ich dachte, er ist einkaufen oder sowas, aber- auf einmal steht die-die Polizei vor der Tür und-" Er brach ab und das Gefühl in meiner Magengrube wurde nur noch flauer. In meinem Kopf begann ein Gedanke Gestalt anzunehmen, der mir ganz und gar nicht gefiel und ich gab mir beste Mühe, ihn wieder zu verdrängen, zu zerstören, bevor er fertig war und meinen Kopf gänzlich einnahm und ich an nichts anderes mehr denken konnte.
Das konnte nicht sein, Taehyung würde das nicht tun.
"Und?", hakte ich mit dumpfer Stimme nach und hielt mich mit der freien Hand inzwischen an der Kante der Anrichte fest.
"Sie- sie sagten, dass sie- J-jeongguk-" Wieder schluchzte er auf und ein weitere Schwall an unzusammenhängenden Worten und Satzgliedern suchte sich den Weg aus seinem Mund. "Jimin, was ist passiert?!", fragte ich nun energischer nach, woraufhin es aus ihm herausbrach: "Er hat sich l-letzte Nacht von der Mapo-Brücke gestürzt!"
Die Worte wirkten wie eine Ohrfeige. Der Gedanke, den ich zuvor versucht hatte, irgendwie zu verdrängen, wurde nur noch grösser und diesmal konnte ich mich nicht davor verstecken - denn es war die Realität. Mir war, als würden jegliche Geräusche um mich herum verstummen und die Zeit langsamer werden, als ich Jimins Worte sacken liess.
Er hatte sich von der Mapo-Brücke gestürzt.
Taehyung... von der Mapo-Brücke.
Das war unmöglich.
"Nein", wisperte ich zuallererst, kaum fand ich meine Stimme wieder und konnte einen weiteren, klaren Gedanken fassen, nebst dem einen, dass Taehyung offensichtlich Selbstmord begangen hatte, "Nein", wiederholte ich dann lauter. Jimin war wieder dabei zu weinen und ich selbst merkte, wie meine Augen sich langsam aber sicher mit Tränen füllten, während ich leer geradeaus starrte und mir der Worte bewusst wurde, die Jimin ausgesprochen hatte. Es tat so weh, sie wahrzunehmen, daran zu denken, was geschehen war und ich hoffte, dass das alles nur ein richtig schlechter Scherz von meinen beiden Hyungs war, doch anhand dessen, wie Jimin weinte, war mir klar, dass es keiner war. Ich wollte es nicht glauben, ich konnte es nicht glauben. Das war doch nicht möglich! Wieso ausgerechnet Taehyung?! Das machte keinen Sinn, wieso sollte er das getan haben?! Sie mussten sich geirrt haben, ihn verwechselt haben, es musste ein riesiger Irrtum sein - Jeder, nur nicht Taehyung. "Sie-sie konnten nur noch seine L-leiche bergen", flüsterte mein Hyung, durchriss die Kette meiner Gedanken und klang dabei so verletzt und zerstört, wie ich ihn noch nie zuvor gehört hatte, "Er ist tot, Jeongguk..."
Kaum war ich aus dem Taxi ausgestiegen und hatte die Tür geschlossen, hörte ich auch schon, wie es hinter mir wieder losfuhr und sich von der Kathedrale entfernte. Schwer schluckend musterte ich das monumentale Gebäude und am liebsten wäre ich dem Taxi nachgegangen, egal wohin es fuhr; hauptsache ich kam weg von hier. Ich wollte nicht hier sein, ich wollte nicht in diese Kathedrale laufen und mir bewusst werden, dass ich gerade dabei war, einen meiner beiden besten Freunde zu Grabe zu tragen. Einen besten Freund und auch jemanden, den ich für diesen Begriff eigentlich zu sehr liebte. Es war nur nie mehr als Freundschaft daraus geworden.
Mir war, als würde jeder Schlag meines Herzens schmerzen, es war so anstrengend vor dieser Kathedrale zu stehen, sie anzublicken und zu wissen, wieso ich da gleich rein musste. In meinem Hals bildete sich ein dicker, fetter Kloss und egal wie oft ich schluckte, ich wurde ihn einfach nicht mehr los. Jeder Atemzug war ermüdend und forderte so viel Kraft und Energie, dabei wollte ich mich einfach nur noch im mein Bett legen, unter der Decke verstecken und den Tränen freien Lauf lassen, die ich bis hierhin noch erfolgreich zurückkämpfte. Ich wollte weinen, bis ich selbst dafür keine Energie mehr hatte, bis ich nur noch monton vor mich hin starrte, weil mein Körper keine Tränen mehr übrig hatte und ich endlich auch physisch müde genug war, um einzuschlafen.
Es fiel mir schwer, doch schliesslich schaffte ich es langsam aber sicher, meine Beine vorwärts zu bewegen. Ich musste mich dazu zwingen, mich überhaupt in Bewegung zu setzen, doch ich hatte wohl keine Wahl. Ich konnte nicht einfach nicht auftauchen; das konnte ich Taehyung gegenüber nicht tun und schon gar nicht Jimin gegenüber. Er brauchte mich jetzt mehr denn je, immerhin war Taehyung mir genauso wichtig wie ihm. Ich konnte ihn jetzt nicht einfach hängen lassen, das konnte ich nicht tun. Er war ohnehin schon völlig fertig, da sollte er wenigstens eine Schulter haben, um sich ausweinen zu können.
Ich hatte meinen besten Freund verloren, jemanden, den ich viel zu sehr geliebt hatte, doch Jimin hatte seine andere Hälfte verloren.
Langsam liess ich meinen Blick über die paar Leute wandern, die schon da waren und erkannte meinen Hyung auch bereits unter ihnen. Er trug einen schwarzen Anzug, genauso wie ich und er wirkte auch genauso am Boden zerstört, wie ich. Seine dunklen Augen schimmerten keineswegs mehr, sie wirkten noch dunkler, dumpf und leer, voller Schmerz. Das sonst so leuchtende, orange Haar, war nun nur noch matt. Jimin wirkte heute so viel älter als er eigentlich war und es tat mir im Herzen weh.
Ich hielt auf ihn zu und schon nach kurzer Zeit, schien er meinen Blick auf sich zu spüren und sah auf. Kaum fixierte er mich, weiteten sich seine Augen und ich konnte förmlich sehen, wie Tränen in sie stiegen, bevor er mit einem hilflosen: "Jeongguk!", auf mich zustürzte. Ich beschleunigte meine Schritte, um ihm entgegen zu kommen und biss mir dabei auf die Unterlippe, damit ich meine Tränen zurückhalten konnte. Das alles hier war so viel mal schlimmer als ich erst gedacht hatte. Es war die pure Hölle. Schmerzte es also so sehr, wenn etwas in einem zerbrach? Denn Taehyungs Tod hatte definitiv etwas in mir zerbrechen lassen. Irgendetwas fragiles, kleines, doch die Splitter waren messerscharf und zerfetzten mir das Herz.
Kaum war Jimin bei mir angekommen, warf er sich mir um den Hals und schlang die Arme um mich. Ich erwiderte die Geste ohne zu zögern, umarmte ihn fest und vergrub das Gesicht an seiner Schulter, während ich spüren konnte, wie mein bester Freund aufschluchzte. Sein Körper begann zu beben und zu zittern und so hielt ich ihn nur fester und schluckte schwer, denn ich wollte nun wirklich nicht auch noch weinen. Jimin brauchte mich gerade mehr, als dass ich mich auch meinen Gefühlen hingeben und mich von dem Schmerz begraben lassen konnte, wie unter einer Lawine.
Zitternd atmete ich aus und strich ihm mit einer Hand über den Rücken, um ihm irgendwie etwas Trost spenden zu können. "Hey, Hyung", flüsterte ich leise in den Stoff seines Anzuges und holte tief Luft. Jimin sagte nichts, er hielt mich einfach nur weiter fest und so blieben wir für ein paar Augenblicke so stehen, sprachen kein Wort miteinander und wurden uns bloss der Nähe des jeweils anderen bewusst, denn gerade in diesem Moment jetzt, brauchte ich sie. Ich brauchte Jimin genauso, wie er mich und dadurch, dass ich ihn festhalten und umarmen konnte, fühlte ich mich nicht so allein. Jimin war immer noch hier und er würde mich hoffentlich nicht so schnell verlassen, wie Taehyung es getan hatte.
Als wir uns voneinander lösten, wischte Jimin sich erstmal unter den Augen entlang, um die Tränen aufzufangen, die ihm bereits entwischt waren, ehe er sich durch die Haare fuhr und tief Luft holte. Der Ältere versuchte sich an einem kleinen Lächeln, doch man konnte genau sehen, wie abgeneigt er davon war. Zwar hoben sich seine Mundwinkel, doch das Bild war verzerrt von purem Schmerz und bodenloser Trauer. Die Augen, in denen noch immer unzählige Tränen schimmerten, darauf wartend, endlich vergossen zu werden, straften seine Lippen Lüge.
Er hatte kaum die Kraft dazu, wirklich zu lächlen, es gar zu versuchen, auch das konnte ich erkennen und es schnitt mir ins Herz, ihn so zu sehen. Jimin Hyung war immer so fröhlich und zufrieden; ihn jetzt so zerstört zu erleben, war etwas, womit ich nicht umgehen konnte.
Taehyungs Tod hatte ein fettes Loch in seine Brust gerissen, dort, wo eigentlich sein Herz war. Ich brauchte es nicht zu sehen oder selbst zu spüren. Ich bemerkte es auch so, immerhin war ich nicht umsonst seit Jahren sein bester Freund. Und selbst wenn ich dies nicht wäre, dann könnte man es ihm auch dann ansehen. Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, wenn gerade eine ganze Welt zusammengebrochen war. Ich gab mein bestes, tapfer zu sein, und mich nicht vollständig meinen Gefühlen hinzugeben, da ich wusste, dass Jimin gerade jemanden brauchte, der für ihn da war, doch das bedeutete nicht, dass ich den Schmerz nicht fühlte. Dass ich andere nicht wissen liess, wie schlecht es mir ging, denn vermutlich konnte mein Hyung sich selbst zusammenreimen, wie schrecklich ich mich fühlte, auch wenn es ihm sicher noch eine ganze Spur schlechter gehen musste als mir, bedeutete nicht, dass ich okay war.
Jimin legte mir die Hand auf die Schulter und drückte diese dann kurz sanft. "Wollen wir schon mal reingehen, Gguk?", fragte er mich mit einem leisen Flüstern und selbst wenn alles in mir schrie, zu verneinen und wieder zu gehen, so nickte ich dennoch. Ich konnte nicht einfach verschwinden. Ich musste jetzt stark sein, auch wenn ich viel lieber wirklich Zuhause unter meiner Decke sein wollte. Ewig konnte ich nicht davor wegrennen, früher oder später musste ich die Kathedrale betreten. Auf meine Antwort hin, setzte Jimin sich in Bewegung und ich folgte ihm schweren Herzens und mit Protest-Gedanken, doch ich sagte nichts. Gemeinsam legten wir den kurzen Weg zu den mächtigen Toren der Kathedrale zurück, grüssten die Menschen, die noch draussen vor dem riesigen Gebäude standen und betraten sie dann. Ich konnte leises Stimmengewirr wahrnehmen, kaum waren wir drinnen, überall brannten Kerzen und es sassen bereits ein paar Menschen in den Bankreihen.
Taehyungs Leben war mit dem vieler anderer verbunden gewesen, selbst wenn es nur Arbeitskollegen waren; sie liebten ihn alle auch. Wie denn auch nicht? Jemanden wie Tae musste man einfach lieben - er war ein sozialer Schmetterling, fand Freunde wo auch immer er gerade war und meist reichte ein breites, herzliches Lächeln seinerseits, um die Leute in seinen Bann zu ziehen. Tae war so verdammt besonders gewesen, was der Umgang mit Menschen betraf; ich hatte nie jemand so extroveriertes und weltoffenes kennengelernt, was ich wirklich bemerkenswert fand, denn ich selbst brauchte eine ganze Portion Mut, um einfach eine fremde Person anzusprechen. Ich war nicht wie Tae, ich war eher introvertiert und wenn ich mit Fremden reden musste, dann wusste ich oft nicht, wie ich anfangen musste. Taehyung hatte diese Probleme nie gehabt, er schien immer ein richtiges Gesprächsthema zu finden.
Leer schluckend legte ich den Kopf in den Nacken und richtete meinen Blick hoch zur Decke der Kathedrale, während wir den Mittelgang entlang gingen, und musterte das Fresko, das dort über uns abgebildet worden war. Es zeigte wohl Jesu und seine zwölf Aposteln, gemeinsam mit Unmengen von Engeln. Ich glaubte nicht an Gott, seinen Sohn oder an die Dinge, die dieser vollbracht haben sollte, doch falls es ihn doch gab, falls es sowas wie sein Reich gab, für all die, die dieses Leben verlassen hatten, dann hoffte ich von ganzem Herzen, dass Taehyung dort war. Ich hoffte, dass es ihm jetzt besser ging, als hier, denn offensichtlich hatte er nicht mehr länger hier sein wollen. Ich hoffte, dass es ihm gut ging und ich hoffte, dass er nun über uns oder zumindest Jimin wachen würde.
If you had more time
You'd walk down the aisle
I know that you had somebody special
Mit einem leisen Seufzen und durch die Tränen brennenden Augen, sah ich von der Deckenmalerei wieder nach vorne zum Altar und dann zu dem dunklen Sarg, der vorne am Fuss der kleinen Stufen stand, die hinauf zum Altar führten. Da vorn lag er, in diesem dunklen Sarg, der viel zu hübsch für diesen Anlass wirkte, viel zu edel. Doch auf der anderen Seite, hatte Taehyung nur das Beste verdient für diesen letzten Anlass zu seinen Ehren.
Dennoch sollte da kein Sarg stehen. Da sollte Taehyungs Leiche nicht drinnen liegen. Eigentlich sollte Taehyung da vorne stehen oder gerade mit seinem Dad den Mittelgang entlang laufen, und Jimin da vorne stehen.
Er hatte ihn so sehr geliebt. Jimin war alles für ihn, ich wusste das. Darum hatte ich mich immer zurückgehalten, darum hatte ich mich nie zwischen die beiden stellen wollen, selbst wenn mein eigenes Herz dabei gebrochen worden war. Es stand mir nicht zu, in ihre Beziehung reinzupfuschen, das wäre beiden gegenüber nicht fair gewesen. Taehyung hatte nun einmal Jimin geliebt und nicht mich und das war okay, er konnte nichts für seine Gefühle und schon gar nicht konnte er etwas für meine. Leider war ich genauso machtlos meinen gegenüber und hatte meine Aufmerksamkeit dementsprechend nicht auf jemand anderen lenken können. Doch irgendwann fand man sich damit ab. Das bedeutete nicht, dass der Schmerz weniger wurde, doch man fand einen Weg damit umzugehen und ihn grösstenteils zu ignorieren. Ich hatte mich vielmehr für die wundervolle Beziehung der beiden gefreut. Sie hatten zusammengepasst, wie zwei Teile eines Sets, als hätte man sie gemeinsam angefertigt und dann getrennt, nur damit sie sich später irgendwann wiederfinden würden. Sie hatten sich perfekt ergänzt und dementsprechend schlimm musste Taes Tod nun auch für Jimin sein. Ich wollte mir sein Leid gar nicht vorstellen, es musste grausam sein.
Ich wusste, dass Jimin unfassbar speziell für Taehyung gewesen war und andersherum genauso. Und ich wusste auch, dass wenn Taehyung noch hier wäre, noch die Zeit dazu hätte, und gleichgeschlechtliche Ehe hier in Südkorea erlaubt wäre, er Jimin schon längst einen Antrag gemacht hätte, da er ihn so sehr geliebt hatte.
Wenn er nur noch hier wäre, dann würden er oder Jimin irgendwann noch diesen Mittelgang entlang nach vorn zum Altar laufen. Und selbst wenn ich Taehyung nicht hätte haben können - zu dem Zeitpunkt ganz bestimmt nicht mehr - wäre ich überglücklich für sie beide gewesen, denn alles was ich für meine beiden Hyungs je wollte, war, dass sie glücklich waren.
But no one's wearing white
We're dressed in black tonight
Doch es gab heute niemanden hier, der auch nur ansatzweise Weiss trug oder zumindest Grau. Heute trugen wir alle schwarz. Es gab keine Hochzeit, keinen Grund glücklich zu sein, keinen Grund, zu lächeln. Das war nicht Taehyungs und Jimins Hochzeit. Keiner von beiden war dabei, den Mittelgang hinunter zu laufen, um die Person zu heiraten, die sie am meisten liebten. Das war Taehyungs Beerdigung. Wir trugen alle schwarz, wo ich auch hinblickte, egal welches Gesicht ich sah, beinahe jeder weinte und ganz bestimmt fand sich auf keinen Lippen auch nur der Ansatz eines Lächeln.
Und Taehyungs Freund war der, der am meisten litt, anstatt dass er der glücklichste von uns allen war, wie es doch eigentlich sein sollte.
Now you're covered in roses instead
What would you have said?
What would you have said?
Mir schien, als würden meine Beine mit jedem Meter, den Jimin und ich zurücklegten, langsamer und langsamer werden. Als wollten sie nicht weiterlaufen, nicht näher zu dem Sarg hingehen und immer klarer erkennen, was ich doch eigentlich gar nicht sehen wollte. Ich wollte meine Augen zusammenkneifen und den Kopf schütteln, so lange trotzig verleugnen, dass Taehyung tot war, bis das zur Realität wurde. Ich wollte es nicht wahrhaben. Wie sollte ich auch? Wie sollte ich damit klar kommen? Ich konnte damit nicht umgehen. Dieser Sarg wirkte wie ein Schlag ins Gesicht. Es war die endgültige Bestätigung dafür, dass das hier kein Grund zur Freude war. Die Bestätigung, dass mein bester Freund tot war.
Ich musste mich förmlich zwingen, weiter zu gehen, mich dem Sarg zu nähern und schliesslich mit Jimin direkt davor stehen zu bleiben. Still sahen wir darauf hinab, sprachen kein Wort und während ich das dunkle, glatte Holz musterte, das durch den Lack das Licht in der Kirche spiegelte, spürte ich die Hand um meine Kehle wieder, die begann zuzudrücken.
Leer schluckend betrachtete ich den riesigen Blumenstrauss roter Rosen und die paar weissen, die dazwischen untergebracht worden waren. Direkt darunter hatte man einen simplen Rosenkranz mit hölzernen Perlen und einem hölzernen Kreuz gelegt
I still can't believe what happened
Ich wünsche mir so sehr in diesem Moment, dass das alles nur ein schlimmer Albtraum war. Ich wünsche mir so sehr, dass ich danach einfach aufwachen würde, vielleicht weinend, doch wissend, dass das nicht echt war. Dann würde ich Taehyung direkt anrufen, egal, wie spät es wäre, ich würde einfach anrufen und ihn fragen, ob er okay war und, falls er bejahte, ob seine Antwort wahr war oder doch eine simple Lüge, weil er nicht darüber sprechen wollte.
"Du hast ihn geliebt, nicht wahr?", flüsterte Jimin neben mir auf einmal und riss mich damit jäh aus meinen Gedanken. Die Frage war leise ausgesprochen worden und dennoch zerriss sie die Stille zwischen uns unfassbar laut und dröhnte förmlich in meinen Ohren, ehe sie sich anfing in meinem Kopf zu wiederholen. Überrascht hatte ich den Kopf gedreht und starrte meinen Hyung nun aus grossen, erschrockenen Augen an, während mein Herzschlag in die Höhe schoss und mir mit einem Schlag fürchterlich heiss wurde, obwohl mir gerade eben noch vielmehr kalt gewesen war. Nervös fuhr ich mir mit der Zungenspitze über die Unterlippe und versuchte mich dann in einer verständnislosen Miene. Ich wusste, was genau er meinte, natürlich wusste ich das, doch ich fühlte mich viel zu schlecht, um es zuzugeben. Ich konnte ihm doch nicht diese Frage mit einem 'Ja' beantworten! Ich konnte Jimin doch nicht sagen, dass ich Taehyung genauso liebte, wie er. "Natürlich habe ich ihn geliebt, e-er war immerhin einer meiner besten Freunde", erwiderte ich also nicht lauter als er, doch mit krächzender Stimme, denn meine Kehle war auf einmal ganz trocken. Jimins wachsamer Blick bohrte sich in meinen und es wirkte, als versuchte er in meinen Augen mehr herauszulesen, als ich preisgeben wollte. Ich tat mein Bestes, meine Maske aufrecht zu erhalten, doch anscheinend war ich nicht gut genug dabei, denn nur wenige Sekunden später, in denen wir uns nur still gegenseitig gemustert hatten, schüttelte er den Kopf.
"Du weisst, was ich meine, Jeongguk", antwortete er darauf nur und daraufhin konnte ich seinem Blick nicht länger standhalten und drehte meinen Kopf weg, um wieder auf den Sarg zu starren. Mein Atem ging mit einem Mal schneller und die Tränen in meinen Augen liessen meine Sicht verschwimmen. Ich fühlte mich so unfassbar schlecht ihm gegenüber und ich wusste nicht, wie ich ihm weiter in die Augen schauen konnte. Er wusste es eigentlich schon, ich konnte es ihm ansehen und aus seinem Gesagten heraushören; Jimin wollte nur noch eine Bestätigung von mir. Ich ballte die Hände zu Fäusten, bis ich spürte, wie meine Fingernägel sich schmerzhaft in meine Handballen gruben. "Jeongguk?", hakte Jimin noch leiser als zuvor nach und ich schloss die Augen, ehe ich tief Luft holte und dann wieder zu ihm sah.
"J-jimin...", flüsterte ich heiser, "Es-es tut mir s-so leid-" Ich brach ab, als er auf meine Entschuldigung hin den Kopf schüttelte und den Blick abwandte. Im ersten Moment dachte ich, dass er wütend war, mir meine Gefühle vorwarf, denn das tat ich ja selbst auch, mich vielleicht sogar anschrie und das unserer Freundschaft einen fetten Knacks verpasste, doch überraschenderweise, waren seine nächsten Worte nicht im Geringsten zornig oder vorwurfsvoll. "Das ist nicht deine Schuld, Gguk", sagte er bloss und suchte meinen Blick wieder. Abermals versuchte der Ältere von uns sich an einem schmalen Lächeln und tatsächlich gelang es ihm diesmal besser. Noch immer konnte ich die Trauer in seinen dunkelbraunen Augen schimmern, die Tränen in ihnen glänzen sehen, doch sein Lächeln wirkte echt, aufrichtig, warm. Er war mir nicht böse und diese Erkenntnis liess eine Tonne von Steinen von meinem Herzen fallen und nahm mir eine noch grössere Last von den Schultern. Gelöst atmete ich auf und gab das kleine Lächeln zittrig zurück, ehe ich mir auf die Lippe biss, um meine Tränen zum erneuten Male zurückzukämpfen.
"Du kannst nicht auswählen, wen du lieben möchtest", fuhr er fort und sah kurz zurück zum Sarg, "Er hat dich auch geliebt. Ich weiss das." Das war zuviel. Ich konnte nicht mehr dagegen ankämpfen. Die letzten beiden Sätze sorgten dafür, dass meine Dämme endgültig brachen und die Tränen schliesslich begannen, über meine Wangen zu rollen. Ich schluchzte auf und starrte Jimin ungläubig an. "W-was redest du da? E-er hat- er hat dich geliebt!", fragte ich ihn, woraufhin er nur ein Stückchen breiter lächelte und nickte. "Ich sagte nicht, dass er mich nicht geliebt hat, ich sagte, dass er dich auch geliebt hat. Du hast verdient, das zu wissen, Ggukie..."
Ich konnte nicht glauben, was er da sagte. Das bedeutete, dass meine Gefühle eigentlich erwidert worden waren, doch es war einfach nie zu einer Beziehung gekommen, denn Taehyung hatte bereits jemand anderen gehabt denn er noch mehr geliebt hatte. Nicht, dass mich das nun verbitterte oder wütend machte, so war es nun einmal und ich war bereits glücklich über den Gedanken, dass Tae mich geliebt hatte. Manchmal stimmten die Personen überein, doch die Zeit und die Umstände passten einfach nicht und so war es wohl mit uns gewesen.
"Danke, Jimin", murmelte ich tonlos und selbst wenn mir immer noch Tränen über die Wangen rollten, so lächelte ich. Hilflos wischte ich mir mit den Handballen unter den Augen entlang, um sie wegzuwischen, doch es kamen einfach neue nach. "Ich vermisse ihn so sehr", gab ich zu, die Stimme belegt, und blickte wieder zu meinem besten Freund. Jener nickte langsam. "Ich ihn auch. Du weisst gar nicht, wie sehr...", meinte er mit einem tiefen Seufzen und ich konnte sehen, wie sich eine einzelne Tränen aus seinem Augenwinkel löste. Daraufhin streckte ich meine Hand aus und ergriff seine, schob meine Finger zwischen Jimins und drückte sie ein wenig. Er erwiderte beinahe sofort darauf und spiegelte die Aktion, während ein stiller Schluchzer ihn durchfuhr. Schweren Herzens und noch immer weinend, sah ich zurück auf den Sarg.
I thought I'd see you, I'd see you again
With a joint or a drink in your hand
Warum hatte er nie gesprochen? Warum hatte er nie etwas gesagt? Wieso hatte er sich dazu entschieden, diese Welt zu verlassen und uns einfach zurückzulassen dabei? Wieso hatte er uns einfach im Stich gelassen? Wie hatte er das überhaupt geschafft? Waren wir ihm so egal? Oder war er so verzweifelt gewesen, dass er sich nicht mehr um uns gekümmert hatte, dass wir als nebensächlich und unwichtig erschienen waren?
Was war mit den Nächten, die wir zusammen draussen verbracht hatten, uns die Bäuche vollgeschlagen hatten mit Pizza, Bier getrunken und manchmal Joints geraucht hatten? Ich hatte letztens nach unserem letzten Telefonat noch gedacht, dass ich ihn mit einem Drink, einem Bier oder einem Joint in der Hand wiedersehen würde - doch nun? Nun lag er da vor mir in einem Sarg, geschützt vor Blicken und bedeckt mit Rosen.
Was war aus diesen Erinnerungen geworden? Hatten sie ihm gar nichts bedeutet? Hatten wir ihm gar nichts bedeutet?! Waren wir nicht gut genug gewesen? Hätte er nicht für uns am Leben bleiben können?! Oder immerhin für Jimin?! Hatte er ihm nichts bedeutet?! War es ihm so verdammt egal, wie wir uns fühlten?! Wie sich alle fühlten, die er zurückgelassen hatte, mit seinem Tod?
Warum hatte er verdammt nochmals nie gesprochen?! Wieso hatte er nie den Mund aufgemacht und etwas gesagt?!
Ich fühlte mich so verdammt traurig, ich war aber auch wütend und ich fühlte mich auch unfassbar schuldig Taehyung gegenüber, auch gerade weil ich irgendwie wütend auf ihn war, dafür, dass er uns verlassen hatte. Das stand mir nicht zu. Nicht nur das, ich fühlte mich auch schuldig, weil ich nichts mitgekriegt hatte. Was für ein Freund war ich, nie bemerkt zu haben, wie schlecht es ihm in Wahrheit ging? War es da nicht eher auch meine Schuld, dass er sich das Leben genommen hatte? Sollte ich nicht vielmehr wütend auf mich sein, dass ich nichts gemerkt hatte und nicht auf Tae, dafür, dass er keinen anderen Ausweg mehr als diesen gesehen hatte?
Zu wissen, dass er tot war, brach mir mein Herz, doch zu wissen, dass er so sehr gelitten hatte, vermutlich sogar schlimmer als ich gerade, sodass er sich schlussendlich dazu entschlossen hatte, lieber von dieser Welt zu gehen, anstatt durchzuhalten, weil er einfach nicht mehr konnte, zerfetzte es.
Aber am schlimmsten war wirklich, zu wissen, dass ich von alledem nicht eine Sekunde lang etwas mitgekriegt hatte. Taehyung hatte ständig ein Lächeln im Gesicht getragen und niemanden seine Tränen sehen lassen. Er hatte niemanden sein Leid sehen lassen. Er hatte niemanden je um Hilfe gebeten. Nicht mich und auch nicht Jimin.
Wieso nicht?
Wir hätten ihm geholfen, genauso wie jeder andere bestimmt auch, dem er sich anvertraut hätte. Wenn nur irgendwer hinter seine Fassade hätte blicken können, wenn er es nur irgendjemandem gesagt hätte-
Vielleicht wäre er dann noch hier.
Feeling like my soul's been gravity bound
And I got the city weighing me down
Ich fühlte mich, als würde ich ersticken. Die Hand um meine Kehle drückte immer stärker zu, schnitt mir all meine Atemwege ab und verweigerte mir den Sauerstoff. Vielleicht ertrank ich aber auch einfach, denn alles um mich herum schien verstummt und in Zeitlupe zu laufen, wie als wäre ich unter Wasser. Es war auch so verdammt schmerzhaft, zuerst dieses grauenhafte Brennen in den Lugen, wenn man die Luftzufuhr verweigerte, und dann tat es immer noch weh, wenn sie sich anstatt mit Oxygen mit Wasser fühlten, wenn man husten musste, bis man glaubte, zu erbrechen, doch es half nichts, es kam nur mehr Wasser, keine Luft, nicht das geringste Bisschen. Ich wusste nicht, ob es wirklich so war, doch ich stellte mir Ertrinken so in etwa vor und so in etwa fühlte ich mich gerade auch.
Alles erdrückte mich, alles schien über mir zusammenzubrechen, ein Teil meiner Welt lag in Schutt und Asche und ich wusste nicht, wie ich diesen Teil je wieder reparieren sollte, ohne Taehyungs Hilfe.
Doch wenn ich mich bereits so schrecklich fühlte, wie musste es dann Jimin gehen?
Used to be scared of dying alone
Now I know there's nothing to be afraid of
I don't wanna waste life waiting around
For weddings and funerals
Mein Blick wanderte zu meinem besten Freund, dessen Hand ich noch immer fest in meiner hielt und der, wie ich erkennen konnte, wieder dabei war, zu weinen. Mit der freien Hand wischte ich mir erneut die Tränen aus den Augen und von den Wangen und drückte seine Hand wieder ein wenig. Jetzt, wo Tae nicht mehr hier war, lag es wohl an mir, auf Jimin aufzupassen, zumindest solange, bis er wieder einigermassen auf dem Damm und stabil war.
Ich legte meinen Kopf erneut in den Nacken und musterte das Fresko an der Decke der Kathedrale. Ich würde mein Bestes geben, und besser für ihn da sein, als ich es für Tae gewesen war.
Und ich würde für ihn weiterleben. Jimin und ich, wir beide würden das tun; Erinnerungen kreieren, die schönsten Orte besuchen, die ausgefallensten Dinge tun und sie uns einprägen, und wenn wir Taehyung hoffentlich eines Tages wieder sehen würden... dann würden wir ihm das alles zeigen. Jeden Ort, den wir je gesehen hatten. Jede Emotion, die wir je gefühlt hatten. Jede einzelne, schöne Sache, die wir erlebt hatten. Ich konnte nur hoffen, dass wir uns wieder sehen würden.
Wenn es diesen Ort nach dem Tod gab und er dort war und wartete. Ich konnte nur hoffen, dass es ihn gab.
Auf jeden Fall wollte ich mein Leben nicht weiter verschwenden und sinnlos auf weitere Beerdigungen warten, von Leuten, die mir wichtig waren, während ich älter wurde und nichts aus meinem Leben tat.
Ich würde alles versuchen, das Beste daraus zu machen und so viele Erinnerungen schaffen, wie es mir nur möglich war.
******************
Hello everyone
Ich hoffe, das war nicht allzu traurig :] Und ich hoffe, dass ihr nicht allzu enttäuscht seid, dass das hier nicht wirklich Vkook, sondern eher Vmin war, aber eigentlich auch nicht wirklich Vmin, da ich mich mehr auf die Beerdigung und die platonische Beziehung zwischen Jk und Tae bezogen habe - da es ja auch aus Jeongguks Sicht geschrieben worden ist - und es dementsprechend auch eigentlich gar nicht fluffig ist, sondern eher traurig.
Ich habe 'Weddings & Funerals' zum allerersten Mal gehört und war damals schon: "Ich will einen Oneshot daraus machen, wartet darauf." :D
Es hat jetzt zwar doch eine Weile gedauert, bis es soweit war - ein paar Wochen waren das schon O.o - buuuut i didn't forget and here I am^^ Es tut mir wirklich leid, dass er so traurig ist, doch ich wollte mich auf die Lyrics beziehen, weil man daraus so schön etwas aufziehen kann^^ Und ich bin auch irgendwie stolz auf mich, dass für einmal nicht wirklich Vkook oder eine sonstige, romantische Beziehung mit eingebracht habe, die im Mittelpunkt gespielt hat, sondern mich vielmehr mit dem Tod und den Gefühlen der Hinterbliebenen befasst habe.
Ich hoffe, trotzdessen, dass es kein Vkook und so traurig war, dass ihr den Oneshot doch mochtet und ihm etwas Liebe gebt^^
Hier auf jeden Fall Taschentücher, falls doch ein paar welche brauchen *hinstreck* und Cookies *auch hinhält*
Danke fürs Lesen und vielleicht sieht man sich anderswo in meinen Büchern wieder^^
Bis dann und alles Liebe von mir!
Nads~
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