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Jungkook Pov

Taehyung macht plötzlich einen unglaublich bedrückten Eindruck. Das die Stimmung in einem Krankenhaus sowieso nicht die beste ist, immerhin bedeutet alleine der Aufenthalt hier da etwas nicht stimmt, ist klar, aber die ganze Atmosphäre wirkt nach der neuen Information noch kühler.

Obwohl er mich nicht ansieht, sondern aus dem Fenster starrt als wären da all seine Gedanken, die er neu sortieren muss, versuche ich ihn mit einem Lächeln zu beruhigen und fange an zu sprechen.

"Erinnerst du dich daran, wie du dich gefühlt hast, als du dachtest du müsstest sterben? Ich meine nicht das mal, als dir in die in die Brust geschossen wurde und bei dem du die Narbe an deinem Rücken bekommen hast. Ich meine das mal, als du nach acht Monaten, in denen wir uns nicht gesehen haben, plötzlich wieder mit einer Lebensgefährlichen Verletzung auftauchst."

Ich erinnere mich noch ganz genau daran. Eigentlich erinnere ich mich an jeden unserer Momente von dem Tag an, als ich ihn zwischen dem ganzen Müll gefunden und ins Krankenhaus gebracht habe. Ich glaube nicht an das Schicksal, viel mehr an Zufälle, aber ich komme nicht umhin daran zu Zweifeln, dass es sich hierbei nicht bloß um Zufälle handeln kann, dafür waren es zu viele.

"Ich erinnere mich." Er krallt sich mit den Händen in die Armlehnen des Stuhles. Ich weiß nicht was mit ihm los ist, das einzige was sein könnte wäre, dass ihn tatsächlich etwas bedrückt und er nicht weiß ob er es mir sagen soll. Am liebsten würde ich ihn schütteln, ihn dazu drängen es mir zu sagen, weil sein Verhalten mich nervös macht, aber vielleicht ist es besser ihm zuerst zu sagen was ich weiß.

"Erinnerst du dich daran, was in diesem Moment durch deinen Kopf gegangen ist? Welche Gedanken du hattest?"

Endlich löst er sich von der Starre, in der er sich bis eben befunden hat und findet zurück ins hier und jetzt. Er sieht mir in die Augen, mit einem Ausdruck, als hätte er alleine deswegen schmerzen, weil er sich an diesen Tag, an den Moment zurück erinnern muss.

Er ist es Hundert prozentig, es ist Taehyung, der hier vor mir sitzt, den ich mehr liebe als alles andere und auf dessen Besuch ich am meisten gewartet habe, aber er wirkt vollkommen abwesend, wie ein anderer Mensch. Er wirkt verängstigt.

"Ich hatte Angst, Jungkook. Ich habe so viel auf einmal empfunden, aber vor allem war da eine Sache, an die ich die ganze Zeit gedacht habe. Vier Worte, die sich immer wieder wie von alleine in meinem Kopf abspielten: Ich will nicht sterben."

Es ist was anderes dabei zu sein, wenn jemand in Lebensgefahr ist und zu sehen, wie sehr er kämpft, als wenn du es von ihm selber hörst. Er war bereits mehrmals dem Tod so nahe und doch sitzt er noch hier vor mir. Er lebt und ich werde nicht zu lassen, dass noch einmal die Gefahr besteht es könnte vorbei sein. Ich werde nicht zu lassen, dass er noch einmal solche Angst verspüren muss.

"Als ich dachte, ich müsste sterben, war da keine Angst, sondern lediglich Reue. Ich hätte bereut, nicht den Mann gefunden zu haben, der dir all das angetan hat und dich dann auch noch mit ihm alleine zu lassen. Aber was ich vor allem bereut hätte, wäre nicht mehr Zeit mit dir gehabt zu haben, dir nicht noch viel öfter gesagt zu haben, wie sehr ich dich liebe und nicht die Möglichkeit gehabt zu haben mit dir Alt zu werden."

"Jungkook..." Man sieht ihm an, wie unerwartet ihn dieser Ausbruch von Gefühlen erwischt hat, aber so gerne ich auch hören würde was er dazu sagen möchte, schüttle ich den Kopf.

"Aber das war nicht alles. Ich habe Bilder gesehen, Erinnerungen von jenen Momenten in meinem Leben, die wichtig sind für das, was gerade mit uns passiert, als hätte mein Gehirn genau diese ausgesucht." Ich denke an die Zeit von vor über sechs Jahren zurück, als ich noch 18 und mir mein Leben eigentlich komplett egal war.

"Du weißt bereits, dass ich ebenfalls bei Dr. Song in Behandlung war. Der Grund dafür war zum einen meine Kindheit, die ich nicht sonderlich gut verarbeiten konnte und damit auch verbunden der Selbstmord meiner Mutter, für den ich mir die Schuld gab. Mein Vater schickte mich zu ihm, weil er der Meinung war ein Kind mit Problemen würde ihm ebenfalls welche verursachen.

Es fiel mir schwer mich ihm zu öffnen und egal wie oft und offen ich mit ihm redete, wie gut er mir zusprach und versuchte mir zu erklären, dass ich keinerlei Schuld an dem trug, was alleine die Entscheidung meiner Mutter war, ich glaubte ihm nicht.

Du musst wissen, dass mir diese Therapiesitzungen damals egal waren und das ich nur dahin ging, damit mein Vater mich in Ruhe ließ. Ich kam ständig zu spät, stellte die Geduld von Dr. Song häufig auf die Probe, aber er gab mich trotzdem nicht auf.

Bei einer Sitzung spielte er im Hintergrund ein Lied, das mich besonders gefesselt hat. Dr. Song war der Meinung, dass die Musik der Schlüssel zu der Seele eines Menschen ist, aber das war das erste mal, dass mich ein Lied so sehr berührt hat, dass es mich überhaupt berührt hat.

Ich fragte ihn, wie es heißt, wer es sang und ob ich diese Person kennen lernen durfte, die so eine wundervolle Stimme hatte und sang, als würde sein Leben davon abhängen, aber er sagte es mir nicht. Er sagte, es sei ihm nicht erlaubt, da es von einem seiner Patienten kam, der ihm das gegeben hatte, weil er seine Gefühle in dem Lied besser ausdrücken könnte als es mit Worten der Fall war.

Wenn ich die Person nicht treffen konnte, dachte ich, dann würde ich wenigstens so oft es geht die Stimme hören. Ich fing an pünktlich zu meinen Terminen aufzutauchen und nicht mehr mit ihm zu reden, sondern lediglich dieses Lied zu hören, das 'Stigma' hieß.

Und weißt du was mir neulich klar wurde, als ich mich daran erinnert habe?"

Die ganze Zeit über hat mich Taehyung angesehen wie ein Kind seine Eltern, wenn sie ihm eine Geschichte vorlesen. Ich sehe ihm an, dass es ihm schwer fällt zu begreifen was ich da sage und eigentlich brauche ich das, was als nächstes kommt gar nicht aussprechen, denn er hat es bereits verstanden.

Damals, als ich ihn nach seiner Flucht aus dem Krankenhaus auf der Straße wieder gesehen habe, da wollte er sich von dem Karton, auf dem er geschlafen hatte, nicht lösen. Ich habe mich bis heute immer gefragt warum das so war, aber ihm gegenüber habe ich diese Frage nie erwähnt. Jetzt weiß ich warum.

Es war nicht das Stück Karton an sich, das er unbedingt behalten wollte, sondern das, was dadrauf geschrieben war. Er hatte seine ganzen Erinnerungen verloren. Das einzige, was er wusste war sein eigener Vorname und der des Arztes, welche ihm auf die Hand geschrieben wurden. Aber an eine Sache hat er sich von alleine erinnert und er hat es auf diesen Karton geschrieben.

Stigma.

"Das ist nicht das einzige. Du warst der Patient, der immer vor mir dran war, das ist mir jetzt klar, aber weißt du was mir noch klar geworden ist? Manchmal, wenn du nicht zu deinen Terminen erscheinen könntest, hat Dr. Song mich dazwischen geschoben und mir deinen gegeben. Da war dieses Mädchen, das immer auf ihren Freund wartete und das seltsam freundschaftlich mit mir umging. Sie kannte meinen Namen, ohne dass ich ihn ihr jemals gesagt hätte, aber an einem Tag, sagte sie etwas zu mir, was mir erst neulich wieder eingefallen ist, als ich dachte ich würde sterben."

"Musik ist etwas schönes, nicht wahr? Dr. Song sagt, es sei der Schlüssel zur Seele, aber ich glaube auch, dass die Musik Wunden heilen kann. Sie gibt Menschen Hoffnung, die dachten sie hätten Sie schon längst verloren und sie zeigt, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist. Vielleicht, Jungkook, wirst du irgendwann in der Lage sein dem Menschen zu danken, der dir diese Hoffnung wieder gegeben hat. Das schuldest du ihm."

"Das schuldest du ihm...", murmelt Taehyung vor sich hin und versucht sich offensichtlich daran zu erinnern wo er das schon mal gehört hat.

"Die SMS", werfe ich ein und sehe wie seine Augen größer werden als er es begreift. Ich nicke und nehme das Handy in die Hand, mit dem ich es damals empfangen habe. "Seulgi war die Absenderin der SMS."

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