Dystopia
There's no utopia, that's just an escape~
Jungkook
Lustlos stochere ich in dem Essen vor mir herum, schiebe die Portion von einem Tellerrand zum gegenüberliegenden und hänge mehr meinen Gedanken nach, als mich auf etwas zu konzentrieren.
Ich habe keinen Appetit, seit dem Vorfall von heute Morgen. Ich konnte Taehyung küssen, umarmen, mein Gesicht war keine fünf Zentimeter von seinem entfernt, eigentlich sollte ich zufriedener sein, als die Tage davor, wo ich nichts von ihm hatte ausser das mickrige Händchenhalten durchs Gitter vor meinem Fenster. Doch erstaunlicherweise sehnt sich mein Körper seit heute morgen noch viel mehr nach dem Älteren. Diese paar Minuten waren viel zu kurz, doch ich bin mir sicher, dass nicht einmal die Ewigkeit reichen würde, um genug von ihm zu kriegen.
"Jungkook, hörst du mir überhaupt zu?", erklingt in diesem Moment die schneidende Stimmung meines Vaters. Ich sehe nicht einmal auf, selbst wenn ich ihn ganz genau gehört habe. Ich mache mir nicht die Mühe, in sein Gesicht zu schauen, geschweige denn, zu antworten. Ich verspüre nur blanke Wut ihm gegenüber und ich bin sicher, aus meinem Mund käme nichts gutes, wenn ich ihn nun öffne.
Und sehen will ich ihn auch nicht. Es würde mich nicht stören, wenn er für immer verschwinden würde, dann wäre mein Leben um einiges schöner und auch einfacher. Nein, stattdessen muss er mir im Nacken sitzen, sich um jede Note, die keine 1 ist aufregen und mir verbieten, jemanden zu lieben.
Aber was können wir schon dafür, dass er Streit mit den Kims hat? Was ist Taehyungs Fehler daran? Nur, dass er deren Sohn ist? Weil er Tattoos hat und Ohrringe hat?
Oder hat er gar etwas dagegen, dass ich einen Typen liebe? So, wie ich meinen Vater kenne, wäre diese Idee nicht mal so abwegig. Ich kann mir sogar sehr gut vorstellen, dass er homophob ist und ich kann mir auch vorstellen, dass er mich ohne weiteres dazu zwingen würde, mit einem Mädchen etwas anzufangen, solange diese genau seinen Vorstellungen entspricht.
Tja, es tut mir von Herzen leid, aber das kann ich nicht.
Ich habe jahrelang versucht, der perfekte Sohn zu sein. Ein Sohn, auf den er stolz ist, den er mit einem Lächeln im Gesicht ansieht, dem er auf die Schulter klopft und "Gut gemacht" sagt. Nichts von alledem ist jemals passiert. Er war nie stolz, hat mir nie ein Lächeln geschenkt oder hatte gar ein gutes Wort für mich.
Manchmal frage ich mich, was mit ihm geschehen ist. Wann ist aus dem Mann, dem ich als Kind lachend in die Arme sprang, der diese Umarmung bereitwillig erwiderte, ein solch verbitterter Mensch geworden?
"Jungkook!", faucht er nun. Ich beschliesse, es nicht zu weit zu treiben, denn dass er mir in seinem Zorn meine Piercings rausreisst, möchte ich nicht provozieren. Also sehe ich langsam auf und begegne seinem wütenden Blick. "Ich habe dich etwas gefragt, also antworte mir auch!", zischt er.
"Und ich habe dich um etwas gebeten, also erlaubte es mir doch", antworte ich spitz und lege die Essstäbchen zur Seite. Essen werde ich heute sowieso nichts mehr, es lohnt sich also auch nicht, das Menu weiter zu erstechen oder nur von einem Tellerrand zum gegenüberliegenden zu schieben.
Ich kann gut erkennen, wie er nur noch wütender wird, auf meine Aussage hin, als er es schon ist, durch meine Ignoranz. Er scheint schon darauf aus zu sein, mich anzuschreien, als er es sich aber noch einmal anders überlegt und gar nicht auf mich eingeht.
"Ich sagte, wir werden dich nicht mehr auf die School of Performing Arts schicken", erklärt um Beherrschung bemüht. Zwar schafft er es, ruhig zu bleiben, ich dafür fahre nun doch aus der Haut. "Wie bitte?!", fauche ich, "Was soll das heissen?! Wieso nicht? Ich habe doch alles richtig gemacht! Ich habe gute Noten und bin freundlich, wieso solltet ihr mich nicht mehr dorthin schicken?! Mir gefällt es dort!"
"Ich habe mitgekriegt, dass der Kim-Junge dieselbe Schule besuchen wird", klärt er mich auf. "Er hat einen Namen!", blaffe ich und stehe auf, sodass Mum mich recht erschrocken ansieht. Doch ich blicke gerade ohnehin nur meinen Vater an. "Er heisst Taehyung, also nenn' ihn gefälligst auch so! Und nur weil er dieselbe Schule besuchen wird, kannst du mich doch nicht auf eine andere schicken! Drehst du jetzt völlig durch?!"
"Pass auf, wie du mit mir sprichst, Jungkook!", zischt er nun. Ich lache abfällig auf. "Was soll ich denn noch von dir halten?! Dein Hass ist ja echt zum kotzen! Was haben sie dir getan, dass wir nicht einmal dieselbe Schule besuchen dürfen?! Wir wären nicht mal in der gleichen Klasse, er ist eine Stufe über mir!"
Wieder geht er nicht mehr auf meine Worte ein. "Ich schicke dich auch auf keine andere Schule", meint er nun wieder ruhiger als zuvor. Ich hebe die Augenbraue. "Du schiebst mich also auf ein Internat ab?" Er dreht wirklich durch.
Wieso hat er mich nicht von Anfang an einfach auf ein Internat geschickt? Dann müsste er sich doch gar nicht mit mir herumschlagen. Aber vermutlich hat Mum ihm das dann doch verboten. Tja, bis heute konnte sie sich wohl noch durchsetzen damit, aber jetzt anscheinend nicht mehr.
Aber ein dämliches Internat wird mich auch nicht davon abhalten, Taehyung zu sehen, ganz egal, wie ich das anstellen muss.
"Nein, kein Internat", unterbricht Vater meine Gedankengänge. Ich runzle die Stirn und sehe ihn misstrauisch an. "Ich verstehe nicht ganz..." erwidere ich vorsichtig.
Er seufzt und macht eine kleine Pause, bevor er die Bombe schliesslich platzen lässt: "Du kriegst einen Privatlehrer."
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen4U.Com