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Wings

Spread, spread, spread my wings~

Jungkook

Hellwach liege ich im Bett und drehe mich dann seufzend zur Seite. Ich schaffe es einfach nicht, einzuschlafen, obwohl ich das vor allem in dieser Nacht sollte. Ich muss noch vor Sonnenaufgang auf den Beinen sein, das bedeutet, um drei klingelt mein Wecker, damit ich ganz bestimmt nicht zu spät komme.

Doch es ist inzwischen halb zwölf und noch immer habe ich keine Sekunde ein Auge zugetan. Ich weiss nicht wieso, aber vermutlich ist es die andauernde Nervosität in meinem Innern. Ich freue mich unglaublich auf die bevorstehende Reise.

Nach unserer kurzen Besprechung, habe ich Taehyung die letzten Tage sehr selten gesehen. Wenn, dann nur kurz, es hat nur für ein Nicken oder sonst ein flüchtiges Hallo gereicht. Auch die letzte Schulwoche hat sich in die Länge gezogen, wie ein Kaugummi und ich war noch nie so erleichtert, als die Schulglocke endlich den letzten Gong gegeben hat und ich mit dem Zeugnis das Klassenzimmer verlassen konnte.

Natürlich war ich den ganzen Tag schon kaum dazu fähig, still zu sitzen, was auch Hoseok aufgefallen ist. Der Ältere hat mich die ganze Zeit mit einem forschenden Blick bedacht, doch auch als er mit versteckten Fragen, wie "Was habt ihr in den Sommerferien vor?", versucht hat, herauszukriegen, was mich so nervös macht, habe ich ihm nichts verraten. Diese Reise ist das Geheimnis zwischen Tae und mir, ich will es auch nicht Hoseok verraten. Im schlimmsten Fall will er uns noch begleiten und das möchte ich nicht, so sehr ich meinen besten Freund auch mag.

Geräuschvoll seufzend drehe ich mich wieder auf die andere Seite, zur Wand und strample die Decke von den Füssen. Egal was ich tue, ich kann einfach nicht schlafen! Ich fahre mir übers Gesicht und setze mich hin, wobei ich kurz den Digitalwecker auf meinem Schreibtisch anschaue.  Er zeigt nun viertel vor Zwölf an und ich bin kein bisschen müder geworden. Im Gegenteil, ich fühle mich noch wacher als zuvor. 

Gestresst schaue ich mich in meinem dunklen Zimmer um, bevor ich mich zur Nachttischlampe lehne und diese einschalte. Das kleine Licht reicht gerade mal, um den Raum soweit zu erleuchten, dass ich mir alles noch ein letztes Mal genau einprägen kann, bevor ich für einen Monat verschwinde.

Auf dem Schreibtisch liegt der kleine Briefumschlag, der an meine Eltern gerichtet ist. Der Zettel darin ist nicht  sonderlich gefüllt, ich habe mich recht karg ausgedrückt heute Abend. Lediglich, dass ich weg wollte, sie sich aber keine Sorgen machen müssen, es mir gut geht und ich bald wieder zurück sein werde, noch bevor die Ferien zu Ende sind, habe ich geschrieben. Mehr brauchen sie auch nicht zu wissen, sonst machen sie sich noch auf die Suche nach mir. Vermutlich wird das auch so schon der Fall sein, aber immerhin haben sie keinerlei Anhaltspunkte und auch Hoseok kann sich nicht verplappern, sollten sie ihn ausfragen.

Doch auch nachdem ich geschlagene fünf Minuten meine Einrichtung und die fertig gepackte Sporttasche in der Zimmerecke neben dem Schrank angestarrt, fühle ich mich nicht sonderlich erschöpft, weswegen ich es schliesslich auch aufgebe. Mit einem tiefen Seufzen aufstehe und barfuss zum Schrank laufe. Kaum öffne ich diesen, starre ich meine Klamotten an und entscheide mich dann für Shorts und ein weisses T-Shirt, was ich beides anziehe, bevor ich meine Sporttasche zum bestimmt zehnten Mal auf das Bett stelle, sie öffne und alles wieder ausräume. 

Ich tue das nicht zum ersten Mal heute. Gepackt habe ich sie schon Donnerstags, allerdings habe ich sie heute immer wieder neu gepackt, in der Angst, etwas wichtiges vergessen zu haben, was jedoch nie der Fall war. Nachdem alles auf der Matratze Platz gefunden hat, beginne ich zuerst die Schuhe einzuräumen, bevor ich mich an die Klamotten mache und dann noch ein paar wenige Materielle Sachen hinein stopfe und den Reissverschluss zuziehe.

Es kommt schlussendlich doch ein Gewicht zusammen, aber das ist auszuhalten. Nachdem ich also zum wiederholten Male gepackt habe, wandert mein Blick wieder zum Wecker auf dem Nachttisch.

Viertel nach zwölf.

ich unterdrücke ein weiteres, verzweifeltes Seufzen und blicke zum Fenster. Da es eine bewölkte Nacht ist, erkenne ich so gut wie nichts. Obwohl man noch lange nicht an Sonnenaufgang denken kann, beschliesse ich, dass ich auch jetzt zu unserem Treffpunkt gehen kann. Anders als vorgeschlagen, treffen wir uns nicht am Ende der Strasse, sondern auf dem Parkplatz, den wir bereits einige Male besucht haben. 

Bevor ich das Fenster öffne, schalte ich die Weckfunktion meines Weckers aus, schultere die Tasche und ziehe mir Schuhe an. Unsicher klettere ich hinaus, auf das Dach und balanciere so leise wie möglich an dessen Ende. Die Tasche halte ich noch kurz fest, bevor ich sie zu Boden fallen lasse, wo sie auch mit einem dumpfen Aufprall aufschlägt.

Anschliessend angle ich mich etwas ungeschickt auf die Veranda hinab, eile die Treppe hinab und packe die Tasche. Bevor noch jemand unerwartet aufwacht, mich sieht und Alarm schlägt, jogge ich mit meinem Gepäck die Strasse entlang. 

Zugegeben, etwas mulmig ist mir schon, beim Gedanken, jetzt einfach zu verschwinden. Meine Eltern werden krank vor Sorge sein, soviel ist sicher. Aber selbst wenn ich jetzt noch die Möglichkeit habe, die Sache abzublasen und Tae stehen zu lassen, will ich das nicht.

Es lässt mir erstens meine Loyalität dem Älteren gegenüber nicht zu und zweitens will ich mein Leben endlich selbst in die Hand nehmen und das schaffe ich nur, wenn ich zumindest eine Zeit lang meinen Eltern fern bleibe.

Erst, als ich in eine neue Strasse biege, verlangsame ich meine Schritte und bleibe stehen, um kurz über meine Schulter zurückzuschauen und das stille, dunkle Haus zu betrachten, aus dem ich geflüchtet bin.

Ein kleines Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, bevor ich mich vorfreudig wieder umdrehe und den Weg zum Parkplatz antrete. In Taehyungs Gesellschaft kam mir der Weg nicht nur halb so lang, sondern auch weniger unheimlich vor, trotzdem erreiche ich den verlassenen Platz und nehme auch beinahe sofort die Veränderung an ihm wahr.

Es steht ein grosses Auto mitten auf dem Platz, anstelle in einer der Parklücken. Verwundert laufe ich langsam auf den Wagen zu, umrunde ihn und blicke durch das Fenster auf der Fahrerseite hinein. Tatsächlich erkenne ich Taehyung, der darin zu schlafen scheint. Erst starre ich ihn einige Momente perplex durch die Scheibe an, bevor ich meine Hand hebe und daran klopfe.

Es dauert ein wenig, aber schliesslich sehe ich, wie er sich langsam regt und über seine Augen reibt, bevor er diese blinzelnd öffnet. Als er mich draussen stehen seht, weicht die Müdigkeit in seinem Gesicht für die Verwunderung, doch er lässt die Scheibe runter und schaltet Licht im Auto an, bevor er mich mit heiserer Stimme fragt: "Wir sagten Sonnenaufgang, das weisst du doch?"

"Du warst vor mir da!", verteidige ich mich, "Was treibst du schon hier?"

"Um den Wagen zu kriegen, musste ich sagen, ich fahre damit heute weg. Ich habe hier geschlafen", meint er und lächelt schief, "Aber wir können auch jetzt los. Diese paar Stunden sind doch sowieso egal."

Ich nicke langsam, bevor ich das grosse Auto, ein Range Rover, wie ich erkennen kann, umrunde und auf der Beifahrer-Seite einsteige.

Kaum habe ich mich angeschnallt, lässt Taehyung auch die Scheibe auf meiner Seite hinunter surren und schaltet den Motor, sowie das Radio an. Letzteres dreht er laut auf, bevor er mit einem breiten Grinsen im Gesicht zu mir sagt: "Erster Halt: Daegu."

Auch ich kann mein Grinsen nicht zurückhalten und nicke zustimmend, während der Älter wendet, vom Parkplatz fährt und sich in den nächtlichen Verkehr einfädelt, selbst wenn die Worte, die er sagt, für mich nicht ganz der Wahrheit entsprechen.

Für ihn mag es Daegu sein, aber für mich ist es die Freiheit.

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