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🔱Einundsechzig🔱

Jungkook

Die letzten Tage sind nicht wirklich meine produktivsten gewesen, wenn ich ehrlich sein soll. Ich hätte ein Kunstprojekt zu machen und bald abzugeben für das Studium, aber ich kann mich momentan einfach nicht dazu aufraffen, daran zu arbeiten, selbst wenn ich jetzt gerade davor sitze. Mir ist, als würde, seit Taehyungs Nachricht, dass er und Namjoon wegziehen werden, ein riesiges Loch in meiner Brust klaffen, dass einfach nicht heilen will. Schlimmer noch, schmerzt es von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, mehr und bringt mich beinahe um den Verstand. Meine Gedanken drehen sich meist nur um den rothaarigen Punk, den ich seit dem Abend, an dem er es mir gesagt hat, nicht mehr wiedergesehen habe. Er hat gesagt, er wird beschäftigt sein, mit dem Umzug und das habe ich gemerkt, als ich ihn tatsächlich nie gesehen habe irgendwo. 

Ich bin froh darum, ihm für diese Zeit lang entkommen zu sein, so habe ich mich gut in meinem Selbstmitleid baden können, ohne, dass jemand davon mitkriegt und mich die ersten zwei Nächte danach einfach in den Schlaf weinen zu können. Ich schätze, wenn ich Taehyung in den letzten Tagen wiedergesehen hätte, wäre ich wohl einfach in aller Öffentlichkeit in Tränen ausgebrochen. Ich weiss, dass er das nicht mit Absicht tut, ich weiss, dass er mir nicht wehtun will und trotzdem komme ich nicht umhin, mich irgendwie verraten zu fühlen, selbst wenn es mir wohl kaum zusteht, wo er mir doch sogar angeboten hat, mitzukommen.

Aber ich kann nicht einfach hier weg; meine Eltern und Yoongi würden krank vor Sorge sein, ich habe ein Studium zu beenden. Ich mag es hier und selbst wenn es scheisse wehtut, von jemandem Abschied nehmen zu müssen, den ich wirklich liebe, ist es so wohl besser. 

Ich bin froh, überhaupt gar niemandem begegnen zu müssen; Yoongi ist intensiv an seiner Musik dran und meine Eltern auf Geschäftsreise. Die Arbeit im Café und die Uni sind momentan anstrengend genug, ich muss nicht noch Leute haben, die mich fragen, wieso ich so traurig aussehe und dann die halbe Story aus mir rausquetschen. Immerhin habe ich aufgehört zu heulen, langsam aber sicher ertrage ich keine weiteren Tränen mehr. Vielleicht habe ich es einfach akzeptiert. Das hier wird die beste Lösung für uns beide sein, schätze ich. 

Mit einem Seufzen stütze ich meinen Kopf in meine Hände und starre das weisse Papier vor mir auf dem Schreibtisch an. Ich sollte damit bald fertig sein, aber ich habe noch nicht einmal angefangen. Ich hänge vielmehr nur bloss meinen tristen Gedanken nach und schiebe die Arbeit vor auf. Ich kann mir nicht helfen, ich finde weder Inspiration noch Motivation dazu. 

Einige Augenblicke lang starre ich das Blatt Papier vor mir noch an, so als würde ich hoffen, es entsteht von ganz allein ein Bild darauf, bis auf einmal die Klingel der Haustür durch das Haus schallt. Überrascht sehe ich auf und mache mich gleich darauf auf zur Tür, um nachzusehen, wer geklingelt hat. Ich gehe davon aus, dass es wohl Yoongi sein muss, der doch irgendwie mitgekriegt hat, dass meine Laune seit Tagen im Keller ist und nun, wo ich noch immer nicht von selbst mit ihm darüber gesprochen hat, der Sache von selbst auf den Grund gehen will, doch als ich die Haustür aufschliesse und öffne, ist es nicht mein Hyung, der da vor mir steht.

"Hey", flüstert Taehyung leise, während ich ihn nur perplex anstarre. Seine Stimme klingt rau und beinahe etwas belegt und ich brauche einen Moment, um die Begrüssung zu erwidern. Kaum realisiere ich, dass es tatsächlich Tae ist, der hier ist, zieht sich mein Herz bereits schmerzhaft zusammen und ich umklammere die Türklinke in meiner Hand fester. "Ich... ich wollte mich eigentlich bloss kurz verabschieden", erklärt der Ältere und räuspert sich gleich darauf. Ich nehme die Worte mit einem stillen Nicken zur Kenntnis. "Wann geht ihr?", will ich wissen.

Taehyung sieht zur Seite und ich kann erkennen, wie er leer schluckt, ehe er mit "Morgen früh", antwortet. Die Antwort fühlt sich an, wie eine Ohrfeige und ich beisse die Zähne zusammen, während ich versuche, meine Fassung zu bewahren. Ich will verdammt nochmals nicht schon wieder weinen. "Lasst euch nicht erwischen in Daegu", meine ich mit heiserer Stimme und schlucke den sich bildenden Kloss in meinem Hals gleich nach meinen Worten hinunter. Taehyung lacht nur leise und nickt. "Auf keinen Fall", erwidert er ruhig. Ich schenkt mir dann ein Lächeln, welches von Trauer durchzogen ist. 

Einen Augenblick lang verfallen wir in Schweigen, bis ich schliesslich die Tür ganz öffne und zu ihm hinaustrete. Taehyung nimmt die Aktion mit einer überraschten Miene zur Kenntnis, sagt jedoch nichts, bis ich vor ihn trete und meine Schultern lege und ihn zu mir heranziehe. "Jungkook, was-", fängt er an, doch kommt nicht weiter, als ich meine Lippen einfach auf seine lege. Ich vermisse ihn bereits jetzt, wenn ich daran denke, dass er morgen gehen wird und ich will wenigstens ein letztes Mal seine Lippen spüren und ihn küssen können, wenn es mir später nicht mehr möglich sein wird.

Mein Herz schlägt schnell in meiner Brust und jeder Schlag ist schmerzhaft, doch ich ignoriere es so gut ich kann, genauso wie das dumpfe, schwere Gefühl in meinem Magen und der sich bildende Kloss in meinem Hals, konzentriere mich nur auf das angenehme, schöne Gefühl, dass bei dem Kuss in mir aufkommt, selbst wenn es so viel mal schwächer ist, als die Trauer. Ich kann spüren, wie Taehyung langsam erwidert und Druck auf meine Lippen ausübt, genauso, wie seine Hände sich an meine Seiten legen und etwas näher ziehen. Hingebungsvoll fahre ich fort und löse mich dann mit einem kleinen Keuchen  von ihm. Die Pause dauert nicht lange an, denn Tae verbindet unsere Lippen gleich wieder zu einem deutlich wilderen Kuss. Forsch bewegt er seine Lippen gegen meine, sein Griff wirft fester und instinktiv schlinge ich meine Arme um seinen Nacken, als ich versuche, so gut ich kann, zu erwidern. 

Wir haben uns einige Male geküsst, doch das hier ist etwas anderes; so leidenschaftlich, wie er mich küsst, lässt mir beinahe schwindelig werden und ich weiss kaum mehr, wo mir der Kopf steht. Sein Geruch steigt mir in die Nase und vernebelt meine Sinne und ich weiss bloss, dass ich ihm ein letztes Mal nahe sein möchte, so wie eine Art Abschied. Also denke ich gar nicht mehr weiter nach und noch während wir uns weiterhin innig küssen, stolpere ich eher etwas ungeschickt rückwärts in den Hausflur. Taehyung löst sich nicht einmal von mir, um zu fragen, was das wird, sondern tut es mir gleich. Er lässt die Haustür hinter uns ins Schloss fallen, mit einem einfachen Fusstritt, bevor wir weiter ins Innere des Hauses stolpern. Unsere Küsse unterbrechen wir kaum und wenn, dann nur um immer wieder kurz Luft zu holen. Mir ist, als könnte ich nicht genug davon kriegen, als könnte ich nicht genug von Tae kriegen. Mir ist heiss und dieses unermessliche Verlangen scheint mich schier zu foltern. 

Der Ältere löst sich von meinen Lippen, nur um seine Hände dann an meine Oberschenkel zu legen und mich mit einem Ruck hoch zu heben. Überrascht von der Aktion schlinge ich meine Beine um seine Taille und halte mich an ihm fest, in der Angst, ich könnte fallen. Tae wendet sich bereits meinem Hals zu und wie von selbst lasse ich meinen Kopf mit einem kleinen, geräuschvollen Seufzen zur Seite fallen, um ihm mehr Platz zu schaffen, bevor ich ihm mitteile, wo mein Zimmer liegt und er sich aufmacht, dorthin zu kommen. 




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