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🔱Fünfundvierzig🔱

Taehyung

Ich spüre seinen forschenden Blick auf mir und das schon seit Minuten. "Was ist?", will ich deswegen von Jungkook wissen, ohne mich zu ihn umzudrehen, mein Blick bleibt stetig auf den breiten Fluss vor mir gerichtet, der so pechschwarz wie der Nachthimmel über uns wirkt.

"Ich habe keine Lust, etwas zu sprayen", meint er nach einigen Sekunden Stille, in der ich nur das Rauschen des Wassers vernommen habe. Ich zucke mit den Schultern und klopfe dann still neben mich. "Dann spray nichts", erwidere ich dazu gelassen. Ich werde ihn nicht zwingen, etwas zu machen, das steht mir nicht zu und will ich auch gar nicht. Es ist seine eigene Entscheidung, ob er etwas sprayt oder nicht und wenn Jungkook nicht danach ist, ist es ohnehin besser, wenn er es sein lässt. Kreativität sollte nie ein Zwang sein. Wenn man sich zwingt, wird es nur halb so gut.

Jungkook leistet meiner Geste Folge, das Geräusch seiner Schritte dringt an mein Ohr und gleich darauf höre ich auch, wie etwas dumpf auf dem Boden aufkommt, vermutlich sein Rucksack, ehe er sich mit einem leisen Ächzen neben mir am Ufer niederlässt und wir erneut in Schweigen verfallen.

"Ich hab eine Frage", sagt er dann unwillkürlich, weswegen ich aufschaue und zu ihm hinüber blicke. Dank der Dunkelheit, die uns umgibt, kann ich kaum etwas erkennen, nur schemenhaft sehe ich sein Gesicht und seine Silhouette. "Willst du sie etwa einlösen?", hake ich nach, woraufhin er ein zustimmendes Geräusch macht. Ich nicke und wende meinen Blick wieder geradeaus. "Dann frag", antworte ich ruhig. Erst sagt er gar nichts mehr und ich glaube schon, er hat es sich anders überlegt und will seine heutige Frage doch noch nicht einlösen, als ich plötzlich seine kühlen Fingerspitzen an meinem Nacken spüre. Überrascht zucke ich zusammen und sehe irritiert in Jungkooks Richtung. "Was machst du da?!", will ich wissen, doch darauf antwortet er nicht.

"Das Tattoo hier", meint er sanft, mit so leiser Stimme, dass ich beinahe meine, seine Worte könnten von einem Windstoss weggetragen werden. Ich hebe eine Augenbraue. "Ja? Was ist damit?", hake ich nach und nehme wahr, wie seine Fingerkuppen weiter über die Haut an meinem Nacken wandern, was einen kleinen Schauer meinen Rücken hinab sendet. "Was bedeuten die zwei Zeichen? Und wieso hast du sie dir tätowiert?", fragt er leise.

"Es sind nicht zwei, sondern vier. Chinesische", korrigiere ich den Jüngeren daraufhin leise und mache dann eine kleine Pause. "Übersetzt heissen sie 'der allerschönste Moment im Leben.'"

Kurz herrscht Stille. "Ich mag die Bedeutung", flüstert Jungkook dann und ich spüre, wie er mit einem Finger beginnt, Kreise zu zeichnen, während ich nicke. "Darf ich fragen, wieso du es dir tätowiert hast?"

Ich zucke mit den Schultern und greife in meine Hosentasche, um die Packung Zigaretten und das Feuerzeug herauszukramen. "Weil Namjoon Hyung mir mal was dazu gesagt hat", meine ich und nehme eine Kippe aus der Packung, stecke sie zwischen die Lippen und entzünde sie dann mithilfe der kleinen Flamme meines Feuerzeugs, ehe ich einen tiefen Zug nehme und sehe, wie das andere Ende der Kippe orange-rot aufglüht, ehe ich die Zigarette mit Daumen und Zeigefinger festhalte und den Rauch wieder ausstosse.

"Er hat mir mal gesagt, dass man so viele schöne Momente erleben soll, wie man nur kann. Und er hat Recht damit. Aber ich denke, am besten sind die allerschönsten dieser Momente. Das ist sowas wie mein Motto geworden. Der allerschönste Moment in meinem Leben. Nur eben nicht bloss einen; ich will so viele davon erleben, wie ich kann", erkläre ich schliesslich mit leiser Stimme und klemme mir die Kippe für einen weiteren Zug zwischen die Lippen.

Wieder schweigt er für ein paar Sekunden, doch dann spüre ich, wie seine Fingerspitzen von meinem Nacken verschwinden. "Das ist ein schöner Gedanke. Mir gefällt die Einstellung", bemerkt er mit einem hörbaren Lächeln, woraufhin ich ein wenig lächle. "Danke, schätze ich", antworte ich. Er sagt nichts mehr, dafür spüre ich im nächsten Moment, wie er seinen Kopf vorsichtig, um nicht zu sagen zaghaft, auf meiner Schulter ablegt. Verwundert drehe ich meinen und mustere Jungkook, sage jedoch nichts oder stosse ihn gar weg.

Wieso ist er auf einmal so auf Nähe aus? Nicht, dass es mir nicht gefällt, ich geniesse es sogar, doch es ist so plötzlich. Wie muss ich das deuten? Soll ich es überhaupt deuten oder interpretiere ich dann nur zu viel hinein, weil ich das gerne so hätte?

Ich seufze und ziehe dann gestresst ein weiteres Mal an meiner Kippe. Der Typ bringt mich aus dem Konzept und ich hasse es. 

"Ich würde auch gern ein Tattoo haben", sagt Jungkook dann plötzlich und reisst mich so wieder aus meinen Gedanken. Irritiert sehe ich in seine Richtung und ziehe die Augenbrauen zusammen. "Ist klar", erwidere ich herablassend und lache beinahe abfällig, während ich die Asche an meiner Zigarette abklopfe und wieder an ihr ziehe. "Was ist daran so abwegig?", fragt er mit einem empörten Unterton und ich das Gewicht seines Kopfes verschwindet wieder von meiner Schulter, vermutlich damit er sich aufrichten und mich böse von der Seite anschauen kann. Ich kann mir das sogar ziemlich gut vorstellen, so oft hat er das schon getan.

Ich grinse müde und schüttle nur den Kopf. "Du hast doch schon viel zu viel Schiss davor, dir einen simplen Helix stechen zu lassen - denkst du wirklich, ein Tattoo würdest du aushalten? Das würde dir doch zu wehtun, reicher Junge", stichle ich und betone meine letzten beiden Worte besonders. Im nächsten Augenblick spüre ich bereits, wie er mich gegen die Schulter schlägt, was mir ein Lachen entlockt und dazu führt, dass ich die Hand hebe, in der ich die Zigarette nicht halte und ihn dann von mir weg zur Seite schubse.

Ich höre nur sein Ächzen, was mir sagt, dass er darauf nicht vorbereitet war und vermutlich beinahe umgekippt ist, wie ein Sack Mehl, doch schon im nächsten Augenblick spüre ich den nächsten Schlag gegen meine Schulter, wenn auch nicht mehr so fest wie zuvor. Obwohl 'fest' auch für den ersten Schlag nicht passend ist. Ich grinse breiter und sehe wieder nach rechts, wo er sitzt. "Ist doch so."

"Du kennst nicht zufällig jemanden, der mir einen Helix stechen kann?"

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