🔱Siebenundzwanzig🔱
Taehyung
Gedankenverloren mustere ich Tiramisu, die es sich auf meiner Brust bequem gemacht hat, während ich selbst auf der Couch liege und den kleinen Nager schon die ganze Zeit beobachte. Das Foto liegt mittlerweile unweit von mir auf dem kleinen Kaffeetisch, doch ich will es nicht mehr sehen. Es tut weh, es sich anzuschauen.
"Die Welt ist beschissen, nicht wahr?", murmle ich leise und lächle müde, während Tiramisu sich einmal mehr auf ihre Hinterpfoten stellt und wohl nach Essen schnuppert.
"Beschissen würde ich jetzt nicht behaupten", erklingt eine tiefe Stimme im Raum und ich drehe den Kopf, nur um Namjoon das Wohnzimmer betreten zu sehen. Er hat seine Hände in seinen Jackentaschen vergraben und mustert erst mich und dann meine Ratte. Letztere allerdings mit deutlichem Ekel im Gesicht geschrieben. "Wenn nicht beschissen, was dann?", frage ich ihn halblaut und setze mich ächzend auf, während ich Tiramisu in die Hände nehme und sie dicht an meinem Körper halte. Mein Hyung zuckt mit den Schultern und neigt den Kopf, als er näher kommt. "Ungerecht?"
Ich schürze die Lippen und denke kurz über seinen Vorschlag nach, ehe ich nicke. Ungerecht trifft es gut, damit kann ich leben. "Manche haben das schönste Leben, dass man sich vorstellen kann, viel zu viel, schätzen aber trotzdem nichts daran und andere... andere haben nichts. Sie haben nichts, sie wollen nur ein kleines bisschen Liebe und was kriegen sie? Hass", meine ich abfällig und setzte Tiramisu auf meine Schulter, während Namjoon mit einem heiseren Auflachen zum Fenster läuft, es öffnet und sich dann wieder mir zuwendet. "Die ganze Poesie bin ich von dir gar nicht gewohnt", bemerkt er, während er aus seiner Jackentasche eine Packung Zigaretten hervorzieht, eine herausnimmt und die Packung dann in meine Richtung wirft, "Ist was passiert?"
Wie von selbst schweift mein Blick zum Foto auf dem Tisch, als Namjoon mir die Frage gestellt hat und ich seufze leise, während ich mit den Schultern zucke und mir selbst eine Kippe herausziehe, ehe die Packung genauso ihren Platz auf dem Tisch findet, wie das Foto ohne Rahmen.
Namjoon muss meinem Blick gefolgt sein, denn ich höre ihn leise: "Ooh... deshalb hast du Jungkook vor die Tür gesetzt", sagen. Ich schnaube und fahre mir durch die Haare, ehe ich mir die Zigarette zwischen die Lippen klemme und mich zu meinem Hyung begebe, der bereits ein Feuerzeug in den Händen hält und die kleine Flamme entzündet, damit er die Zigaretten anzünden kann.
"Er hat Soomin gefunden", fügt er an seine Worte an und ich nehme einen tiefen Zug von der Zigarette, ehe ich den Kopf in den Nacken lege und erschöpft meine Augen schliesse. "Er hat das Bild irgendwie runtergeschmissen", erkläre ich und stosse dabei den Rauch aus. "Und dann musst du ihn gleich rausschmeissen?"
"War 'ne Kurzschlussreaktion, Hyung", erwidere ich leiser als zuvor und nehme wieder einen Zug von der Kippe, "Aber woher weisst du das überhaupt?"
Er lacht leise und seufzt dann tief. "Ich hab ihn getroffen", erklärt er und als ich ihn wieder ansehe, hat er ein kleines Grinsen auf den Lippen, "Der Kleine war ganz schön betrübt."
Schulterzuckend stelle ich mich näher ans Fenster und blicke hinaus auf die Stadt, mit ihren tausenden und abertausenden Lichtern. Es hat etwas schönes, diesen Anblick zu betrachten, etwas beruhigendes, idyllisches. Nachts wirkt die Grossstadt vollkommen anders als Tagsüber. Nachts ist sie auf jeden Fall schöner.
Von den Lichtern am Boden, schweift mein Blick zum Horizont, dem schwarzen Himmel an welchem sich einzelne Sterne abzeichnen und abermals führe ich die Kippe zu meinen Lippen, ziehe an ihr und stosse dann den Rauch gleich wieder aus. "Du hättest ihn vielleicht nicht rausschmeissen sollen", bemerkt er ruhig und ich zucke nur wieder mit den Schultern.
Vielleicht hätte ich Jungkook tatsächlich nicht einfach rausschmeissen sollen, aber in diesem Moment wollte ich einfach nur allein sein, ohne Fragen gestellt zu kriegen oder dass auf mich eingeredet wird. Er kann nichts dafür, dass ich das Bild nicht gerne sehe und der Rahmen war nicht allzu teuer, was also auch kein Grund ist, sich darüber aufzuregen, selbst wenn ich letzteres nicht einmal getan habe.
Er ist gar nicht so bescheuert, wie ich anfangs gedacht habe, muss ich zugeben. Er liebt die Kunst, egal welche und ist wissbegierig, dazu bereit, neues zu lernen. Das ist mehr, als die meisten Menschen heutzutage vorweisen können. Ausserdem ist er ganz niedlich, wie er denkt, er könnte sich Können mit Wissen aneignen.
Vielleicht ist er nicht jemand, mit dem ich mich freiwillig abgeben würde, doch wenn ich etwas erkannt habe, dann ist es die Leidenschaft, die er hat. Er sieht brav aus, hat ein schüchternes Lächeln und kann schnell eingeschüchtert werden, doch in seinen dunklen Augen erkenne ich mehr als Unsicherheit und Anstand.
Ich habe ein Feuer gesehen. Ich habe die Leidenschaft gesehen, die in ihm steckt. Er muss nur noch lernen, sie vollends auszuschöpfen - und ich werde ihm dabei helfen.
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