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KAPITEL 10
Dahlia stand mehrere Minuten schweigend da und ließ sich bewusst Zeit mit ihrer Entscheidung. Während die anderen bereits miteinander redeten, diskutierten oder sogar lachten, dachte sie nur nach. Und genau das machte ihr Angst. Denn tief in ihrem Inneren wusste sie bereits, dass sie eigentlich keine Wahl hatten.
Mittlerweile waren fast vierzig Minuten vergangen, seit Atila und Kai vorgeschlagen hatten, gemeinsam weiterzuziehen. Dahlia hatte lediglich gesagt, dass sie darüber nachdenken würde. Jetzt saß sie etwas weiter entfernt alleine auf dem Boden, die Knie angezogen, während ihr Blick immer wieder zwischen ihren Freunden und dem anderen Team hin und her wanderte. Sie hatten beschlossen, noch eine Nacht in der Schule zu bleiben. Überraschenderweise hatte Hades dieselbe Entscheidung getroffen.
Dahlia beobachtete ihre Freunde schweigend. Violet lag halb in Ares' Armen, während Dorothy und Liliana sich leise unterhielten. Zum ersten Mal seit langer Zeit wirkten sie ein kleines bisschen entspannter. Und genau das setzte Dahlia unter Druck. Denn wenn etwas schiefging, würde sie sich das niemals verzeihen.
Ihr Blick wanderte automatisch zu Hades. Er stand etwas weiter entfernt an die Wand gelehnt und rauchte schweigend eine Zigarette, während Atila mit ihm sprach. Diese eisblauen Augen wirkten wie immer leer und kalt. Trotzdem erwischte Dahlia ihn ständig dabei, wie er sie ansah. Nicht kurz. Nicht zufällig. Sondern aufmerksam. Fast schon beobachtend. Sie verstand nicht warum.
Sie wusste, dass ihre Chancen besser standen, wenn sie sich dem anderen Team anschlossen. Mehr Leute bedeuteten mehr Waffen, mehr Schutz und höhere Überlebenschancen. Trotzdem sträubte sich etwas tief in ihr dagegen. Besonders wegen Hades. Denn jedes Mal, wenn sie ihn ansah, hatte sie das Gefühl, dass an ihm etwas komplett falsch war. Nicht nur seine Art zu reden. Nicht nur sein Hass gegenüber Frauen. Sondern etwas Tieferes. Etwas Kaltes.
Nach einigen weiteren Minuten erklang plötzlich eine genervte Stimme. „Hast du dich bald endlich entschieden?"
Dahlia hob langsam den Blick. Der Mann von vorhin stand dort. Derjenige, der sie bereits davor hatte angehen wollen. Sie zog nur leicht eine Augenbraue hoch. „Bell nicht." Dann wandte sie den Blick direkt wieder ab.
Der Mann wirkte kurz sprachlos, bevor er genervt zurück zu den anderen ging. Atila lachte leise darüber. Und sogar Hades' Mundwinkel zuckte für den Bruchteil einer Sekunde minimal nach oben. Dahlia bemerkte es sofort. Dieses winzige Zucken reichte aus, um ihr Herz für einen Moment unangenehm schneller schlagen zu lassen. Sie hasste es, wie aufmerksam sie mittlerweile auf jede kleine Reaktion von ihm achtete.
Die Zeit verging weiter und die Stimmung wurde lockerer. Ares begann mit Kai zu reden und überraschenderweise verstanden sich die beiden besser als erwartet. Selbst Violet unterhielt sich mittlerweile normal mit einigen der Männer. Es fühlte sich falsch an. Und gleichzeitig erschreckend normal. Irgendwann lachten plötzlich mehrere gemeinsam, als würden sie sich schon ewig kennen und nicht mitten in einer Apokalypse feststecken.
Dahlia beobachtete alles schweigend. Doch die ganze Zeit spürte sie Hades' Blick auf sich. Immer wieder trafen sich ihre Augen. Zu lange. Zu intensiv. Und jedes einzelne Mal musste Dahlia sich zwingen, wegzusehen. Sie verstand selbst nicht mehr, warum sie nervös wurde, sobald Hades sie ansah. Vielleicht weil sie das Gefühl hatte, dass er sie langsam durchschaute. Vielleicht weil sie selbst nicht verstand, warum sie seinen Blick überhaupt erwiderte.
Schließlich stand Dahlia langsam auf und ging zurück zu den anderen. Sofort bemerkten mehrere ihren ernsten Gesichtsausdruck. Ares saß mit Violet im Arm da und unterhielt sich mit Kai. Etwas weiter entfernt flirtete Atila offensichtlich mit Liliana, während diese ihn gekonnt ignorierte und stattdessen mit Dorothy sprach.
Dahlia blieb stehen. Dann blickte sie direkt zu Hades. Sofort hob dieser langsam den Kopf. Wieder trafen sich ihre Blicke. Und sofort wurde es stiller um sie herum. Selbst die anderen bemerkten mittlerweile jedes Mal diese Spannung zwischen ihnen.
„Komm mit", sagte Dahlia schließlich ruhig.
Hades stand sofort auf. Ohne Widerworte. Ohne Fragen. Und genau das irritierte Dahlia nur noch mehr.
Gemeinsam gingen sie ein Stück zur Seite, weit genug weg, damit niemand sie hören konnte. Trotzdem beobachteten beide Teams sie aufmerksam. Es wirkte beinahe so, als würden alle darauf warten, dass die beiden sich entweder anschreien oder gegenseitig die Kehle aufschlitzen.
„Und?", fragte Hades schließlich mit seiner rauen Stimme.
Doch Dahlia antwortete nicht sofort. Sie sah ihn einfach nur an. Und Hades erwiderte ihren Blick genauso intensiv. Sekunden vergingen. Dann Minuten. Es fühlte sich fast wie ein stiller Kampf zwischen ihnen an. Keiner wollte zuerst wegsehen.
Dahlia bemerkte, wie Hades sie musterte. Nicht abwertend. Nicht spöttisch. Sondern aufmerksam. Fast schon zu aufmerksam. Seine Augen glitten kurz über ihr Gesicht, blieben an ihren Augen hängen und wanderten wieder zurück. Hades wiederum bemerkte jede einzelne Reaktion von ihr. Wie sie leicht die Arme verschränkte, sobald sie nervös wurde. Wie ihr Blick härter wurde, wenn sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Wie sie trotzdem nie zurückwich.
Sie brachte ihn langsam wirklich um den Verstand.
„In Ordnung", sagte Dahlia schließlich. Ihre Stimme war ruhig, aber ernst. „Aber sollte meinen Freunden etwas passieren..."
Sie trat langsam einen Schritt näher auf ihn zu.
„...dann sorge ich persönlich dafür, dass dein letzter Tag auf dieser Erde der schmerzhafteste wird."
Sie meinte jedes einzelne Wort ernst. Und Hades wusste das. Doch anstatt eingeschüchtert zu wirken, sah er sie einfach nur weiter an. Diese braunen Augen. Dieser Blick voller Abneigung. Und trotzdem schaffte sie es irgendwie, ihn immer mehr aus der Fassung zu bringen.
„Deal", antwortete er schließlich ruhig.
Mehr sagte er nicht.
Von weitem sah es aus, als würden sie ein langes Gespräch führen. In Wahrheit hatten sie in fast fünfzehn Minuten kaum mehr als drei Sätze gewechselt. Sie hatten sich hauptsächlich nur angesehen. Und genau das bemerkten die anderen sofort.
Dahlia löste schließlich als Erste den Blickkontakt und ging zurück zu den anderen. Hades folgte ihr langsam.
„Wir gehen morgen früh weiter", sagte Dahlia schließlich in die Runde. Kurz machte sie eine Pause.
Dann trat Hades direkt hinter sie.
„Alle zusammen", beendete er ihren Satz.
Sofort wurde es still.
„Wir bleiben mit dem Team von Hades", sagte Dahlia schließlich.
Mehrere nickten zustimmend. Doch als Dahlia seinen Namen aussprach, blickte Hades sie automatisch an. Und zu seinem eigenen Ärger zog sich etwas unangenehm in seiner Brust zusammen. Ein Teil von ihm empfand nur Hass und Ablehnung. Doch ein anderer Teil war neugierig. Und genau diese Neugier machte ihn aggressiv. Denn Hades verstand nicht, warum gerade Dahlia ihn so beschäftigte.
Alle bemerkten die Blicke zwischen ihnen. Doch niemand sprach es laut aus.
Außer Violet.
Denn sie begann langsam zu verstehen, dass zwischen diesen beiden etwas passierte, das beide selbst noch nicht begriffen.
Später gingen Atila und Kai gemeinsam zu Hades hinüber. Sie stellten sich etwas weiter weg von den anderen und begannen leise zu reden.
„Wollen wir das wirklich durchziehen?", fragte Atila ungewohnt ernst.
Hades blickte ihn kalt an. Dann deutete er mit dem Kopf leicht zu Dahlia hinüber.
„Die drei können bleiben."
Seine Stimme blieb emotionslos.
„Aber sie..."
Sein Blick blieb auf Dahlia hängen.
„Die will ich weg haben."
Kai und Atila tauschten sofort einen Blick aus. Denn selbst sie bemerkten mittlerweile, wie oft Hades Dahlia ansah. Und genau deswegen ergab das Ganze keinen Sinn.
Hades verstand es selbst nicht.
Er wusste nur, dass Dahlia ihn wahnsinnig machte. Dieses ständige Provozieren. Diese Blicke. Diese Art, wie sie nie klein beigab. Es widerte ihn an, dass eine Frau es geschafft hatte, ihn so aus der Ruhe zu bringen, obwohl sie sich kaum kannten.
„Also wenn etwas passiert... retten wir die Kleine, Locke und die Freundin von Ares", sagte Atila langsam. „Aber nicht Dahlia?"
„Genau."
Kai runzelte leicht die Stirn. „So wie du sie ansiehst, bin ich mir nicht sicher, ob du sie wirklich loswerden willst."
Hades zog sofort an seiner Zigarette.
„Ich will sie weg haben. Mehr müsst ihr nicht wissen."
Seine Stimme wurde kälter.
„Und zwar so schnell wie möglich."
Dann blickte er wieder zu Dahlia. Sie stand gerade neben Violet und lachte über irgendetwas. Und genau dort blieb Hades' Blick hängen. Das war das erste Mal, dass er sie richtig lachen sah.
Und plötzlich verstand er selbst nicht mehr, warum ihm dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf ging.
Diese braunen Augen.
Dieses echte Lächeln.
Es machte ihn verrückt.
Und genau deshalb wollte er es verschwinden sehen.
„Reizen kann die Kleine", murmelte Atila belustigt.
Kai nickte langsam.
„Wenn etwas passiert, habt ihr meine Erlaubnis, die anderen zu retten."
Hades blickte weiterhin zu Dahlia.
„Außer sie."
„Wenn du das so willst", sagte Atila schließlich ruhig.
Kai mischte sich erneut ein. „Hast du nicht gesagt, niemals Frauen im Team?"
Denn ursprünglich sollten eigentlich alle sterben. Jetzt plötzlich nur Dahlia.
Hades zog erneut an seiner Zigarette.
„Hab meine Meinung geändert."
Mehr sagte er nicht.
Doch tief in seinem Inneren wusste er längst, dass Dahlia mittlerweile der einzige Grund war, warum er seine eigenen Regeln brach.
Und genau das konnte er nicht ausstehen.
Hades bemerkte plötzlich, dass Dahlia ihn ansah.
Sofort trafen sich ihre Blicke wieder.
Ihr Lächeln verschwand augenblicklich.
Und trotzdem konnte keiner von beiden wegsehen.
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