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KAPITEL 17
Dahlia bewegte sich keinen Zentimeter.
Nicht, weil sie den Kuss erwiderte.
Sondern weil die Überraschung sie für einen Moment komplett erstarren ließ.
Ihre Augen blieben geöffnet, genau wie seine.
Hades schloss sie nicht einmal. Stattdessen sah er sie an. Intensiv. Ruhig. Fast schon erschreckend aufmerksam, während seine Lippen weiterhin auf ihren lagen.
Dahlia spürte, wie ihr Herz immer schneller schlug.
Sie wollte ihn wegstoßen.
Wollte ihn anschreien.
Wollte ihn hassen.
Doch je länger der Kuss dauerte, desto schwerer wurden ihre Lider. Seine Nähe machte sie vollkommen durcheinander und genau das regte sie auf. Sie zwang sich, die Augen offen zu halten, aber ihr Körper verriet sie langsam.
Sekunden vergingen.
Dann Minuten.
Hades schob seine Hand langsam in ihre Haare und zog sie näher an sich heran. Nicht grob. Aber bestimmt genug, damit Dahlia sofort scharf die Luft einzog.
Der Kuss wurde tiefer.
Intensiver.
Und plötzlich bekam sie kaum noch Luft.
„Hades..."
Kaum hatte sie seinen Namen atemlos hervorgebracht, drückte er seine Lippen erneut auf ihre, als wollte er jedes Wort von ihr verschlucken.
Dahlia stemmte beide Hände gegen seine Brust und versuchte ihn mehrmals wegzuschieben, doch Hades bewegte sich kaum. Sein Körper blieb dicht vor ihrem, während seine Finger sich fester in ihren Haaren vergruben.
Bis plötzlich ein Klopfen ertönte. Selbst da löste Hades sich nicht sofort von ihr.
„Ich hoffe, ich störe euch nicht."
Atilas Stimme durchschnitt die Spannung augenblicklich.
Hades ließ langsam von Dahlia ab.
Dahlia holte sofort tief Luft, ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch, während ihr Gesicht knallrot geworden war. Für einen kurzen Moment sah sie Hades einfach nur an.
Dann holte sie aus.
Die Ohrfeige hallte laut durch den Raum.
Hades' Kopf drehte sich leicht zur Seite, doch er sagte nichts.
Dahlia hingegen kochte innerlich.
„Was denkst du eigentlich, wer du bist?!", fauchte sie außer Atem. „Du küsst mich doch nicht einfach ohne meine Erlaubnis!"
Ihre Stimme zitterte vor Wut.
Oder wegen etwas anderem.
Hades blickte sie wieder an.
Und zu seinem eigenen Ärger musste er sich eingestehen, dass der Kuss sich viel zu gut angefühlt hatte.
Viel zu gut.
„Du hast ihn erwidert."
Seine Stimme blieb ruhig, während er sich langsam mit dem Daumen über die Unterlippe strich.
Und obwohl er wusste, dass der Satz verletzend war, sagte er ihn absichtlich.
Dahlia starrte ihn fassungslos an.
„Du bist echt das Letzte, Hades." Ihre Augen funkelten wütend.
„Was auch immer das gerade war — lass es in Zukunft bleiben."
Damit drehte sie sich abrupt um und ging.
Hades blieb einfach stehen.
Während Atila das Ganze schweigend beobachtete.
„Ist das dein Plan?", fragte er schließlich ruhig.
Hades antwortete erst einige Sekunden später.
„Was meinst du?" Atila verschränkte die Arme.
„Eine Frau ohne Zustimmung zu küssen." Sein Blick wurde ernster.
„Du bist besser als sowas." Hades lachte trocken auf.
„Besser als sowas?"
„Ja", antwortete Atila direkt. „Wir machen so einen Mist nicht." Er trat langsam näher.
„Nicht ohne, dass die Frau es auch will." Hades sagte nichts darauf.
Und das machte Atila nur noch genervter.
„Seit wann bist du so besessen davon, sie zu brechen?", fragte er schließlich. „Mit allen Mitteln."
Hades zog langsam seine Zigarettenschachtel hervor.
„Das geht dich nichts an."
„Doch", widersprach Atila sofort. „Weil das hier langsam krank wird."
Sein Blick blieb fest auf Hades gerichtet.
„Dahlia hat dir nichts getan, außer dein verdammtes Leben zu retten."
Die Worte trafen härter, als Hades zugeben wollte.
„Ohne sie wärst du längst tot." Hades presste den Kiefer zusammen.
„Leg deinen Stolz endlich beiseite."
Atila machte einen Schritt näher.
„Wir leben mitten im Ende der Welt und du hast nichts Besseres zu tun, als mit den Gefühlen einer Frau zu spielen, die einfach nur überleben will."
Hades reagierte äußerlich kaum. Doch innerlich wusste er längst, dass Atila recht hatte.
Seit Dahlias Team bei ihnen war, hatte sich alles verändert. Die Nächte waren nicht mehr nur still und leer. Lilianas Gelächter brachte Leben in Räume, die vorher tot gewirkt hatten. Dorothy brachte selbst Kai dazu zu grinsen und Violet sorgte dafür, dass Ares endlich wieder aussah wie ein Mensch und nicht wie eine Maschine.
Und Dahlia...
Dahlia brachte Chaos in seinen Kopf.
„Ich ziehe den Plan trotzdem durch", sagte Hades schließlich kalt.
Atila schüttelte langsam den Kopf.
Natürlich.
Nichts anderes hatte er erwartet.
„Wenn du so weitermachst", sagte er ernst, „wird sie uns irgendwann wichtiger werden als dein Stolz." Hades hob langsam den Blick.
„Und Atila..." Seine Stimme wurde gefährlich ruhig.
„Ich will deine Meinung dazu nicht hören."
Er trat näher.
„Du entscheidest dich am Ende entweder für mich... oder gegen mich."
Atila hielt seinem Blick stand.
„Momentan bist du meine Priorität", sagte er ehrlich. „Aber wenn du weitermachst wie bisher, könnte sich das ändern."
Die beiden sahen sich schweigend an.
Dann atmete Atila genervt aus.
„Mitten in der Apokalypse mit den Gefühlen einer Frau zu spielen... du bist echt nicht normal."
Damit drehte er sich um und ging.
Hades blieb alleine zurück.
Und obwohl er sich einzureden versuchte, dass alles noch Teil seines Plans war, wusste er tief in seinem Inneren längst, dass Dahlia gefährlicher geworden war als ursprünglich gedacht.
Nicht für sein Überleben.
Sondern für seinen Kopf.
⸻
Die nächsten Stunden verbrachten sie damit, die neuen Räume einzurichten. Das Hotel wirkte trotz der Dunkelheit luxuriös. Große Fenster, elegante Möbel und ein riesiger Saal voller Betten mitten im fünften Stock.
Gemeinsam klebten sie die Fenster mit Kartons zu und zogen zusätzlich die schweren Vorhänge davor. Kerzen flackerten schwach auf dem großen Tisch in der Mitte und tauchten den Raum in warmes Licht.
Dahlia sprach währenddessen kaum ein Wort.
Sie vermied es sogar, Hades anzusehen.
Doch egal wie sehr sie es versuchte — sie spürte ihn trotzdem.
Seine Blicke.
Seine Präsenz.
Dieses unangenehme Ziehen in ihrer Brust.
Und genau das machte sie wahnsinnig.
Denn schlimmer als der Kuss selbst war die Tatsache, dass sie ihn gespürt hatte. Wirklich gespürt hatte.
Diese rauen Lippen.
Die Art, wie er sie festgehalten hatte.
Als würde er sie gleichzeitig brauchen und zerstören wollen.
Sie hasste sich dafür.
Hades bemerkte sofort, wie still sie geworden war. Während die anderen redeten oder lachten, saß Dahlia einfach nur da und starrte schweigend auf die Kerzen.
Und zum ersten Mal fragte er sich ernsthaft, ob er vielleicht zu weit gegangen war.
Der Gedanke gefiel ihm überhaupt nicht.
⸻
In der Nacht schliefen schließlich fast alle ein. Von draußen hörte man wieder das widerliche Kreischen der Kreaturen, gemischt mit dem Heulen des Windes zwischen den Gebäuden.
Dahlia blieb wach.
Langsam stand sie auf und sah sich kurz um, um sicherzugehen, dass alle schliefen, bevor sie leise ins Badezimmer ging.
Kaum fiel die Tür hinter ihr ins Schloss, blickte sie erschöpft in den Spiegel. Ihre Lippen waren noch leicht geschwollen.
Und obwohl der Kuss Stunden her war, spürte sie ihn immer noch. Dahlia atmete tief ein. Dann wieder aus.
Panik kroch langsam ihre Brust hinauf.
Nicht nur wegen Hades. Sondern wegen allem.
Wegen der Kreaturen.
Wegen der Angst, jeden Moment jemanden verlieren zu können.
Wegen dieser Welt, die ihnen keine Zeit für Gefühle ließ und trotzdem welche in ihr auslöste.
Sie presste beide Hände gegen das Waschbecken.
„Reiß dich zusammen", murmelte sie leise zu sich selbst. Doch ihre Gedanken wurden immer lauter.
Was, wenn morgen jemand stirbt?
Was, wenn sie Gefühle für jemanden entwickelte, der sie am Ende nur zerstören würde?
Die Tür öffnete sich plötzlich.
Dahlia hob sofort den Kopf und sah durch den Spiegel Atila hinter sich stehen.
„Warum bist du wach?", fragte er leise.
Seine Stimme klang verschlafen.
„Konnte nicht schlafen", antwortete Dahlia ehrlich.
Atila lehnte sich leicht gegen den Türrahmen.
„Wegen Hades?" Dahlia zuckte nur leicht mit den Schultern.
„Keine Ahnung."
Ihr Blick blieb auf ihr Spiegelbild gerichtet. Atila musterte sie einige Sekunden schweigend.
„Du sahst aber nicht so aus, als hättest du den Kuss gehasst."
Dahlia schloss kurz die Augen.
„Keine ahnung, Das war mein erster Kuss", gab sie schließlich leise zu.
Sofort schossen Atilas Augenbrauen überrascht nach oben.
„Oh."
Mehr brachte er zuerst nicht heraus.
„Dann... weiß ich gerade ehrlich nicht, was ich dazu sagen soll."
Dahlia musste trotz allem ganz kurz lachen.
Ein erschöpftes, leises Geräusch.
Atila kratzte sich kurz am Nacken.
„Ich geh dann vielleicht besser wieder schlafen."
Er drehte sich bereits um.
Doch bevor er die Tür erreichte, sprach Dahlia wieder.
Und ihre Stimme klang plötzlich vollkommen ruhig.
Zu ruhig.
„Ich hab übrigens euer Gespräch gehört."
Atila erstarrte sofort.
Langsam drehte er sich wieder zu ihr um.
Dahlia blickte ihn durch den Spiegel direkt an.
„Ihr werdet mich nicht so leicht los."
Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas.
Die Stille zwischen ihnen fühlte sich plötzlich nicht mehr leer an.
Sondern wie eine Warnung.
Etwas an Dahlia wirkte in diesem Moment falsch ruhig. Fast gefährlicher als alles dort draußen.
Und zum ersten Mal fragte sich Atila, ob Hades vielleicht wirklich einen Fehler gemacht hatte.
Denn plötzlich wurde ihm klar, dass Dahlia nicht diejenige war, die gejagt wurde.
Sondern die, vor der man sich irgendwann fürchten würde.
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