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KAPITEL 6

Dahlias Blick folgte Violet sofort, als sie aus dem Geschäft kam. Ihr Gesicht war knallrot. Für einen kurzen Moment starrte Dahlia sie einfach nur an, bevor sich langsam ein breites Grinsen auf ihren Lippen ausbreitete.

Sie könnte echt einer Tomate Konkurrenz machen, dachte Dahlia belustigt.

Doch kaum trat Ares direkt hinter Violet aus dem Laden, verstanden plötzlich alle gleichzeitig. Sofort brachen Dahlia, Liliana und Dorothy in Gelächter aus.

„Was zur Hölle ist mit euch passiert?!", brachte Dorothy zwischen ihrem Lachen hervor, während sie sich den Bauch hielt. Liliana lehnte sich sogar gegen eine Wand, weil sie so lachen musste.

Violet verdrehte genervt die Augen, obwohl man ihr ansah, dass sie selbst gegen ein kleines Grinsen kämpfte. Ares hingegen versuchte ernst zu bleiben — erfolglos.

Selbst Dahlia musste lachen, obwohl sie sich in den letzten Monaten kaum noch wirklich entspannt gefühlt hatte. Für ein paar Sekunden wirkte alles beinahe normal. Fast wie früher.

„Na gut", sagte Dahlia schließlich und versuchte wieder Luft zu bekommen. „Gehen wir weiter?"

„Ja bitte", murmelte Violet sofort. „Bevor ihr noch mehr dumme Kommentare bringt."

„Zu spät", sagte Liliana grinsend. „Das passiert definitiv später nochmal."

Ares schüttelte nur leicht den Kopf, doch Dahlia bemerkte dieses zufriedene Funkeln in seinen Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah er für einen Moment wirklich glücklich aus.

Während die anderen ihre Sachen zusammensuchten, trat Ares neben Dahlia. „Ziehst du dich eigentlich noch um?"

Nebenbei packte er bereits alles zusammen, damit sie weiterziehen konnten. Dahlia blickte kurz auf das Outfit, das sie damals im Stadion Center mitgenommen hatte. Sie hatte es nie angezogen. Langsam schüttelte sie den Kopf.

„Ich glaube nicht."

Ihre Finger glitten langsam über die Griffe ihrer beiden Katanas, bevor ein kleines belustigtes Lächeln über ihr Gesicht huschte.

„Ich heb's mir auf."

Ares lachte leise auf.

„Für wann genau? Für ein Date während der Apokalypse?"

Dahlia grinste nur leicht, antwortete aber nicht. Trotzdem blieb sein Satz kurz in ihrem Kopf hängen. Ein Date. Früher hätte sie darüber wahrscheinlich gelacht oder irgendeinen frechen Spruch gebracht. Jetzt fühlte sich allein die Vorstellung absurd an.

Die Zeit verging. Und irgendwann bestand ihr Alltag nur noch aus einem einzigen Ziel:

Überleben.

Es gab nichts mehr zu tun. Keine Arbeit. Keine Schule. Keine normalen Gespräche über belanglose Dinge. Nur Essen suchen. Schlafplätze finden. Nicht sterben.

Mit der Zeit fanden sie außerdem heraus, dass diese Portale überall in der Stadt verteilt waren. Niemand wusste genau, woher sie kamen oder warum sie plötzlich erschienen waren. Mittlerweile gingen sie davon aus, dass wahrscheinlich das ganze Land betroffen war. Vielleicht sogar die ganze Welt. Sicher waren sie sich allerdings nicht.

Immer wieder fragten sie sich, ob es noch andere Menschen gab. Doch seit drei Monaten hatten sie niemanden mehr gesehen. Irgendwann hatten fast alle die Hoffnung aufgegeben.

Bis zu diesem einen Tag.

Die Gruppe lief gerade an der Donau entlang. Ganz vorne ging Ares mit seiner Glock 17 locker in der Hand. In der Mitte liefen Liliana, Dorothy und Violet gemeinsam. Violet hatte ihren Bogen über den Rücken gespannt. Und ganz hinten lief Dahlia alleine.

Es war ruhig. Man hörte nur das Zwitschern der Vögel und das leise Fließen des Wassers. Ares war ungewöhnlich still. Und Dahlia ebenfalls.

Während die drei Mädchen vorne miteinander kicherten, lief Dahlia gedankenverloren hinter ihnen her — eine Hand jedoch ständig am Griff ihrer Katana.

Mittlerweile war diese Bewegung längst automatisch geworden.

Und dann passierte alles plötzlich viel zu schnell.

Dahlia blieb abrupt stehen.

„ARES!"

Sofort drehte er sich um. Im nächsten Moment sprangen mehrere Männer aus den Büschen hervor.

Bewaffnet.

Mit Werkzeugen. Messern. Schusswaffen.

Ares reagierte sofort und sprintete beinahe zu den anderen zurück. Innerhalb weniger Sekunden standen alle in Position. Dorothy und Liliana in der Mitte. Violet zog blitzschnell ihren Bogen hervor. Hinter ihnen stand Dahlia mit gezogenen Katanas. Direkt neben ihr Ares, dessen Glock bereits auf die Fremden gerichtet war.

Allen ging derselbe Gedanke durch den Kopf:

Wir sind nicht alleine.

Dahlia machte langsam einen Schritt nach vorne.

„Was wollt ihr?"

Ihre Stimme klang fest. Wachsam. Gereizt. Niemand mochte es, so überfallen zu werden.

Dann trat ein Mann mit eiskalten blauen Augen nach vorne.

Sein Blick traf Dahlia sofort.

Und irgendetwas daran ließ ihr Herz schneller schlagen. Nicht aus Nervosität. Nicht aus Angst.

Sondern aus purem Unbehagen.

Diese Augen wirkten leer. Kalt. Als würde dort absolut nichts Menschliches mehr existieren.

Seine Stimme war rau, tief und unangenehm ruhig.

„Wer ist der Anführer von euch?"

Ein Schauer lief Dahlia über den Rücken. Schon jetzt verabscheute sie ihn.

Langsam senkte sie ihre Katana ein kleines Stück, blieb aber wachsam. Hinter ihr hielt Ares die Glock weiterhin direkt auf die Männer gerichtet.

Der Fremde musterte Dahlia langsam von oben bis unten, ohne auch nur eine einzige Emotion zu zeigen. Sein Blick blieb kurz an ihren Händen hängen. An den Schwertern. Dann wieder in ihren Augen.

Und obwohl Dahlia sich nicht einschüchtern lassen wollte, spürte sie dieses unangenehme Ziehen tief in ihrem Bauch.

Nicht Angst.

Etwas anderes.

Etwas, das sie sofort hasste.

Dann trat ein zweiter Mann hervor. Im Gegensatz zu dem anderen wirkte er deutlich ruhiger. Seine Gesichtszüge waren weicher, beinahe freundlich. Sofort stellte sich Ares direkt hinter Dahlia.

Beschützend.

Der Mann mit den blauen Augen bemerkte es sofort.

„Braves Schoßhündchen", sagte er kalt zu Ares.

Ares' Blick verfinsterte sich augenblicklich.

„Pass besser auf", zischte er zurück und wollte bereits nach vorne treten. Doch Dahlia hob sofort ihre Hand und hielt ihn auf. Ihre Finger streiften dabei kurz seinen Arm und Ares blieb tatsächlich stehen.

Dann blickte sie wieder zu den Fremden.

„Ich frag nochmal. Was wollt ihr?"

Der Mann mit den blauen Augen trat näher.

Viel zu nah.

„Auf jeden Fall nicht mit einem halben Meter reden."

Seine kalten Augen durchbohrten ihre.

Dahlia zog sofort eine Augenbraue hoch.

„Hör mal zu, du—"

„Was macht ihr hier?", unterbrach der zweite Mann ruhig.

Dahlia verdrehte genervt die Augen.

„Nach was sieht's denn aus?" Ihr Sarkasmus tropfte förmlich aus ihrer Stimme. „Wir spazieren an der Donau entlang und reden über das schöne Wetter."

Für einen kurzen Moment musste der zweite Mann tatsächlich grinsen.

„Ich bin Kai."

„Hab ich danach gefragt?"

Mittlerweile reichte es Dahlia wirklich. Das waren die ersten Menschen seit Monaten und trotzdem schafften sie es sofort, ihr auf die Nerven zu gehen. Typisch Wien, dachte sie genervt. Selbst während einer Apokalypse blieb die unfreundlichste Stadt der Welt sich treu.

Kai grinste jetzt deutlich.

„Wir rekrutieren neue Leute."

Sein Blick wanderte direkt zu Ares.

„Schließ dich uns an. Mit den Frauen wirst du im Kampf nichts anfangen können."

Sofort wurde es still.

Ares' Blick wurde eiskalt.

„Seh ich so aus, als würde ich sie hier zurücklassen?"

Seine Stimme klang gefährlich ruhig.

„Würdet ihr Frauen einfach sterben lassen, nur weil manche körperlich schwächer sind?" Jetzt hörte man die Wut deutlich heraus. „Das ist krank."

Plötzlich trat der Mann mit den blauen Augen direkt vor Dahlia.

Nicht einmal ein Meter trennte sie noch voneinander.

Langsam drückte er mit seiner Hand die Klinge ihrer Katana nach unten.

Dahlia ließ es zu.

Nur weil sie genau wusste, dass hinter ihr Ares mit entsicherter Glock stand.

Doch genau in dem Moment, in dem seine Hand ihre Klinge berührte, trafen sich ihre Blicke erneut.

Und diesmal schaute keiner von beiden weg.

Dahlia hasste diese Augen.

Und trotzdem konnte sie nicht aufhören hineinzusehen.

Irgendetwas daran zog sie an wie ein Unfall, bei dem man wusste, dass man wegsehen sollte — es aber nicht konnte.

„Hades", sagte Kai plötzlich in einem warnenden Ton.

Der Mann ignorierte ihn komplett.

„Ich würde jede einzelne Frau hier opfern, damit meine Männer überleben."

Seine Stimme blieb ruhig.

Kalt.

„Ihr seid keine Rettung wert. Nur eine Belastung."

Dahlia starrte ihn einige Sekunden schweigend an.

Dann zog sie langsam eine Augenbraue hoch.

„So schaust du ehrlich gesagt auch aus."

Hinter ihr musste Liliana ein Lachen unterdrücken.

Dahlia musterte ihn demonstrativ.

„Hat dir deine Mutter nie Liebe gegeben?"

Ihre Stimme triefte vor Spott.

„Tut mir echt leid für dich."

Zum ersten Mal zuckte minimal etwas in Hades' Gesicht. Fast unsichtbar. Doch Dahlia bemerkte es sofort.

Seine Augen wurden noch kälter.

„Hades, nicht—"

„Geht lieber", unterbrach Ares plötzlich. Seine Stimme war jetzt todernst. Die Glock blieb direkt auf Hades gerichtet.

„Ich bin ziemlich gut mit meiner Waffe."

Ein gefährliches Lächeln erschien kurz auf seinem Gesicht.

„Fordert es nicht heraus."

Dann blickte er Hades direkt an.

„Und jetzt mach einen Schritt zurück."

Für einen Moment herrschte angespannte Stille. Niemand bewegte sich. Selbst der Wind schien plötzlich aufgehört zu haben.

Und noch immer starrten Hades und Dahlia sich an.

Als würden beide darauf warten, dass der andere zuerst wegschaut.

Doch keiner tat es.

Hades wusste selbst nicht, warum ihn dieses Mädchen so sehr aufregte. Ihre Art zu reden. Wie sie ihn ansah. Wie sie absolut keine Angst zeigte. Er hasste Frauen, die glaubten stark zu sein. Und trotzdem stand sie direkt vor ihm, mit erhobenem Kopf und diesen braunen Augen voller Trotz.

Und genau das machte ihn wahnsinnig.

Dahlia wiederum spürte, wie ihr Herz unangenehm gegen ihre Brust schlug. Nicht aus Angst. Sondern weil seine Nähe sie nervös machte und sie sich dafür am liebsten selbst geohrfeigt hätte.

Sie hasste ihn.

Schon jetzt.

Und trotzdem blieb ihr Blick an ihm hängen.

Schließlich hob Kai langsam die Hände.

„Überleg's dir trotzdem."

Und schließlich verschwanden die Männer wieder.

Doch selbst als Hades sich umdrehte und ging, drehte er den Kopf noch einmal leicht über die Schulter.

Sein Blick landete wieder auf Dahlia.

Und sie bemerkte es sofort.

Dahlia blickte ihnen noch lange hinterher. Besonders ihm.

Irgendetwas an Hades fühlte sich falsch an.

Sehr falsch.

„Was zur Hölle war das gerade?", fragte sie schließlich ernst.

Ares schüttelte leicht den Kopf.

„Keine Ahnung."

Langsam kamen Violet, Dorothy und Liliana näher zu ihnen.

„Ich hab ein richtig ungutes Gefühl bei denen", sagte Violet leise.

Niemand widersprach ihr.

Liliana blickte noch immer in die Richtung, in der die Männer verschwunden waren. Ihr Blick war ernster als sonst.

„Wir sehen die wieder", sagte sie ruhig.

„Das weiß ich."

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