▫▪Kapitel 14▪▫
JUNGKOOK
Angenehm warmes Wasser prasselte auf meinen Kopf und reinigte meinen Körper von dem Schmutz, der sich in den letzten Wochen angesammelt hatte. Es tat gut, das saubere Wasser über meinen Körper fließen zu lassen und ich kam nicht drum herum, mir eingestehen zu müssen, wie sehr ich dieses Gefühl vermisst hatte. Den brennenden Schmerz meiner unzähligen Wunden, die zum ersten Mal seit ihrer Entstehung richtig gesäubert wurden, blendete ich hierbei gekonnt aus, lediglich das erfrischende Gefühl zählte.
Auch wenn man es mir vielleicht nicht glauben mochte, ich war früher jemand gewesen, der Hygiene sehr zu schätzen wusste. Doch wenn man auf der Straße lebte, hatte das Überleben einen deutlich höheren Wert, als die mangelnde Sauberkeit. Nicht nur einmal hatte mich eine Krankheit erwischt, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes im Dreck hatte leben müssen, deswegen war es schön, glauben zu dürfen, dass diese Zeit nun endlich ein Ende genommen hatte. Nun, vorerst zumindest.
Mit einem leisen Seufzen stellte ich das Wasser ab und griff nach einem Handtuch, das ich sogleich um meinen abgemagerten Körper wickelte. Kurz zischte ich auf, weil ich versehentlich Druck auf einer Wunde ausübte und lockerte schnell wieder das Tuch. Danach trat ich aus der Dusche heraus und musterte mit einem abfälligen Blick die Klamotten von diesem verdammten Geschäftsmann, welche ich tragen sollte. Doch ein einziger Blick auf meine eigenen Sachen genügte, um einzusehen, dass es keinen Sinn hatte, sie zu behalten. Diese 'Stofffetzen' waren für die Mülltonne bestimmt. Und die anderen Sachen musste ich zumindest nur solange tragen, bis ich von hier verschwinden konnte.
Ein verführerischer Gedanke machte sich in mir breit. Mit genügend Geschick würde es mir sicherlich gelingen, wertvolles Hab und Gut aus dieser Wohnung mitzunehmen und zu einem hohen Preis weiterzugeben. Das würde die Zeit, die ich unter diesem tyrannischen Mann verbringen musste, um einiges verkürzen und mir weniger Ärger einhandeln. Allerdings sagte mir meine Vernunft, dass Taehyung intelligent genug war, um solch' eine Tat meinerseits bereits zu erwarten. Genervt schnalzte ich mit der Zunge und schob diesen Einfall vorerst zur Seite. Gerade war es wichtiger, mich nicht noch mehr mit diesem reichen Idioten zu verfeinden, immerhin war er so etwas wie meine letzte Rettung. Und auch wenn ich es nicht unbedingt zeigte, ich hängte doch sehr an meinem armseligen Leben.
Rasch zupfte ich die Klamotten zurecht, die ich über meinen mittlerweile abgetrockneten Körper gezogen hatte und warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Meine Wunden waren nun nicht mehr so dunkel wie zuvor, der Schmutz war weggewaschen worden und ich wirkte endlich wieder ein wenig ordentlich. Die großen Kleidungsstücke, die meinen hungernden Körper überdeckten schauten viel zu groß an mir aus und leise knurrte ich mein Spiegelbild an, wohl wissend, dass es mich nicht weniger kindlich aussehen ließ. Doch damit musste ich mich wohl oder übel abfinden und verließ schließlich das Bad, woraufhin ich direkt von einem köstlichen Duft empfangen wurde. Betört von dem Geruch lief ich beinahe blind in die Küche und spürte deutlich den Hunger, den mir mein Magen durch ein lautes Knurren verkündete.
Wie sehr hatte ich nur eine anständige Mahlzeit vermisst, bei der ich mich nicht um mögliche zu hohe Kosten hatte sorgen müssen? Das erschien mir beinahe wie ein Traum, der niemals hätte in Erfüllung gehen sollen.
"Hast du Hunger?", wollte Taehyung von mir wissen und holte mich somit aus meinen Gedanken. Ich hatte überhaupt nicht wahrgenommen, dass er sich zu mir umgedreht hatte und das scheinbar fertige Essen auf dem Tisch servierte, aber dennoch zögerte ich erst. So scheinheilig und gutherzig er sich auch verhalten mochte, ich war mir sicher, dass es einen Grund dafür gab, wieso er mir half. Er empfand viel zu wenig Empathie und kümmerte sich viel zu wenig um fremde Menschen, als dass er mir 'einfach so' helfen wollte. Etwas war faul an dieser ganzen Sache und dies ließ mich zweifeln.
"Nur zu deiner Information, ich habe das Essen nicht vergiftet. Dich tot zu sehen würde mir rein gar nichts bringen, also stell dich nicht so an und iss etwas. Ich hole einen Verbandskasten", seufzte der Ältere beinahe emotionslos und ging dann einfach an mir vorbei, ohne mich auch nur zu streifen. Ich schien ihn wohl zu nerven, das war das Einzige, was ich heraushören konnte, jedoch schätzte ich, dass dies an meiner giftigen und streitsuchenden Art lag. Doch so sehr ich es auch mochte, ihm zu zeigen, welch' großen Hass ich auf ihn hegte, die letzten Wochen hatten mich geschlaucht und ich hatte keine wirkliche Kraft, um zu widersprechen oder mich zu wehren. Was letztlich auch der Grund war, wieso ich mich ohne einen weiteren, stummen Protestversuch an den Tisch setzte und über das Essen hermachte.
Kurz darauf vernahm ich Schritte hinter mir, welche ich einfach ausblendete. Das Essen hatte gerade höhere Priorität, mein Überlebenssinn war zurückgekehrt und befahl mir, so viel wie nur möglich zu mir zu nehmen. Das hatte ich dringend nötig, denn im Gegensatz zu diesem verwöhnten Geschäftsmann hatte ich in der Härte des Lebens aufwachsen müssen, die keine Gnade hatte walten lassen. Dementsprechend sah ich auch aus, mein Erscheinungsbild verriet alles über mich, allerdings hatte die Dusche das zumindest ein wenig behoben. Hoffentlich würden mir so seine dämlichen Anmerkungen erspart bleiben, die waren wirklich das Letzte, was ich mir antun wollte.
"T-Shirt aus", verlangte Taehyung streng von mir, kaum hatte ich meinen Teller geleert. Seine Stimme erlaubte keinen Widerspruch, was mich tatsächlich erst kurz überraschte, doch schnell wandelte sich meine Miene in eine verärgerte. "Wieso sollte ich?", keifte ich ihn giftig an und verschränkte knurrend meine Arme vor meiner Brust. Verhasst funkelte ich ihn an, ließ meiner Abneigung ihm gegenüber freie Bahn. Was fiel ihm ein, so etwas einfach zu verlangen? Ich war nicht sein verdammtes Schoßhündchen oder sonst etwas in derart.
Entnervt seufzte mein Gegenüber einmal tief und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über sein Nasenbein, um selbst ruhig zu bleiben. "Offensichtlich hast du nicht daran gedacht, deine Wunden zu versorgen, wie jeder vernünftige Mensch es getan hätte, also erledige ich das", erklärte er mir und deutete mit einem Kopfnicken auf den Verbandskasten. Leicht knirschte ich mit den Zähnen, weil mir bewusst hatte, dass er nicht unrecht hatte, und da ich sicherlich nicht ohne eine kurze Behandlung davonkommen würde, legte ich gehorsam meine Hände an den Saum des T-Shirts und zog es kurzerhand aus.
"Na sieh mal einer an, du scheinst ja doch ein funktionierendes Gehirn zu haben", lächelte Taehyung mich an, aber es war kein ehrliches Lächeln. Es war gefälscht, genauso wie seine Hilfsbereitschaft mir gegenüber. Das war nicht sein wahrer Grund. Und er wusste ganz genau, dass ich davon ahnte. "Du kannst es nicht lassen, mich zu beleidigen, hm?", gab ich bissig zurück und schloss meine Augen, da er mit der Versorgung meines Gesichts anfing. Ich verkniff mir ein leises Zischen, als er die Wunden desinfizierte, immerhin hatte ich schon schlimmeres aushalten müssen und vor diesem unsympathischen Mann wollte ich gewiss keine Schwäche zeigen. Er würde jede Angriffsfläche ausnutzen, die ich ihm nur bot. Das spürte ich.
"Sollte ich das nicht viel eher dich fragen? Du bist derjenige von uns beiden, der sich nicht zusammenreißen kann", hörte ich Taehyungs tiefe Stimme sagen, "Ich nehme an, das war auch der Grund dafür, wieso du so verunstaltet wurdest, nicht wahr?" Sogleich horchte ich auf. Versuchte er gerade tatsächlich, mir Antworten zu entlocken, um etwas über mich und meine Vergangenheit herauszufinden?
"Du hast doch keine Ahnung", widersprach ich gefährlich leise, zeigte ihm somit ausdrücklich, dass er dieses Thema unterlassen sollte. Zwar reagierte ich nicht sensibel darauf, jedoch würde er die Umstände, die ich hatte durchstehen müssen, niemals verstehen. "Ach nein? Dann erklär es mir", forderte er mich auf. Es war schwer zu erkennen, ob Interesse oder Heuchlerei hinter seinen Worten steckte, ob er es ernst meinte oder nicht. Deshalb öffnete ich wieder meine Augen und musterte den Älteren skeptisch, während dieser sich den Wunden an meinem Oberkörper widmete.
"Da gibt es nichts zu erklären. Menschen wie du, die sich nie um ihr Geld sorgen mussten, können so etwas nicht verstehen und erst recht nicht nachvollziehen", erwiderte ich und hob leicht meine Augenbraue an, wollte eigentlich weitersprechen. Doch dabei bemerkte ich, dass Taehyung mir kaum Aufmerksamkeit schenkte, stattdessen hingen seine Augen an meinem Oberkörper und er betrachtete mich, als hätte er nie zuvor einen verwundeten Menschen gesehen. Und dieser Blick störte mich gewaltig. "Hey! Du wolltest dich um meine Wunden kümmern und mich nicht anstarren, du Spanner", reagierte ich empört, sowie wütend und wollte bereits nach meinem Oberteil greifen, um mich demonstrativ einfach wieder anzuziehen, jedoch fing mein brünetter Gegenüber plötzlich an zu lachen. Es war weder ein langes, noch ein amüsiertes Lachen, es klang viel mehr kalt und monoton, als hätte er keine Ahnung, wie Lachen funktionierte.
Dabei machte das überhaupt keinen Sinn.
"Du brauchst dich vor mir nicht zu schämen, Jungkook." Bitte was? "Es verwundert mich bloß, wie dünn du bist und trotzdem erstaunlich viele Muskeln hast. Hat das einen besonderen Grund, den du mir nicht nennen magst?"
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