▫▪Kapitel 24▪▫
TAEHYUNG
Wut staute sich mir an, als mein Plan fehl schlug und Jungkooks Lippen ein triumpherendes Grinsen umspielte. Es gefiel mir nicht, dass seine Interesse mir die Antworten entlockt hatte, die er hatte hören wollen, denn somit war ich nicht mehr der Führende in unserem Spiel. Unsere Rollen hatten sich gedreht, vom Spielführer war ich zur Spielfigur geworden, die nun von dem Jüngeren gelenkt wurde. Und das hinterließ einen bitteren Beigeschmack.
„Wie kommst du zu dieser Annahme?“, fragte ich unauffällig interessiert und musterte ihn von der Seite. Meine Wut unterband ich, da ich sie gerade wirklich nicht gebrauchen konnte. Viel mehr wollte ich ruhig bleiben, damit er keinen weiteren Erfolg erhalten würde, ansonsten könnte er übermütig werden und ich kannte ihn bisher nicht gut genug, um sein Verhalten in diesem Falle erahnen zu können. Doch ich erwartete nichts positives.
„Ach, das ist unwichtig“, erwiderte Jungkook bloß und schenkte mir ein kleines, unechtes Lächeln. Etwas heimtückisches lag darin, er wusste genau, dass er mir bei diesem Punkt überlegen war. Er ahnte von etwas, das ich nicht beurteilen konnte und ließ mich in meiner Unwissenheit zurück. Das bedeutete, ich musste raten, musste mehr Fakten über ihn herausfinden. Irgendwie musste es mir gelingen, seine Schlösser zu knacken, um an seine Geheimnisse zu geraten. Deswegen war es nun umso wichtiger, jedem seiner Worte zu lauschen und es entsprechend zu interpretieren. Doch das sollte mir nicht schwer fallen. Darin war ich geübt.
„Ist es das“, fragte ich also zurück, ließ meine Worte aber eher wie eine Aussage, statt wie eine Frage klingen. Ich wollte keine Antwort, ich wusste, dass ich keine wirkliche Antwort erhalten würde. So unberechenbar dieser Junge auch war, undurchschaubar war er nicht. Demnach rief ich mir auch seine Aussage zurück in den Kopf, die er zuvor, als ich meine Eltern knapp erwähnt hatte, geäußert hatte. Seine Andeutung darauf, dass wir uns in einigen Aspekten unseres Lebens ähnlich zu sein schien, war durchaus sehr interessant und ich hätte sie beinahe in meiner Wut über seinen intelligenten Schachzug vergessen.
Auf was genau er sich wohl bezog? Ich konnte mir gut vorstellen, dass auch er keine Eltern mehr hatte und vielleicht war es ja tatsächlich das, was auch er sich dachte. Oder aber er meinte die mittlerweile erloschenen Gründe, glücklich zu sein und ohne Sorge zu lächeln. Auch das konnte ich mir gut vorstellen, wobei das natürlich nichts bedeuten musste. Ich könnte auch vollkommen falsch liegen und mich gänzlich in diesem Jungen täuschen. Jedoch wollte irgendetwas in mir das nicht. Ich wollte diesen Jungen kennen, seine Handlungen vorhersehen können und ihn nach meinen Regeln spielen lassen.
Und das lag allein an meiner Interesse für dieses menschliche Mysterium.
„Ja, das ist es. Was haben wir heute noch vor?“, wechselte Jungkook gelassen das Thema. Er ließ sich weder von meinen Blicken, noch von meiner kühlen Art beeinflussen, er ließ sich nicht beeindrucken und nicht einschüchtern. Das war faszinierend, da ich es gewohnt war, wenn Menschen mir bereits nach wenigen Worten gehorchten. Meine Ausstrahlung und Dominanz reichte für gewöhnlich, um Menschen zu manipulieren und zu kontrollieren. Nicht umsonst hatte ich meinen Platz an der Spitze erreicht, das lag nicht nur an meiner Familie.
Aber dass Jungkook sich mir dauerhaft widersetzte und meiner Masche entschlüpfte, machte ihn sowohl interessant, als auch zu einem gewitzten Gegner. Und weil ich ihm nicht erneut Lücken in meiner sonst so festen Mauer zeigen wollte, musste ich in Zukunft härtere Geschütze auffahren. Es gab doch bestimmt einen Weg, seine wilde Art zu bändigen, nicht wahr? Ich musste nur in Erfahrung bringen, welche Mittel ich wählen würde.
„Für heute steht nichts an. Ich werde mich um das Haus, um Wäsche und Rechnungen kümmern, später vielleicht auch noch einkaufen gehen. Dort wirst du übrigens mitgehen müssen, da ich dich – wie du dir sicher vorstellen kannst – nicht hier allein lassen werde. Aber vielleicht können wir ja in einem Kleiderladen vorbei schauen, damit du nicht ständig etwas von mir anziehen musst.“ Wobei mich das nicht im Geringsten störte. Es verlieh ihm ein kindliches Aussehen und das passte zu ihm, wenngleich er längst eine bewundernswerte Reife erreicht hatte.
„Mehr nicht?“, hakte der Jüngere nach und legte seinen Kopf schief. Seine verstrubbelten Haare fielen ihm dabei mehr in die Stirn und verdeckten seine Augenbrauen. Dennoch sah er nach wie vor nicht hässlich aus. Wenn dieser Junge sich ordentlich pflegte, war er dazu in der Lage, meine eigene Schönheit zu erreichen. Ich war mir noch nicht sicher, ob ich etwas dagegen hatte.
„Natürlich nicht“, gab ich zurück, ließ meine Stimme tatsächlich ungewollt kühler klingen. Es war erschöpfend, Zuhause nicht richtig entspannen zu können, sondern meiner Macht treu bleiben zu müssen. Jedoch verlor ich anderweitig den geringen Respekt Jungkook gegenüber, den ich mir erarbeitet hatte und das konnte ich nicht zulassen. Ganz gleich, welche Meinung er von mir hatte, auf die er immer versuchte zu beharren – beispielsweise jetzt, da er darauf anspielte, dass ich wohl immer irgendwie arbeitete. Dabei war ich auch bloß ein Mensch. Manchmal brauchte selbst ich eine Pause.
„Okay“, sagte er nun nur noch und erhob sich von seinem Stuhl.
„Was gedenkst du zu tun?“, wollte ich wissen und musterte ihn mit verdeckter Interesse. In meinen Augen glänzte kein Funken Neugier, dieser Junge sollte sich ja keine Hoffnungen machen. Ich war lediglich daran interessiert, was er in meinem Appartment machen wollte.
„Duschen“, antwortete er ruhig und erwiderte meinen Blick. Dann auf einmal bildete sich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen und zum ersten Mal konnte ich nicht einschätzen, ob es ehrlich oder gestellt war. „Willst du etwa mitkommen?“, fügte er hinzu. Sicherlich erwartete er eine überraschte oder empörte Reaktion, doch ich hob nur meine rechte Augenbraue an. War das alles? Versuchte er mich so aus der Ruhe zu bringen?
„Wieso? Damit du siehst, wie ein richtiger Mann aussieht?“, konterte ich, ohne meine Miene zu verziehen. Von meinen früheren Sekretärinnen war ich einiges gewöhnt und auch wenn Jungkook nicht unattraktiv war, hatte ich nicht vor, intim mit ihm zu werden. Zumindest glaubte ich das.
„Vergiss es“, zischte dieser nun leise und drehte sich um, damit er ins Bad verschwinden konnte. Dadurch erschien auf meinen eigenen Lippen ein kleines Lächeln und tatsächlich war es diese Mal echt. Zwar ungewollt, allerdings würde es Jungkook sowieso nicht sehen, deshalb ließ ich es zu.
Denn soeben hatte ich wieder die Führung unseres kleinen Spiels erlangt.
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen4U.Com