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▫▪Kapitel 32▪▫

TAEHYUNG

Da mich Jungkook darum gebeten hatte, ihm eine andere Aufgabe zu erteilen, hatte ich ihn vor das Telefon gesetzt und ließ ihn Anrufe entgegen nehmen. Ein kleines, verspieltes Grinsen zierte meine Lippen, denn das war gewiss nicht das, was er sich erhofft hatte. Jedoch war es eine andere Arbeit als zuvor und er durfte zumindest sitzen. Wie gnädig ich doch an diesem Tage zu ihm war.

„Ja, entschuldigen Sie bitte, ja, nein, sprechen Sie langsamer.“ Ich konnte dem Jüngeren ansehen, wie viel Mühe er sich gab, ein genervtes Aufstöhnen zu verhindern und grinste bloß mehr in mich hinein. In auf diese Weise quälen zu können, gefiel mir und es gelang mir nicht, zu verhindern, gelegentlich einen Blick auf ihn zu werfen. Für gewöhnlich war ich derjenige, der sich mit diesen nervigen Menschen abgeben und irgendwie versuchen musste, mit ihnen zu sprechen. Meistens verlangten sie nach Geschäften, wollten etwas aushandeln, doch oftmals scheiterten diese Versuche daran, dass sie sich nicht auf mich einlassen wollten. Meine Forderungen waren ihnen zu hoch. Als würden sie tatsächlich glauben, ich ließe mir meinen wohl verdienten Gewinn entgehen.

„Sag ihm, dass du später zurück rufst, wenn er herausgefunden hat, wie sein Gehirn funktioniert“, ordnete ich an, ohne meinen Blick von dem Bildschirm, an dem ich gerade arbeitete, abzuwenden. Überrascht aufgrund meiner Unterbrechung hielt Jungkook kurz inne. Aus dem Augenwinkel heraus konnte ich erkennen, dass er leicht nickte, er hatte verstanden, und in einer etwas höflicheren Form meine Worte widergab. Zufrieden nickte ich, er machte seine Arbeit gut und sollte entsprechend heute Abend entlohnt werden. Was genau er erhalten würden, stand derweil noch in den Sternen geschrieben, allerdings hatte ich noch genug Zeit, mir etwas auszudenken.

„Auf Wiederhören“, beendete Jungkook letzten Endes das Gespräch und blickte danach stumm zu mir. Ich entfernte mich ein wenig von meinem Computer und erwiderte seinen Blick, betrachtete ihn wortlos. Ich hatte keinen Grund zu sprechen, ebenso wenig wie er und somit war die Stille angenehm. Unsere Atmosphäre war entspannt, wir stritten nicht miteinander, sondern verhielten uns in einer produktiven Arbeitsstimmung. Zwar war ich ein wenig kühler als sonst, als Firmenleiter musste ich nun einmal meinen Ruf wahren. Jedoch spürte ich selbst eine gewisse Veränderung in mir, Jungkook gegenüber. Er war der Grund dafür, dass sich eine Tür in meinem Inneren öffnete, von deren Existenz ich nicht einmal gewusst hatte.

„Wirst du dem ganzen Tag damit verbringen, mich anzustarren?“, fragte mich der Brünette und ließ leicht seine Augenbraue leicht nach oben wandern.
„Du hast angefangen“, konterte ich lediglich und blickte ihn undurchschaubar an. Ich erlaubte ihm nicht, meine Gedanken zu lesen, ich erlaubte ihm nicht, einen Einblick in mein Innerstes zu erlangen. Vielleicht mochte er eine Mauer anfangen zu durchdringen, doch das hatte nichts zu bedeuten. Es könnte womöglich bloß auf eine Freundschaft herauslaufen. Etwas, das ich so noch nie wirklich gehabt hatte. Doch er gewiss auch nicht.

„Solltest du nicht weiterarbeiten?“ Gekonnt ignorierte er meine Aussage und stellte einfach seine nächste Frage, ließ sich nicht von mir beeinflussen. Es war faszinierend, wie sehr wir uns inzwischen verstanden. Auch wenn man nicht von Mögen sprechen konnte, so war da doch eine gewisse Vertrautheit, die wir aufbauen hatten können. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit lag es auch an dieser, dass ich nun interessiert näher an ihn heran rutschte.

„Dank deiner Hilfe haben wir ein wenig Freizeit… steht es denn nicht in deinem Sinne, diese auch zu nutzen?“, wollte ich wissen. Meine Hand legte ich auf seinen Oberschenkel und tief sah ihn in seine dunklen Augen, versuchte etwas in diesen mysteriösen Iriden zu lesen. Eine unstillbare Neugier war in mir entfacht worden, die ich nicht wahrhaben wollte und dennoch gab ich mich ihr hin. Ich gestattete, diesem Jungen eine Seite von mir zu zeigen, die kaum jemand kannte, die selbst ich kaum kannte. Aber aus einem mir unerklärlichen Grund erweckte er ein Verlangen in mir, welches ich stillen wollte.

„Wovon redest du, Taehyung?“ Jungkooks Stimme klang keinesfalls aufbrausend oder wütend. Jedoch lag ihr auch keine Verwirrung bei. Viel mehr war es Unglaube, so als wollte er nicht realisieren, dass ich diese Andeutungen machte. Als wollte er nicht verstehen, dass da gerade ein anderer Teil in mir sprach, eingestaubt in all den Erinnerungen, die ich Jahr für Jahr mehr aus meinem Leben verbannt hatte. Als wollte er nicht akzeptieren, dass ihm kaum eine Wahl blieb. Ich war sein Punkt der Sicherheit, ohne mich wäre er längst diesen räudigen Straßenkötern in die Hände gefallen. Unter diesen Umständen durfte ich doch auch etwas verlangen, nicht wahr? Eine Art Bezahlung für meine Mühen, die ich niemals aus reinem Mitgefühl auf mich nehmen würde. Das wussten wir beide. Und ich glaubte zu verstehen, dass das von Anfang an meine Intention gewesen zu sein schien.

„Du weißt, wovon ich rede. Meinst du denn nicht, du solltest etwas dafür tun, dass ich dich so gut versorge?“, fragte ich diabolisch. Er lag in meiner Hand, ich hatte leichtes Spiel. Ein erfolgreicher Zug für mich, ein weiterer Schritt in Richtung seiner Niederlage.
„Das tue ich doch“, antwortete Jungkook jedoch und schaute mich beinahe unschuldig an, genoss seinen kleinen Triumph, „Ich sitze gerade hier neben dir und arbeite für dich. Genau so, wie du es gewollt hast, Taehyung.“

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