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▫▪Kapitel 4▪▫

TAEHYUNG

"Du kannst mich mal!", fauchte Jungkook wütend und wollte an mir vorbei stürmen, jedoch schoss meine Hand nach vorne und umgriff schnell sein Handgelenk. Dem frechen Burschen entwich ein überraschter Laut, augenscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass meine Reflexe so ausgezeichnet waren. Doch das war mir in diesem Moment egal. Ich konnte es nicht abhaben, wenn man sich mir ständig widersetzte, denn auch wenn ein gewissen Spaßfaktor dadurch aufkam, fing er mittlerweile an, mich zu beleidigen.

Und das konnte ich ihm gewiss nicht gestatten.

"Ich möchte mich nicht wiederholen, Jungkook", sagte ich ruhig, noch immer mit der schneidenden Kälte, die ihn einmal kaum merklich schlucken ließ. Mein Blick fiel langsam wieder auf ihn und auch meinen Oberkörper wandte ich ihm zu, strahlte somit meine Macht und meine Position ihm gegenüber aus. Er selbst ließ seinen Blick auf den Boden gerichtet, ich konnte anhand seines angespannten Kiefers sehen, dass er seine Zähne fest zusammenbiss und sich versuchte zu beherrschen. Offensichtlich gelang es mir tatsächlich, sein freches Mundwerk zu unterbinden und sein aufmüpfiges Verhalten zumindest ein klein wenig zu bändigen. Das war doch mal ein Anfang, mit dem man arbeiten konnte.

"Ich werde mich auch nicht wiederholen", sagte er nun aber leise. Mit jedem Wort steigerte sich seine Stimme und er hob langsam seinen Kopf, um mir seinen Hass lediglich durch seinen Blick zuzuwerfen. Meine Augenbraue begann augenblicklich wieder leicht zu zucken und ich wollte bereits etwas erwidern, wollte ihm klar machen, dass seine Worte im Gegensatz zu meinen leicht wie eine Feder wirkten. (Ich jedoch war der Stein, der ihn in den Dreck zog und ihm zeigte, was für ein jämmerlicher Haufen Elend er doch in Wirklichkeit war.)

Aber bevor ich reagieren konnte, entriss er mir mit einer Kraft, die mich einen Moment lang stutzen ließ, sein Handgelenk und stieß mich von sich. Dieses Mal schienen meine Reflexe mich im Stich gelassen zu haben, da ich seinen 'Angriff' nicht hatte kontern können und direkt auffordernd zu Hoseok saß. Wenn dieser sich schon vor der Arbeit drückte und all das hier mit ansah, sollte er gefälligst auch etwas tun.  Doch dieser starrte Jungkook bloß perplex an, ehe er fragend zu mir schaute und ich einmal genervt seufzte. Musste man hier denn alles selbst machen?

"Wieso wehrst du dich so sehr, Jungkook? Es steht nicht in meinem Sinne, dir weh zu tun", meinte ich mit einem giftigen Unterton in der Stimme, der ihm verraten sollte, wie böse das für ihn enden würde, wenn er nicht endlich lernte sich zu beherrschen. Allerdings ging der mein Gegenüber darauf nicht ein, er funkelte mich nur kampflustig an und ballte seine Hände zu Fäusten, sodass man das Weiß seiner Knochen erkennen konnte. Doch ich war nicht auf einen Kampf aus - das Letzte, was ich wollte, war, ihn zu verletzen. So sehr ich das Dasein der Menschheit auch verachtete, ich hatte meine Worte absolut ernst gemeint. Und wenn er sich so sehr gegen mich wehrte, hatte es vermutlich auch keinen Sinn und Zweck, ihn mit Gewalt hierzubehalten.

So sehr es mir auch offen gesagt missfiel.

"Ich bin zufrieden mit der Freiheit, die ich habe und möchte mich nicht von Menschen wie dir versklaven lassen", spuckte mir Jungkook bloß vor die Füße. Zeitgleich verfinsterten sich unsere Blicke, unterschiedliche Gründe machten uns wütend und gehässig. Dennoch war ich der Einzige von uns beiden, der seine Fassung bewahrte und nicht zuließ, dass meine kalte Fassade fiel; bei diesem respektlosen Burschen wäre es reine Energieverschwendung, Gefühle zu offenbaren.

"Fein, wenn du es auf diese Tour lernen willst, nur zu. Sobald du merkst, dass deine ach-so-tolle Welt der Freiheit doch nicht einhält, was du dir versprichst, wirst du schon wieder auftauchen", prophezeite ich selbstsicher. Das war es wohl, was Jungkooks Wut gänzlich entfachte, denn nun stürzte er sich regelrecht auf mich. Sein Plan war es sicher, mich aus dem Weg zu schaffen und sich seinen Weg in die Freiheit zu erkämpfen, aber auf solch ein dämliches Spiel ließ ich mich gar nicht erst ein. Unbeeindruckt machte ich einen Schritt zur Seite und beobachtete, wie er dank seinem Schwung ins Stolpern geriet, ehe er auch schon in Hoseoks Armen landete und für den Bruchteil einer Sekunde verdattert zu diesem aufschaute.

Doch so schnell diese Verwirrung gekommen war, so schnell war sie bereits wieder verschwunden und er nutzte Hoseoks Irritierung über meine Handlung aus, um ihn zur Seite zu stoßen und aus meinem Büro fliehen zu können. Leise war er dabei nicht, seine lauten, schweren Schritte hallten durch den Gang und erweckten die Aufmerksamkeit anderer Mitarbeiter, die sich zufälligerweise in der Nähe befanden. Allen konnte man ansehen, dass sie bereit dazu waren, ihn aufzuhalten und zurück zu mir zu schleppen, allerdings war es mein ausbleibendes Handeln, durch das auch kein anderer etwas tat. Schweigend blieb ich bloß hier stehen, sah Jungkook nach und wandte nicht ein einziges Mal meinen Blick von der offenen Tür ab. Wieso sollte ich ihn denn auch fangen lassen?

Er würde schon von selbst wiederkommen. Das spürte ich.

-

Später an diesem Tag stand ich vor dem gewaltigen Panorama-Fenster meines Wohnzimmers und ließ meinen Blick über die hell beleuchtete Hauptstadt Südkoreas schweifen, deren Haupt ich von meiner hohen Position aus sehen konnte. Wie grelle Neonfarben brannten sich die Lichter in meine Augen, sodass ich es mit jeder verstreichenden Sekunde mehr Leid war, hier zu stehen und nichts zu tun, außer meinen Gedanken zu lauschen; meine Gedanken, die sich allein um diesen Vormittag drehten. Es war ungewohnt, beinahe schon bizarr, dass mir diese Begegnung mit dem rebellischen Jungen so sehr ins Gedächtnis gebrannt war. Normalerweise machte ich mir nicht viel aus Menschen, erst recht nicht aus denen, die meinten, mich verabscheuen zu müssen. Dass Jungkook genau zu dieser Sorte Mensch gehörte, war unübersehbar und bereits Grund genug, ihn aus meinem Kopf zu verbannen. Aber irgendetwas... irgendetwas hatte er an sich, was den Spiegel meiner Selbst darstellte. Die Art und Weise, wie er redete und wie er Menschen sah, wie er sich verhielt und wovon er überzeugt war... Das erinnerte mich an meine eigene Person.

Und das gefiel mir nicht.

In der Hoffnung, diesem Vorfall und dem Jungen in meinem Kopf entfliehen zu können, schüttelte ich kurz meinen Kopf, wodurch meine dunklen Haarsträhnen mir leicht, doch nicht schmerzhaft ins Gesicht fielen. Helfen tat es mir herzlich wenig, was ich aber eigentlich schon erwartet hatte und nun fuhr ich mir frustriert durch meine Haare, versuchend, meine Frisur ein wenig zu retten. Auch das sprach nicht von Erfolg und so gab ich einfach ganz auf, wandte mich von dem Fenster ab und schritt durch meine Apartment in die Küche.

Dort angekommen nahm ich mir ein Glas aus dem Schrank und füllte Wasser hinein, welches ich mit einem einzigen Ansetzen leerte und meine trockene Kehle herab rinnen ließ. Dadurch klärten sich meine Gedanken zumindest ein bisschen, genug, um einen Entschluss für den restlichen Abend zu fassen. Da sich mein Kopf wohl gegen mich verschworen hatte und mir keine Ruhe gönnen wollte, musste ich es wohl oder übel mit Ablenkung versuchen. Mein Blick fiel hierbei auf den kleinen Zettel, den ich an meinem großen Kühlschrank aufgehängt hatte, der im Vergleich zu dem großen Lebensmittellager wie ein kleiner Käfer wirkte, ein Fehler im System, etwas, das nicht zu meiner ordentlichen und organisierten Einrichtung passte. Und dem war auch so, doch sollte ich den Zettel an einem anderen Platz verstauen, war das Risiko zu hoch, dass ich an seinen Inhalt überhaupt nicht mehr dachte. Dabei musste ich das, denn auf diesem kleinen Stück Papier stand die Adresse einer Bar, die mir einst von einem Arbeitskollegen empfohlen würde.

Und der heutige Abend bot sich perfekt an, genau dieser einen Besuch abzustatten.

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