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Meine Beine fühlen sich taub an, als ich mich mithilfe des Schreibtisches aufrapple und versuche, das Gleichgewicht zu halten. Mir ist leicht schwindelig und ich atme erst einige Male tief durch, bevor ich, mich immer noch an der Kante des Tisches haltend, einen Schritt vorwärts bewege.
Es fällt mir schwer.
Als hätte ich das Laufen verlernt.
Ich taumle langsam auf die Tür zu, jeder Schritt wird einfacher, dennoch ist es nicht leichter. Meine Füsse fühlen sich an, als hätte man Betonklötze um sie gegossen, es kostet mich Kraft und Wille, meine Beine zu bewegen, bis ich bei der Tür stehe.
Ich habe das Zimmer nie vor der Dämmerung verlassen und auch nie nach Sonnenaufgang. Tagsüber sperre ich mich ein, nachts schleiche ich in die Küche, um mir etwas zu Essen zu holen und das Bad aufzusuchen.
Das geht nun schon ein Jahr so, im nächsten Sommer muss ich mich aber damit abfinden, wieder in die Schule zu gehen. Meine Eltern haben mich dieses Jahr abgemeldet, als sie erkannt haben, dass es immer schlimmer wird, aber das nächste Jahr muss ich machen, es ist mein Abschlussjahr.
Ich weiss nur noch nicht, wie ich es anstellen soll, denn ich schaffe es nicht einmal, mit Jin in einem Raum zu sein, ohne, dass ich beinahe durchdrehe.
Ja, ich bin extrem Menschenscheu geworden, das erkennt man ohne grosse Schwierigkeiten...
Jetzt also das Zimmer erstmals freiwillig bei Tag zu verlassen, nachdem ich mehrere Monate nicht einmal im Traum daran gedacht habe, ist es doch ungewohnt und komisch.
Zu meinem Glück ist gerade niemand ausser mir zuhause, weswegen ich einfach in meine Schuhe und eine dünne Jacke schlüpfen kann und anschliessend das Haus verlasse, bevor mich einer der anderen sieht.
Ich ziehe mir die Kapuze der Jacke über und laufe so mit gesenktem Kopf los, in Richtung Stadtrand.
Es gibt nur ein einziger Ort, den ich heute oder irgendwann anders besuchen will, und keine weitere Person, soll jemals mitkommen.
Ich laufe unermüdlich, in zügigem Tempo und kümmere mich nicht darum, ob es bereits dämmert oder nicht. Ich habe nur ein Ziel vor Augen und ich werde das erreichen.
Mein Körper ist es nicht mehr gewohnt, sich so anzustrengen, er hat auch nicht die nötige Energie dazu und so verfalle ich bald schon in ein angestrengtes Keuchen, während ich meine schmerzenden Beine weiter zwinge.
Ich laufe den Hügel hinauf, lasse die Stadt hinter mir, und stehe schliesslich vor den alten Gleisen. Ich war seit einem Jahr nicht mehr hier...
In der untergehenden Sonne, wirft der riesige Kirschbaum grosse Schatten und alles sieht so idyllisch und friedlich aus, einfach nur wunderschön. Die Luft ist klar, ich höre leises Bienensummen und schliesse langsam die Augen.
Wie von selbst erscheint das Bild vor meinen Augen; draussen, auf dem Kies etwas wackelig, dennoch standfest, steht der süsse, kleine Tisch, auf dem steht ein alter Kassettenspieler der leise Taehyungs Lieblingslied zum Besten gibt. Daneben eine offene Bierflasche und Tae selbst, in Shorts und einem schwarzen Tank Top, hockt daneben in einem der Klappstühle, während er mir zugrinst und mich heranwinkt.
Als ich die Augen aufschlage, voller Hoffnung, dass es wahr ist, verklingt das Lied augenblicklich, der Tisch, sowie auch die Klappstühle sind weg.
Und Tae ist wie vom Erdboden verschwunden.
Ich schlucke leer, um den Kloss in meinem Hals wegzukriegen, doch ich schaffe es nicht. Also bücke ich mich, nehme einen grossen Stein und schleudere ihn voller Wut gegen unseren Waggon.
Ja unser Waggon.
Das war unser Versteck, unser Rückzugsort. Keiner ausser uns kam je hier her. Mit diesem Ort verbinde ich so viele schöne Erinnerungen.
Jetzt wirkt er so kalt, so trostlos und verlassen, ohne Taehyung.
Beinahe wie ein Friedhof.
Ich betrache im schwindenden Licht den von Taehyung und mir Dunkelblau gestrichenen Zugwaggon und trete langsam auf ihn zu, bevor ich mich hinknie und hinter dem Rad des Gefährts einen kleinen Schlüssel hervorangle.
Damit schliesse ich ihn auf und betrete ihn als erste Person, nach einem ganzen langen Jahr.
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