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Langsam richte ich mich auf, knie nun auf dem staubigen Boden und starre den Brief gemeinsam mit dem Pullover, der ganz bestimmt nicht mir gehört, an, als seien sie etwas ausserirdisches.

Lag das etwa die ganzen zwölf Monate hier?

Mir wird heiss und kalt zugleich. Das heisst, er kann nicht tot sein. Die anderen liegen falsch, er ist nicht gestorben, er hätte niemals Zeit gehabt, einen Abschiedsbrief zu schreiben, sonst hat er... nein, er hat keinen Selbstmord begannen. Ich kenne Taehyung, er würde niemals sein Leben wegwerfen, egal wie schwierig es auch sein mag. 

Aber kenne ich ihn tatsächlich so gut, wie ich denke? Ich dachte auch, er würde bei mir bleiben und er ist einfach verschwunden...

Meine Kehle fühlt sich wie zugeschnürt an, als ich mich ächzend aufrapple und auf den Pullover und den wertvollen Brief zutaumle.

Ich gehe neben den beiden Sachen auf die Knie und strecke ehrfürchtig meine Hand aus. Es kommt mir so surreal vor, als ob das hier nur ein Traum von mir wäre und ich gleich auf meinem Zimmerboden aufwache.

Aber als meine Fingerspitzen den schwarzen Stoff berühren, lache ich ungläubig auf. Ich ziehe das Kleidungsstück unter der Couch hervor, achte gar nicht auf den Brief, als ich es kurz ausschüttle und dann fest gegen meine Brust presse. Es ist ein schwarzer Hoodie, ohne Motive und als ich den Kopf senke und mein Gesicht in dem weichen Stoff vergrabe, kann ich tatsächlich noch den Weichspüler riechen, den er immer benutzt hat.

Ein erneutes ungläubiges Auflachen entfährt mir und ich hole tief Luft, während ich die Augen schliesse. 

Jetzt, in diesem kleinen, unbedeutenden Moment, ist die Welt für mich in Ordnung. 

Wer hätte gedacht, dass mich ein einziges, einfaches Kleidungsstück von der richtigen Person so glücklich machen kann? Für eine Sekunde lang, fühle ich mich wieder zurückversetzt in der Zeit, zu den Momenten, in denen ich wunschlos glücklich war, versuche angestrengt seine Stimme in meinen Ohren zu hören und mir sein Gesicht vor Augen zu halten, während ich den Geruch des Weichspülers tief einatme, als sei es meine Droge.

Aber der Moment hält viel zu kurz an.

Mir wird plötzlich wieder schmerzlich bewusst, dass ich nicht bei Taehyung bin, dass ich hier in einem verlassenen Zugwaggon hocke und mich an einen Hoodie klammere, als sei es mein persönlicher Rettungsring. Dabei ist er das komplette Gegenteil. Es ist der Stein, der um meinen Fuss gebunden wurde und mich nun auf den Grund des Sees zieht, damit ich wieder qualvoll ertinke.

Ein Pullover mit Taes Weichspülergeruch, wird mir Taehyung selbst nicht zurückbringen.

Und jetzt bereue ich es, den Geruch überhaupt wieder in die Nase bekommen zu haben, denn es tut nur noch mehr weh.

Aus meinem Lächeln wird ein Schluchzen und schliesslich lehne ich völlig fertig an der Couch und heule mir wieder die Seele aus dem Leib, während meine Tränen vom schwarzen Stoff aufgefangen werden. Der Pullover ist angenehm auf der Haut zu spüren und am liebsten würde ich ihn nie wieder hergeben, egal wie schmerzlich er mir zeigt, dass ich vollkommen alleine bin.

Er wird nie wieder zurückkommen.

Er wird nie wieder hier sein, nie wieder meinen Namen sagen, mich in den Arm nehmen, mich durch die Gegend jagen, fangen und schliesslich kitzeln, er wird nie wieder sagen, dass er mich liebt oder mich komplett durchdrehen lassen, wenn ich mich schwach wie ich es immer war, ihm gänzlich hingebe.

Er hat mir eine Ewigkeit versprochen, aber schlussendlich blieben mir nur Monate.

Vielleicht sind wir einfach nicht füreinander gemacht gewesen. Nur warum hat es sich dann so richtig angefühlt, so gut, so schön, so vertraut und geborgen mit und bei ihm? Wieso hatte ich nie die geringsten Zweifel, dass er die Person ist, mit der ich gerne den Rest meines Lebens verbringe?

Wenn wir nicht füreinander gemacht gewesen sind, wieso schmerzt mich dieser Verlust so sehr, dass ich lieber tot wäre, als diese Qualen länger zu ertragen?

Schniefend senke ich meine Hände mit dem Hoodie darin und blicke mit verweinten Augen auf den Boden, wo der leicht beschmutzte Briefumschlag noch immer liegt, unberührt und darauf wartend, dass ich endlich seinen Inhalt erforsche.

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