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Jungkook
"W-wohin gehen wir, Hyung?!", frage ich Jiyong, der mein Handgelenk noch immer in seinem Schraubstockartigen Griff hat und mich fast schon grob hinter sich her zerrt. "Er sieht uns, sonst würde er kein solches Chaos veranstalten. Wir müssen aus seinem Blickfeld verschwinden und ihn dahin locken, wo wir ihn sehen können, sonst sind wir erledigt", erklärt er knapp und biegt um die Ecke weiter den langen, offenen Gang entlang. Er hat Recht, denn wenn Jimin uns sehen kann, ist es ein leichtes für ihn, uns zu verletzen oder gar einfach töten, also müssen wir uns schnellstmöglich vor ihm verstecken - wenn wir nur wüssten, wo er ist.
Suchend blicke ich mich in der Mall um und versuche meinen Hyung auszumachen, doch ich kann Jimin nirgends ausfindig machen, schon gar nicht in dem ganzen Getümmel von Menschen. "H-hyung, ich kann ihn nicht sehen", rufe ich Ji panisch zu, doch Jimin scheint es zu tun, denn auf einmal scheinen sich die Scherben, die überall auf dem Boden verteilt sind, sich wie von Zauberhand zu heben. Ji sieht es auch und ich kann ihn lautstark fluchen hören. Kurz sieht er über die Schulter und scheint mit hektischen Blicken ebenfalls die riesige Mall abzusuchen, doch auch er hat offensichtlich keinen Erfolg dabei und schon im nächsten Augenblick sausen die einzelnen Scherben unnatürlich schnell auf uns zu. Daraufhin werde ich erneut von Jiyong zur Seite gerissen und stolpere mit ihm gemeinsam hinter eine Ritterrüstung die zu Dekorationszwecken eines Fantasy-Shops neben dessen Eingang steht, gezogen. Ich höre, wie die Scherben teilweise auf das Material der Rüstung treffen, allerdings kommen sie wohl nicht dadurch
Ich kneife die Augen zusammen und hebe schützend einen Arm vors Gesicht, doch ich spüre dennoch, wie eine der Scherben mich streift und sich ein leichtes Brennen auf meiner Wange einstellt. Zischend fasse ich mit meinen Fingerspitzen an die Wunde und stolpere beinahe über meine eigenen Füsse, als Ji Hyung mich grob herum reisst und in eines der Geschäfte flüchtet, die sich auf dem Stockwerk befinden. Es ist ein Kleiderladen und tatsächlich sind dessen Schaufenster noch ganz. Jiyong läuft in den hinteren Teil des Ladens und lässt mich erst dann los, ehe er sich umdreht und den Eingang des mittlerweile leeren Geschäftes ins Visier nimmt. Vermutlich macht sich jeder andere in der Mall auf, sie so schnell wie möglich zu verlassen, aber ich vermute, dass bevor wir überhaupt in die Nähe eines Ausganges kommen würden, Jimin uns eher umbringt.
"Was machen wir jetzt?", will ich leise von Ji Hyung wissen, denn wir sitzen praktisch in der Falle. Der Blonde seufzt und fährt sich durch seine Haare. "Ich kann ihn nirgends entdecken", murmelt er hörbar gestresst, "Das ändert sich hier zwar nicht, aber er muss erst aus seinem Versteck herauskommen, um uns etwas anzuhaben."
Ich schlucke leer, als mir klar wird, worauf er hinaus will, selbst wenn er es mir nicht sagt; wenn Jimin uns wieder sehen will, gelangt er hier automatisch auch in Jis Blick und was Jiyong mit ihm anstellt, sobald er die Chance dazu hat, will ich gar nicht erst wissen. "Was ist mit Seunghyun Hyung?", frage ich ihn, denn der Älteste von uns ist in dem plötzlichen Chaos verloren gegangen. "Mach dir keine Sorgen um ihn, er kommt klar. In erster Linie sind wir das Ziel des Telekinisten, also sorg dich lieber um dich selbst."
Ich nicke und blicke selbst wieder zum Eingang des Kleidergeschäftes. Ji hat wohl Recht, denn Seunghyun ist nicht das eigentliche Ziel der Wissenschaftler. Jimin soll uns umbringen, nicht ihn, doch wenn ich darüber nachdenke, dass das sein Auftrag ist, frage ich mich, wieso er es nicht schon längst getan hat.
Wir sind die halbe Mall entlang gerannt auf dem zweiten Stockwerk, und selbst wenn um uns herum totales Chaos herrscht, sind wir vollkommen ungeschützt gewesen. Jimin war anwesend und er hat uns sicherlich auch gesehen, sonst hätte er mit den zerspringenden Fensterscheiben gar nicht erst angefangen. Es war ein klares Zeichen, um uns Angst zu machen und zu sagen, dass er da ist und uns sieht - dass er uns einfach etwas antun könnte. Doch er hat es nicht getan.
Er hat mit uns gespielt.
Natürlich hat er mit uns gespielt, es macht Sinn, denn er geht nach demselben Muster wie damals im Supermarkt; Chaos. Angst. Und in einer Mall ist es ohnehin ein leichtes für ihn, uns unbemerkt zu töten. Wir sterben vielleicht, aber wer will ihn verdächtigen? Er legt nicht Hand an, er berührt uns nicht, er zuckt nicht einmal mit dem kleinen Finger. Er kann im dritten Stockwerk der Mall über das Geländer blicken, uns im Erdgeschoss entdecken und uns unbemerkt umbringen und niemand würde ihn verdächtigen. Er hat es nur nicht getan, weil er uns Angst einjagen will, mit dem Chaos das er veranstaltet, um uns zu zeigen, dass er die Macht dazu hätte, uns zu töten, wenn er nur wollte. Dass er es noch nicht getan hat, ist bloss, weil er gnädig mit uns war und sich das aufgespart hat.
Um mich herum scheint die Welt mit einem Mal leise zu werden, alles beginnt sich in Zeitlupe abzuspielen, die Menschen, die an dem Geschäft vorbeirennen, vermutlich in Richtung Ausgang der Mall, um weiteren Scherben und umstürzenden Dingen zu entkommen, sind unfassbar leise und alle Geräusche scheinen so weit entfernt und wie in Watte verpackt zu sein. Ich kann mich nicht bewegen, wie versteinert stehe ich neben Ji Hyung und blicke geradeaus zum Eingang des leeren Kleidergeschäfts, während ich spüre, wie mein Herz heftig gegen meinen Brustkorb rast.
Und dann zerspringen die Schaufenster des Ladens. Ich fahre zusammen und als ob das mich aus meiner Trance reissen würde, kehrt alles zurück; die Schnelligkeit der Situation, das Klirren der Scherben, die angsterfüllten Schreie der Menschen, das Blut, das in meinen Ohren rauscht.
"Hyung?", frage ich Jiyong, der bis dahin noch nichts weiteres gesagt hat, doch er kann nicht antworten, als bereits einer der Kleiderständer an der Wand, von jener gerissen wird und mit einem lauten Krachen zu Boden fällt. "Er ist in der Nähe", murmelt der Blonde neben mir, "Wenn er das sehen kann, dann sollten wir ihn auch sehen."
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