-Fünf-
Ich drückte die Türe auf, schob mich zitternd durch den kleinen Spalt. Trotz der Wärme des Feuers aus meinen Händen, hatte ich draußen die Kälte gespürt und freute mich jetzt auf mein Bett. Jemand klapperte mit dem Geschirr in der Küche. Meine Mutter hatte sich wohl aufgerafft, zum ersten Mal seit Tagen. Wir hatten kaum ein Wort miteinander gewechselt. Sie wusste nicht einmal, dass ich mittlerweile die Pyrokinese beherrschte und zudem wirklich gut. Es waren die Gedanken an meinen Vater, die sie nicht zurück in die reale Welt kommen ließen. Genau das versuchte ich zu verhindern, mich nicht den Gefühlen der Trauer, aber auch der Wut, hinzugeben. Ich versuchte es zurückzulassen, ein Vorbild für meine Mutter zu sein. „Venus?", fragte sie und ich erschauderte. Das war sie nicht, nicht meine Mutter. Diese Stimme war noch zerbrechlicher als zuvor und so leise, dass sie kaum zu verstehen war. Ich war stehen geblieben, versuchte zwanghaft die Gedanken zu ordnen, die mich auf einmal überkamen. Dann drehte ich mich, machte mich darauf gefasst sie zum ersten Mal seit ein paar Tagen wieder wirklich anzuschauen. Doch sie hatte sich kaum verändert. Wieso sollte sie auch? Mehr geweint als früher hatte sie nicht, jedoch sah man, dass sie innerlich am Boden war. Sie stützte sich auf den Tisch und ihr Blick war bittend, fast schon flehend. Abwartend sah ich sie an. „Kannst du mit mir zur Polizei gehen?" Wieder blieb ich still. Ein bestimmtes Gefühl hielt mich davon ab zu antworten, etwas, das sich schwer auf mein Herz legte und mich dazu zwang, mich auf meinen Atem zu konzentrieren. „Wir müssen seine Sachen abholen", erinnerte sie mich und ich nickte, atmete stockend. Das Gefühl, dass sie mir etwas verschwieg, verschwand einfach nicht. „Dann hole ich meine Jacke", brachte ich heraus und lief nach oben auf mein Zimmer. Dort musste ich mich kurz setzen. Die Überbleibsel meines Vaters. Ich würde endlich einen winzigen Einblick in sein Leben bekommen.
Es herrschte vollkommenes Schweigen im Auto. Wir waren wohl beide gespannt auf das Kommende. Irgendwie hatte ich auch Angst. Als wir vor dem Präsidium hielten, war ich mir nicht sicher, ob es mir erlaubt war auszusteigen. Denn meine Mutter machte keine Anstalten dazu, sondern starrte vor sich auf das Lenkrad. Ich traute mich nicht etwas zu sagen, also schwieg ich vor mich hin und unterdrückte die Unruhe in mir. So hatte ich mir das nicht vorgestellt, nicht in diesem Schweigen. Irgendwann drückte ich voller Entschlossenheit die Tür auf und stellte mich auf den Kies. „Er hat dich geliebt Venus" Ich blieb in der Bewegung stehen. Wie? Dann drehte ich mich, beugte mich runter und starrte meine Mutter an. Doch diese stieg mittlerweile selbst aus und reagierte nicht auf meinen Blick. Es kam kein Wort über meine Lippen, weswegen ich sie nur mit den Augen bitten konnte zu erklären. Wieso war er dann nie zurückgekommen, wenn ich nicht der Grund war?
Wir starrten auf die Box vor uns. Darin befand sich Kleidung, eine Brieftasche, ein kleiner Schlüsselbund und Taschentücher. Das war alles? „Mehr nicht?", fragte meine Mutter mit brüchiger Stimme und hob zitternd die Kleidung an, als würde sie nach etwas suchen. Aber wonach? Verwirrt sah ich sie an, während der Polizist verneinte. Kurz reagierte sie nicht, dann riss sie sich zusammen und nahm sich die Sachen meines Vaters. „Danke", meinte sie nur und wir verließen das Gebäude.
Zurück im Auto wusste niemand was er sagen soll. Also legte meine Mutter den Zündschlüssel zur Seite und nahm den Karton entgegen, den ich ihr stumm reichte. Sie hob nochmals alles an, untersuchte es ruhig und wirkte fast schon gelassen. Bis es leise knisterte, als sie über die Taschen der dünnen grünen Jacke strich. Hastig griff sie hinein und zog einen kleinen Zettel hervor. Noch nie war ich so gespannt wie jetzt. Was wohl darauf stand? Eine letzte Nachricht vielleicht? Meine Mutter runzelte kurz die Stirn, gab mir dann den Zettel und beobachtete mich, wie ich die wenigen Zeilen entzifferte.
Im April erstrahlen Venus und Mars zusammen im Westen.
Erneut las ich die Botschaft. Was sollte das heißen? Wer war Mars? Fragend sah ich zu meiner Mutter, doch diese schien selbst ganz in Gedanken versunken zu sein. „Mama, wer ist Mars?", unterbrach ich die Stille. Das Zucken ihrer Schultern kam verspätet, fast schon so, als hätte sie sehr lange darüber nachdenken müssen. Was war das denn schon wieder? Langsam ging mir ihre Geheimniskrämerei kräftig auf die Nerven. Wieso redete sie nicht mit mir? Wenn sie nicht ehrlich zu mir war, wie sollte ich ihr denn dann weiterhin vertrauen? „Kannst du bitte endlich mit mir reden, was auch immer dir auf dem Herzen liegt?", fragte ich und machte mir gar nicht erst die Mühe den Ärger zu unterdrücken. Ich wusste nicht was mich wütender machte. Ihr Schweigen oder wie sie einfach den Motor anließ und losfuhr, als hätte ich nichts gesagt. Ich schüttelte fassungslos den Kopf. Dann drehte ich den Kopf zum Fenster, sie sollte nicht sehen, dass mir die Tränen kamen. Es machte mich fertig und auf einmal trauerte ich wieder. Ich trauerte um meinen Vater, den Mann, der mir noch so viel hätte beantworten müssen. Er hatte sich nicht eine Minute meines Lebens um mich gekümmert, obwohl ich ihn manchmal echt gebraucht hätte. Als mein Handy laut brummte, zuckte ich erschrocken zusammen. Henry hatte mir geschrieben und seine Nachricht klang sehr besorgt. Ich hatte ihm natürlich alles erzählt und er hatte auch sofort vorbeikommen wollen, doch ich hatte ihn jedes Mal abgewimmelt. Ich musste erst alles verarbeiten, dann würde ich auch wieder zur Schule gehen.
Ich saß auf meinem Zimmer, den kleinen Zettel in der Hand haltend. Nachdenklich betrachtete ich ihn und dann fiel es mir auf. Oben in das rechte Eck waren ganz kleine Zahlen geschrieben worden, insgesamt dreizehn. Doch umso mehr ich sie anstarrte, desto unschärfer wurden sie und ich konnte mir nicht vorstellen, wieso sie dort angegeben waren. Genervt legte ich alles zur Seite und ließ mich seufzend in mein Kissen fallen. Ich starrte die Decke an und versuchte zu entspannen, die Kopfschmerzen auszublenden. Das schlimmste war noch immer meine Mutter. Sie hatte kein Wort mehr mit mir geredet, ihre Verschwiegenheit machte mich wahnsinnig. Morgen würde ich wieder zur Schule gehen, allen endlich zeigen, dass ich doch kein so Versager in Pyrokinese war. Ich hoffte nur, dass ich meine Mutter einfach aus meinem Kopf halten konnte, denn sie brachte mein inneres zum Brodeln. Es blieb lediglich die Hoffnung, dass sie über Nacht zur Vernunft kommen und endlich mit mir über Alles reden würde.
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