»23«
[Jungkook]
Natürlich wachte ich allein auf, niemand an meiner Seite, einsam in diesem großen Bett und es fühlte sich dadurch gleich viel kälter an, dass ich bereits eine Gänsehaut bekam und mich daher unter die Decke verkroch. Ich verstand nicht, wieso Taehyung, selbst als ich ein Kind war, niemals bei mir blieb, ob er nun früher aufstand oder nicht. Damals hatte ich es wirklich gebraucht, da ich meinen Vater nicht mehr hatte und heute brauchte ich es einfach als seelische Unterstützung, aber es wunderte mich nicht mehr wirklich.
Ich war mir sogar relativ sicher, dass er direkt gegangen war, nachdem ich eingeschlafen war.
Es war Sonntag, also ein Tag, an dem Taehyung nicht arbeiten würde, was bedeutete, dass wir den Tag wohl für uns hatten. Das Wetter spielte nicht mit, eine dichte Wolkendecke lag über Seoul, es regnete leicht und es schien auch relativ windig zu sein.
„Wir sind eigentlich noch mitten im Winter. Wieso regnet es?", fragte ich leise, während ich vor der riesigen Front aus Fenstern stand, die meinem Zimmer hier angehörte. Dann drehte ich mich und schaute in diesen Raum hinein. Ein Bett, ein Schreibtisch, eine Kommode und ein Fernseher an der Wand, drei Türen, wovon eine ins Bad führte, eine in den Flur und eine in das kleine, zimmereigene Ankleidezimmer. Hier fehlte es an Persönlichkeit, es gab nichts, was irgendwie zeigte, dass hier jemand lebte, außer das ungemachte Bett und meine Kleidung auf dem Boden.
„Ah, du bist schon wach? Ich wollte gerade kommen und dich zum Frühstück wecken", hörte ich Taehyung plötzlich sagen, der gerade einfach so in mein Zimmer platzte und mich mit einem erhellten Lächeln anschaute. „Bist du bereit oder willst du vorher noch ins Bad? Ich habe Suppe gemacht, aber die wird so schnell nicht kalt, also lass dir ruhig Zeit."
Ich nickte nur leicht und war somit auch genauso plötzlich wieder ganz allein, weshalb ich seufzte. Alles hier fühlte sich so fremd an, die Zimmer, die Stadt und auch das ganze Appartement. Am meisten aber, fühlte sich Tae so fremd an, er war nämlich in meinen Augen nicht mehr der, der er vor zwei Tagen mal war. Er war nicht mehr der Verlobte meiner Mutter, auch nicht mein baldiger Stiefvater.
Ob ich nun wohl Chancen bei ihm habe?
Sobald ich im Bad fertig war, ging ich frisch geduscht mit noch nassen Haaren nach unten, wo der Ältere bereits auf mich wartete. In dem Moment, in dem er mich sah, fing er sofort alles aufzutischen, sodass wir uns auch direkt dem Essen widmen und uns anschweigen konnten. Hin und wieder schaute er mich mit einem schwachen Lächeln auf seinen wunderschönen Lippen an, das eine Mal sagte ich auch, dass es mir sehr schmeckte, aber mehr war es dann auch nicht.
Die Atmosphäre war offensichtlich merkwürdig zwischen uns Beiden und das verstand ich nicht, bis mir wieder in den Sinn kam, was ich im Halbschlaf gestern Nacht noch zu ihm gesagt hatte. Deswegen verschluckte ich mich auch, weshalb ich begann laut zu husten und immer mal wieder auf den Tisch zu schlagen.
Zwar stand er gerade auf, um mir zu helfen, aber ich kriegte mich relativ schnell ein und winkte ab, sodass Taehyung sich wieder hinsetzte, zwar mit einem noch besorgten blick, aber mir nicht näher kam. Jede Nähe zu ihm, könnte jetzt jede meiner Fesseln zum Reißen bringen und Seiten aus mir hervorholen, über die ich nicht stolz war.
Was wenige nämlich wusste war, dass ich in bestimmten Momenten eine wirklich sehr direkte Art zu Sprechen und Handeln hatte, die dafür sorgte, dass ich auch viele Fehler machte oder einfach Dinge, die ich im Nachhinein einfach bereuen würde. Und Taehyung war eine Sache davon.
Ich liebte ihn so verdammt sehr. Nun war er gerade nicht vergeben und schien auch so schnell nicht einmal unter die Augen meiner Mutter zu treten. Er machte so viele Anspielungen, auch nachdem wir darüber geredet hatten, dass er damit aufhören sollte. Selbst mit einem seiner Kondome in meiner Hand erwischte er mich und sagte dazu nichts abweisendes, ganz im Gegenteil sogar. Gestern Abend dann lag er mit mir im Bett, wir kuschelten fast und erzählte.
Zwar hatte ich viel Vernunft, aber meine Gefühle übertrumpften dies, sodass ich nicht wissen konnte, wie lang ich es noch schaffen würde mich zurückzuhalten und ihn nicht anzuspringen wie ein Hase.
Von mir aus auch nur für eine Nacht, ich wollte ihn sehen und erleben, getrieben von Lust und Leidenschaft. Ich wollte sein tiefes Stöhnen hören, ihn in mir spüren und seine Hände an mir, wollte in seine Haare Haare greifen, ihn küssen und seinen Hals markieren. Ich wollte ihn probieren, ihn schmecken, ihn genießen. Die ganze Nacht, eine heiße Nacht, bis in ins Morgengrauen, von mir aus auch wenn die Sonne aufging, er sollte mich nicht loslassen, sich nicht vor mir abwenden, seine Hände nicht von mir nehmen.
„Worüber denkst du so vertieft nach?", fragte er mich plötzlich, weshalb ich mich fast schon erschreckte, da ich mich ertappt fühlte, obwohl er natürlich nichts wusste.
„Ach nichts", murmelte ich und drückte meine Hand leicht gegen meinen Schritt, damit es nicht zu auffällig sein würde, was in meinem Kopf gerade abging.
Eine schlaue Idee? Nicht wirklich, denn das eigentlich leise Stöhnen, was mir deswegen entfloh, war wohl klar und deutlich zu hören.
Außerdem aßen wir auf einem Glastisch.
———
Was nun wohl passieren wird? 😱
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