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▪27▪

Jungkook Pov

Taehyung sitzt die Arme um die Beine geschlungen auf der Couch im Wohnzimmer als ich komme. Seine Augen sind offen, aber die Müdigkeit würde sich auch ohne die dunklen Ringe deutlich bemerkbar machen.

Er schlürft, wenn er geht, er spricht und handelt ziemlich langsam und viel essen tut er auch nicht. Wenn ich weg bin, tut er nichts anderes als schlafen oder Fernsehen. Das bereitet mir Sorgen, noch mehr Sorgen als das Risiko erwischt werden zu können.

Ich räuspere mich und versuche mich damit, ohne ihn zu erschrecken, bemerkbar zu machen, aber er sieht mich nur kurz an bevor er den Blick wieder abwendet und die Doku über Martin Luther im Fernsehen verfolgt.

"Taehyung...", fange ich an und gehe im Kopf noch mal durch wie ich anfangen kann, damit er nicht sofort abblockt und mich vielleicht sogar wegschickt.

Ich setze mich auf die Couch neben ihn und lege eine Hand auf seine Wange während ich ihm mit der anderen die Haare aus dem Gesicht streiche und ihn genauer betrachte. Nicht einmal meine Patienten bereiten mir so viele Sorgen wie er, es macht mich fertig ihn so zu sehen.

"Hast du heute schon was gegessen?"

"Ich hatte keinen Hunger."

Mit gerunzelter Stirn sehe ich ihn an und taste kurz sein Gesicht ab, aber keine überdurchschnittliche Wärme, nichts was auf Fieber hinweisen würde. Es ist wahrscheinlich sowieso nichts körperliches, das diese appetitlosigkeit verursacht.

"Stimmt es, dass du dich an etwas erinnert hast?", frage ich und atme fast hörbar erleichtert aus als er mir endlich in die Augen sieht statt sich auf die Doku zu konzentrieren.

"Hat Jimin dir davon erzählt?"

"Das tut doch nichts zur Sache", sage ich aufgebracht und schüttle den Kopf. "Wieso hast du es mir nicht gesagt? Haben wir nicht beschlossen das ganze zusammen durchzustehen?"

Wow. Ich bin selber Überrascht von meinen eigenen Worten, die mich klingen lassen wie eine billige Kopie von Jimin. Verdammt, dieser Mann hat zu viel Einfluss auf mich.

Aber auch Taehyung verändert mich, das merke ich. Es fühlt sich an, als wäre es Ewigkeiten her seit ich mich so sehr um einen Menschen gekümmert habe wie um Taehyung und selbst bei Jiyu und Sungho war es nicht so extrem. Bei ihm möchte ich zu jeder Zeit, in jeder Situation wissen wie es ihm geht und wenn ich auf der Arbeit bin, kann ich selbst während den Operationen nur daran denken, was er womöglich gerade tut.

Das hier wird größer als ich es anfangs erwartet habe, aber das nehme ich locker. Ich denke das ist vollkommen normal, da ich jahrelang nur Jimin hatte mit dem ich so viel Zeit verbracht habe. Vielleicht bilde ich mir ein, Taehyung und mich würde mehr verbinden, als nur eine kritzelei auf der Hand.

"Ich habe nicht viel gesehen, Jungkook, deswegen habe ich es dir nicht erzählt. Du wärst enttäuscht gewesen, weil es uns kein Stück weiter hilft."

"Sieh mich an." Ich nehme sein Gesicht in beide Hände und zwinge ihn den Kopf zu heben damit er nicht länger irgendwo anders hin starren kann wenn ich mit ihm rede. "Es ist mir egal, ob es uns hilft oder nicht. Du hast dein gesamtes Leben vergessen und die Erinnerungen, die langsam zurückkommen, werden dir vorkommen wie ein Film. Es wird für dich nie wieder dein Leben sein, so hart es auch klingt. Aber Tae, du hast die chance ein neues Leben anzufangen, das haben nicht viele. Lass mich dir helfen. Rede mit mir."

Wie gerne würde ich ihm zeigen, dass er sich auf mich verlassen kann. Es gibt so einige Menschen, denen es schwer fällt anderen zu vertrauen und Taehyung ist definitiv einer davon. Aber ich weiß nicht, was ich noch tun kann um ihm zu beweisen, dass ich für ihn da bin.

Wir kennen uns vielleicht noch nicht so gut wie Jimin und ich, aber wer sagt dass das nicht werden kann? Hätte ich außerdem nicht mehr Grund ihm zu Misstrauen, wo er doch derjenige ohne vollständigen Namen, Alter oder sonst irgendeine Information über sich selber ist?

Taehyung ist ein Fremder und doch vertraue ich ihm. Anfangs war es aus dem Zwang heraus, dass ich es musste, immerhin konnte mir sonst niemand außer ihm und vielleicht der Person, die auf ihn geschossen hatte erklären, was passiert ist und was ich mit der ganzen Sache zu tun habe. Aber mittlerweile ist es mehr als das.

Was genau es ist, das mich hat umdenken lassen weiß ich nicht, aber ich möchte nicht mehr nur für mich die ganze Sache lösen. Ich möchte vor allem ihm helfen wieder zu erfahren wer er ist und was mit ihm passiert ist.

"Ich weiß, dass ich dir vertrauen sollte, aber es ist komisch für mich. Ich habe keinerlei Erinnerung an Fehler, die ich vielleicht in meiner Vergangenheit gemacht habe und von denen ich lernen könnte. Eigentlich habe ich sogar weniger Erfahrungen als ein Kleinkind."

Das ist es. Er befürchtet, dass er hier irgendetwas falsch macht, dass es dumm wäre mir zu vertrauen und ich verstehe ihn. Menschen lernen aus Erfahrungen, sie wachsen daran, aber er hatte nie welche, zumindest keine an die er sich erinnert.

"Dann mach jetzt welche", sage ich und lege eine Hand auf seinen Schoß, die andere an seine Wange. "Riskier es. Vertrauen ist immer ein Risiko, aber alles was ich tun kann ist dir zu versprechen, dass ich dir niemals weh tun würde."

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals hinauf und ich kann nicht sagen warum. Ich bin Arzt, der Körper des Menschen ist mit bestens bekannt und doch versage ich wenn es darum geht, meinen eigenen zu verstehen.
Aber das laute klopfen ist sowieso ganz vergessen, als Taehyung wieder anfängt zu reden.

"Ich weiß nicht warum du das alles für mich tust, aber..." Er sieht hoch zu mir. "Wenn du gehst, wird das Leben mich auffressen."

In seinen Augen ist nicht länger nur Angst zu sehen, sondern jetzt auch wieder die Wärme, die ich so lange nicht mehr darin gesehen und die ich vermisst habe.

Dieser Mann ist wunderschön, auf alle Weisen und ich weiß nicht was ich mit ihm machen soll, weil er mir den Verstand raubt. Das schlimmste allerdings ist, dass mir die Vorstellung alles, wofür ich bisher gearbeitet habe wegzuwerfen nicht so schlimm erscheint, wenn er bei mir ist.

Ich drücke ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen und lehne meine Stirn mit geschlossenen Augen an seine.

"Dann werde ich nicht gehen."

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