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Seulgi Pov
Die Tränen laufen mir unaufhörlich das Gesicht herunter, aber er ignoriert es einfach und sieht mich nach wie vor entschlossen an. Ich kann das nicht zulassen, ich habe das, was er tut, bereits viel zu lange geduldet. Ich habe jahrelang zugeschaut wie er andere Menschen verletzt und sie tötet, weil es ihm Vergnügen bereitet auf der Suche nach seinem perfekten Blut. Aber das geht nicht länger. Bis jetzt war meine Liebe die Ausrede dafür, ihn in Schutz zu nehmen und schweigend zu beobachten was er anrichtet, aber ich kann das nicht länger.
Ich spüre nicht länger die Kälte des Winters oder das brennen meiner Augen, das vom ganzen Weinen her rührt. Alles, was ich spüre, ist dieser Druck in meiner Brust, welches das Gefühl der Schuld verursacht. Ich fühle mich schuldig, für all die Menschen, die sterben mussten, seit das mit ihm angefangen hat und all die Menschen, die noch gestorben sind, weil ich den Mund nicht auf machen konnte.
Siwoo und ich kennen uns bereits seit dem Kindergarten. Wir waren Nachbarn, unsere Eltern gut befreundet, sodass wir auch die gleiche Grundschule und später die dieselbe High Shool besuchten. Wir waren unzertrennlich, wie beste Freunde und das, obwohl der Alterunterschied zwischen uns zwei Jahre beträgt.
Ich war erst 14, als wir ein Paar wurden. Damals war das ganze noch total neu für mich. Es war meine erste Beziehung und noch dazu mit dem Jungen, der all die Jahre mein bester Freund war, aber es war nie komisch, ganz im Gegenteil. Er wusste ja bereits alles über mich, jede meiner Ängste, alles was ich mochte und eben nicht so mochte. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass unsere Beziehung bis heute hält. Wir waren nicht nur ein Paar, dass sich liebte, sondern auch beste Freunde. Ich wusste, es würde niemanden geben, der mich wortlos so gut verstehen würde wie er.
Doch dann erfuhr ich von dem, was er als Kind getan hatte. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, als er mir sagte, dass der Tod von dem Hund, den wir damals behandelt hatten wie unser Kind, seine Schuld war. Er erzählte mir von all seinen Gedanken, seinen Sehnsüchte und dem Wahnsinn, der ihn dazu treibt nach dem perfekten Blut zu suchen. Mir war klar, dass etwas mit ihm nicht stimmt und obwohl ich mich von ihm hätte trennen sollen, obwohl ich mich an die Polizei hätte wenden sollen, blieb ich bei ihm.
Er sagte mir, dass er einen Arzt besuchte, Dr. Song, der ihm half mit den Gedanken umzugehen die er hatte und ich glaubte ihm. Ich glaubte fest daran, dass der Arzt ihm helfen könnte und das wir das gemeinsam durchstehen würden. Ich fing an ihn zu seinen Terminen zu begleiten, aber trotz meiner ganzen Hoffnung wurde es nicht besser, ganz im Gegenteil. Es war, als wären die Gespräche mit diesem Arzt nur dazu da ihn in dem zu bestärken was er tat, als würde er aus den Terminen seine Kraft tanken. Es wurde immer schlimmer, bis er mir etwas gestand, was schlimmer war als der Tod eines Hundes.
Er gestand mir den Mord an einer ganzen Familie. Einen Mord, den er beging weil er das Gefühl hatte von niemandem verstanden, verachtet und belächelt zu werden. Er hat eine ganze Familie, die Mutter, den Vater und die vier Kinder umgebracht, weil sie ihn nicht so behandelten wie er es sich wünschte. Weil er Dinge sah, Verachtung, die wahrscheinlich nicht einmal da gewesen ist.
Das war der Moment wo ich wusste, dass ich das nicht länger mit machen konnte. Ich wusste, egal wie sehr ich ihn liebe, egal wie sehr ich ihm das zeigte, es wäre für ihn nie genug um mit dem aufzuhören, was er angefangen hat. Dieses Vorhaben hat sich so sehr in seinem Kopf fest gesetzt, dass selbst meine bedingungslose Liebe ihn nicht davon abbringen könnte und wenn das nicht genug war, dann müsste ich eben etwas tun, was mich genau so sehr zerstören würde wie ihn.
Ich musste zur Polizei.
Ich musste zu den einzigen Menschen, die ihn aufhalten, ihn stoppen konnten, aber etwas zu wollen und etwas zu tun, dazwischen liegt eine breite Schlucht. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns in- und auswendig kennen, aber irgendwie kam er dahinter.
Als er zu mir in die Schule kam und mich hinter sich her zu dem alten Schuppen zerrte, da wusste ich er hatte mich durchschaut. Ich wusste, ich könnte jetzt genau so sterben wie es all die Menschen vor mir bereits durch seine Hände getan hatten. Das war das erste mal, dass ich es bereut habe mich in meinen besten Freund verliebt zu haben, denn der wusste alles über mich, selbst wenn ich es nicht aussprach.
Ich werde seinen Blick niemals vergessen. Er sah so wütend aus, ihm stand es ins Gesicht geschrieben wie sehr er mich für meinen Betrug hasste, aber vor allem hat mir eines zugesetzt, nämlich dieser Blick von jemanden, der von dem einzigen Menschen hintergangen wurde dessen liebe er sich noch sicher sein konnte. Dieser verletzte Ausdruck, die Tränen in den Augen, so hatte ich ihn noch nie gesehen. Für eine kurze Weile dachte ich sogar tatsächlich, dass der alte Siwoo zurück wäre, aber während er mich so ansah, wurde sein Griff um mein Handgelenk immer fester.
"Ich dachte wenigstens du würdest mich lieben." Er zieht mich näher an sich heran, legt eine Hand auf mein Gesicht und sieht mich tatsächlich mit dem Gefühl an, von dem ich dachte er hätte es schon längst verloren: Liebe.
"Das tue ich", sage ich und sehe ihm trotz all der Angst, die ich empfinde in die Augen. "Ich liebe dich, mehr als ich sollte, mehr als mir gut tut und es macht mich kaputt."
"Lügnerin!" Ich zucke zusammen als er die Hand hebt, bereit mich zu schlagen, aber es kommt nichts. Stattdessen zerrt er mich mit sich zu dem Schuppen und reißt die Tür auf. Das Licht ist aus, da drin herrscht nichts als Dunkelheit und eine Unordnung, die jeden in den Wahnsinn treiben würde. Er wirft mich hinein und schließt dann die Tür hinter sich, sodass nur noch das schwache Licht, welches durch das kleine Fenster in der linken Ecke scheint, in den kleinen Raum dringt.
Ich falle über etwas was auf dem Boden liegt und schreie vor Schmerz auf, weil mein großer Zeh mit voller Wucht dagegen stößt. Nur knapp kann ich mich auf meinen Händen abstützen und damit verhindern mit dem Kopf auf dem metallenen Tisch aufzukommen.
Obwohl ich wusste, zu was er fähig ist und obwohl ich bereits geahnt habe, dass das hier mein Ende sein könnte, verletzt es mich trotzdem ihn so zu sehen. Er lässt mir keine Zeit mich der Enttäuschung zu widmen und mich von dem Stoß gerade zu erholen, da reisst er mich auch schon an meinen Haaren nach hinten und wirft mich gegen die nächste Wand.
"Wenn du mich wirklich liebst, dann wirst du das hier verstehen. Ich kann dich nicht gehen lassen, Seulgi, du bist das einzige was mir noch bleibt. Selbst wenn alle Menschen mich verlassen, selbst wenn die ganze Welt gegen mich ist, konnte ich immer wissen das du bei mir bleibst. Du kannst nicht gehen, hörst du? Du darfst nicht, ich lasse das nicht zu!"
Ich schreie auf, so verrückt machen mich seine Worte. Die Tränen lassen meine Sicht verschwimmen und denoch sehe ich, wie er sich etwas von der Wand links runter nimmt und damit ausholt. Viel zu spät realisiere ich, dass es sich dabei um ein Brecheisen handelt. Alles was ich sehe ist, wie das Ding langsam auf mich zu rast und das einzige, was ich tun kann ist die Arme schützend vor mein Gesicht zu heben und mir den Schmerz, denn das auftreffen des kalten Mettals mit meinem Arm verursacht, aus dem Leib zu schreien.
"Lass dir das eine Lehre sein. Wenn du zur Polizei gehst, dann wird das nächste Blut, das zwischen meinen Händen fließt, das deiner Familie sein. Ich lasse nicht zu, dass du mich verlässt. Ich liebe dich."
Was danach geschah weiß ich nur noch ganz grob. Er schloss mich hier drin ein, wie er das gemacht hat weiß ich nicht und obwohl ich mit dem Brecheisen wahrscheinlich locker die Tür hätte aufbrechen können, ging das nicht so leicht mit einem Arm, der mir Schmerzen bereitete. Aber obwohl es sich anfühlte, als würde ich deswegen durch die Hölle gehen, war der Schmerz in meiner Brust, verursacht durch mein Herz, um ein millionfaches schlimmer als jeder Schmerz, den er mir sonst hätte zufügen können.
Irgendwann wurde es dunkel draußen und erst am nächsten Morgen, als es zur Mittagspause läutete, kam eine Lehrerin vorbei und befreite mich aus meiner Lage. Ich weiß noch, wie sie auf mich eingeredet, mich gefragt hat was passiert ist und wer mir das angetan hat, aber ich habe kein einziges Wort mit ihr gesprochen, nicht mal als sie mich in ihr Auto gebracht und ins Krankenhaus gefahren hat. Ich wünschte mir, sie hätte mich nicht gefunden, mich einfach sterben lassen.
Das war mein erster Besuch bei Jungkook als seine Patientin und obwohl ich wusste, dass Siwoo mich für mein Vorhaben umbringen würde, musste ich so schnell wie möglich wieder aus dem Krankenhaus raus. Ich wusste, was er vor hatte und ich musste ihn aufhalten, wenn es nicht bereits zu spät war.
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