Kapitel 13
Tellus 2019
Zügig und nun wesentlich selbstsicherer schritt Lilly den langen Gang entlang zum Fahrstuhl. Eine Woche war nun seit dem Gespräch mit Professor Burrows vergangen, in welchem sie erfuhren, dass allem Anschein nach die Regierung hinter Lillys Reise nach Tellus und dem fehlenden Videomaterial im Überwachungsraum steckte.
Der Hurrikan war gekommen, doch außer dem stundenlangen Rauschen des Wassers, das an die Betonwände der Basis platschte, bekam Lilly nur wenig davon mit. William hatte ihr erklärt, dass quasi nichts die Basis umstürzen konnte, dass sie hier stets sicher waren. Der Hurrikan kam Lilly sehr gelegen, denn dadurch waren auch einige Tage lang die Patrouillengänge ausgefallen. Zwar hielt sie es kaum noch in ihrem fensterlosen Zimmer aus, denn sie sehnte sich nach der frischen Luft und dem direkten Kontakt mit der Sonne. Doch sie bevorzugte es bis zum Ende ihrer Tage zwischen ihren vier Wänden gefangen zu sein als erneut irgendwelchen Nagas zu begegnen, die sie seit einer Woche in ihren Albträumen verfolgten.
Seufzend dachte sie daran, dass sie unter normalen Umständen mit ihrem besten Freund Will das Sommerwetter im Central Park genießen würde oder mit einem Milchkaffee im Cup o' Joe sitzen würde.
Will. Sie waren, seitdem sie sich kannten, niemals so lange voneinander getrennt gewesen. Selbst in der Grundschule hatte Will stets vor ihrer Haustür gewartet, damit sie zusammen zum Schulbus gehen konnten. Sie hoffte, dass er und Lilliana schon größere Fortschritte darin gemacht hatten, Lilliana und sie zurück nach Hause zu bringen, als sie und William. Denn die vergangene Woche war fast schon verdächtig ruhig verlaufen. Sie war jeden Tag beim Professor gewesen, der irgendwelche Tests mit ihr durchgeführt hatte, um herauszufinden, ob sich etwas in ihrem Körper durch die Reise nach Tellus verändert hatte. Und natürlich um ihre weiteren Pläne zu besprechen, aber das geschah nur hinter verschlossenen Türen.
Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich mit einem leisen Ping und Lilly trat hinein. Höflich nickte sie den zwei jüngeren Soldatinnen zu, die sie mit großen Augen fasziniert anstarrten. Dies kam öfter vor als Lilly erwartet hatte, denn Lilliana schien auf der Basis tatsächlich eine kleine Berühmtheit zu sein, die von allen bewundert wurde. Wer hätte gedacht, dass Lilly in einer alternativen Welt buchstäblich eine Heldin war, wie sie sie immer in Büchern vorfand? Dennoch war es nicht Lilly, die sie bewunderten, wie sehr sie es sich manchmal auch wünschte. Sie kassierte bloß das Lob für eine andere Person ein.
Als der Fahrstuhl in der Krankenstation anhielt und Lilly ausstieg, hörte sie noch das Getuschel der Mädchen. „Das war Lilliana Anderson! Wir haben Lilliana Anderson getroffen!"
Lilly schnaubte. „Da muss ich euch leider enttäuschen.", murmelte sie leise, bevor sie vor Burrows Labor stehen blieb, um an der bereits offenen Tür zu klopfen. Professor Burrows, der wie üblich verschiedene Skizzen beschriftete, die Lilly jedoch nie genauer identifizieren konnte, sah freundlich zu ihr hoch.
„Lilly, meine Liebe. Komm herein." Mit einem Lächeln betrat Lilly das Labor und setzte sich auf die Liege, um dort geduldig auf Burrows zu warten. Sie hatte in dieser kurzen Zeit den Professor schon ins Herz geschlossen, der wahrscheinlich jeden mit seiner sympathischen Art um den Finger wickeln konnte. Nun konnte sie auch Williams fast schon fanatische Bewunderung, die er für Burrows hegte, nachvollziehen.
„Heute benötige ich Blut von dir.", sagte Burrows mit großen Augen, während er sich die blauen Handschuhe überstreifte. Da ihre Trainingsmontur eng an ihrer Haut anlag, streifte sie sich das Oberteil über den Kopf, sodass ihr Arm nun frei lag.
Gerade, als Burrows behutsam ihre Haut desinfizierte, stürmte plötzlich William durch die Tür hinein. „Lilly, ich ", fing er an, doch erstarrte, als er ihren halb entblößten Oberkörper sah.
Burrows stellte sich mit gehobener Augenbraue vor Lilly, um ihr Sichtschutz zu gewähren, doch William hatte sich bereits hastig abgewandt und starrte nun unbeholfen die Wand des Flurs an. Die Hitze stieg in Lillys Wangen und brachte sie zum Glühen. Seltsamerweise schien ihr ein peinlicher Vorfall nach dem anderen mit William zu geschehen.
„Entschuldige, ich dachte, dass ihr bereits fertig wärt. Ich – ich warte vor der Kantine auf dich.", verkündete er mit einer kratzigen Stimme und eilte dann räuspernd davon.
Kichernd setzte der Professor die Nadel an ihrer Haut an, während Lilly William mit zusammengepressten Lippen hinterher sah. Der leichte Stich an ihrem Arm ließ Lilly wieder zu Burrows blicken.
Mit einem warmen Lächeln blickte er ihr kurz in die Augen, bevor er die Nadel mitsamt der mit ihrem Blut befüllten Kanüle behutsam entfernte. „Liebe, die weit in ein anderes Universum reicht.", sagte er fast schon nostalgisch, während er ein Pflaster auf ihren Arm klebte.
Sofort wich Lilly etwas zurück, wobei sie bloß noch mehr errötete. „Was? William? Ich liebe ihn nicht.", sagte sie schneller als sie denken konnte. Doch es entsprach der Wahrheit: Sie vertraute ihm und sie verbrachten sehr viel Zeit miteinander aufgrund ihrer misslichen Situation. Aber Liebe war das nicht. Gütiger Himmel, sie kannten sich doch erst seit einer Woche!
Außerdem war William immer noch eine alternative Variante zu Will, ihrem besten-Freund-Will, ihrem Bruder-von-einer-anderen-Mutter-Will. Bei Will wäre sie nicht einmal auf die Idee gekommen, mehr als platonische Liebe für ihn empfinden zu können. Aber genauso wenig wie Lilliana, die Naga-Killerin und Heldin New Yorks, Lilly war, war William nicht Will. Sie kannte William doch kaum, aber sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er das genaue Gegenteil von Will war.
Verlegen sah Lilly weg. „Ich liebe William nicht. Und das sollte ich auch unter allen Umständen so beibehalten. Schließlich werde ich früher oder später Tellus verlassen und zurück auf die Erde gelangen, wohin er mir nicht folgen kann. Nicht folgen darf, wenn ich es richtig verstanden habe.", sagte sie ein wenig bedrückt. Es fühlte sich falsch an, William hier zum Sterben zurückzulassen.
Plötzlich sah Burrows sie mit einem so gequälten Ausdruck an, dass es Lilly ein wenig überrumpelte, da er sonst immer nur lächelte. „Wie wahr. Nichts schmerzt mehr als eine Trennung.", sagte er leise. Und ehe sie sich versah, sprudelte auch bereits die nächste Frage über ihre Lippen. „Haben Sie eine solche Trennung erleben müssen, Sir?"
Für einen Moment befürchtete sie, dass sie ihm mit dieser Frage zu nahe getreten war, doch Burrows lächelte nur traurig. „Es ist schon lange her. Aber ich liebe sie noch wie am ersten Tag." Mitfühlend senkte Lilly ihren Blick. „Vielleicht sollten Sie sie noch einmal aufsuchen. Vielleicht empfindet sie ja dasselbe.", schlug Lilly vorsichtig vor. Schließlich kannte sie den Trennungsgrund nicht.
Burrows lächelte. Seine weißblonden Haare funkelten im Licht der LED-Lampen. „Das ist ein guter Ratschlag, meine Liebe. Das sollte ich wohl demnächst tun."
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William wartete tatsächlich vor der Kantine. Die Hände in den Hosentaschen vergraben war er an der Wand gelehnt und beobachtete mit kühlem Interesse die sich laut unterhaltenden Soldatengruppen, die die Halle betraten. Als William Lilly erblickte, die dieses Mal jedoch angekleidet war, erhellte sich seine Miene und er lief ihr entgegen.
„Lilly! Entschuldige, ich hätte anklopfen müssen.", sagte er und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Schon gut.", presste sie heraus. William schien ihre Verlegenheit zu bemerken, denn er wechselte schnell das Thema, während sie gemächlich in die Halle schritten.
„Heute werden die monatlichen Pläne ausgehängt. Wenn du Glück hast, werden wir in einen anderen Einsatzbereich eingesetzt.", erklärte William ihr, wobei er aufgrund des lauten Stimmgewirrs den Kopf zu ihrem Ohr beugen musste.
„Es gibt auch noch andere Einsatzbereiche als die Patrouillengänge?", fragte Lilly neugierig. Lächelnd winkte sie Nour und Jiang zu, die bereits über den durch die ganze Halle verlaufenen Esstisch gebeugt waren und sich auf das Essen stürzten. „Neben der Patrouille gibt es auch Versorgungsmissionen, in denen Lebensmittel und andere Mittel des täglichen Bedarfs, die stark rationiert sind, an die Bevölkerung ausgeteilt werden. Außerdem gibt es noch die Aushilfe in Lazaretten und Krankenhäusern sowie hauswirtschaftliche Tätigkeiten hier auf der Basis.", raunte er ihr zu und nickte ebenfalls Nour und Jiang zu.
Nour schnitt ihm neckend eine Grimasse, als sie sich gegenüber von ihnen setzten. „Alles ist mir lieber als Begegnungen mit weiteren Riesenschlangen.", murmelte Lilly leise, doch an Williams Schmunzeln konnte sie erkennen, dass er sie gehört hatte.
„Wenn wir in der Basis eingesetzt werden, bekommt der Offizier einen Tritt in den Allerwertesten von mir!", verkündete Nour laut und funkelte böse zur Loge hoch, wo der Offizier bald wie jeden Tag erscheinen würde.
Panisch sah sich Jiang um. „Nour, du musst echt aufpassen, was du hier vor allen Leuten sagst. Man könnte dich des Verrats verdächtigen, denken, dass du zu diesen Rebellengruppen gehörst.", beteuerte er ihr besorgt, doch Nour schnaubte bloß. „Ich gehöre nicht zu diesem Abschaum. ‚Rebellengruppen', dass ich nicht lache! Die kriegen auch einen Tritt von mir, wenn ich die erst einmal in die Finger bekomme. Wisst ihr was? Ich gründe einfach eine eigene Gruppe.", sagte sie mit gerecktem Kinn und verschränkten Armen.
Lilly musste bei ihren Worten kichern. Sie hatte Nours temperamentvolle Art bereits ins Herz geschlossen. Amüsiert lehnte sich William auf seinem Stuhl zurück. „Und wie würdest du diese nennen?", fragte er schmunzelnd.
Grinsend schlug Nour mit der Faust gegen Jiangs Arm, der sich seufzend die Stelle rieb. „Die Ass-Kickers."
Alle vier brachen in lautes Gelächter aus, doch sie verstummten augenblicklich, als sie ein Räuspern vernahmen. Steve, der zu ihnen an den Tisch getreten war, hob grüßend die Hand und lächelte Lilly verlegen zu, wobei er den Rest des Teams völlig ignorierte.
Schlagartig versteifte sich Lilly. Seit dem peinlichen Vorfall im Überwachungsraum, in welchem Lilly sich für die Sicherheit ihrer Mission geopfert hatte, indem sie den verliebten Steve geküsst hatte, verfolgte er sie mit jedem Schritt. Lilly war sich ziemlich sicher, dass Steve der ganzen Basis von dem Kuss erzählt hatte, was die ganze Situation nur noch schlimmer machte.
„Lilliana, du siehst wie immer wunderschön aus. Könnte ich dich nach der Zuteilung in die neuen Einsatzbereiche in den Aufenthaltsraum meiner Station entführen?", fragte er und versuchte dabei charmant zu klingen, doch er erinnerte Lilly an eine sehr schleimige Schnecke. Unbehaglich rutschte sie auf ihrem Sitz hin und her. Sie spürte förmlich die zahlreichen Augenpaare, die auf ihr lasteten und das Gespräch gebannt verfolgten. Was würde Lilliana nun tun?
„Vielen Dank, aber ich verzichte.", antwortete sie mit fester Stimme. Ein Raunen ging durch den Saal. Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, wie Nour und Jiang sich leise lachend eine Hand vor dem Mund hielten. Steve lief rot an. „Lilliana, bitte lass es uns versuchen. Ich ", er legte eine verschwitzte Hand auf ihre Schulter, doch sofort blitzte Williams Hand hervor, der seine Hand fest anpackte und so von ihrer Schulter entfernte. „Sie hat ‚nein' gesagt.", knurrte er warnend.
Rasend vor Wut ballte Steve die Hände zu Fäusten. „Barret. Halt dich da raus.", spuckte er wütend. William sprang auf die Füße. Er war so viel größer und breiter als Steve, dass Steve im Vergleich aussah wie ein 15 – jähriger pubertierender High School Junior. „Verschwinde einfach, Steve. Du hast dich bereits vor der ganzen Basis zum Affen gemacht. Habe wenigstens einen ehrenvollen Abgang.", sagte William gleichgültig.
Steve atmete so schwer, dass seine Brust bebte. Schnell stand Lilly ebenfalls auf, sodass sie nun zwischen den jungen Männern stand. Die unzähligen Blicke der Soldaten brannten auf ihrer Haut. Sie erwarteten von ihr, dass sie sich wie Lilliana verhalten würde, die Heldin, die sie alle bewunderten. Doch Lilly hatte nicht den geringsten Schimmer, wie Lilliana sich in solch einer Situation verhalten würde. Zu ihrem Glück wurde ihr diese Entscheidung auch abgenommen, denn in genau diesem Moment trat Offizier Denton auf die eingezäunte balkonartige Loge zwischen den steinernen Wänden.
Lilly hörte auf zu atmen. Der Offizier blickte ihr, inmitten von Tausenden von Soldaten, direkt in die Augen. Mit zurückhaltendem Interesse beäugte er Lilly, William und Steve abwechselnd.
Wusste er es? Wusste er, dass sie nicht Lilliana war?
Das altbekannte Klirren ertönte durch den ganzen Saal. „Krieger und Kriegerinnen der Dritten Basis New Yorks. Die Zählung beginnt in Kürze. Ich bitte euch, Platz zu nehmen.", sagte er mit einer schneidenden Stimme. Seine Worte hallte von den Mauerwänden wider. Steve warf William einen letzten bissigen Blick zu, bevor er davon schritt. Schnell setzte Lilly sich und war erleichtert darüber, nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Jiang beugte sich leicht über den Tisch. „Wie amüsant! Nour und ich haben schon auf eine Schlägerei gehofft.", flüsterte er ihnen grinsend zu. Genervt verdrehte William die Augen.
Die Zählung machte Lilly weniger nervös als beim ersten Mal, dennoch spürte sie die Erleichterung wie eine Welle auf sie zukommen, als der Scanner sie erfasste und ihr Kopf anschließend grün aufblinkte. Lilly fragte sich, was passieren würde, wenn der Scanner rot blinken würde und wie oft dies schon geschehen war.
„Vielen Dank für eure Kooperation. Wie auch zu Beginn jeden Monats bedanke ich mich für eure mutige Arbeit im Kampf gegen die Nagas, der Seuche und den Katastrophen. Nun werden euch die Unteroffiziere den neuen Einsatzbereichen zuordnen.", verkündete der Offizier und trat einen Schritt zurück, woraufhin eine ältere Frau sowie ein junger Mann auf der Loge hervortraten, die sich als die Unteroffiziere herausstellten.
William beugte sich dicht zu ihrem Ohr. „Jeder Soldat wird nun in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen, Anderson. Du wirst die erste sein. Alles, was du tun musst, ist ‚zu Befehl' antworten.", wisperte er ihr zu und lehnte sich dann zurück. Nervös nickte Lilly.
Die Unteroffizierin rief laut ihren Namen. „Anderson, Lilliana." Lilly zuckte leicht zusammen. Die Frau mit den weißen, kinnlangen Haaren hielt eine lange Liste in der Hand. „Versorgung in den Bezirken 13 bis 17 mit dem Team bestehend aus Barret, William, Haidar, Nour und Song, Jiang." Erleichtert nickte Lilly. Versorgung, nicht Patrouille. „Zu Befehl", rief sie laut durch den stillen Saal.
William lachte leise. „Wenn wir auf einer Versorgungsmission einem Naga begegnen, und die Wahrscheinlichkeit ist höher als du denken magst, dann ist es trotzdem unsere Pflicht, es zu töten, auch wenn wir nicht auf Patrouille sind.", murmelte er ihr zu. Sie warf ihm einen entsetzten Blick zu.
Theatralisch seufzte Nour. „Das ist schon das dritte Mal dieses Jahr, dass wir in den Versorgungsbereich eingeteilt werden. Viel lieber würde ich noch ein paar Nagas umlegen als mir das Jammern der Leute anzuhören.", klagte sie mit verschränkten Armen. Jiang zuckte bloß mit den Schultern. „Ich finde das gar nicht so schlimm."
„Ja, weil du dir vor Angst in die Hosen machst, wenn dir ein Naga auch nur ins Sichtfeld springt.", zog Nour ihn grinsend auf, was Jiang bloß mit einem Schnauben kommentierte.
Die Unteroffiziere riefen abwechselnd die Soldaten und ihr jeweiliges Team auf, was Lilly mit neugierigem Interesse beobachtete, während William sichtlich gelangweilt mit den Fingern auf den Tisch trommelte.
„Johnson, Jasper.", rief der Unteroffizier mit lauter Stimme. Plötzlich verharrte William in der Position. Auch Nour und Jiang hatten aufgehört zu tuscheln und blickten auf. „Patrouille in den Bezirken 6 bis 10"
„Was?", stießen Jiang und Nour synchron aus. Die Farbe wich aus Williams Wangen. „Nour, ich hatte dich doch darum gebeten, dass Jasper nicht in Bezirk 6 eingesetzt wird.", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. Auch Nour war erblasst. „Ich habe die Info weitergegeben. Und ich dachte, sie sei angekommen. Das kann gar nicht sein.", zischte Nour wütend und hielt nach Jasper Ausschau. Besorgt tat Jiang ihr das nach. „Armer Jasper."
Verwirrt sah Lilly William an, der sich nun ebenfalls angespannt umsah. „Ich war Jasper einen Gefallen schuldig. Ich habe ihm versprochen, dass er nicht in den sechsten Bezirk eingesetzt wird.", murmelte William.
Nour zog plötzlich scharf die Luft ein und deutete auf einen eher schmächtigen Jungen, der aufgesprungen war. Entsetzt bemerkte Lilly, dass er viel mehr aussah wie ein zwölfjähriger Junge als ein Soldat. Jasper schien zu den wenigen zu gehören, die weder Trainings- noch Kampfmontur trugen. Stattdessen trug er einen grauen Hoodie und eine schwarze Jeans. Er könnte von der Erde kommen, dachte sich Lilly. Doch trotz seiner schmächtigen Statur und seinen eingefallenen Wangen blickte er mit lodernder Wut zum Unteroffizier hoch.
„Ich werde diesem Befehl nicht Folge leisten.", rief Jasper mit fester Stimme.
Stille. Fassungslos hielt Lilly den Atem an. Die Luft schien an ihren Fingerkuppen zu knistern. Der ganze Saal, tausende von Soldaten waren erstarrt, beobachteten ungläubig das Geschehen.
„Soldat, wiederhole deine Antwort. War das etwa ein Widerspruch?", rief der Unteroffizier laut und sah Jasper mit zusammengekniffenen Augenbrauen an. Offizier Denton, der zurückgetreten war und nun im Schatten stand, beäugte den Jungen mit kühler Berechenbarkeit.
„Sie haben mich schon richtig verstanden. Ich werde diesem Befehl nicht Folge leisten.", brüllte Jasper dieses Mal.
„Was zur Hölle hat er vor? Die werden ihn kalt machen!", flüsterte Jiang entsetzt. William krallte sich mit den Fingern in den Tisch.
„Du hast einen Eid geschworen, Soldat. Nicht befolgte Befehle werden abgestraft.", warnte der Unteroffizier mit Abscheu in der Stimme.
„Ich habe keine Angst vor euch. Vor euch allen. Ich werde nicht in den sechsten Bezirk gehen!", rief Jasper und sah verächtlich zum Offizier.
„Ergreift ihn.", rief die Unteroffizierin laut. Zwei rothaarige Soldatinnen marschierten auf Jasper zu und packten ihn an seinen Armen. Doch Jasper versuchte erst gar nicht, sich zu wehren. Die Soldatinnen waren ihm zweifellos überlegen, doch während man ihn aus dem Saal führte, hob er stolz seinen Kopf. Lilly konnte keine Spur von Angst in seinem Gesicht erkennen. Bloß vielversprechende Wut.
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Auf dem Weg zur Trainingshalle erschien immer wieder Jasper vor Lillys Augen, wie er hoch erhobenen Hauptes abgeführt wurde. Und jedes Mal fuhr ein kalter Schauer ihren Rücken hinab. „Was wird man mit ihm tun?", fragte Lilly. William, der seit dem Vorfall in Gedanken versunken war, sah weg. „Ich weiß es nicht." Seine Schultern hingen tief hinab und er war immer noch sehr blass im Gesicht. „William." Lilly legte behutsam eine Hand auf seine Schulter. „Das hier ist nicht deine Schuld." Bedrückt senkte er die Lider. „Oh doch, ich trage die Verantwortung für sein Schicksal."
Sie betraten die Halle, in der Lilly und William in der vergangenen Woche täglich gemeinsam gekämpft hatten. Die steinernen Mauern ragten hoch hinauf zur Decke, die so hoch war, dass Lilly sie kaum erkennen konnte. An den Wänden hängten Schwerter, Dolche und andere scharfe Waffen und in jeder Ecke standen hölzerne Menschen- und Schlangenfiguren, auf die einige Soldaten brutal einstachen.
Der ledrige Geruch der Waffenhefte und Matten stieg ihr in die Nase. „Es wird mir nun sicher gut tun, dich gleich beim Kampf zu besiegen.", sagte William mit einem halbherzigen Lächeln. Sie konnte erkennen, dass er noch an Jaspers Schicksal dachte, aber sie wusste, dass er diese Ablenkung nun gebrauchen konnte.
Empört schnaubte sie. „Heute werde ich es dir nicht so einfach machen.", scherzte Lilly. Denn auch wenn sie in dieser Woche bereits viele Kampftechniken kennenlernen durfte, benötigte sie noch eine ganze Menge Übung, bis sie William im Kampf ebenbürtig werden würde.
Grinsend blieb William in einer abgelegenen Ecke stehen und schwang sein Langschwert, das er aus der Scheide an seiner Hüfte zog. „Das möchte ich sehen.", sagte er spöttisch. Lilly griff nach einem an der Mauer befestigten Schwert und hielt es abwehrend vor sich. „Nur zu." Sie nickte ihm schnippisch zu.
Zugegeben war sie ziemlich stolz auf sich, dass sie das Schwert nun in der richtigen Position halten konnte. Das war ihr vor wenigen Tagen noch nicht gelungen gewesen.
William schlug mit einer Leichtigkeit zu, doch Lilly wehrte den Hieb überrascht ab. „Nicht schlecht.", murmelte er, bevor er erneut zuschlug. Lilly, die nun selbstbewusster war, parierte die nächsten Hiebe ebenfalls. Das Klirren der Schwerter, die immer wieder aufeinanderprallten, spornte Lilly an. Ihr Arm vibrierte zwar bei jedem Schlag und brannte bereits nach kurzer Zeit unter dem Gewicht, doch sie blieb überraschenderweise standhaft.
„Ich sehe, du wirst besser, Anderson.", sagte William schmunzelnd. „Doch das wird mir nun leider zu langweilig." Er gähnte. Plötzlich schwang er sein Schwert in einer so hohen Geschwindigkeit, dass Lilly perplex blinzeln musste. Wie ein sich wirbelnder Sturm drehte er sich und schlug fest zu, sodass sie ihr Schwert nicht mehr halten konnte. Das zitternde Metall schlug auf dem Boden auf. Ein brennender Stich durchfuhr Lillys Arm.
Grinsend verbeugte sich William und hielt die Spitze des Schwertes nun vor Lillys Brust. Während Lilly vor Anstrengung der Schweiß hinuntergerannt war, schien William der Kampf keine Mühe bereitet zu haben. Mit seinen dunklen Locken, die sich aus seinem sonst so festen Zopf gelöst hatten und nun seine hohen Wangenknochen umspielten erinnerte er Lilly an einen schwarzen Löwen, der anmutig auf einem hohen Felsen thronte. Das Leuchten seiner haselnussbraunen Augen benebelte Lilly für einen Moment. Doch dann fasste sie sich wieder. Sie würde ihn doch nicht so einfach gewinnen lassen.
Blitzschnell schoss ihr Fuß in die Höhe und schlug mit einem Schwung seinen Arm zur Seite. William, der diesen Schachzug nicht erwartet hatte, ließ vor Überraschung sein Schwert ebenfalls fallen, das neben ihrem auf dem Boden fiel.
Anerkennend nickte er ihr zu. „Wirklich gut, Anderson. Aber das hier", er deutete auf die auf dem Boden liegenden Schwerter, „sind bloß Schmuckstücke für mich. Ich benötige keine Waffen."
Ehe Lilly sich versah hatte William bereits nach ihren Armen gegriffen, sie mit einer Leichtigkeit umgedreht und gegen die steinerne Mauer gedrückt. Mit einer Hand hielt er ihre Hände hinter ihrem Rücken fest, während er die andere Hand an die Wand neben ihrem Kopf setzte.
Lillys Herz schlug fest gegen ihre Brust, als sie seine harte Brust an ihrem Rücken gepresst spürte. William beugte sich dicht zu ihrem Ohr. Sie konnte seinen heißen Atem an ihrem Ohrläppchen spüren.
„Irgendwie fühlt sich diese Position ... vertraut an. Findest du nicht auch?", raunte er er ihr leise ins Ohr. Seine tiefe Stimme brachte das Blut in ihren Adern zum Kochen. Sie konnte förmlich das Grinsen aus seiner Stimme heraus hören.
Lilly wusste, worauf er hinaus wollte. Er spielte auf ihre erste Begegnung an, in der William gedacht hatte, dass sie in die Basis eingebrochen war.
Ihre Wangen glühten. Sie verharrten in dieser Position und nun spürte Lilly auch, dass William schwerer an ihrer Haut atmete. Ihre Haut prickelte an dieser Stelle.
„Lilly.", hauchte er schweratmend. Das Grinsen schien verflogen zu sein. „Ich -", fing er an, doch Lilly nutzte den Moment und stieß ihren Fuß nach hinten gegen seinen Oberschenkel. Dies brachte ihn zwar nicht zum Fallen, aber er war so benebelt, dass er zurücktaumelte und somit von ihr abließ. Schnell drehte sich Lilly zu ihm. Ihr Mund fühlte sich plötzlich ganz trocken an, als sie in seine dunklen Augen blickte.
„Ich denke ... ich habe gewonnen.", sagte sie ein wenig atemlos. Räuspernd richtete William seinen Kragen und fuhr sich durch die Haare, bevor er wegsah und nickte. „Diesen Sieg überlasse ich dir."
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„Könnt ihr mich hören?", erklang Professor Burrows Stimme durch den Chip in ihrem Ohr. Lilly nickte und auch William, der sie nach Training kaum beachtet hatte, stimmte zu. Sie standen alle drei in Burrows Labor, bereit, ihren Plan auszuführen.
„Gut, ihr kennt den Plan, ihr kennt eure Aufgabe. Ich kümmere mich im Überwachungsraum darum, dass die Kameras ausgeschaltet werden. Wir werden dann nur wenige Minuten haben, vergesst das nicht.", mahnte er und rückte seine schiefe Brille zurecht. Als Lilly und William erneut nickten, lächelte der Professor zuversichtlich.
„Nun gut. Ich frage mich, welche Geheimnisse wir gleich entlüften werden."
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