Kapitel 14
Erde 2019
„Lilliana, Lagebericht!", ertönte Wills Stimme in Lillianas Ohr. Vergnügt grinste er. „Das wollte ich schon immer mal sagen." Lilliana verdrehte bloß die Augen, konnte sich ein leichtes Lächeln aber nicht verkneifen. Vorsichtig beugte sie sich über die kühle Metallstange, die das Dach, auf das sie geklettert war, umzäunte. Von hier aus hatte sie den perfekten Ausblick auf den Schulhof der Brooklyn High School, die sie vor einer Woche besucht hatten, um Mister Burrows über parallele Welten auszufragen.
„Ein Mann mit dunklen Haaren und einer Sonnenbrille ist gerade aus einem schwarzen Auto gestiegen.", antwortete Lilliana und analysierte mit kühler Berechenbarkeit die Szene, die sich vor ihr abspielte. Der Mann lief auf Mister Burrows zu, der von seinem Fahrrad abgestiegen war und mit seinen wirren blonden Haaren verwirrter denn je aussah. Der Physiklehrer machte den Eindruck, sich ein bisschen zu viel mit Elektrizität beschäftigt zu haben, dachte sich Lilliana schmunzelnd. „Ton wird benötigt.", fügte sie hinzu, als die Männer anfingen miteinander zu sprechen.
„Wird erledigt, Captain.", erwiderte Will, der sich in eines der zahlreichen Büros im gegenüber liegenden Gebäude befand. „Weißt du, du siehst aus wie Spiderman, da oben auf dem Dach.", fügte er hinzu, während er an irgendwelchen Knöpfen zu drehen schien. Parallel zu Wills Stimme hörte Lilliana nun ein Rauschen, das sich zunehmend klärte.
Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Wer ist Spiderman?" Stille. „Ach, bloß ein Freund von mir.", antwortete Will dann nach einiger Zeit. „Kannst du nun etwas hören?", fragte er neugierig.
Konzentriert lauschte sie dem leiser werdenden Rauschen und den nun deutlich hörbaren Stimmen, während sie den Mann im schwarzen Anzug dabei beobachtete, wie er seinen Ausweis dem überforderten Mister Burrows entgegenhielt.
„...Barret, ein ehemaliger Schüler von ihnen, war nach unseren Aufzeichnungen vergangene Woche hier, um sie aufzusuchen. Ist das korrekt, Mister Burrows?", fragte der Mann eindringlich. Er sprach mit einem kühlen Unterton in der Stimme.
Aufgewühlt fuhr Mister Burrows sich über das Gesicht. „Das – das ist korrekt, Sir. Ich weiß, dass Lehrer keine Lieblingsschüler haben sollten. Aber Will war tatsächlich mein Lieblingsschüler." Er lachte nervös. "Hat er eine Straftat begangen?"
„Das versuchen wir herauszufinden, Mister Burrows, und dafür bedarf es ihrer Kooperation. Ist William Barret in Begleitung erschienen?", fragte er, während er seinen Ausweis wieder in der Innentasche seines Jacketts verstaute. Kaum merklich wurde Lillianas Griff um die Stange fester, sodass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie hatte inbrünstig gehofft, dass der Geheimdienst nur hinter Lilliana her war. Sie hatte gehofft, dass Will davon verschont blieb. Schuldgefühle überfielen sie, doch sie schüttelte sich und ermahnte sich, fokussiert zu bleiben.
„Ja, eine junge Dame war an seiner Seite. Wenn ich mich nicht irre, war sie ebenfalls Schülerin an unserer High School gewesen. Ich selber habe sie jedoch nie unterrichtet und kenne deshalb auch nicht ihren Namen.", erklärte Burrows verzweifelt. „Aber sie schien genauso wie Will ebenfalls ein wundervolles Kind zu sein.", fügte er schnell hinzu.
Der Mann nickte. „Verstehe. Warum wollte Mister Barret mit Ihnen sprechen? Schließlich besucht er bereits seit einem Jahr das College. Was für einen Grund könnte es da haben, einen ehemaligen Physikprofessor der High School aufsuchen zu wollen?", fragte er mit schneidender Stimme. Die Härchen auf Lillianas Armen stellten sich auf. Es klang danach, als wüsste er bereits haargenau die Antwort.
Mister Burrows blinzelte. „Nun ja, wir haben ein wundervolles Verhältnis zueinander, Will und ich. Er ist fast schon wie der Sohn, den ich nie hatte. Ich meine, sein Besuch hätte keinen bestimmten Grund gehabt." Burrows massierte mit zwei Fingern seinen Kinn, während er überlegte. Dann erhellte sich seine Miene plötzlich „Oh ja, natürlich! Will arbeitet gerade an einer Facharbeit, fürs College. Ich kann Ihnen jedoch beim besten Willen nicht sagen, um welches Thema es sich gehandelt hatte."
Der Mann blickte auf seine Armbanduhr. „Paralleluniversen?", fragte er wissend.
Mit geweiteten Augen zeigte Mister Burrows mit dem Zeigefinger auf ihn. „Genau, genau, das war es. So ein faszinierender Junge.", sagte er fast schon schwärmend. „Aber warum sollte das von Bedeutung sein?"
Der Mann nickte bloß. „Vielen Dank für Ihre Kooperation, Mister Burrows. Sie waren uns eine große Hilfe.", sagte er mit gleichgültiger Miene und wandte sich dann ab, um auf das schwarze Auto, dass er am Straßenrand geparkt hatte, zu steuern.
„Ich – ich vermute, dass Sie nach der falschen Person suchen, Sir.", rief Burrows dem Mann hinterher. „Will ist ein guter Junge!" Doch der Mann drehte sich nicht zu ihm um. Stattdessen tippte er auf der Uhr an seinem Handgelenk herum und stieg in den Wagen. Die Schulglocken erklangen laut und ließen Mister Burrows, der Mühe hatte seinen ledernen Aktenkoffer zu tragen, aufschrecken. Schnell eilte er in das alte Schulgebäude, während er unverständlich etwas vor sich hin zu murmeln schien.
„Oh verdammt, die Lage ist ja echt ernster als gedacht.", seufzte Will leise, der das Gespräch ebenfalls mitgehört hatte. „In Ordnung, wir haben nun die benötigten Informationen. Du kannst wieder herunterklettern.", fuhr er fort. Die Verzweiflung war seiner Tonlage anzumerken.
Lilliana war blass geworden. Sie starrte das Auto an, beobachtete, wie der Motor gestartet wurde.
„Lilliana?", fragte Will beunruhigt. „Was hast du vor?"
Kurz ertastete sie ihren Dolch an ihrer Hüfte, bevor sie zum Rand des Dachs lief. Mit zusammengekniffenen Augen analysierte sie die Entfernung zwischen den Gebäuden und den dafür benötigten Aufschwung, um einen sicheren Fall in die Tiefe zu verhindern. Ein Sturz aus dieser Höhe wäre wahrscheinlich ihr endgültiger Tod. Aber sie würde es riskieren. Die Informationen genügten ihr nicht. Sie musste wissen, wohin der Mann fuhr, woher er die ganzen Informationen hatte.
Sie ließ den schwarzen Wagen nicht aus den Augen.
„Lilliana!", rief Will entsetzt. Sie wich ein paar Schritte zurück. Der Wagen fuhr los.
Lilliana nahm Anlauf und sprang.
Die Luft peitschte ihr ins Gesicht und ließ ihren hohen Zopf im Wind wehen. Für einen Bruchteil der Sekunde genoss sie die Freiheit, die sie hoch hinauf in der Luft verspürte, bevor sie den harten Boden wieder unter sich spürte. Um den Aufprall abzudämmen, rollte sie sich jedes Mal auf den Dachziegeln ab, bevor sie aufsprang und erneut flog.
Und so sprang sie von Dach zu Dach, blendete den berüchtigten Straßenlärm New Yorks aus und konzentrierte sich mit allen Sinnen auf das immer schneller fahrende Auto unter ihr. Davon angespornt beschleunigte sie ihre Schritte, bückte sich jedes Mal, um mit dem Kopf nicht gegen die Scheiben der Antennen zu stoßen.
Bis sie dann die Entfernung falsch einschätzt. Bis sie den fehlenden Boden unter ihren Füßen bemerkte.
Mit weit aufgerissenen Augen unterdrückte sie einen Aufschrei. Ihre Hand blitzte nach oben und bekam einen Dachziegel zu fassen, während der andere Arm sich an der Betonwand des Gebäudes aufschlürfte. Mit zusammengebissenen Zähnen stöhnte sie schmerzerfüllt, bemüht, den verletzten Arm ebenfalls hoch zu kriegen. Ihr wurde übel, als sie es wagte, in die tief liegende Gasse hinunterzublicken. Schweißtropfen rannten ihr die Stirn hinunter und sie spürte, wie ihre Hand auch schweißnass wurde und ihre Finger allmählich abrutschten, ihr Gewicht nicht mehr halten konnten.
Lilliana atmete tief aus, um dann mit aller Kraft ihren hinunter baumelnden Arm nach oben zu schwingen. Erleichtert fasste sie am Dachziegel und schwang sich mühevoll hinauf. Schweratmend suchte sie mit ihren Augen die Straße nach dem Auto ab, doch dieses war schon längst durch die wirren Straßen New Yorks verschwunden.
„Verdammt.", presste sie wütend heraus, bevor sie sich erschöpft niederließ. Sie brauchte einen Moment, um ihre Atmung zu beruhigen.
„Lilliana, du bist absolut wahnsinnig. Ich gebe ja zu, dass das total abgefahren war und du tatsächlich wie Spiderman aussahst, so wie du von Dach zu Dach gesprungen – nein, geflogen – bist! Aber verdammt, du bist echt lebensmüde.", erklang Will entgeistert in ihrem Ohr. Erschöpft schloss Lilliana die Augen. „Ich habe ihn verloren." Ihre Enttäuschung war nicht zu überhören.
„Natürlich hast du das, schließlich fährt er mit einem 55 Meilen die Stunde fahrenden Auto!", sagte Will verdattert, als hätte sie den Verstand verloren. Dann räusperte er sich und fuhr diesmal sanfter fort. „Du warst absolut umwerfend, Lilliana. Wir haben fürs Erste genug Informationen gesammelt.", ermutigte er sie. Seufzend nickte Lilliana.
„Lilliana, Will?", erklang Dr. Hernandez Stimme plötzlich, die aber fast von einem Rascheln im Hintergrund übertönt wurde. „Ich habe hier etwas vorbereitet, in meinem Labor. Ich funke euch gleich die Adresse zu."
„Verstanden, Doc. Worauf müssen wir uns einstellen? Kommen.", sagte Will mit einem breiten Grinsen.
„Will, bitte tu uns allen den Gefallen und lass deine Funksprüche. Ich habe womöglich einen Weg gefunden, wie wir mit Tellus kommunizieren können."
Neugierig horchte Lilliana auf. „Wir kommen auf der Stelle.", sagte sie kurz und knapp und sprang wieder auf die Füße.
„Verstanden, Doc. Da ich Spiderman an meiner Seite habe, werden wir schneller da sein als ich alle Funksprüche aufsagen kann. Ende."
Genervt beendete Dr. Hernandez das Gespräch.
„Würde sich unsere Rapunzel nun endlich vom Turm hinunter wagen?", fragte er grinsend.
Lilliana blickte zur Sonne auf, die angenehm warm auf ihren Kopf strahlte. Geblendet vom weißen Licht kniff sie die Augen zusammen. Die Sonne auf Tellus war stets blutrot gewesen. Ob es sich wohl um die selbe Sonne handelte? Lilliana fragte sich, ob Lilly, gefangen in einem Schutzanzug, gerade ebenfalls zur Sonne blickte und sich womöglich dasselbe fragte. Vielleicht würde sie ihr das ja gleich beantworten können, wenn Dr. Hernandez einen Weg zur Kontaktaufnahme gefunden hatte.
Ihr wurde bei dem Gedanken mulmig zumute. Sie befürchtete, dass ihr die Zeit hier auf der Erde davon rannte. Dass dies eines der letzten Male war, in denen sie die Wärme der Sonne auf ihrer Haut genießen konnte.
Seufzend raffte sie sich auf. „Ja, ich komme jetzt.", antwortete sie auf seinen sarkastischen Kommentar. Leise lachend beendete Will daraufhin die Verbindung. In Gedanken versunken lief sie zur gegenüber liegenden Seite des Daches, wo sie eine Rettungsleiter an der Wand vermutete.
Doch als sie in die enge Gasse hinunterblickte, stockte sie. Sie stolperte atemlos zurück und rieb sich fassungslos die Augen. Hatte sie sich das etwa nur eingebildet? Mit langsamen Schritten näherte sie sich wieder dem Rand des Daches und blickte zögernd hinunter.
Nein, das war keine Einbildung gewesen. Ungläubig sah sie zu, wie das Bild schwarz zu flackern schien. Es fühlte sich so an, als blickte sie auf ein digitales Bild, bei dem einige Pixel nicht laden konnten. Will würde von einer Störung in der Matrix sprechen, da war sie sich sicher.
„Was zur Hölle?", hauchte sie leise. Das Bild flackerte erneut. Dieses Mal konnte sie einen Blick auf das, was sie zuvor bloß als schwarzes Schimmern beurteilt hatte, erhaschen.
Sie traute ihren Augen nicht. Für den Bruchteil einer Sekunde schaute sie auf schwarzes Ödland hinab, bevor sich das Bild wieder klärte und sie die verrostete Leiter des Wohngebäudes erblickte. Ein streunender Kater versuchte den Deckel einer übel riechenden Mülltonne zu öffnen und miaute, als er dabei versagte.
Lilliana atmete laut aus und massierte sich die Schläfen. Was zur Hölle hatte sie da gerade erlebt? Mittlerweile war sie sich ziemlich sicher, dass das schwarze Flackern nicht bloß ein Produkt ihrer Imagination gewesen war. Nein, es war wirklich passiert.
Zögernd verharrte sie in der Position. Sollte sie Will und Dr. Hernandez davon erzählen? Vorsichtig kletterte sie die laut quietschende Leiter hinunter. Die Gasse flackerte nicht noch einmal.
Nein, sie würde dieses Erlebnis fürs Erste für sich behalten. Vielleicht spielte ihr Kopf ja tatsächlich verrückt und sie hatten keine Zeit dafür, dass Lilliana sie womöglich auf eine falsche Fährte führte. Aber sie konnte das flackernde Bild auch nicht einfach vergessen. Deshalb nahm sie sich vor, heute Nacht, wenn alle schliefen, wieder herzukommen. Erst wenn sie Genaueres wusste, würde sie Will und Dr. Hernandez von dem Vorfall berichten können.
Als sie den Boden erreichte, blickte der schwarze Kater auf und begann zu schnurren, als Lilliana ihm etwas skeptisch näher kam. Mitleidig strich sie durch das verfilzte dreckige Fell, das an ihrer Handfläche pikste. Entsetzt bemerkte sie, dass der Kater völlig abgemagert war, denn sie spürte die Rippen, als sie ihn vorsichtig am Bauch kraulte. Sie kannte Katzen bisher nur von alten Fotos, da sie auf Tellus schon lange ausgestorben waren.
„Armes Kätzchen, musst in dieser riesigen Stadt ganz alleine auskommen.", murmelte sie ihm leise zu, woraufhin sein Schnurren bloß lauter wurde. Lilliana hatte nicht erwartet, dass ein streunender Kater so zutraulich war. Lächelnd blickte sie in seine grün leuchtenden Augen. Entzückt bemerkte sie, dass sein rechtes Ohr weiß war, während der Rest des Fells in einem matten Schwarz schimmerte. Lilliana schürzte die Lippen, während sie überlegte. Dann legte sie ihn vorsichtig auf ihrem unverletzten Arm. Sofort schmiegte er sich an ihrer ledernen Jacke. „Dich lasse ich hier nicht zurück, mein kleiner Freund. Du kommst mit mir.", flüsterte sie ihm lächelnd zu und lief, den Kater auf ihrem Arm tragend, aus der Gasse.
Misstrauisch warf Will dem Kater, der dösend auf Lillianas Schoß lag, immer wieder Seitenblicke zu. Auch der Taxifahrer sah sie immer wieder skeptisch durch den Rückspiegel an. Doch Lilliana ließ sich dadurch nicht beirren und kraulte weiterhin das filzige Fell.
Als sie vor einer Lagerhalle stoppten, stellte sie fest, dass es sich dabei eher um ein gigantisches weißes Zelt handelte, das an den Flanken bereits zu rosten begann. Die heute nicht mehr benutzte Halle befand sich in einer abgelegenen Straße inmitten von Ahornblättrigen Platanen, die die Halle in den Schatten stellten. Während Will den Taxifahrer bezahlte, studierte Lilliana ihre Umgebung. Weit und breit war keine Menschenseele zu erkennen. Selbst der laute Straßenlärm war hier nicht zu hören. Weit abgelegen konnte sie am Ende der Straße ein dichtes Gewimmel von weiteren Lagerhallen erkennen, die in Betrieb waren.
„Das Kätzchen ist erwacht.", sagte Will unheilvoll, während sie durch den weiten Eingang in die Halle schritten. Der Kater fauchte Will zu und schmiegte sich an ihrer Jacke. „Ich denke, er mag dich nicht besonders.", sagte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
Empört brummte Will. „So ein Quatsch. Niemand kann meinem Charme widerstehen. Selbst Katzen nicht. Wir müssen bloß noch warm werden."
Hohe Regale aus dicken metallischen Balken türmten sich hinauf zur hohen Decke, die aus Trapezblechen bestand. Auf ihnen befanden sich verschiedenste Kartons und Werkzeuge. Wie in einem Labyrinth gingen Lilliana und Will durch die Gänge auf der Suche nach Dr. Hernandez. Schließlich entdeckten sie, versteckt hinter einem Gabelstapler eine schmale Tür mit der Aufschrift: Vorsicht! Nur bei Betriebszugehörigkeit betreten. Skeptisch sahen sie sich kurz an, bevor sie gemeinsam die staubige Türklinke hinunterdrückten.
Sie betraten ein selbstgebautes Labor mit riesigen dunklen Netzschirmen und einem schwarzen Patientenstuhl, der zentral im Raum lag. Der Raum erinnerte Lilliana mit seinen sorgfältig auf der weißen Arbeitsplatte aufgestellten Reagenzgläsern etwas an Professor Burrows Labor auf der Basis. Verschiedenste Geräte und Monitore, verbunden durch gummiartige Kabelbinder, umrahmten das Labor.
„Ach, da seid ihr ja.", grüßte Dr. Hernandez sie murmelnd, ohne jedoch den Kopf vom Bildschirm zu heben. Mit gerunzelter Stirn tippte sie auf der Tastatur.
„Wow, wie abgefahren! Doc, warum haben Sie uns dieses Labor nicht schon früher gezeigt?", fragte Will mit funkelnden Augen, während er staunend die Monitore begutachtete.
„Nun, ich musste zuvor noch alles vorbereiten."
„Was vorbereiten?", schoss es aus Lilliana, der der Patientenstuhl ein mulmiges Gefühl bereitete.
„Dieses Frequenz-Labor." Nun sah die Astrophysikerin auf und entdeckte auch so endlich den Kater auf Lillianas Armen. „Ein neues Teammitglied?", fragte sie unbeeindruckt.
Lilliana nickte. „Er gehört zu mir.", sagte sie bloß. Der Kater beäugte Hernandez, bevor er erneut zu fauchen begann. Dr. Hernandez zuckte die Schultern und zog sich einen weiten Laborkittel über die schwarze Bluse. Mit einer Handbewegung deutete sie Lilliana an, auf dem Stuhl Platz zu nehmen.
„Frequenz-Labor?", fragte Will schließlich verwirrt, während er sich auf einen tiefen Hocker gegenüber von Lilliana setzte.
Dr. Hernandez nahm auf einem Laborstuhl neben ihm Platz und nickte. Sie überkreuzte die Beine und lehnte sich zurück. „Um den Sinn eines Frequenz-Labors zu verstehen, sollte ich euch zunächst über das ‚Project Center Lane' informieren."
„Einen Moment mal, dieses Projekt sagt mir was! Wurde es nicht während des Kalten Krieges durchgeführt?", fragte Will und rieb die Handflächen vor Aufregung gegeneinander. Hernandez nickte verblüfft, erfreut über Wills Breite an Wissen.
„Ganz genau, Will. Die US-Armee investierte in den 80er Jahren viel Zeit und Geld in das Project Center Lane, um sich während des Kalten Krieges einen militärischen Vorteil gegenüber den Russen zu verschaffen. Es gab eine Zeit, in der man sehr viele Recherchen in ... spirituellen Bereichen anstellte. Und beim Project Center Lane geht es um nichts anderes als um spirituelle Astralreisen."
Ungläubig starrte Lilliana sie an. Sie befürchtete, dass die Astrophysikerin den Verstand verloren hatte. „Spirituelle Astralreisen? Hören Sie, Dr. Hernandez, ich dachte, sie seien Wissenschaftlerin. Deshalb hatte ich erwartet, dass sie einen wissenschaftlichen, auf der Physik basierenden Weg gefunden hätten, um mit Tellus zu kommunizieren.", sagte sie aufgebrachter als gewollt. Doch Dr. Hernandez ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen.
„So abwegig ist diese Methode nicht und man könnte sogar argumentieren, dass sie einen wissenschaftlichen Hintergrund hat.", fuhr sie gleichgültig fort. „Das Monroe-Institut ist auf Astralreisen spezialisiert und vor allem für seine patentierte ‚Hemi-Sync-Methode' bekannt. Bei dieser Methode werden die Hirnwellen der linken und rechten Hirnhälfte durch Töne, durch bestimmte Frequenzen, synchronisiert. Durch diese Synchronisation soll das Gehirn empfänglicher für Hypnose werden."
Begeistert nickte Will. „Wundervoll. Allerdings denke ich, dass Sie einen Schritt übersprungen haben. Was sind Astralreisen?" Er legte den Kopf schief.
Dr. Hernandez' Lippen formten sich zu einem leichten Lächeln. „Astralreisen sind außerkörperliche Erfahrungen, bei denen sich das Bewusstsein frei durch eine metaphysische Ebene bewegt. Der Reisende erlangt dabei eine höhere Bewusstseinsebene. Einige behaupten, dass man in diesem Zustand seinen Körper heilen kann und sogar in die Vergangenheit oder Zukunft reisen kann. Oder auch in Parallelwelten."
Will fiel die Kinnlade hinunter, während Lilliana mit gerunzelter Stirn die Arme verschränkte. Sie war sich unschlüssig darüber, was sie von dem Ganzen halten sollte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Astralreisen mehr waren als bloß spiritueller Unfug.
„Nun zu meinem Frequenz-Labor." Hernandez deutete auf den Raum mit einer kreisenden Handbewegung. „Während einer Astralreise schwingt das Gehirn auf der sogenannten Deltafrequenz, einer Frequenz von 3,0 bis 0,5 Hertz. Die Frequenz der Gehirnwellen spielt bei außerkörperlichen Erfahrungen eine entscheidende Rolle. Bei normaler körperlicher Aktivität liegt die Hirnfrequenz zwischen 38 und 15 Hertz. Je niedriger die Schwingung ist, desto entspannter ist der Mensch und desto leichter gelingt es ihm, seinen Körper zu verlassen.", erklärte sie mit einem Funkeln in den Augen. Allem Anschein nach faszinierte sie das Thema, wie auch Will, der in die Hände klatschte und aufsprang.
„Sie sind ein Genie, Doc. Sie wollen also sagen, dass wir Lilliana nun auf eine Reise in die Astralebene schicken, wo sie von dort aus zu Lilly gelangen wird und mit ihr auf dieser höheren Bewusstseinsebene kommunizieren kann?"
„Du hast es genau richtig erfasst, Will. Wir werden dich in eine Art Traumzustand versetzen, Lilliana. Du wirst einen Ton hören, der die Frequenz deiner Hirnwellen sinken und synchronisieren wird. Währenddessen überwache ich deine Hirnwellen und deinen Puls.", erläuterte sie ihr Vorhaben.
Jetzt sahen sie sowohl Dr. Hernandez als auch Will erwartungsvoll an und warteten auf ihre Zustimmung. Lilliana zögerte. Sie konnte ihre Verwirrung und ihr Misstrauen gar nicht in Worte fassen. „Nehmen wir mal an, dass dieser abstrakter Plan funktioniert und ich in die ... wie war das? Astralebene? gelange. Wie finde ich dann den Weg zu Lilly?", fragte sie widerwillig.
Dr. Hernandez stand nun ebenfalls auf. Ihr schwarz-graues Haar schimmerte im Licht der LED-Lampen. „Sobald du auf der Astralebene bist, solltest du Tellus vor deinen Augen visualisieren. Mit aller Willenskraft musst du an Tellus denken, an dein Zimmer auf der Basis, indem Lilly in diesem Moment sich wahrscheinlich befindet und schläft. Und ich hoffe doch, dass sie gerade schläft und sich nicht draußen im Kampf gegen die Nagas befindet. Denn wenn sie träumt, müsste die Verbindung leichter herzustellen sein."
Lilliana empfand den Plan als nicht ganz schlüssig, die Schritte waren ihr zu ungenau, aber sie beschloss, nicht weiter nachzuhaken. Stattdessen blickte sie in Wills erwartungsvolles Gesicht und nickte schließlich seufzend. Erleichtert atmete Will aus. „Nun gut, ich bin einverstanden. Wenn es keinen anderen Weg gibt, dann sollten wir das ausprobieren.", gab sie sich schließlich geschlagen. Sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte, als alles zu versuchen, um mit Lilly zu sprechen. Nur so können sie gemeinsam einen Plan ausbauen, wie sie beide nach Hause konnten, um das Universum vor seiner Zerstörung zu bewahren.
„Wichtig ist, dass du dich darauf einlässt, Lilliana. Nur so kann es klappen.", sagte Hernandez mit leiser Tonlage, während sie zwei sehr schmale Kabel an ihre Schläfen klebte. Obwohl Lilliana um einen entspannten Eindruck bemüht war, war sie mehr als nur nervös. Was Dr. Hernandez auch auffallen müsste, denn sie setzte einen weiteren drahtigen Schlauch über ihre Brust und schließlich an ihrem linken Handgelenk, um ihren immer schneller werdenden Puls zu messen.
„Deinem Körper kann in der Astralebene kein Schaden zugefügt werden. Aber es kann sein, dass du Dinge oder Wesen siehst, die dir Angst einjagen werden oder wollen. Vergiss aber nicht, dass du die Kontrolle über die Reise hast. Du kannst im Prinzip tun und lassen, was auch immer du willst. Du kannst die Reise nach deinem Willen steuern. Und wenn du zurück willst, wachst du ganz einfach auf.", erklärte Hernandez und lächelte ihr zuversichtlich zu. Lilliana war blass geworden und plötzlich war ihr so kalt, dass sie ein leichtes Zittern nicht unterdrücken konnte.
Will bemerkte ihr Zittern. Schnell kramte er in der Tasche seiner Jeans und zog eine fadenartige Schnur hinaus, die im selben Farbton war wie seine Jeans. Er reichte ihr das eine Ende der Schnur. Perplex nahm Lilliana sie entgegen, während Will – das andere Ende der Schnur fest in seiner Hand umschlossen – sich wieder ihr gegenüber setzte.
„Wenn du zurück willst, ziehst du ganz einfach an dieser Schnur. Und ich ... ich meine, wir holen dich da raus. So bist du nie alleine." Wills warmes Lächeln, seine sanfte Stimme und die Schnur in ihrer Hand beruhigten sie etwas. Sie musste an eine Geschichte aus der griechischen Mythologie denken, die Professor Burrows ihr einst erzählt hatte. Ariadne gab dem tapferen Theseus einen roten Pfaden, der als Orientierungshilfe für seinen Rückweg aus dem Labyrinth von Knossos gedient haben soll. Ihr hatte diese Geschichte immer sehr gefallen.
Sie schenkte ihm dankbar ein leichtes Lächeln und versuchte ihre Glieder zu entspannen.
„In Ordnung, ich bin bereit." Sie lehnte sich in den ledrigen Sessel zurück und schloss die Augen.
„Wir werden uns schon bald wiedersehen, Lilliana.", sprach Dr. Hernandez mit ruhiger Tonlage.
„Grüß Lilly von mir!", fügte Will schnell hinzu. „Und sag ihr, dass ich ja sowas von recht hatte."
Dr. Hernandez legte ihr ein Headset über die Ohren. Wenige Sekunden danach erklang eine Abfolge mehrerer sanfter, lieblicher Töne, die beinahe schon eine Melodie ergaben. Sie blendete das Labor aus, blendete Will und Dr. Hernandez aus, und folgte den beruhigenden Tönen. Mit der Zeit entspannten sich ihre Glieder, wurden immer schwerer und schlaffer. Eine überwältigende Müdigkeit überfiel sie, doch kurz bevor sie einschlief, flüsterte ihr Verstand ihr immer wieder das Wort ‚Tellus' zu.
Plötzlich nahm sie die melodischen Töne nicht mehr wahr. Vorsichtig öffnete sie die Augen.
Und sah ihren schlafenden Körper auf dem Patientenstuhl.
*****
Wird Lilliana während ihrer Astralreise Lilly erreichen können? Und was war wohl das schwarze Flackern, das Lilliana in der Gasse gesehen hatte?
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen4U.Com