Kapitel 15
Tellus 1999
Kepler-425b - beinahe zu perfekt, um wahr zu sein. Grübelnd starrte Alastor auf seinen Bildschirm, der den erdähnlichen Planeten abbildete. Der Planet kreiste in einer so perfekten Entfernung um seine Sonne, dass alle Voraussetzungen für Leben gegeben waren. Vielleicht gab es auf Kepler-425b sogar Wasser ...
Alastor, der mittlerweile aus seinen Kinderschuhen herausgewachsen und zu einem hoch gewachsenen jungen Mann herangewachsen war, lehnte sich auf seinem gepolsterten Rollstuhl zurück, während seine Gedanken um den neu entdeckten Planeten kreisten.
Ja, er war ein wenig größer als die Erde, aber alle Voraussetzungen für die Existenz von Wasser, dem Grundbaustein vom Leben, waren erfüllt. Vielleicht hatte Alastor es nach so vielen Jahren verzweifelter Suche, nach so vielen entdeckten Planeten, die trotz anfänglicher Hoffnung doch ausgeschlossen werden mussten, endlich den perfekten Zufluchtsort gefunden.
Seufzend nahm Alastor das Weinglas in die Hand, das er neben der Tastatur abgestellt hatte und nahm einen kräftigen Schluck. Während die rote Flüssigkeit in seinem Hals angenehm brannte, massierte er mit der anderen Hand seinen verspannten Nacken. Mit einem kühlen Blick betrachtete er das geräumige Labor, das man ihm in der Forschungseinrichtung zugestellt hatte. Sein Blick schweifte zu den ordentlich aufgereihten Proben, die er auf der Arbeitsplatte aufgestellt hatte. Alles verzweifelte Versuche, Tellus vor seinem Untergang zu retten.
Aber konnte Tellus noch gerettet werden? Das Chaos, das es zu Beginn der Apokalypse vor Jahren gegeben hatte, hatte sich gemäßigt und es war an seiner Stelle eine gewisse Ordnung eingekehrt. Zwar wussten die meisten immer noch nicht, wie sie mit der verseuchten Luft umzugehen hatten, aber zumindest konnten Kinder wieder Bildung erfahren, auch wenn dies nicht mehr in einem öffentlichen Schulgebäude, sondern digital in den eigenen vier Wänden passierte. Auch Regierungen und Behörden hatte eine gewisse Ordnung entwickelt. Es bedurfte nämlich einen kühlen und ruhigen Kopf, um nach einer Lösung zu suchen.
Diese Lösung versuchte Alastor schon seit einem Jahrzehnt zu finden, doch vergeblich. Nach all den Jahren konnte immer noch nicht die Quelle der verseuchten Luft ausfindig gemacht werden. Man konnte ihrer rasanten Ausbreitung keinen Einhalt gebieten. Deshalb hatte Alastor schon vor wenigen Jahren diese Suche aufgegeben. Stattdessen führte er seine Suche im All fort. Wenn sie schon nicht ihre Heimat retten konnten, so sollten sie doch nach einer neuen Heimat suchen.
Und tatsächlich hatte Alastor viele Planeten gefunden, die Tellus, so wie es vor der Apokalypse war, verblüffend ähnlich waren. Doch es stellte sich jedes Mal dasselbe Problem heraus: Die Entfernung. Und auch wenn Kepler-425b mit 1400 Lichtjahren von allen Planeten am nächsten war, war die Entfernung dennoch gewaltig. Unerreichbar.
„Alastor?"
Schlagartig drehte sich Alastor mit dem Rollstuhl zur Stimme um.
„Nova.", antwortete er, als er seine Kollegin an der Türschwelle erblickte. Er begrüßte sie mit einem Nicken und zwang sich zu einem Lächeln. Doch Nova erwiderte dieses Lächeln nicht. Sie hatte sich fest an der Türklinke gekrallt, sodass sich ihre weißen Fingerknöchel deutlich von ihrer sonst so dunklen Haut abhoben. Ihre Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengepresst.
„Alastor.", wiederholte sie. Sie nahm einen tiefen Atemzug, um sich auf ihre nächsten Worte zu wappnen. „Deine Mutter... Alastor, deine Mutter ist tot."
Die Worte lasteten schwer in der Luft. Alastor verharrte in der Position, mit dem Weinglas auf halber Höhe. Das Lächeln gefror auf seinen Lippen.
„Es tut mir leid, Alastor. Sie wird neben deinem Vater bestattet. Die Zeremonie beginnt bereits morgen."
Sie nahm einen weiteren tiefen Atemzug. Ein mitleidiger Ausdruck breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Man hat mich beauftragt, dir diese schreckliche Nachricht mitzuteilen. Und auch dich zu fragen, ob du an der Zeremonie teilnehmen wirst." Ihre Stimme war kratzig. Eine schwarze Locke löste sich aus ihrem strengen Dutt und umrahmte nun ihre goldbraunen Wangen.
Alastors Augenlider flatterten leicht, als er an seine Mutter dachte. Seine Mutter, die viele Jahre lang krank gewesen war, Verätzungen auf der ganzen Haut getragen und regelmäßig Blut gehustet hatte. Das alles wegen der verseuchten Luft.
Seine Mutter, die ihm gesagt hatte, er solle ein Held werden. Die Erinnerung ließ die tief angestaute Wut in ihm brodeln. Doch äußerlich blieb er ruhig. Er senkte seinen Arm, wobei der Wein fast über den Glasrand schwappte.
„Vielen Dank, Nova. Ich werde nicht teilnehmen." Seine Stimme war ruhig und bestimmt.
Verwirrt blinzelte Nova und schritt einen Schritt zurück. „Bist du dir da sicher? Möchtest du es dir nicht lieber noch einmal überlegen?", fragte sie entrüstet.
Dieses Mal fiel ihm das aufgesetzte Lächeln leichter. „Danke, Nova, aber ich habe meine Entscheidung bereits getroffen. Ich werde nicht teilnehmen."
„Alastor, ich weiß, dass ihr nicht im Guten auseinandergegangen seid. Aber es wäre doch ziemlich harsch, wenn der einzige Sohn, den sie je hatte, nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen würde.", hakte sie entsetzt nach.
Der freundliche Ausdruck in seinem Gesicht war verschwunden. Mit einem lauten Klirren zerbarst das Weinglas in seiner Hand in Hunderte von Scherben. Dabei bohrten sich einige der Scherben in seine Haut. Die rote Flüssigkeit kippte auf Alastors weißen Kittel und durchtränkte ihn zusammen mit den Bluttropfen, die aus seiner geballten Faust tropften.
Sofort legte Nova schützend eine Hand auf ihren - wie Alastor nun bemerkte - runden Bauch und schritt noch einen Schritt zurück. Entsetzen breitete sich in ihrem Gesicht aus.
Sein Kiefer war angespannt und er glaubte, das Blut in seinen Ohren rauschen zu hören. „Ich werde nicht teilnehmen.", knurrte er.
Entgeistert öffnete Nova, nach den richtigen Worten suchend, den Mund. Dann nickte sie jedoch bloß. „In Ordnung. Das werde ich so den Behörden mitteilen." Mit diesen Worten wandte sie sich von Alastor ab.
Doch dann zögerte sie. „Brauchst du Hilfe?" Sie deutete mit einem Nicken auf seine blutige Handfläche.
Für den Bruchteil einer Sekunde schloss er die Augen und atmete aus. Als er die Augen wieder öffnete, war sein zuckersüßes Lächeln zurückgekehrt. „Nein, danke, Nova. Ich werde dieses ... Schlamassel wieder in Ordnung bringen.", antwortete er. Sein Tonfall war freundlich. Nova warf ihm einen letzten misstrauischen Blick zu, bevor sie endgültig davon schritt.
Genervt schüttelte er die letzten Weintropfen von seiner Hand ab, als sie außer Sichtweite war. Mit seinen Schuhsohlen fegte er die Scherben und Splitter zur Seite, um sich dann wieder seinem Computer widmen. Seine blutende Hand ließ er dabei gekonnt außer Acht.
In dieser Nacht blieb Alastor in seinem Labor, starrte Stunden lang auf den Bildschirm und verlor sich in Gedanken. Kummervoll dachte er an seinen Vater und mit einer intensiven Bitterkeit an seine Mutter. Am Ende hatten ihn beide verlassen. Er dachte daran, wie dumm die Menschheit waren. Wie dumm Nova war, dass sie es wagte, noch ein Kind auf diese verlorene Welt zu setzen. Wie dumm alle Hoffnungen waren, die die Menschen hegten. Dumm. Dumm. Dumm.
Eine Zornesfalte bildete sich auf seiner Stirn. Er war wütend auf das Universum, auf alle Götter der Welt oder wer auch sonst immer verantwortlich für ihr Schicksal auf Tellus war. Es war unfair, so unfassbar unfair, dass unzählige Menschen leiden und sterben mussten.
Es war unfair, dass Alastor leiden musste.
Plötzlich wurde das ganze Labor in einem weißen, grellen Licht gebadet. Ein ohrenbetäubendes Rasseln erklang, das Alastor schmerzlich zusammenfahren ließ. Während er mit einer Hand versuchte, sich vor dem grellen Licht zu schützen, presste sich die andere Hand gegen sein Ohr. Der Boden unter seinen Füßen rüttelte, wobei die Probengläser umfielen und zerbrachen. Für einen Moment befürchtete er ein Erdbeben, doch so plötzlich wie das Rütteln gekommen war, so schnell verschwand es auch wieder. Genauso ließen auch das Rasseln sowie das grelle Licht nach.
Vorsichtig senkte Alastor seinen Arm. Und hielt inne.
Inmitten der Arbeitsplatten war eine junge Frau auf den Knien gelandet. Mühevoll rappelte sie sich auf, um sich dann fasziniert und mit geweiteten Augen umzusehen.
Als sie Alastor entdeckte, bildete sich ein breites Lächeln auf ihren Lippen. Vorsichtig hob sie die Hand. „Hallo.", sagte sie mit heller Stimme und neigte grüßend den Kopf. Überwältigt starrte Alastor sie an. „Hallo.", antwortete er dann schließlich.
„Ich komme in Frieden. Sagt man das so? Wie auch immer, könnten Sie mir erklären, wo ich bin?" Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und bewunderte all die Geräte und Monitore.
Schmunzelnd neigte Alastor den Kopf zur Seite. „Sie befinden sich in meinem Labor. Dürfte ich fragen, wie Sie hier her gekommen sind?" Fasziniert folgte Alastor mit seinen Augen ihren Blicken.
Die junge Frau wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch dann wanderte ihr Blick über seinen weinroten Kittel und seiner verletzten Hand. Schnell lief sie auf ihn zu und kramte aus ihrem Rucksack Verbandszeug heraus.
Überrascht stand Alastor bloß da und ließ sich von der fremden Frau vor ihm verarzten, während er zugleich fasziniert von ihrer fehlenden Abscheu ihm gegenüber war. Sie stellte keine Fragen und verband seine Hand sorgfältig und mit ruhigen Händen mit dem sterilen Stoff.
Sprachlos sah er in ihre dunklen Augen, als sie grinsend zu ihm aufsah. Dann schüttelte er sich. „Vielen Dank.", sagte er leise.
Und das erste Mal, seitdem sein Vater ihn auf den Schultern tragend den grünen Hügel hinuntergerannt war, hatte Alastor ein aufrichtiges Lächeln auf den Lippen.
*****
Wer ist die Frau und woher kommt sie wohl? Und was für eine Rolle könnte Nova wohl haben? ;)
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