Chào các bạn! Truyen4U chính thức đã quay trở lại rồi đây!^^. Mong các bạn tiếp tục ủng hộ truy cập tên miền Truyen4U.Com này nhé! Mãi yêu... ♥

Kapitel 17

Erde 2019

Lilliana schwebte in der Luft. Sie spürte den Boden unter ihren Füßen nicht. Sie schwebte über ihren Körper, blickte wie eine Kamera auf den Raum herunter. Ihr wurde übel. Gleichzeitig nahm sie diese Übelkeit nur ganz weit entfernt wahr.

Von außen betrachtet unterschied sich ihr Körper kaum von einer Leiche – ihre Glieder hingen schlaff vom Patientenstuhl herunter, sie hatte jegliche Farbe in ihrem Gesicht verloren und auf ihrem Körper waren überall Kabel und Drähte angesetzt.

Sie musste die Ruhe bewahren. Dr. Hernandez hatte ihr beteuert, dass sie fokussiert bleiben musste, damit die Reise nach Tellus funktionieren und sie eine Verbindung zu Lilly herstellen konnte.

Dr. Hernandez – sie war verschwunden. Verwirrt blickte sie sich in dem Raum um. Die Monitore und Bildschirme blinkten, doch weder Hernandez noch Will waren im Labor zu erkennen.

Will.

Beinahe panisch suchte sie nach dem Faden, den Will ihr in die Hand gedrückt hatte. ‚Wenn du zurück willst, ziehst du ganz einfach an dieser Schnur. Und ich ... ich meine, wir holen dich da raus. So bist du nie alleine.', erinnerte sie sich an seine tröstenden Worte.

Und tatsächlich fand sie die blaue Schnur in ihrer Hand wieder und sie war mehr als erfreut, als sie merkte, dass sie stramm gezogen wurde. Sie konnte zwar das andere Ende der Schnur nicht erkennen – sie hing in einer waagerechten Linie in der Luft – doch sie spürte seine Präsenz. Sie spürte Wills festen Handgriff um die Schnur. Sie konnte ihn nicht sehen, aber er war da. Sie war nicht alleine.

Erleichtert blickte sie erneut auf ihre Hand, doch stockte dieses Mal. Ihre Hand ... Sie war gigantisch, doppelt so groß wie ihr Kopf. Die Schnur war fest um ihre langen Finger gewickelt. Doch nach ein paar Mal Blinzeln schrumpfte sie wieder zu ihrer gewohnten Größe.

Das alles hier war doch verrückt, konnte doch nicht wahr sein.

Beeilung, Beeilung, Beeilung.

Sie musste sich beeilen. Wo wollte sie noch einmal hin? Wie in Zeitlupe drehte sie sich zur Tür, die zum Rest der Lagerhalle führte.

In Ordnung, ich kann das schaffen. Ich werde jetzt durch diese Tür gehen!

Doch ihre Beine bewegten sich in dem Raum wie durch Zuckerwatte. Sie kam kaum voran. Frustriert kämpfte sie sich weiter voran, bis sie nach  einer gefühlten Ewigkeit die Tür erreichte. Aber warum wollte sie denn eigentlich durch die Tür gehen? Wo wollte sie hin?

Tellus, Tellus!

Aber wer hatte ihr denn eingeredet, zurück nach Tellus zu wollen? Sie würde niemals wieder freiwillig in diese Hölle zurückkehren! Nein, sie würde schön hier bleiben!

Plötzlich hörte sie Wills Stimme ganz dicht an ihrem Ohr. ‚Grüß Lilly von mir! Und sag ihr, dass ich ja sowas von recht hatte!' Lilliana erstarrte.

Lilly. Lilly war auf Tellus, sie musste zu ihr. Sie musste ihr helfen, da weg zu kommen, zurück auf die Erde zu gelangen.

Doch sie fürchtete sich. Nein, sie fröstelte regelrecht vor der Aussicht, auf Tellus zurückzukehren. Schlagartig verdunkelte sich das Labor. So, als hätte man den Lichtschalter ausgeschaltet. Die Angst kroch ihr in einem kalten Schauer den Rücken hinunter. Doch das raue Material des Fadens an ihren Handflächen brachte sie zur Besinnung. Sie konnte jeder Zeit daran ziehen und wieder in ihrem Körper aufwachen. Aber sie dachte an Will und an Dr. Hernandez, die auf sie zählten, die darauf hofften, dass sie es schaffte, mit Lilly zu sprechen.

Sie durfte sie nicht enttäuschen.

Vorsichtig schloss sie die Augen. „Tellus.", flüsterte sie bestimmt. „Ich will nach Tellus. Zeig mir mein Zuhause. Zeig mir mein Zimmer auf der dritten Basis in New York."

Ihre Stimme hallte in einem leeren Raum wider. Sie brauchte die Augen nicht zu öffnen, um zu wissen, dass sie sich nicht mehr in Dr. Hernandez selbst gebasteltem Labor befand. Zwar schwebte sie noch immer ziellos in der Luft, doch nun konnte sie ihre Arme und Beine freier bewegen, wurde durch nichts mehr gebremst.

Vorsichtig wagte sie es, ein Auge zu öffnen. Sie brauchte einige Sekunden um sich zu orientieren, denn alles, was sie sah, war eine schwarze Leere, die sich vor ihr ausbreitete. Einen Moment lang befürchtete sie, dass der schwarze Mantel auf sie fallen würde, sie ersticken würde. Doch dann bemerkte sie, dass es sich um den Nachthimmel handelte. Oder besser gesagt das dunkle All mit all seinen kleinen funkelnden Sternen.

Und dann bemerkte sie, dass sie fiel.

Mit rasanter Geschwindigkeit stürzte sie ins Nichts. Ein stummer Schrei entwich ihrer Kehle, während der Wind beinahe schmerzhaft gegen ihren Rücken peitschte. Verzweifelt versuchte sie nach den Sternen zu greifen, doch diese entfernten sich zunehmend schneller von ihr. Oh Gott, sie würde sterben. Der Aufprall würde sie umbringen. Sie würde niedergeschmettert werden.

Der Faden!

Entsetzt sah sie, wie der Faden ihr aus den Fingern glitt. Sie wollte danach greifen, aber plötzlich fing sie an sich zu überschlagen. Sie drehte sich in einem so hohen Tempo, dass sie nicht einmal den Grund erkennen konnte, auf den sie in wenigen Sekunden prallen würde. Das ganze Universum schrumpfte zu einer kleinen Kugel, die vom blauen Faden umrandet wurde.

Plötzlich wurde sie so stark abgebremst, dass es ihr den Atem verschlug. Wenige Zentimeter über dem Grund schwebte sie nun. Panisch sah sie sich um. Wo war der Faden? Sie durfte ihn nicht verloren haben!

Mit einem dumpfen Schlag fiel sie schließlich auf die dunkle Erde. Hatte der Sturz aus dem All sie erblinden lassen? Benommen tastete sie ihre Umgebung ab. Als sie den Faden unter ihrer Handfläche spürte, schluchzte sie vor Erleichterung auf. Doch wo war sie? Hatte sie es geschafft, nach Tellus zu reisen? Ein grelles Licht erschien vor ihren Augen. So grell, dass es sie blendete und sie den Kopf zwischen ihren Knien vergrub. War das die Sonne? Ging die Sonne auf?

Ein kräftiger Windstoß gegen ihre Schultern ließ sie auf den Rücken fallen. Ein dumpfer Schmerz breitete sich entlang ihrer Wirbelsäule aus. Das Licht war verschwunden, sie konnte nun ihre Umgebung wahrnehmen. Sie entdeckte nachtschwarze Wolken aus Asche am Himmel. War das wirklich Tellus? Der Himmel auf Tellus war in der Nacht amethystfarben, manchmal auch blutrot. Seit Jahrzehnten gab es keine schwarze Nacht mehr auf Tellus. Wo war sie bloß?

Ein eisiges Gefühl krabbelte ihre Glieder hoch und breitete sich in ihrem Rücken aus. Sie zitterte. Es war so unfassbar kalt. Lilliana würde erfrieren, wenn sie nicht bald zurückkehren würde. Sie versuchte sich aufzuraffen.

Entrüstet stellte sie jedoch fest, dass dies nicht möglich war. Ihre Haut klebte wie mit Lehm am steinigen Boden. Ihre Zähne klapperten, ihr Puls raste. Warum konnte sie nicht aufstehen? Sie spürte die aufkommende Panik in jeder Pore ihres Körpers. Zusätzlich stieg ihr ein stechender Schwefelgeruch in die Nase.

Hilfe, Hilfe!

Ein leises Zischen in der Ferne ließ sie schlagartig ganz still werden. Dieses Zischen würde sie überall wiedererkennen. „Nein, nein, nein!" Heiße Tränen flossen ihr die Wangen hinunter, tropften auf den trockenen Grund. Das Zischen wurde lauter, kam näher. Ihre Atmung wurde unregelmäßiger, als sie immer wieder versuchte, sich vom Boden zu lösen und auf die Füße zu gelangen. Neben dem Zischen ertönte nun auch ein warnendes Rasseln. „Bitte nicht." Sie schluchzte frustriert.

Fest krallte sie sich mit ihren Fingernägel in den Boden, als sie die ledrigen braungelben Schuppen sah, die sich vor ihr aufbäumten. Der Naga funkelte sie aus seinen gelben Schlangenaugen an, während Lilliana vergeblich versuchte, wegzurobben. Ein schrilles Kreischen ließ den Boden unter ihr erzittern, als der Naga seine blanken Giftzähne entblößte, bereit sie zu zerfleischen. Seine Zunge blitzte hervor.

Hol mich hier raus, hol mich hier raus!", schrie sie entsetzt und zog wie wild immer wieder an der Schnur. Blitzschnell stieß der Naga sein aufgerissenes Maul hinunter. Lilliana kniff die Augen zusammen und schrie.

Dann verlor sie den Grund unter ihrem Rücken. Sie fiel erneut.

„Lilliana! Lilliana, ich hab den Faden. Ich bin hier."

Selbst als sie Wills verzweifelte Worte hörte, wagte sie es nicht, die Augen zu öffnen. Für einen Moment bezweifelte sie, dass sie am Leben war. Der Naga hatte ihr sicherlich die Seele aus dem Leib gerissen. War das das Leben nach dem Tod? Langsam tastete sie ihre Umgebung ab und war erleichtert, die ledrigen Armlehnen des Patientenstuhls unter ihren Fingern zu spüren.

Sie hielt inne, als sich plötzlich eine warme Hand um ihre zusammengeballte Faust legte, die die Schnur noch fest umschlossen hielt. Will strich mit seinem Daumen über ihren Handrücken, sodass sie langsam ihre Faust löste. Ihre Handfläche schmerzte an der Stelle, wo sich die Schnur tief in die Haut gesenkt hatte.

Vorsichtig ließ er seine Fingerkuppen um die entstandenen Striemen gleiten. Nun öffnete Lilliana die Augen. Nur wage nahm sie war, dass Will sich vor dem Patientenstuhl hingekniet hatte, seine Hand noch um ihre geschlossen. Denn die Welt schien sich noch immer zu drehen wie bei dem Sturz aus dem All und eine so große Übelkeit befiel sie, dass Dr. Hernandez ihr schnell einen Eimer unter dem Kinn hielt. Beinahe zeitgleich entleerte sie ihren Mageninhalt. Als es nichts mehr zum Erbrechen gab, lehnte sie sich schweißgebadet zurück. Ihre Sicht klärte sich und sie seufzte erschöpft. Es war vorbei, sie war wieder im Labor.

Nachdem Dr. Hernandez den Eimer entsorgt hatte, starrte sie Lilliana erwartungsvoll an. „Was hast du gesehen? Wo warst du?", fragte sie eindringlich, als sie ihr das Headset vom Kopf nahm und die Drähte von ihrer Haut löste. Will warf der Astrophysikerin einen verärgerten Blick zu. „Immer mit der Ruhe, Doc. Lassen Sie Lilliana doch erst einmal aufatmen." Eine Sorgenfalte hatte sich auf seiner Stirn gebildet. „Ist alles in Ordnung?"

Als Lilliana bemerkte, dass er noch ihre Hand hielt, zog sie diese ruckartig zurück. Verlegen kratze Will sich den Nacken und nahm wieder auf seinem Hocker Platz, die Hände in den Hosentaschen verstaut.

Räuspernd schüttelte sie den Kopf. „Ist schon in Ordnung.", murmelte sie und fühlte sich nun etwas unbehaglich. Sie schüttelte ihre versteiften Beine und blickte dann wieder zu Hernandez. Die Lippen zusammengepresst schüttelte sie den Kopf. „Ich habe es nicht geschafft. Ich habe es nicht zu Lilly geschafft.", sagte sie enttäuscht und senkte den Kopf. Schuldgefühle plagten sie. Das war die einzige Möglichkeit gewesen, eine Verbindung zu Lilly herzustellen und sie hatte versagt. Sie hatte sie alle enttäuscht.

Dr. Hernandez zuckte die Schultern. „Ich hatte auch gar nicht erwartet, dass das gleich beim ersten Versuch funktionieren würde." Verwirrt blickte Lilliana auf. „Aber du hast etwas gesehen. Erzähl uns davon.", forderte sie sie nun höflicher auf.

Seufzend schloss Lilliana die Augen. Sie wollte ihre Erlebnisse auf der astralen Ebene am liebsten wieder vergessen. Also beschloss sie, die Ereignisse möglichst kurz zusammenzufassen, um nicht ins Detail gehen zu müssen. „Ich war erst hier, in diesem Labor. Dann befand ich mich irgendwo im All, bis ich aus höchster Höhe gefallen bin und an einem dunklen Ort gelandet bin. Alles war schwarz, deshalb dachte ich erst, ich wäre woanders."

Verwirrt sah Hernandez sie an. „Auf Tellus wird es nie ganz dunkel.", murmelte sie vor sich hin. Sofort schoss Lillianas Kopf in die Höhe. Misstrauisch starrte sie die Wissenschaftlerin an. „Das habe ich nie erzählt. Woher wissen Sie das?", fragte sie sie beinahe vorwurfsvoll. Der Kater, der unter der Arbeitsplatte geschlummert hatte, reckte sich nun und tapste schnurrend auf Lillianas Schoß.

Hernandez wandte den Blick ab und zuckte mit den Achseln. „War eine Hypothese, die ich durch Recherche aufgestellt hatte.", winkte sie ab, doch Lilliana glaubte ihr nicht. Es war mehr als offensichtlich, dass Hernandez ihnen einige grundlegenden Informationen verschwieg. Sie schien mehr zu wissen, als sie preis gab. Und wenn sie ihnen nicht bald die Wahrheit sagte, würde Lilliana einen Weg finden, ihr auf die Schliche zu kommen.

„Ich denke dennoch, dass ich auf Tellus war. Ein ... Naga hätte mich beinahe getötet." Schluckend wandte sie den Blick ab. Es hatte sich so real angeführt, sie konnte es kaum fassen, dass ihr Körper das Labor nie verlassen hatte. Sie fing wieder an zu frösteln, als sie an den dunklen Ort mit den schwarzen Wolken zurückdachte.

Beunruhigt rutschte Will auf dem Hocker hin und her. Dr. Hernandez hingegen sah sie mit großen Augen an, bis sie sich ebenfalls auf ihrem Bürostuhl nieder ließ.

Dann räusperte sie sich. „Verstehe. Wir werden noch einige Versuche brauchen, bis wir Lilly erreichen.", stellte Hernandez fest. Empört sprang Will auf. „Noch einige Versuche? Sie sagten doch, dass Lilliana die Astralreise steuern könnte! Und dass ihr nichts geschehen konnte!"

Skeptisch verschränkte Hernandez die Arme vor der Brust. „Ja, das stimmt, Will. Sie kann die Reise steuern, und allem Anschein nach wollte ihr Unterbewusstsein mit der Reise an diesem Ort etwas bezwecken." Sie warf Lilliana einen forschenden Blick zu und lehnte sich dann zurück. „Wir haben alle schreckliche Dinge erlebt, die wir unbedingt aufarbeiten müssen, um ohne Furcht in die Zukunft blicken zu können.", sagte sie vielsagend. „Und wenn das geschehen ist, dann weiß man auch, dass die Angst einem nichts anhaben kann."

Fassungslos blieb Will stehen. „Aus welchem Selbsthilfebuch haben Sie das her?" Er schüttelte den Kopf. „Für heute sollte das aber genug sein! Lilliana, habe ich dir bereits das Dragonfly China gezeigt? Ein wirklich wundervoller Takeaway, wo alle deine Träume in Erfüllung gehen. Oder so.", sagte er betont überschwänglich.

Mit hochgezogenen Augenbrauen hatte Lilliana das Gespräch zwischen Will und Dr. Hernandez beobachtet und sah dies nun als ihr Zeichen, Will nach draußen zu folgen. Mit dem Kater auf dem Arm erhob sie sich, wobei ihr kurz schwarz vor Augen wurde.

Erschöpft seufzte Dr. Hernandez und massierte die Haut zwischen ihren Brauen „Seid vorsichtig. Wer weiß, wo noch alles Geheimdienstler umherirren.", rief sie ihnen hinterher, doch die Tür war bereits zugefallen.

-----

Lilliana und Will machten es sich mit zwei herrlich duftenden Papiertüten auf den kupferfarbenen Dachziegeln über Maria Hernandez' Unterschlupf in der Bronx gemütlich. Die Sonne ging unter und ließ den Himmel in den verschiedensten Gold- und Rottönen sprenkeln. Von hier oben aus hatten sie die perfekte Aussicht auf das Spektakel, das Lilliana bewundernd beobachtete. Beim Imbiss hatten sie auch Futter, bestehend aus Thunfisch, besorgen können, was der abgemagerte Kater hungrig zu sich nahm.

Grinsend betrachtete Will den Kater. „Hast du schon einen Namen für unser neues Teammitglied?", fragte er, während er sich an seiner Papiertüte zu schaffen machte.

Sie schüttelte den Kopf. „Hast du einen Vorschlag?" Mühelos öffnete sie ihre Tüte und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die gebratenen Auberginen, die in einer süß-sauer Soße getunkt waren.

„Um ehrlich zu sein habe ich darauf gewartet, dass du mich endlich fragst." Mit verliebten Augen sah er sein Essen, bestehend aus Teigtaschen mit pikantem Gemüse gefüllt, an. „Wie wäre es mit Katy Purry?"

Verständnislos blickte sie ihn an.

„Verstehe schon. Catzilla? William Shakespaw? Brad Kitt?

„Nein, danke. Ich verzichte.", antwortete sie und sah Will so an, als wäre ihm soeben ein zweiter Kopf gewachsen. Genüsslich nahm sie einen Biss von der Aubergine, während sie überlegte. „Ich nenne ihn Tuno."

Schlagartig hielt Will in der Bewegung inne, eine Teigtasche auf halber Höhe. „Was? Brad Kitt gefällt dir nicht, aber ... Tuno? Bloß, weil er gerne Thunfisch isst?"

Schmunzelnd nickte sie. Sie musste zugeben, dass sie Spaß daran gefunden hatte, Will zu ärgern. „Ja, wieso nicht? Mir gefällt Tuno."

Missmutig murmelte er etwas von schlechtem Geschmack vor sich hin und fuhr mit dem Essen fort, was ihm wieder bessere Laune machte. Es entstand eine angenehme Stille zwischen ihnen, in der sie aßen, Tuno beim Erkunden des Daches beobachteten und den Sonnenuntergang bewunderten. Auf der Straße des Wohnviertels hörten sie die lauten Rufe von Kindern, die mit einem Ball spielten und dabei beinahe ein Fenster trafen.

Räuspernd gewann Will wieder ihre Aufmerksamkeit. „Möchtest du darüber reden?", fragte er in einem leisen Ton. Er musste es nicht aussprechen, Lilliana wusste genau, dass er auf ihre Reise auf der Astralebene vor einigen Stunden anspielte. Das selbe kalte Gefühl breitete sich in ihr aus wie an diesem dunklen Ort. Sie reckte das Kinn in die Höhe. Sie würde nicht zulassen, dass die Angst sie wieder dominierte. Es war schlicht und weg lächerlich. Lilliana war stärker als das.

„Nun, Hernandez sprach davon, dass wir die schrecklichen Dinge, die uns widerfahren sind, aufarbeiten müssen. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht kann ich erst dann den Kontakt mit Lilly aufnehmen.", sagte sie bitter und stellte die nun leere Papiertüte zur Seite, was Tuno als sein Zeichen sah, auf ihren Schoß zu springen.

„Es geht um deinen Dad.", stellte er leise fest. Sie nickte und nahm einen tiefen Atemzug, um sich auf ihre nächsten Worte zu wappnen.

„Wie ich dir bereits erzählt habe, hatte meine Familie das Privileg, eine eigene Schutzausrüstung zu besitzen, da meine Mutter in der Forschung arbeitete. Das war damals noch viel unüblicher als heute. Mein Vater ..." Sie krallte ihre Fingernägel in ihre Handflächen, als die Erinnerungen wieder vor ihren Augen erschienen.

„Ich war sechs. Zu dieser Zeit konnte ich nachts nicht einschlafen, weil ich täglich von den anderen Kindern in dem Wohnblock wirklich schreckliche Geschichten über die verseuchte Luft zu hören bekam. Was mit dem Körper passierte, wenn er der Luft direkt ausgesetzt war. Mein Vater ... Er wollte mir eines Tages beweisen, dass ich nichts zu befürchten hatte, wenn ich eine Schutzausrüstung trug. So sollte ich mich ans Fenster stellen – vor 15 Jahren gab es noch durchaus Häuser, die über Fenster verfügten – und er schnappte sich den Schutzanzug und verließ die sichere Wohnung."

Ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Ihr Herz raste. „So lief er nach draußen, winkte mir zu und machte lustige Grimassen, die mich zum Lachen brachten. Und in dem Moment dachte ich mir: Solange ich meinen Dad hatte, der mir bei jedem Hindernis zeigen würde, dass es keins ist, würde ich nie wieder Angst haben." Seufzend strich sie durch Tunos Fell, der daraufhin zufrieden schnurrte.

Die letzten Sonnenstrahlen verabschiedeten sich vom Himmel, als die Dämmerung eintrat. „Doch wie es die Ironie des Schicksals haben wollte, schlich sich schon bald ein Naga von hinten an ihn heran. Es war der erste Naga, den ich zu sehen bekam. Und er war ... wie aus dem Nichts aufgetaucht. Ich klopfte wie wild ans Fenster, versuchte ihn zu warnen, hoffte, dass er noch fliehen würde. Denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass es eine Situation gab, die mein Vater nicht bezwingen konnte. Für mich war er stets ... unverwundbar gewesen. Doch der Naga war so schnell, dass nur noch ein Zug ihm hätte entwischen können."

Ihre Arme begannen unkontrolliert zu zittern, ihre Atmung wurde schwerer. „Er riss ihn in Stücke, bis nichts mehr von ihm übrig blieb. Überall war Blut, so viel Blut... Ich habe in dieser Nacht nicht aufhören können zu schreien. Selbst als meine Mutter spät abends nach Hause kam und seine ... Reste vor der Haustür vorfand und komplett zusammenbrach, hörte ich nicht auf zu schreien." Ihre Stimme brach am Ende. Sie blinzelte, doch ihre Augen waren trocken, obwohl sie am ganzen Körper zitterte.

Völlig entsetzt starrte Will sie an und schien sprachlos. Langsam öffnete er seinen Mund in dem Versuch, etwas zu sagen.

Doch dann riss er sie ruckartig in eine feste Umarmung.

Verblüfft versteifte sich Lilliana für einen Moment, bis sich ihre Glieder allmählich entspannten und sie vorsichtig ihr Kinn auf seine Schulter legte. Seine warmen Hände an ihrem Rücken drückten sie noch enger an seine Brust.

„Ich hätte ihm helfen sollen, ich hätte zu ihm rennen sollen." Sie schluchzte und kniff ihre Augen zusammen. „Das ist alles meine Schuld. Hätte ich mich nicht so gefürchtet, wäre er nie an diesem Tag hinausgegangen."

„Nein, nein.", flüsterte Will leise an ihrem Ohr. „Vielleicht wäre er dann aus einem anderen Grund hinausgegangen. Das kann man nie wissen. Du trägst dafür keine Schuld." Behutsam strich er über ihren Rücken. „Du warst ein Kind. Dein Vater hätte es sich nicht verzeihen können, wenn du auch hinausgerannt wärst. So hat er die Welt als der Held verlassen, den du in ihm immer gesehen hast – bei dem Versuch, dir die Angst vor der Welt zu nehmen.", sagte er sanft. Er hielt sie so fest in seinen Armen, dass ihr Zittern allmählich nachließ. Der Duft von Kaffee stieg ihr in die Nase, als sie ihr Gesicht in seine Schulter vergrub.

„Nur habe ich immer noch Angst. Ich fürchte mich noch immer vor jedem Naga, dem ich begegne.", murmelte sie gegen den Stoff seiner Sweatjacke, wobei seine Locken sie an der Stirn kitzelten.

Es stimmte. Sie war zwar auf der ganzen Basis bekannt für die meist ermordeten Nagas und sie zerlegte all diese Bestien kaltblütig in ihre Einzelteile. Dennoch gefror sie jedes Mal, wenn sie die gelben Schlangenaugen und die großen Giftzähne sah. Und nachts verfolgten all diese Bestien, die sie tagsüber getötet hatte, sie in ihren Albträumen, sodass sie jeden Morgen schweißgebadet und zitternd aufwachte.

„Du kannst mir nicht sagen, dass es irgendjemanden, in irgendeinem Universum, gibt, der sich nicht vor riesige Schlangen fürchten würde. Aber ich habe dich kämpfen sehen, Lilliana – du stellst dich dieser Angst. Und das zeugt von unfassbarem Mut.", sagte er aufrichtig und löste langsam die Umarmung, um ihr in die Augen blicken zu können.

Seine haselnussbraunen Augen leuchteten im Mondlicht und als Lilliana seine wilden Locken betrachtete, die in allen Richtungen abstanden, dachte sie an einen griechischen Gott aus Professor Burrows Erzählungen. Auch Will blickte in ihre tintenblauen Augen, den Mund leicht geöffnet. Langsam, so furchtbar langsam, näherten sich ihre Köpfe einander. Benommen sah sie auf seine Lippen herab ... und stockte dann.

„Euch ist schon bewusst, dass ich euch einen Schlüssel für die Wohnung gegeben habe und ihr nicht jedes Mal auf dem Dach verweilen müsst?", erklang Dr. Hernandez höhnende Stimme unter ihnen. Sofort wich Lilliana zurück und räusperte sich. Will hingegen verharrte in der Position, bis er schließlich seufzend aufstand.

„Das ist uns durchaus bewusst, Doc. Wissen Sie, was uns noch bewusst ist? Der Schimmel in ihrer Wohnung.", sagte er vielsagend. Lilliana nahm Tuno in den Arm und versuchte so von der Röte in ihren Wangen abzulenken. Was war da gerade geschehen? Was hatte sie sich bloß dabei gedacht?

Will kletterte die rostige Leiter hinunter und sprang schließlich vor der Haustür auf dem kleinen Balkon ab. Er reichte ihr die Hand, die sie murmelnd ablehnte, und folgte Dr. Hernandez in den Unterschlupf.

-----

In dieser Nacht schlief Lilliana nicht. Sie wartete ab, bis Wills leises Schnarchen zu hören war und sie sich sicher war, dass auch Hernandez schlief, und verließ dann lautlos die Wohnung. Denn etwas ging ihr nicht aus dem Kopf – und dabei handelte es sich nicht um die seltsame Situation mit Will auf dem Dach.

Mit der U-Bahn fuhr sie zur Brooklyn High und sie war flink, als sie das gegenüber liegende Hochhaus hinaufkletterte. Schließlich musste sie zurück im Unterschlupf sein, bevor Will oder Hernandez ihr Verschwinden bemerken würden.

Sie musste es wissen. Sie musste wissen, ob sie es sich bloß eingebildet hatte.

Also bückte sie sich, um den Antennen auszuweichen, und schritt langsam zum Rand des Daches heran.

Sie hielt den Atem an, als sie zur Gasse herunterblickte. So wie am Morgen flackerte das Bild, als könnte die Verbindung nicht hergestellt werden. Zwischen den müffelnden Mülltonnen, die in der Gasse herumstanden, blitzte immer wieder schwarzer Sand in einer Wüste hervor. Doch dieses Mal verfestigte sich das Bild, sodass sie sich sicher war, dunkle Dünen im Hintergrund erkennen zu können.

„Was zur Hölle.", murmelte sie entgeistert. Sie hatte Schwierigkeiten, einen Sinn aus der Szenerie, die sich vor ihr abspielte, zu machen. Also wagte sie es, einen weiteren Schritt Richtung Abgrund zu machen -

bis plötzlich gigantische Schlangenaugen auftauchten, die ihr entgegenblickten.

*****

Was denkt ihr über den Ort, den Lilliana auf der Astralebene gesehen hat? 

Bạn đang đọc truyện trên: Truyen4U.Com