Kapitel 18
Tellus 2019
Unruhig wand sich Lilly in dieser Nacht hin und her. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu der kleinen Karte, die die alte Frau ihr heimlich zugesteckt hatte und die sich als Einladung herausgestellt hatte. Eine Einladung zur Nightingale Vollversammlung - doch was konnte das bloß sein? Und vor allem fragte sie sich, warum die Frau ausgerechnet ihr diese Einladung gegeben hatte.
Ihr Kopf brummte und sie vergrub ihr Gesicht in das kratzige Kissen. Die Schuldgefühle plagten sie noch immer. Wie konnte sie die alte Frau einfach so zum Sterben zurücklassen? Zwar hatte sie ihr versichert, dass ihr geholfen werden würde, doch wie konnte sich Lilly sicher sein, dass die Hilfe nicht zu spät gekommen war? Sie konnte nur hoffen.
Sie wagte es nicht, William von der Karte zu erzählen. Mittlerweile ging sie nämlich davon aus, dass die Nightingale eine Gruppe von Rebellen war. Und wer wusste schon, wogegen sie rebellierten? Vielleicht hatten sie etwas von den Experimenten aufgeschnappt, die die Regierung an Lilly und Lilliana durchgeführt hatten. Vielleicht verfügten die Rebellen über Informationen, über die Professor Burrows nicht verfügte.
Also würde sie am Freitag dahingehen. Sie musste nur noch herausfinden, wie. Denn sie konnte nicht länger tatenlos zusehen und darauf hoffen, dass sie irgendwann wieder in ihrem Bett auf der Erde aufwachen würde.
Lilly spürte einen Stich in ihrer Brust. Wie sehr sie doch Ihr Bett vermisste, ihr Zuhause und Will. Will fehlte ihr am meisten und an manchen Tagen war es fast schon unerträglich, dass sie ihren besten Freund nicht nach Rat fragen oder mit ihm ins Cup o' Joe gehen konnte.
Seufzend setzte sie sich auf und entfernte die dünne Decke von ihren Beinen. Es hatte keinen Sinn, sie konnte nicht einschlafen. Ob William wohl noch wach war? Sie hatten noch immer nicht miteinander geredet.
Die Lippen zusammengepresst fasste Lilly einen Entschluss und sprang auf. Sie würde nur nachsehen, ob William schon schlief. Gerade, als sie ihre Tür öffnen wollte, blickte sie an sich herunter. Sie hatte ihr rosafarbenes Nachthemd an, denn obwohl William ihr gezeigt hatte, wo sich die Schlafanzüge für die Soldaten befanden, weigerte sie sich, sich von den einzigen Sachen zu trennen, die sie noch mit der Erde verband.
Sie schnappte sich ihre Trainingsjacke, zog sie über und schlich sich aus ihrem Zimmer. Wie üblich und zu Lillys Erleichterung befanden sich keine weiteren Soldaten im Gang, die sie hätten sehen können. Nur die Überwachungskamera, die an der Decke angebracht war, verfolgte sie mit jedem Schritt. Sie hoffte bloß, dass nicht Steve gerade im Überwachungsraum saß und sie beobachtete.
Möglichst leise klopfte sie an Williams Zimmertür mit der Nummer 428. Einen Moment lang dachte sie schon, dass er bereits schlief, doch dann wurde die Tür plötzlich aufgerissen und vor ihr stand William.
Ohne auch nur einem Hauch von Stoff, der seinen Oberkörper bedecken würde. Halbnackt.
Sofort schoss ihr die Hitze in die Wangen und sie senkte den Blick auf seine Füße, die ihr plötzlich ganz interessant erschienen. „Oh - ähm - ich wollte nur -", stammelte sie verlegen vor sich hin.
„Lilly.", hauchte er bestürzt und machte ihr Platz, sodass sie eintreten konnte. Misstrauisch blickte er sich im Flur um, was ihr einen kurzen Blick auf seinen mit Muskeln beschmückten Rücken gewährte, bevor er die Tür hinter sich verschloss und sich zu ihr drehte. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich, und versuchte deshalb seinen Körper, der einer aus Stein gemeißelten Statue ähnelte, demonstrativ zu ignorieren.
„Ist alles in Ordnung?", fragte William sie besorgt, als er sie abcheckte und vorsichtig eine Hand auf ihre glühende Stirn legte. „Ist etwas passiert? Ich denke, du hast Fieber. Wir sollten zu Professor Burrows ins Labor-"
Lilly wollte vor Scham im Erdboden versinken und für immer verschwinden. Du, Schöpfung Michelangelos, bist der Auslöser meines Fiebers. Das hätte sie vielleicht in ihren kühnsten Träumen gesagt, die Realität sah jedoch anders aus.
Hastig schüttelte sie den Kopf. „Nein, mir geht es gut. Ich konnte bloß nicht schlafen und dachte mir deshalb -", sagte sie Zähne knirschend, doch unterbrach sich dann selbst mit einem Kopfschütteln. Plötzlich klang ihre Idee, William aufzusuchen, weil sie nicht einschlafen konnte, lächerlich. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht?
Sie setzte bereits an zu gehen, doch Williams weicher Blick hielt sie an Ort und Stelle. „Ich kann auch nicht schlafen.", sagte er leise.
Erst jetzt wagte Lilly es, William genauer zu betrachten. Seine lockigen Haare, die sonst immer streng zusammengebunden waren, befanden sich nun in einem lockeren Dutt, wobei sich einige Locken bereits lösten und seine kantigen Wangen sanft umrandeten. Verwundert bemerkte sie auch, dass sowohl seine Wange als auch seine Brust mit grüner Farbe beschmiert war. Zum ersten Mal blickte sie sich dann in Williams Zimmer um, das sich mit zahlreichen bunten Bildern und Gemälden an den grauen Wänden so überaus von Lillianas Zimmer unterschied.
Begeistert deutete sie auf die Bilder. „Darf ich?"
Sichtlich angespannt trommelte William mit den Fingern an seinen Oberschenkeln, doch er zögerte nicht, als er nickend zustimmte. Mit einer gewissen Vorsicht näherte sie sich den Gemälden, auf denen farbenfrohe Landschaften mit kurzen Pinselstrichen aufgetragen wurden. Weiden und Wiesen, Berge und Täler, Flüsse und sandige Küsten wurden so naturgetreu abgebildet und ließen kaum einen Flecken der fahlen Wand unbedeckt. Der ganze Raum sprühte voller Energie und Wärme, voller Leben.
Williams tiefe Stimme erklang dicht hinter ihr. „Vor etwa einer Woche, als ich dir die Haare gefärbt habe, habe ich versprochen, dir die Sache zu zeigen, die mich am Leben hält." Neugierig wandte sie sich William zu, der zu ihrer Enttäuschung in der Zwischenzeit ein schwarzes Shirt übergezogen hatte. „Nun, das ist es. Meine Bilder stellen meine Hoffnung auf eine bessere Welt dar. So stelle ich mir Tellus vor der Apokalypse vor."
Nur mit Mühe unterdrückte Lilly die aufkommenden Tränen, als sie den Kloß in ihrem Hals spürte. „So sieht die Erde aus.", hauchte sie mit kratziger Stimme. „Sie sind wunderschön."
Nach diesen Worten schien die Anspannung von Williams Schultern zu fallen. Er setzte sich lässig auf den Hocker, der zu einem mit Farbe übersäten Schreibtisch gehörte. Auf dem Schreibtisch waren mehrere Farbflaschen aufgereiht. Mit einem Nicken deutete er ihr an, sich auf sein Bett zu setzen. Und auch wenn Lilly genau dasselbe Bett, mit dem selben Laken und dem selben Kissen hatte, fühlte sie sich ein wenig unbehaglich, als sie sich setzte. Unruhig zupfte sie an ihrer pinken Schlafhose, wobei William sie dabei genauestens beobachtete.
„Du vermisst die Erde." Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Lilly schluckte den Kloß hinunter und versuchte das Brennen hinter ihren Augen zu ignorieren. „Ich fühle mich hier so ... eingeengt. Es gibt ja nicht einmal ein Fenster in meinem Zimmer und wenn ich draußen bin, dann bin ich in dieser blöden Schutzausrüstung gefangen." Sie wedelte wild mit den Händen herum und seufzte, als sie sofort ein schlechtes Gewissen bekam. „Entschuldige, ich weiß, dass du das dein ganzes Leben ertragen musst und ich seit nicht einmal zwei Wochen."
William schüttelte den Kopf. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. „Das macht es für dich nicht weniger einfach. Ganz im Gegenteil, es würde mich wundern, wenn du gut zurecht kommen würdest, obwohl du ein so viel besseres Leben gewohnt bist." Seine Worte trösteten sie ein wenig, doch der schmerzhafte Stich in ihrer Brust blieb bestehen, was William zu merken schien.
Er führte grübelnd einen braunen Pinsel zu seinen Lippen, was eine größere Wirkung auf Lilly hatte, als sie zugeben wollte. Verlegen sah sie weg.
„Ich habe eine Idee. Beschreibe mir irgendeinen Ort auf der Erde, an dem du gerade gerne wärst." Seine Augen funkelten neugierig, während er sie erwartungsvoll anstarrte. Verwundert neigte Lilly den Kopf. Was hatte er vor?
„Ähm, okay.", sagte sie gedehnt und lehnte sich mit dem Rücken an die kalte Wand. Sie brauchte nicht lange zu überlegen, sie wusste sofort, nach welchem Ort sie sich am meisten sehnte. „Als ich jünger war, sind wir jedes Jahr im Sommer nach Island geflogen. Wir ... haben da eine kleine Hütte in einem Tal liegen."
„Ihr?", fragte William mit gehobener Braue.
„Ja, meine Eltern und ich."
William nickte und schnappte sich eine von den vielen Leinwänden, die neben dem Tisch auf dem Boden gestapelt waren. „Erzähl mir mehr von dem Tal und der Hütte..", bat er sie, während er mit dem Pinsel zwei Farben auf einer Palette mischte..
Eine angenehme Wärme breitete sich in ihrer Brust aus, als verschiedenste Erinnerungen durch ihren Kopf rasten. „Die Holzhütte befand sich am Fuß eines hohen Berges, auf dem sich ein Tannenwald befand. Aus dem Tannenwald liefen manchmal sogar Rehe heraus. Zumindest bin ich einmal einem Reh hinterhergerannt, weil ich so gerne auf ihm reiten wollte."
William nahm den Pinsel von der Leinwand, die er auf seinem Schoß platziert hatte, um sie mit einem Schmunzeln zu betrachten. Auch Lilly musste bei der Erinnerung kichern. „Tut mir leid, ich schweife ab. Die Hütte befindet sich außerdem auf eine hügelige Landschaft und wird von einem hölzernen Zaun umgeben. Und zwischen all diesen Hügeln befindet sich ein kleiner See, der so klar war, dass man selbst den steinigen Grund sehen konnte. Das Wasser war auch im Sommer sehr kalt, weshalb meine Mom jedes Mal, wenn ich hinein gesprungen war, einen halben Herzinfarkt erlitten hatte."
Wehmütig lächelte sie, als sie an ihre Mutter dachte. „Die Zeit in Island war stets die einzige Zeit im Jahr, in der Mom ganz viel Zeit für uns hatte und mal nicht am Arbeiten war. Auch wenn sie selbst im Urlaub manchmal mit ihrem weißen Laborkittel herumlief."
Etwas in Williams Augen schien aufzublitzen. „Wo hat sie gearbeitet?", fragte er vorahnend, während er den Pinsel konzentriert in die Höhe hielt. Ein grüner Farbtupfer tropfte dabei auf seine schwarze Jeans, doch das schien ihn nicht zu stören.
Verwundert zuckte sie mit den Achseln. „In einem Forschungsinstitut für Astronomie."
Seine Zähne blitzen hervor, als er grinste. „Nova Anderson scheint wohl in jedem Universum als fleißige Wissenschaftlerin bekannt zu sein." Beim Klang von dem Namen ihrer Mutter horchte Lilly augenblicklich auf. „Du kennst meine Mutter?" Sie traute sich kaum, die nächste Frage auszusprechen. „Lebt sie hier, in diesem Universum, noch?", fragte sie hoffnungsvoll, doch als William sich abwandte, wusste sie bereits die Antwort und das letzte Fünkchen Hoffnung erstarb. Zurück blieb eine eisige Kälte.
„Sie ist erst vor wenigen Jahren von uns gegangen. Kurz bevor Lilliana in die Basis einberufen wurde.", sagte er mit einem leisen Tonfall. Als ihr bewusst wurde, dass Lilliana 16 Jahre ihres Lebens mit ihrer Mutter verbringen konnte, während Lilly sie bereits in jungem Alter verloren hatte, spürte sie Neid in sich aufkommen. „Wie ... wie ist sie gestorben?" Ihre Stimme klang seltsam hohl.
Mitleidig sah er sie an. „Das wissen wir nicht. Lilliana hat ein Jahr lang versucht, das herauszufinden, bevor sie es dann irgendwann aufgab."
Fassungslos krallte sie sich in das Laken fest. „Das kann doch nicht sein. Auch auf der Erde konnten sie uns nicht erklären, was die Todesursache war. Sie sprachen nur davon, dass es ein Arbeitsunfall war, ohne jemals nähere Frage beantworten zu können."
Sie erinnerte sich daran, wie ihr Vater in die Einrichtung gestürmt war und immer wieder gegen die Tür des Vorsitzenden gehämmert hatte, weil er wissen wollte, was mit seiner Frau geschehen war. Und sie konnte sich an den Augenblick erinnern, als seine Wut sich in tiefe Trauer umgewandelt hatte, als er aufgehört hatte zu schreien und stattdessen auf dem Boden weinend zusammengebrochen war. Lilly hatte sich an seinen Rücken gelehnt und versucht, ihn zu trösten. Sie konnte selbst nicht glauben, dass ihre Mutter plötzlich, von einem Tag auf den anderen, verschwunden war. Die Erinnerungen hinterließen einen bitteren Geschmack in ihrem Mund.
Sie schüttelte sich kurz, als sie merkte, dass Williams mitleidiger Blick immer noch auf ihr lastete, und setzte bemüht ein Lächeln auf. „Wie dem auch sei. Die Hütte auf Island ist der schönste Ort, den ich kenne. Nachts konnte man sogar die Polarlichter sehen, sodass der Sternenhimmel in den schönsten Farben strahlte.", erzählte Lilly weiter, doch sie war in Gedanken noch weit weg bei ihrer Mutter. Sie hatte so sehr gehofft, eine alternative Version von ihr zumindest auf Tellus sehen zu können. Dass diese Hoffnung ihr nun auch genommen wurde, hinterließ ein leeres Gefühl in ihr.
William bemerkte, dass sie in ihren Gedanken abschweifte, und ließ ihr die Zeit, indem er sich seiner Leinwand widmete und mit gerunzelter Stirn konzentriert die Farbe auftrug. Lilly beschloss, sich später mit ihrer Mutter und ihrer Frustration zu befassen und dass jetzt nicht die Zeit dafür war.
Also musterte sie William neugierig. „Wie sieht Island hier auf Tellus aus?", fragte sie interessiert. William musste bei der Frage lachen. „Nun ja, ziemlich wässrig, denke ich, wenn man bedenkt, dass Island bereits vor zwanzig Jahren untergegangen ist."
Entgeistert öffnete Lilly den Mund. „Island ist untergegangen?"
Nun sah William sie direkt an. „Ja, genauso wie Großbritannien, Italien, Indien und Japan. Und nicht zu vergessen Florida. Wir haben hier ziemlich üble Hurrikans und andere Katastrophen. Der Wasserspiegel steigt unaufhörlich." Unbekümmert zuckte er mit den Schultern.
„Was für ein Glück, dass New York da noch über Wasser steht.", bemerkte Lilly sarkastisch. William legte den Pinsel zur Seite und stand auf. „Ja, noch."
Er setzte sich ans andere Bettende, sodass ein beachtlicher Abstand zwischen ihnen bestanden blieb und kratzte sich nun plötzlich unsicher am Nacken. Lilly faszinierte es, da er sonst immer einen sehr selbstsicheren Eindruck vermittelte.
In dem trüben Licht trat die Narbe, die quer durch seine rechte Augenbraue verlief, noch mehr hervor als sonst und sie musste sich eingestehen, dass sie sein Gesicht auf einer seltsamen Art und Weise perfektionierte. Dieser Makel in seinem sonst ästhetischen kantigen Gesicht ließ ihn verwundbar wirken. Sie fragte sich bloß, woher sie stammte. Sie biss sich auf ihre Unterlippe. Es war wahrscheinlich keine gute Idee, ihn so unverhohlen anzustarren.
Räuspernd hielt er ihr das eben gemalte Gemälde entgegen. „Es ist nicht das selbe wie ein Fenster, aber du könntest damit eine schöne Erinnerungen in deinem Zimmer festhalten."
Lillys Kinnlade fiel hinunter, als sie das Bild sah. William schien in ihrem Kopf gewesen zu sein und die Erinnerung an Island direkt abgezeichnet haben, denn es stimmte so mit der Realität überein, dass es ihr den Atem verschlug. Als sie eine kleine Figur mit einem weißen Laborkittel, die Hände in die Hüften gestemmt, neben der Hütte entdeckte, konnte sie die Tränen nicht mehr aufhalten. Und weiter im Hintergrund entdeckte sie ein kleines Mädchen mit pfirsich-farbenem Haar, das einem Reh hinterherjagte.
Sie sah ihn an, ohne die Tränen, die ihre Wange hinunterrollten, wegzuwischen. „Dir ist aber schon bewusst, dass meine Haare gefärbt waren?", schluchzte sie, doch konnte ein Lachen nicht verhindern.
Lächelnd kratzte sich William am Nacken. „Ich habe dich mit dieser Haarfarbe kennengelernt.", erwiderte er bloß.
Und ehe Lilly sich versah, schlang sie ihre Arme um ihn und drückte ihn fest an sich.
„Dankeschön. Es ist ... perfekt.", hauchte sie in sein Ohr, bevor sie sich schnell wieder von ihm löste. Wie versteinert starrte William sie an. Und Lilly erkannte vergnügt, dass eine leichte Röte sich um seiner Nase ausgebreitet hatte.
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Völlig erschöpft fuhr Lilly am nächsten Tag den Fahrstuhl hinunter in die Krankenstation und als sie anschließend zum Labor des Professors schleifte, spürte sie einen dumpfen Schmerz in ihren Beinen.
Sie waren gerade von einer erneuten Versorgungsmission zurückgekehrt, was sich als wesentlich anstrengender als am Vortag herausgestellt hatte. Denn heute hatte Lilly die Bekanntschaft mit der dritten Kategorie, den Wütenden, gemacht. Als sie einem Mann mittleren Alters seine Nahrungsbox reichen wollte, war er auf ihren Rücken gesprungen, um sich an ihrem schweren Rucksack zu schaffen zu machen. Sie war mehr als erleichtert über Williams Anwesenheit gewesen, der schnell reagiert hatte und dem Mann eine Betäubungsspritze in die Beine gerammt hatte, sodass William ihn danach mühelos zurück in seine Wohnung tragen konnte.
Lilly schauderte es bei dem Gedanken an den Mann. Nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte, hatte er ihr leid getan. Es hatte ihr leid getan, dass er aufgrund seines Hungers solche drastischen Maßnahmen in Erwägung ziehen musste.
Trotz allem musste Lilly sich eingestehen, dass sie nach dem Vorfall nur kaum an den wütenden Mann gedacht hatte. Eine ganz andere Person beschäftigte sie nämlich heute.
Jasper Johnson. Der Junge, der Widerstand geleistet hatte und zu einer Hinrichtung verurteilt wurde. Und zwar heute.
Ihr Magen drehte sich und ihr wurde übel, als sie an Jasper dachte. Aber gleichzeitig hatte sie eine wilde Entschlossenheit entwickelt, die vorher nicht da gewesen war.
Lilly wollte gerade durch die breite Tür des Labors treten, als sie abrupt inne hielt.
„... wie konnte das passieren? Das sollte doch unmöglich sein.", sagte Burrows in einem scharfen Ton. Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass der Professor telefonierte. Schuldbewusst wollte sie zurück zum Fahrstuhl gehen, um nicht zu lauschen und dem Professor seine Privatsphäre zu gewähren, doch etwas an seinem Tonfall hielt ihre Füße am Boden fest genagelt.
„Findet den Fehler bis ich zurück bin, Priya. Und behebt ihn gefälligst!", fuhr Burrows in einem kalten Tonfall fort. Perplex blinzelte Lilly. Sie hatte den Professor noch nie so wütend erlebt und machte sich dementsprechend Sorgen. Was war geschehen?
Seufzend legte er auf und erblickte überrascht Lilly im Türrahmen. „Oh, Lilly, meine Liebe. Ich habe bereits auf dich gewartet. Mach es dir doch schon mal auf der Liege gemütlich, während ich die Kanüle vorbereite."
Etwas unbehaglich zu Mute setzte sie sich auf die Liege und zog ihre enge Monturjacke aus, um ihren Arm frei zu machen. „Ist alles in Ordnung, Professor?", fragte sie zögerlich und bedachte Burrows, der sich blaue Handschuhe überstreifte und ihren Arm mit einem Tupfer desinfizierte, mit einem besorgten Blick.
Doch die Sorge verflog augenblicklich, als seine grauen Augen strahlend zu ihr aufschauten und er warm lächelte. „Ach, nur eine kleine Unannehmlichkeit in meinem Labor auf der ersten Basis. Das lässt sich sicher schnell beheben.", erzählte er ihr beiläufig und setzte die Nadel an ihrer Haut an. Augenblicklich füllte sich die Kanüle mit ihrem Blut. Mittlerweile war Lilly schon so oft zum Blutabnahmen bei Burrows gewesen, dass es zur Routine geworden war und sie kaum noch etwas spürte.
„Professor, konnten Sie etwas Neues über Ikarus herausfinden?", fragte sie schließlich und lehnte sich erschöpft an die kühle Wand, als er die Präparate entfernt und ihre Haut mit einem Pflaster versehen hatte. Nur mit viel Mühe zog sie ihre Jacke wieder über. Ihr Kopf brummte und ihr Nacken brannte, weil ihre Schultern schon seit geräumiger Zeit angespannt waren.
Burrows war mit gerunzelter Stirn über ein Mikroskop auf der Arbeitsplatte gebeugt und durch die Linse beobachtete er einen dunkelroten Tropfen ihres Blutes.
„Leider nicht sehr viel, meine Liebe.", seufzte er, ohne den Blick vom Mikroskop abzuwenden. Lilly konnte nur sein sorgsam zurück gekämmtes blondgraues Haar, das im Licht der Neonlampen schimmerte, erkennen.
„Ich weiß nicht, wer hinter dem Benutzernamen steckt und warum die Person eine Liste mit hundert geeigneten Kriegern erhalten wollte, die am ehesten geopfert werden können. Was ich jedoch erfahren habe, ist, dass Ikarus eine Figur aus der griechischen Mythologie ist.", fügte er murmelnd hinzu. Sein Fokus galt weiterhin dem zu untersuchenden Präparat.
Schlagartig fielen ihr die etlichen Lateinstunden ein, die sie in der High School zu ertragen gehabt hatte. „Ach ja, der hochmütige Typ, der zur Sonne fliegen wollte und dabei gestürzt ist.", murmelte sie und schloss träge die Augen. Sie musste dringend viel Schlaf nachholen. Doch das würde sie nicht heute Nacht tun. Denn heute Nacht hatte sie schon etwas anderes vor.
Nun lachte Burrows und sah zu ihr auf, wobei seine Brille schief auf seiner Nase saß. „Ja, das kann man wohl so sagen. Ich werde weiterhin recherchieren und dir sicher bald sagen können, welcher hochmütige Typ dich in diese Lage gebracht hat.", sagte er scherzend und versuchte seine Brille zu richten, die danach jedoch immer noch schief saß. Lilly musste lächeln. Der Professor war ihr mit seiner verpeilten Art ans Herz gewachsen und auch wenn sie noch keine brauchbaren Informationen gefunden hatten, glaubte sie fest daran, dass sie es mit dem Professor an ihrer Seite schaffen würde, zurück nach Hause zu kehren.
Ächzend erhob sie sich von der Liege und versuchte das schmerzhafte Stechen in ihren Füßen zu ignorieren. Doch bevor sie ging, musste sie Burrows noch etwas fragen.
„Professor?" Er summte fragend, während er sich konzentriert einige Notizen zu den Proben machte. Lilly schluckte und vergrub ihre Hände in ihrer Monturjacke. „Wissen Sie, wo man Jasper Johnson gefangen hält?"
Burrows hielt inne. „Was hast du vor, Lilly?", fragte er gedehnt und sah sie durch seine Brille fast schon mahnend an. Dieser mahnende Ausdruck erinnerte sie so stark an ihren Vater, der sie immer so ansah, wenn Lilly etwas verbrochen hatte, dass sie den Blick schmerzlich abwenden musste.
„Ich kann ihn nicht sterben lassen, Professor. Es gibt doch sicher einen Weg, ihn zu befreien, ohne ein zu großes Risiko einzugehen, erwischt zu werden." Noch ehe sie die Worte ausgesprochen hatte, bemerkte sie, wie naiv sie klang. Sie würde ein sehr großes Risiko eingehen und vielleicht so jede Chance zerstören, jemals wieder nach Hause kehren zu können. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie ihr Leben für den Jungen aufs Spiel setzen wollte, den sie nicht einmal kannte. Vielleicht war es die wilde Entschlossenheit, die lodernde Wut in seinen Augen gewesen, als er laut den Unteroffizieren und allen Kriegern der Basis verkündet hatte, dass er dem Befehl, im sechsten Bezirk eingesetzt zu werden, nicht Folge leisten würde. Vielleicht lag auch ein ganz anderer Grund dahinter, sie wusste es nicht.
Sie wusste bloß, dass sie es versuchen musste.
Seufzend rieb sich der Professor die Stirn. „Du hast ja recht, du hast ja recht. Armer Jasper, er ist noch so jung." Nun bedachte er sie mit einem mitleidigen Blick. „Ich kann dir sagen, wo sie ihn höchstwahrscheinlich gefangen halten. Das wird dir aber nicht viel bringen, da ich kaum eine Chance sehe, wie du an alle Wachen und an den Überwachungskameras vorbeikommen kannst."
Als er bemerkte, dass Lilly weiterhin entschlossen drein blickte - zumindest war sie darum bemüht, denn innerlich graute es ihr vor diesen Wachen -, seufzte er erneut. „Nun gut. Die Basis ist in drei verschiedene Gebäude unterteilt. Hier befinden sich alle Wohnstationen, die Zentrale und die Krankenstation sowie die Hallen für Training und Versammlungen. Weiter östlich befindet sich das Lager, in dem der ganze Proviant und die Waffenkammer sowie weitere lebenswichtigen Ausrüstungen sich befinden. Und weiter nördlich liegt abgeschottet von den beiden anderen Gebäuden das ... Gefangenengebäude." Er knirschte mit den Zähnen und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, so als bereitete es ihm große Mühe, das Wort auszusprechen.
Ihre Gedanken drehten sich. Sie hatte nur noch wenige Stunden, um einen halbwegs sinnvollen Plan auszudenken.
Es ist noch nicht zu spät, flüsterte ihr eine leise Stimme in ihrem Kopf zu. Du musst das nicht tun. Der Junge ist nicht deine Verantwortung.
Sie zwang sich, diese Stimme zu ignorieren und schenkte Burrows stattdessen ein halbherziges Lächeln. „Vielen Dank, Professor."
Er sah sie besorgt an, bevor sie sich von ihm abwandte und das Labor verließ. Nur um da fast mit William zusammenzustoßen.
„Oh, William. Entschuldige, ich habe dich nicht geseh-"
Mit verschränkten Armen beäugte er sie kritisch. „Ich habe alles gehört.", sagte er kurz und knapp. Lilly gefror das Lächeln im Gesicht. „Du hast was?", fragte sie beinahe verdattert. Er schürzte die Lippen verärgert. „Ich habe dich gehört und ich bin dabei.", erklärte er ihr unverblümt und ging mit zügigen Schritten auf den Fahrstuhl zu. Lilly hatte Mühe, mit ihm mitzuhalten.
„Wovon sprichst du eigentlich?", fragte sie nervös.
Er schüttelte bloß eindringlich den Kopf. Nicht hier. Die Wände haben Ohren. „Wir werden auf der Station einen Plan erstellen.", erklärte er mit einer neutralen Miene, was sie ganz überrumpelte. All die Vertrautheit, die sie in der gestrigen Nacht gespürt hatte, schien wie verflogen zu sein und stattdessen war eine kalte Berechenbarkeit eingetreten. Hatte sie sich das gestern bloß eingebildet?
Angekommen in ihrer Station im vierten Stockwerk waren sie bestrebt, die mit Staub übersäten Soldaten zu ignorieren, die gerade allesamt von einer Mission wiedergekehrt waren und die Gänge erschöpft entlang trotteten. Doch bevor sie ihre Zimmer erreichen konnten, stockte William plötzlich und auch Lilly fuhr zusammen, als sie plötzlich einen Arm spürte, der sich von hinten um ihre Schultern gelegt hatte.
Jiang.
Mit seinem typischen Grinsen sah er sie beide abwechselnd an. „Wo geht es denn so schnell hin, meine geehrten Teamkollegen? Wollt ihr mir und Nour nicht ein wenig Gesellschaft im Gemeinschaftsraum leisten?", fragte er betont beiläufig. Lilly erkannte, dass Jiang seine Kampfmontur noch nicht ausgezogen hatte, denn sie war mit Staub und Schmutz übersät. Als er mit der freien Hand durch die pechschwarzen Haare fuhr, hinterließ er auch auf ihnen eine dünne Staubschicht.
Verärgert räusperte sich William. „Vielen Dank, aber Lilly - Lilliana und ich haben schon etwas vor.", entgegnete er beinahe genervt. Angespannt verstaute sie ihre Hände in ihrer Jackentasche.
Jiangs Augenbrauen schossen in die Höhe. „Ach ja? Du und ... Lilly? Nun das, mein lieber Freund, war jedoch keine Frage. Ihr solltet nun wirklich mit in den Gemeinschaftsraum." Er sah sie eindringlich an. Lilly gefror das Blut in den Adern, als sie ihren Namen aus Jiangs Mund hörte. Wusste er ... ?
Hilfe suchend sah sie zu William, der Jiang nun misstrauisch betrachtete. Nour wartete bereits im Türrahmen des Gemeinschaftsraumes. Auch sie trug noch ihre Kampfmontur. Nur den Helm hatte sie heruntergefahren, sodass nun ihr goldener Hijab zu erkennen war.
Als sie misstrauisch und angespannt den Raum betraten, schloss Jiang die Tür hinter sich.
„Also", begann Nour mit hochgezogener Augenbraue. „Wie wollen wir es anstellen, Jasper zu retten, ohne dabei drauf zu gehen?"
Lilly erblasste. „Was?", fragte sie entgeistert. Doch Nour schnaubte bloß. „Ach komm schon, ihr wollt mir doch nicht weismachen, dass ihr nicht bereits einen Plan ausgeheckt habt. Also?" Sie sah sie ungeduldig an und verschränkte die Arme vor der Brust.
Skeptisch sah William zu Jiang herüber, der lässig an der Tür angelehnt war und nun die Hände abwehrend in die Höhe hielt. „Glaub mir, ich bin auch nicht begeistert von der Idee." Lilly glaubte ihm, denn sie sah die Zwiespalt in seinen Gefühlen. „Ich denke, wir würden damit eine Grenze überschreiten. Und wir würden niemals wieder auf die sichere Seite hinter der Grenze gelangen. Verdammt, es wäre ein Wunder, wenn wir die Sache überhaupt überleben, denn ich will mir nicht ausmalen, was der Offizier mit uns anstellt, wenn er uns in die Finger kriegt."
Er nahm einen langen Atemzug und sah nun zu Nour. Eine Sorgenfalte hatte sich auf seiner Stirn gebildet. „Aber ich werde Nour folgen. Wo auch immer sie hingeht.", sagte er ernst. Nour warf ihm einen kurzen Blick zu und wandte dann schnell wieder den Blick ab. Erwartungsvoll starrten sowohl Nour als auch Jiang sie an.
Lilly und William sahen sich lange an. Trotz aller Risiken hatten sie zu viert eindeutig größere Chancen, Jasper erfolgreich vor seiner Exekution zu retten. Also nickten sie einstimmig.
„Super, dann fehlt nur noch eins.", sagte Jiang vielsagend und sah zu Nour, die nickte.
„Zunächst und damit das alles funktionieren kann, müsst ihr uns sagen, was ihr uns seit zwei Wochen verschweigt."
*****
Wie wird das Team es wohl anstellen, Jasper zu retten?
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