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Kapitel 19

Erde 2019

Mordlustig starrten Lilliana gelbe Schlangenaugen an.

Sie war starr vor Angst, konnte ihre Gliedmaßen nicht mehr kontrollieren. Ihr Puls war mittlerweile genauso laut wie das bedrohliche Zischen des Nagas, der langsam von der Gasse aus auf sie zu schlängelte. So als kostete er jeden Augenblick ihrer Angst aus. Er wartete auf den Moment, in dem ihre Schockstarre sich lösen und sie eine Entscheidung treffen würde.

Kämpfen oder Fliehen?

Lillianas Hände begannen unkontrolliert zu zittern, während sie stoßweise ausatmete. Und alles, was sie in dem Moment denken konnte, war Nein, das kann nicht sein. Das darf nicht sein.

Der Naga erstreckte sich nun zu seiner vollen Größe und verdeckte so den dunklen Sternenhimmel mit seinen gigantischen Schuppen. Nur wage konnte sie erkennen, dass sich die hintere Hälfte seines Körpers noch in der Gasse befand.

Nein, nicht in der Gasse.

Lauf weg, Lauf weg!

Sie wagte es, einen Schritt zurückzutreten, die Augen weiterhin auf den Naga gefesselt. Doch sie stolperte über einen Kabel, der mit der großen Antenne verbunden war, und fiel unsanft auf den Boden.

Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Das flackernde Bild verschwand nicht, der Naga verschwand nicht. Er war real. Er war hier, auf der sicheren Erde. Nein, nein, das durfte nicht sein.

Fieberhaft suchte sie nach einem Ausweg, während die gelben Augen sich immer weiter näherten, das Zischen immer lauter wurde. Lilliana lief es kalt den Rücken hinunter, während sie versuchte, sich zusammenzureißen.

Das hier war keine Astralreise.

Es war real. Sie konnte sich bewegen. Sie würde nicht sterben.

Sie war Lilliana Anderson, eine Soldatin, eine Kriegerin, die die meisten Nagas in ganz New York getötet hatte.

Sie würde hoch erhobenen Hauptes kämpfen.

Sie wartete, bis sie den Naga mit ihren Augen fixiert hatte, während sie unauffällig die schmale Schwertscheide an ihrem Oberschenkel ertastete. Ihre Hände zitterten noch, doch sie war wild entschlossen. Denn sie wusste, dass ihr nur noch wenige Sekunden blieben.

Also überlegte sie nicht lange. Schnell rollte sie sich zur Seite und zückte ihren Dolch. Ein ohrenbetäubendes Kreischen erklang, das in jeder Faser ihres Körpers widerhallte. Als der Naga sich zur Seite wand und seine triefenden Giftzähne entblößte, sprang Lilliana auf die hohe Antenne. Eine scharf gezackte Zunge blitzte hervor, die ihren Rücken streifte. Von Übelkeit erfasst unterdrückte sie den Schrei, der in ihrer Kehle stecken blieb.

Der Dolch war zu kurz, um ihn damit zu erlegen, ohne sich selbst dabei zerfleischen zu lassen. Also stieß sie sich mit aller Kraft gegen die Antenne, immer wieder, bis sie endlich stürzte und mit ihrem ganzen Gewicht auf den Rumpf des Nagas krachte. Schmerzerfüllt kreischte er wieder auf und Lilliana glaubte, ihr Trommelfell platzte. Blitzschnell griff sie nach den langen Kabeln und sprang mit aller Kraft auf die ledrigen Schuppen.

Wie gehofft wand der Naga sich daraufhin hin und her, was sie ausnutzte, um das Kabel zwei Mal um seinen Rumpf zu schlingen. Irritiert versuchte er sich von ihnen zu befreien, doch Lilliana zog sie bereits so stramm wie möglich. Der Naga gab einen röchelnden Laut von sich, als die Kabeln sich zwischen seine Schuppen bohrten. Und als er immer schwächer wurde, seine Bewegungen nur noch mit großer Mühe vollbracht wurden, zögerte Lilliana nicht. Sie ließ das Ende des Kabels fallen und warf mit voller Wucht ihren Dolch in das rechte Auge des Nagas.

Ein letzter Schrei erklang, bevor der Körper mit einem Schlag erschlaffte und zu Boden fiel, was das ganze Dach zum Zittern brachte. Lilliana hoffte bloß, dass die Bewohner des Hochhauses nicht von dem Beben aufgeweckt wurden.

Sie fiel auf die Knie, während sie ihr blutiges Werk betrachtete. Kaltblütige Mörderin, flüsterte ihr eine beißende Stimme in ihrem Kopf zu. Niedergeschlagen schloss sie die Augen und versuchte die Stimme zu ignorieren. Das Adrenalin schoss immer noch in Strömen durch ihre Adern, sodass ihre Hände weiterhin zitterten. Sie wagte einen erneuten Blick auf den Naga. Ihr wurde übel beim Anblick der Blutlache, die sich unter dem Auge gesammelt hatte. Ganz egal, wie oft sie schon tote Nagas in ihrem Leben gesehen hatte, es war jedes Mal der blanke Horror.

Doch das hätte nicht passieren dürfen. Der Naga hätte nicht hier sein dürfen. Auf Tellus, ja. Aber doch nicht auf der Erde.

Lilliana schauderte, als sie sich aufrappelte, um ihren Dolch aus dem blutigen Schlangenauge zu ziehen. Der beißende Geruch von Blut und Verwesung ließ ihre Nasenflügel brennen. Vorsichtig stupste sie den toten Kopf an und biss die Zähne zusammen. Falls sie bis jetzt noch irgendwelche Hoffnungen gehegt hatte, dass das alles nur eine Illusion gewesen war, wurde sie nun bitter enttäuscht.

Langsam schritt sie zum Rand des Daches und blickte in die Gasse hinunter. Doch während das Bild letztes Mal lediglich geflackert hatte und ihr nur flüchtige Blicke in tiefe Schwärze gewährt hatte wie nicht unscharfe Pixel, hatte das Bild sich nun verfestigt und von der Gasse war keine Spur.

Schwarzes Ödland blickte ihr auf der anderen Seite des Portals entgegen und sie konnte erkennen, dass der Schwanz des Nagas noch auf dunklem Sand lag.

„Das ist doch verrückt.", hauchte sie bestürzt und fuhr sich durch ihr langes schwarzes Haar. „Vollkommen verrückt."

Sie hatte genug gewartet. Dr. Hernandez musste davon erfahren. Bevor es die Bewohner dieses Hauses - oder noch schlimmer, die Regierung - taten.

Ihre Umgebung verschwamm zu einem wirren Durcheinander von Schatten, während sie zum Unterschlupf zurückkehrte. Sie war flink und ließ sich von nichts beirren, hatte nur eins im Kopf: den Naga, der auf der Erde war.

Als sie die heruntergekommene Wohnung in einer abgelegenen Gasse in der Bronx erreichte und hastig die Tür entriegelte, stürmte sie hinein.

Es war mitten in der Nacht, deshalb hatte sie erwartet, dass noch alle schliefen.

Sie hatte nicht damit gerechnet, fast in Will, der vollständig angezogen und hellwach war, hinein zu laufen.

„Lilliana.", sagte Will atemlos. Seine Haare standen in allen Richtungen ab. „Lilliana.", wiederholte er und sah sie besorgt an, doch traute sich nicht, sie zu berühren. „Verdammt, ich dachte schon, du wärst verschwunden."

„Keine Sorge, ich würde nicht ohne meinen Kater gehen.", sagte sie abgelenkt, doch angesichts der Tatsache, dass sie kreidebleich war und der Schock noch aus ihrer Stimme zu hören war, gelang ihr der halbherzige Scherz nicht ganz so gut.

Dr. Hernandez, die ebenfalls hellwach an der Kücheninsel stand, musterte sie kritisch. „Lilliana, was ist passiert?", fragte sie argwöhnisch. Anders als Will schien sie sofort gemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmte.

Lilliana nahm einen tiefen Atemzug und sah sie ernst an. „Ich habe soeben eine undichte Stelle entdeckt."

Sofort schoss Wills entsetzter Blick zu ihr. „Du hast was?"

„Ich habe einen Naga getötet. Hier, auf der Erde. Gegenüber der Brooklyn High."

Will sah so aus, als würde er gleich ohnmächtig werden.

Dr. Hernandez hingegen schnappte sich einen blauen Rucksack und packte behutsam verschiedenste Geräte ein. „Wir dürfen keine Zeit verlieren."

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„Bist du dir auch ganz sicher, dass die Schlange tot ist? In der Middle School hat mir ein Mitschüler mal einen ganz bösen Streich gespielt, in der eine Schlange involviert war.", erzählte Will nervös und schüttelte sich kurz bei der verstörenden Erinnerung. Sie kletterten die rostige Rettungsleiter hinauf zum Dach. Lilliana verharrte kurz an einer Sprosse, als sie die ersten Dachziegel erkennen konnte. Ihr wurde genauso mulmig zumute und sie wollte am liebsten umkehren. „Ja, der Naga ist tot. Es besteht keine Gefahr mehr.", antwortete sie dann. Geschweige denn das Portal oder was auch immer das war hat nicht einen weiteren Naga durchgelassen.

Sie atmete tief ein, nahm ihren Dolch in die Hand und wappnete sich für den Anblick der toten Schlange, als sie die letzte Sprosse erklomm und auf das Dach stieg.

Sie stockte. „Was zum ..."

Nach ihr erschienen auch Will und Dr. Hernandez auf dem Dach, die genauso fassungslos schienen.

Nervös lachte Will nun. „Hat die tote Schlange fliegen gelernt oder wo versteckt sie sich?"

Der Naga war verschwunden. Aber das konnte doch gar nicht möglich sein. Sie hatte ihn getötet, daran lag kein Zweifel. Er konnte sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben.

Sofort rannte sie zur anderen Seite des Daches, um auf die Gasse hinunterzublicken.

Doch sie sah kein flackerndes Bild, keine schwarze Wüste und auch keinen Naga. Vor ihr bildete sich eine ganz normale Gasse, mit übel riechenden Mülltonnen an den Seiten aufgereiht. Keine Spur von der undichten Stelle. „Das kann nicht wahr sein.", hauchte sie entgeistert.

Ungläubig sah sie wieder zu der Stelle, wo sie den Naga getötet hatte. Doch nur noch die umgeworfene Antenne und die wirr umliegenden Kabeln deuteten darauf hin, dass es hier jemals einen Kampf gegeben hatte. Vom Naga selbst keine Spur. Bis auf ...

Verwirrt bemerkte Lilliana schwarzes Pulver auf dem Grund. Dem Geruch nach zu urteilen handelte es sich dabei um Asche. Doch nichts deutete sonst auf einen Brand hin.

Prüfend sah sich Dr. Hernandez um, bevor sie ein quadratisches Gerät aus ihrem Rucksack hervorholte, das ständig blinkte. Forschend tippte sie auf ein paar Tasten und Buttons, bevor sie entschlossen den Kopf schüttelte. „Meine Geräte zeigen weder eine Naga-Aktivität noch eine neue undichte Stelle zu Tellus auf.", murmelte sie und blickte dann zu Lilliana auf. „Eventuell ist der Naga nur deiner Vorstellungskraft entsprungen.", sagte sie nüchtern.

Lilliana starrte erst sie, dann Will an, der immer noch nervös Ausschau nach einer Schlange hielt. „Wollen Sie mir etwa sagen, dass ich mir das nur eingebildet habe?", fragte sie fassungslos. Hielt Hernandez sie etwa für verrückt?

Dr. Hernandez zuckte bloß gelassen die Schultern. „Das sollten wir durchaus in Betracht ziehen angesichts deiner Erlebnisse auf der Astralebene, die auf ein starkes Trauma in Bezug auf Nagas hinweisen.", sagte sie mit neutraler Miene. Es klang beinahe nach einer Diagnose, was Lilliana bloß noch wütender machte. Das Blut rauschte in ihren Ohren und sie krallte ihre Fingernägel fest in das Heft ihres Dolches, das sie noch in der Hand hielt.

„Deshalb ist es gut möglich, dass es sich bei deinem Kampf mit dem Naga lediglich um ein Flashback, eine getriggerte Erinnerung, handelt.", fuhr Hernandez fort und tippte nun wieder auf ihrem Gerät herum, was Lilliana rasend machte, „Und wir sollten uns hier eher auf die Wissenschaft konzentrieren." Vielsagend hielt sie das Gerät in die Höhe. „Und die Wissenschaft sagt nun einmal, dass es keine undichte Stelle an diesem Ort gegeben hat." Es klang mehr nach einem allgemeinen Fakt als nach Prahlerei.

Lilliana schäumte vor Wut. Ein Naga wäre beinahe hier auf der Erde ausgebrochen, hätte ahnungslose Menschen verschlungen, wenn sie ihn nicht bekämpft hätte. Sie hatte die undichte Stelle, den Blick in eine andere Welt, so sicher gesehen, dass es sie entsetzte, dass Hernandez sie nicht ernst nahm. Sie für verrückt abstempelte.

Beinahe gelangweilt seufzte Dr. Hernandez. „Ich kann euch nämlich versichern, dass meine Technik nicht versagt. Deshalb können wir nun wieder beruhigt nach Hause gehen."

Nach diesen Worten verlor Lilliana die Selbstbeherrschung. Sofort stürmte sie auf Hernandez zu. „Nun, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ihre Technik versagt hat, Doc.", zischte sie verächtlich. Sie bebte regelrecht vor Zorn. Und zu sehen, dass die Wissenschaftlerin völlig unbekümmert von ihrem Wutausbruch schien, machte es nicht besser. „Denn ich habe hier eben ihren Hintern gerettet, indem ich den Naga erlegt habe."

Mit hochgezogener Augenbraue betrachtete Dr. Hernandez den Dolch, den Lilliana unbewusst - bereit zum Angriff - gezückt hatte. Überrumpelt blickte Lilliana zu ihrem Dolch, den sie fest umklammert hatte.

Nervös lachend schritt Will, der die Auseinandersetzung sprachlos beobachtet hatte, schnell zwischen ihnen, als er ihren Dolch erblickte. „Wir sollten jetzt alle einen Gang herunterschalten und uns morgen um das Problem kümmern. Wir haben eine anstrengende Nacht hinter uns.", sagte er und legte sanft seine Hand auf ihre, die den Dolch hielt, um ihn zu senken. Zuversichtlich sah er sie an.

Als Lilliana den Griff um das Heft lockerte, starrte sie die blutige Klinge noch fassungslos an, da sie ihn unbewusst gegen Hernandez gerichtet hatte. Sie blinzelte. Einen Moment mal -

„Nehmen Sie eine Probe von der Klinge!" Auffordernd hielt sie der Wissenschaftlerin ihren Dolch entgegen und ignorierte Will dabei völlig. „Es handelt sich um einen Beweis meines Kampfes. Das Blut stammt vom Naga. Untersuchen Sie das."

Argwöhnisch, aber ohne zu zögern, kramte Hernandez aus ihrem Rucksack ein kleines Reagenzglas und ein Stäbchen, das sie mit einer großzügigen Menge des noch frischen Blutes im Gläschen verschloss. Daraufhin reichte sie ihr den Dolch zurück, was Lilliana sofort zurück in die Scheide steckte, und verstaute die Probe vorsichtig in ihrem Rucksack. „Lasst uns hoffen, dass das Blut auch wirklich von einem Naga stammt. Und nicht von einem Menschen.", murmelte sie noch skeptisch.

Das reichte ihr.

Mit einem frustrierten Aufschrei stürzte sie sich auf Hernandez, die Hände zu Fäusten geballt. Doch da Will erneut blitzschnell zwischen ihnen trat, fasste sie ihn stattdessen am Kragen. Er schluckte. Ehrfurcht lag in seinen Augen. Ihm war klar, dass er in einem Kampf gegen Lilliana keine Chance hatte.

Augenblicklich ließ sie ihn los.

„Es reicht. Verdammt, Doc, was ist bloß in Sie gefahren?", fluchte er und sah ungläubig zu Hernandez. „Ich denke, der Schlafmangel treibt uns alle in den Wahnsinn. Doc, Sie untersuchen morgen früh die Probe und dann kümmern wir uns um die permeable Stelle, die Lilliana gefunden hat.", sagte er mit fester Stimme, die keine Widerworte zuließ. Überrascht sah sie ihn an. Sie hatte Will noch nie so ernst erlebt. Sie suchte sein Gesicht nach irgendeinem Anzeichen von Zweifel oder Misstrauen ab, doch sie fand nur feste Entschlossenheit. Er glaubte ihr. Er glaubte ihr.

Verärgert sah Hernandez sie abwechselnd an, doch schien größtenteils unbekümmert. Tiefe Ringe hatten sich unter ihren dunklen Augen gebildet. Ohne ein weiteres Wort schritt sie zur Rettungsleiter und kletterte hinunter.

Lilliana lockerte ihre geballten Fäuste und spürte, wie ihre Wut langsam verrauchte. Sie schritt erneut zum Rand des Daches, um in die Gasse hinunterzublicken. Enttäuscht fand sie nur die müffelnden Mülltonnen und die roten Dachziegeln vor. Sie seufzte.

Am Horizont ging die Sonne auf, die den dunklen Himmel mit ihren rötlichen Strahlen beschmückte.

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Will kramte aus seiner Jeanstasche die Schnur heraus, die Lilliana bereits bei ihrer letzten Astralreise geholfen hatte, und reichte ihn ihr mit einem schiefen Grinsen. „Gut, dass ich eine unendliche Quelle von abgetragenen Jeans habe, die wir ausschöpfen können.", scherzte er, was Lilliana trotz der angespannten Situation zum Schmunzeln brachte. Sie hatten alle in der vergangenen Nacht nur wenig geschlafen. Am Morgen hatten sie ein Taxi genommen und waren direkt ins Lager gefahren, um Lilliana in Hernandez selbst gebautem Labor erneut auf die Astralebene zu schicken. Lilliana hatte Dr. Hernandez wütend angefunkelt, als diese ihr die zahlreichen Drähte und Kabel am Körper angebracht hatte, um ihre Körperfunktionen während der Bewusstseinsreise zu überwachen. Jedoch schien diese ihre Auseinandersetzung in der vergangenen Nacht nichts auszumachen, denn sie ging gelassen ihrer Arbeit nach.

Lilliana betrachtete die blaue Schnur, die sich rau in ihrer Hand anfühlte, und seufzte. Sie bekam ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken an ihrer bevorstehenden Astralreise. Schließlich lief das letzte Mal nicht ganz so gut wie erhofft. Lilliana sah wieder den Naga vor Augen, der versucht hatte, sie zu verschlingen. Ihr wurde übel, als sie sich daran erinnerte, wie wehrlos sie gewesen war.

Sie schüttelte den Gedanken ab und versuchte sich abzulenken. „Konnten Sie bereits das Blut des Nagas auswerten?", richtete sie sich an Hernandez und schluckte ihren aufkommenden Zorn hinunter. Tuno, den sie natürlich mitgenommen hatten, sprang mit einem leisen Miauen auf ihren Schoß und begann instinktiv zu schnurren, was sie tatsächlich ein wenig beruhigte.

Gleichgültig schüttelte Hernandez den Kopf. „Noch nicht ganz. Was ich aber zu unserer Erleichterung bereits feststellen konnte, ist, dass es sich nicht um menschliches Blut handelt." Vielsagend sah sie sie an. Lillianas Blut kochte in ihren Adern. Empört sprang Will von seinem Hocker auf. „Das ist eine echt üble Unterstellung, Doc."

Lilliana hingegen blieb ruhig und verschränkte die Arme vor der Brust. Forschend starrte sie die Wissenschaftlerin an. „Wie wollen Sie denn auch die DNA eines Nagas bestimmen können, wenn die Spezies hier auf der Erde nicht existiert? Wenn Sie noch nie einem begegnet sind?", bemerkte sie spitz. Auffordernd sah sie Hernandez in die Augen. Sag uns, was du uns verheimlichst.

Schnell wandte Hernandez den Blick ab und konzentrierte sich wieder auf den grell leuchtenden Bildschirm vor ihr. „Nun ja, ich bin nun einmal Wissenschaftlerin.", erwiderte sie, bemüht um einen neutralen Tonfall. Doch Lilliana sah, wie sich ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammenpressten.

Verwirrt blinzelte Will. „Nein, Lilliana hat recht. Das ist wissenschaftlich gar nicht möglich. Sie könnten höchstens feststellen, dass es sich bei der DNA um eine unbekannte Spezies handelt. Aber nicht, dass es das Blut eines Nagas -", fing er an, doch Hernandez unterbrach ihn mit einem Räuspern. „Wir sollten starten.", sagte sie ernst. Lilliana biss sich auf die Innenseite ihrer Wange. Sie würde ihr noch auf die Schliche kommen.

„Ich habe eine Idee.", sagte sie schließlich nach langem Zögern. Als Hernandez und Will erwartungsvoll zu ihr schauten, nahm sie einen tiefen Atemzug. Die Idee war ihr bereits nachts eingefallen, als sie nicht einschlafen konnte. „Ich werde auf der Astralebene versuchen, zu dem Ort zu gelangen, den ich in der Gasse erblickt hatte. Der Ort, zu dem die undichte Stelle führt. Von dort aus werde ich versuchen, die undichte Stelle zu finden und durch diese zu gehen, um wieder auf der Erde, auf dem Dach gegenüber der Brooklyn High zu gelangen." Als sie die Worte ausgesprochen hatte, verschwand jedes Zögern. Sie war fest entschlossen.

Wills Augen weiteten sich. „So könntest du herausfinden, was das für ein Ort war, den du gesehen hast. Und vielleicht auch etwas über die undichte Stelle erfahren.", schlussfolgerte er begeistert. Lilliana nickte stumm. Plötzlich sprang Will so ruckartig auf, dass der Hocker nach hinten kippte und Tuno aufschreckte. Grinsend rieb er sich die Hände gegeneinander. Seine Haare schienen elektrisch aufgeladen zu sein von der Spannung, die durch seinen Körper fuhr. „Doc, was wäre, wenn ich während Lillianas Astralreise auf dem Dach warten würde, um zu beobachten, ob sich irgendetwas an der Stelle tut, wo sie die permeable Stelle vermutet? Vielleicht taucht sie ja wieder auf.", fragte er aufgeregt.

Hernandez legte zwei Finger an ihren Kinn, während sie überlegte. „Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass du irgendetwas Spektakuläres beobachten wirst, aber ja. Ein Versuch ist es wert.", antwortete sie schließlich gedehnt.

Doch dann gefror Wills übermütiges Grinsen auf seinen Lippen. Stattdessen runzelte er nun besorgt die Stirn. „Ich muss zugeben, dass ich mich in dem Gebiet der Astralreisen nicht auskenne, aber das Ganze schreit förmlich nach Gefahr."

Lilliana ließ ihn nicht fortfahren, denn sie schüttelte vehement den Kopf. „Ich werde es tun. Mein Körper bleibt ja schließlich hier, in Sicherheit.", erwiderte sie, doch ließ den Rest unausgesprochen. Was mit ihrem Geist, ihrem Bewusstsein, passieren könnte, wenn sie durch die Dimensionen von Raum und Zeit sprang und von einem Universum ins andere trat.

Grübelnd lehnte sich Dr. Hernandez auf ihrem Bürostuhl zurück und sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. „In Ordnung. Wir sollten es versuchen." Dann sah sie sie herausfordernd an. „Lilly kann schließlich warten.", schob sie spöttisch hinterher.

Lilliana erstarrte. Lilly, zu der sie immer noch keine Verbindung herstellen konnten. Lilly, die auf Tellus feststeckte. Lilly, die auf ihre Hilfe angewiesen war.

Schuldbewusst blickte sie zu Will, der verzweifelt seinen Nacken rieb und in Gedanken bei seiner besten Freundin zu sein schien. Sie biss sich auf ihre Lippe. „Ich verspreche dir, dass ich alles tun werde, damit meine nächste Reise mich zu Lilly führt.", versicherte sie ihm und sah ihn dabei entschuldigend an.

Will schenkte ihr ein leichtes, aber aufrichtiges Lächeln. „Ich weiß. Pass auf dich auf.", sagte er so leise, dass seine Stimme etwas kratzig wurde. Lillianas versteiften Glieder entspannten sich augenblicklich, als sie sich für einige Sekunden in Wills warmen haselnussbraunen Augen verlor. Sie nickte leicht. „Du auch." Sie hoffte stark, dass er auf dem Dach keinem Naga begegnen würde.

Dann setzte sie das Headset auf und hörte schon die ersten Klänge, die ihre Gehirnfrequenzen allmählich senkten und ihren Körper einschlafen ließen.

Als die melodischen Klänge leiser wurden und schließlich gar nicht mehr zu hören waren, öffnete sie die Augen. Doch dieses Mal wachte ihr Bewusstsein erst gar nicht im Labor auf. Stattdessen führten ihre Wut und ihre Entschlossenheit sie direkt zu dem abscheulichsten Ort, den sie sich je hätte ausmalen können.

Und anders als letztes Mal war es genau der Ort, den sie auch zu finden erhofft hatte. Sie befand sich inmitten der schwarzen Wüste.

*****

Was ist mit dem Naga geschehen, den Lilliana getötet hatte? Was verschweigt Dr. Hernandez ihnen? Und was wird wohl während ihrer nächsten Astralreise geschehen? ;)

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