Kapitel 2
Tellus 2019:
„Nicht schon wieder.", stöhnte Lilliana schmerzerfüllt. Auf dem Boden liegend atmete sie schwer in ihren Schutzhelm und starrte in den amethystfarbenen Himmel hoch.
Sie wurde doch erst letzte Woche gebissen. Wie würde Professor Burrows reagieren, wenn er sie schon wieder wegen einer Bisswunde am Bein verarzten musste? Sie spürte schon, wie sich das Gift allmählich in ihrem Oberschenkel wie heiße Lava ausbreitete. Ein lautes, dringliches Piepen ertönte in ihrem Ohr und die Sauerstoffanzeige an ihrem rechten Handgelenk blinkte rot. Wissend, dass sie nun die Notfallreserve an Sauerstoff nutzte, setzte sie sich angestrengt auf, ohne ihr Bein zu belasten. Mit den behandschuhten Händen strich sie über den abgestorbenen Rasen. Wie viel wäre sie bereit zu geben, nur um einmal die einzelnen Grashalme auf ihrer Haut fühlen zu können? Alles, dachte sie sich. Sie würde alles geben.
„Wie unhöflich!", rief eine Stimme hinter ihr. „Ich hoffe doch, dass du es ihm wenigstens heimzahlen konntest."
William, Lillianas treuester Freund, lief auf sie zu und half ihr hoch. Einige schwarze Locken hatten sich aus seinem Dutt gelöst und klebte nun an dem Glas seines Schutzhelms. Ein äußerst seltener Anblick, dachte sich Lilliana.
„Darauf kannst du dich verlassen.", antwortete sie ihm grinsend, verzog dann aber schmerzerfüllt das Gesicht, als sie einen Schritt machte. Kritisch beäugte William die Wunde. „Dein Bein muss schnell versorgt werden. Und viel Sauerstoff bleibt dir auch nicht mehr. Komm, ich helfe dir." William schlang einen Arm um Lilliana und stütze sie. Glücklicherweise befanden sie sich in der Nähe des Stützpunkts, sodass sie auf die lästig quietschenden Züge verzichten konnten.
„Wie viele hast du heute umlegen können?", fragte William sie irgendwann. Lilliana wusste, dass er Fragen stellte, um sie bei Bewusstsein zu halten. Ihr war nämlich so schwindelig, dass sie sich nicht sicher war, ob sie es bis zum Stützpunkt im wachen Zustand schaffen würde.
„Zwei", erklang es gedämpft. „Und du?" Lilliana versuchte langsamer zu atmen, um Sauerstoff zu sparen. „Beinahe drei. Der Dritte ist mir entwischt." William wirkte enttäuscht.
„Keine Sorge." Lilliana nahm einen tiefen Atemzug. Es kostete sie unglaublich viel Mühe zu sprechen. „Den holen wir uns morgen gemeinsam." Besorgt sah William kurz zu Lilliana. Er bezweifelte, dass sie morgen schon wieder auf Patrouille gehen konnte.
„Bleib bei mir, Lilliana. Du hast es bald geschafft." Lilliana nickte nur leicht. Die Welt verschwamm vor ihren Augen. Alles, was sie noch sah, war eine wilde Mischung aus dem violetten Horizont und dem roten Asphalt. Doch sie konnte mit viel Mühe schon die Metalldrähte des hohen Zauns, der den Stützpunkt, in dem Lilliana und William eingesetzt wurden, umschloss. „Wir haben es gleich geschafft.", stieß William angestrengt aus. Doch Lilliana hörte ihn schon nicht mehr und fiel in einen traumlosen Schlaf.
Das erste, was Lilliana bemerkte, als sie erwachte, war der kühle Untergrund an ihrem Rücken und das Fehlen der Schutzhelms: Sie lag auf der Krankenstation der Basis. Wahrscheinlich hatte William sie das letzte Stück tragen müssen, dachte sie sich.
„Die Prinzessin ist erwacht.", neckte William sie, doch auf seinem Gesicht war Erleichterung zu erkennen. Auch wenn es mittlerweile gute Heilmittel gegen solche Bisswunden gab, hatte er sich Sorgen um seine beste Freundin gemacht. William lehnte sich beruhigt auf dem Plastikstuhl zurück, der für die Besucher ausgelegt war.
„Ah, das Heilmittel zeigt bereits seine Wirkung. Wie wundervoll." Professor Burrows, der gelegentlich auf der Krankenstation aushalf, klatschte sich erfreut in die Hände. „Wie geht es dir, meine Liebe?" Dankbar lächelte Lilliana zu ihm auf. Tatsächlich konnte die Ausbreitung des Gifts gestoppt werden. Das erkannte Lilliana daran, dass die Adern in ihrem Oberschenkeln nicht mehr in einer violetten Farbe pochten. Nur noch die klaffende Wunde an ihrem Knie musste heilen, doch auch diese war sorgfältig von Professor Burrows verarztet worden.
„Vielen Dank, Professor. Mir geht es schon um einiges besser." William schnaubte und auch Burrows rückte sich mit einer ernsten Miene die Brille auf der Nase zurecht. „Das freut mich, meine Liebe. Bist du der Meinung, dass du morgen wieder auf Patrouille gehen kannst? Ein wenig Bettruhe würde nicht schaden." Streng sah William sie an, doch Lilliana ignorierte ihn und nickte entschlossen. „Mein Team würde es keinen Tag ohne mich überleben."
Schmunzelnd verdrehte William die Augen, während Professor Burrows laut lachend das Zimmer verließ und sich zum nächsten Patienten begab. Auch William stand auf und bot Lilliana seine Hand an. „Na komm schon, du brauchst jetzt unbedingt Ruhe, wenn du das Team morgen nicht ohne dich auf Patrouille gehen lassen möchtest." Grinsend stieg Lilliana mithilfe von William aus dem Krankenbett.
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Mit ausgestreckten Beinen lag Lilliana auf dem Sofa, während William es sich auf einem Sessel im Gemeinschaftsraum ihrer Etage gemütlich machte, den aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen nur die beiden Freunde und der Rest ihres Teams, bestehend aus den zwei weiteren Mitgliedern, Nour und Jiang, bestand, nutzten. Lilliana glaubte gehört zu haben, dass sich die restlichen Soldaten in den Gemeinschaftsräumen der anderen Etagen versammelten, doch das machte ihr nichts aus. Ihr gefiel es, dass sie und ihr Team hier einen Rückzugsort gefunden hatten, einen Raum, der sich von ihren Zimmern allein dadurch unterschied, dass die Wände nicht grau, sondern violett bestrichen waren. Außerdem gab es hier Bücher, alte Zeitschriften und Kartenspiele, die sie gelegentlich mit ihren Teammitgliedern spielte. Sogar ein funktionierendes Radio war auf einem Beistelltisch aufgestellt. Mit geschlossenen Augen lauschte Lilliana der tiefen Stimme, die aus dem Radio rauschend erklang.
‚Überflutete Straßen, abgedeckte Dächer und mehr als 200 Verletzte: Erneut verursacht ein Hurrikan im US-Bundesstaat Florida schwere Schäden. Doch jede Katastrophe kann Wunder bewirken. So hat der Hurrikan auch einige dutzend Nagas beseitigen können. Die Einheit der Basis in Miami kann so ungestört Mittel zur Grundversorgung an alle Bewohner der Stadt verteilen.'
Seufzend drehte William das Radio leiser. „Die Katastrophen enden auch nie." Betrübt nickte Lilliana nur. Das war schon der zweite Hurrikan in dieser Woche und erst letzte Woche wurde von einigen schweren Erdbeben berichtet. Manchmal glaubte Lilliana, dass sie sich langsam aber sicher einer gewaltigen Apokalypse näherten. Und es gab kein zurück mehr.
William begleitete Lilliana bis zu ihrer Zimmertür. Zunächst wollte er sie stützen, doch Lilliana winkte nur ab und meinte, dass sie das auch schon alleine schaffen würde. Ein einziger Biss konnte sie doch nicht so einschränken.
Als Lilliana endlich im Bett lag, schloss sie ihre Augen. Es hatte auch Vorteile, verwundet zu werden. Durch die Medikamente, die sie danach bekam, schlief sie meistens direkt ein, ohne noch vorher Stunden lang von ihren Gedanken und Erinnerungen gequält zu werden. Und in diesen Nächten plagten sie auch keine Albträume, keine Schreie und kein Blut. Sie genoss es, in einen traumlosen Schlaf zu fallen. Auch wenn sie jedes Mal bei diesem Gedanken Schuldgefühle plagten, da sie genau wusste, dass das Heilmittel gegen das Naga-Gift nicht jedem zustand.
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Diese Nacht sollte sich jedoch von den anderen unterscheiden. Ein grelles Licht blitzte auf, das aber genauso schnell verschwand wie es gekommen war. Die Dunkelheit umhüllte sie, erstickte sie. Verzweifelt sah sie in den Himmel und suchte dort nach dem Mond, den Sternen, irgendeiner Lichtquelle, die die Dunkelheit erträglich machen würde.
Doch da war nichts. Kein einziger Stern funkelte am Himmel. Es schien so, als hätte die Dunkelheit selbst die Sterne im Himmel verschlungen. Wie war sie bloß hier gelandet? Wo war sie gelandet? Verzweifelt blickte sie sich um, versuchte irgendetwas zu erkennen. Plötzlich blitzte erneut ein grelles Licht auf und ließ ihr einen Blick auf eine ... Klippe erhaschen?
Sie schreckte schweißgebadet auf. Es war nur ein Traum. Lilliana legte eine Hand auf die erhitzte Stirn und versuchte ihre Atmung zu beruhigen. Doch dann hielt sie plötzlich inne. Sie lag nicht auf ihrem Bett.
Blitzschnell sprang sie auf und zückte den Dolch, der an ihrer Hose mit einem Gurt befestigt war und den sie selbst nachts bei sich trug. Mit einer Ruhe, die sie auch beim Kampf anwandte, analysierte sie ihre Umgebung. Das Bett, auf dem sie geschlafen hatte, war mit Wolldecken und Plüschkissen bedeckt und die Wände strahlten in einem hellen gelb. Insgesamt wirkte das Zimmer sehr farbenfroh.
Ihr Herz schlug nun schneller. Träumte sie etwa noch? Nein, das fühlte sich ziemlich real an. Aber wo war sie und wer hatte sie hierhin entführt, ohne dass sie es gemerkt hatte? Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie tastete ihre Hosentaschen ab, doch ihre Waffe musste sie gestern Nacht abgelegt haben. Zumindest hatten sie den Dolch. Mehr brauchte Lilliana auch nicht, um ihren Gegner zu erlegen. Selbstsicher schloss sie die Hand fester um den schwarzen Dolch und schlich sich mit langsamen Schritten zur Tür.
„Lilly? Schläfst du noch? Wir wollten doch ins Cup. Onkel Joe wartet sicher schon.", rief plötzlich eine Stimme aus einem Nebenraum. Lilly? Verwirrt legte Lilliana eine Hand auf den Türknauf, doch der Besitzer dieser mysteriösen Stimme kam ihr zuvor und öffnete die Tür. Sofort reagierte Lilliana, indem sie ihr Gegenüber, der anscheinend nicht mit einem Kampf gerechnet hatte, gegen die Wand des Flurs stieß, mit einem Tritt ihn in die Knie zwang und den Dolch gefährlich nah an seiner Kehle setzte. Das alles geschah aufgrund Jahre langes Training so schnell, dass er nicht einmal Zeit zum Schreien hatte.
Zitternd kniff er die Augen zu und schluckte. „Geld... Geld findest du in der... in der Küche findest du Geld.", stotterte er ängstlich. Irritiert beobachtete Lilliana den Jungen vor sich. Wilde Locken hingen ihm ins Gesicht, sodass Lilliana seine Augen nicht erkennen konnte.
„Ich hab dein ... dein Gesicht ... dein Gesicht habe ich nicht gesehen. Du kannst das Geld nehmen und gehen. Ich werde weder schreien noch die Polizei rufen.", versprach der Junge bettelnd. Ein wachsendes Unbehagen überfiel Lilliana. Dieser Junge schien offensichtlich nicht ihr Entführer zu sein. Aber wie war sie sonst in dieser äußerst seltsamen Wohnung gelandet? Bedrohlich kam sie dem Jungen näher, der die Augen nicht ein Mal geöffnet hatte. Auf einer ihr unbekannten Art und Weise wirkte er vertraut.
„Sag mir, wo ich bin und wie ich hier gelandet bin und ich lass dich frei. Dein Geld will ich nicht.", knurrte Lilliana leise in sein Ohr, als sie sich vorbeugte. Plötzlich riss der Junge seine Augen weit auf. „Lilly?!", rief er entsetzt aus und als Lilliana fassungslos in seine Augen blickte, traf es sie wie ein Schlag.
„William?"
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Wie denkt ihr wird Lilliana reagieren? Ich hoffe, euch gefällt das Kapitel. Das nächste kommt schon morgen! :)
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