Kapitel 3
Tellus 2019:
Entsetzt erkannte sie nun die Stimme, die so vertraut und doch so fremd war. „Will?"
Schlagartig hielt er inne. Für einen Moment war nur Lillys stoßartige Atmung zu hören. Dass ihr Kopf schmerzlich durch den Aufprall gegen die Wand pochte, blendete sie vollkommen aus. Sie war fest entschlossen, Wills Stimme erkannt zu haben, auch wenn sie tiefer und ohne jegliche Leichtigkeit war, die sonst stets in Wills Stimme schwang. Zwar hatte sie sein Gesicht nicht vollständig erkennen können, da er es auf irgendeiner ihr unbekannten Art und Weise geschafft hatte, sie im Bruchteil einer Sekunde umzudrehen und gegen die Wand zu stoßen, während er ihre Hände fest hinter ihrem Rücken umfasste. Dennoch meinte sie dunkle nach hinten gebundene Locken erkannt zu haben. Wills Locken.
Und genau aus diesem Grund war sie überzeugt davon, dass sie sich in einem Traum befand. In einem ziemlich absurden Traum. Warum sollte Will sie sonst an einem durchaus beängstigenden Ort wie diesem hier entführen? Wie hätte es Will im realen Leben schaffen sollen, so zu kämpfen und nicht einmal dabei zu stolpern? Außerdem war sie sich sicher, dass Will niemals ihre stumme Vereinbarung brechen würde, den anderen niemals beim ganzen Vornamen zu nennen. Deshalb konnte es keine andere Erklärung für diese ganze Situation geben, als dass sie schlicht und einfach nicht real war.
Allerdings konnte Lilly die Tatsache nicht leugnen, dass ihr Kopf unfassbar schmerzte. Und dass die harte Brust, die sich gegen ihren Rücken presste, sich ganz und gar real anfühlte.
Plötzlich drehte er sie mit einem Schwung um, ohne jedoch ihre Hände zu befreien. Entgeistert starrten sie sich nun zum ersten Mal in die Augen. Bei seinem Anblick spürte Lilly den Schwindel in ihr aufkommen. Vor ihr stand ein heranwachsender junger Mann, der zwar die selben haselnussbraunen Augen hatte wie ihr bester Freund, der aber definitiv nicht ihr Freund war. Eine verheilte Narbe durchzog seine rechte Augenbraue. Seine Wangenknochen saßen höher und sein Kiefer war angespannt. Während Will, der Will, den sie schon fast ihr ganzes Leben lang kannte, ständig einen freundlichen Ausdruck hatte, war nichts davon im Gesicht ihres Gegenübers zu sehen. Stattdessen schien er viel härtere und strengere Züge zu haben.
Das hier war Will. Aber er war es auch nicht. Und diese Mischung aus Wiedererkennen und Befremdung war auch in Williams Augen zu erkennen. Fassungslos blickte er abwechselnd in ihre Augen und zu ihren pfirsichblonden Haaren, die in allen Richtungen abstanden.
Skeptisch wich er einen Schritt zurück und lockerte den Griff um ihre Hände. „Du bist nicht Lilliana.", stellte er verwirrt fest und sah sie prüfend an. „Und doch ..." Er ließ den Satz unbeendet, doch Lilly verstand ihn trotz dessen.
„Hör zu, ich - ich weiß nicht, was hier los ist. Ich bin wie jeden Abend in meinem Bett eingeschlafen und ich weiß nicht, wie es passieren konnte, dass ich dann an einem so unheimlichen Ort aufwache. Und ich weiß nicht, ob Will einen Zwilling hat, von dem ich nichts weiß, oder das alles nur ein seltsamer Zufall ist. Vielleicht träume ich ja auch, ich weiß es nicht. Ich will einfach nur nach Hause." Zum Ende hin wurde Lilly leise und ihre Stimme klang weinerlich und verzweifelt. Kurz schloss sie ihre Augen mit der Hoffnung aufzuwachen, doch nichts dergleichen geschah.
Nun ließ er ihre Hände frei. Grübelnd sah er sie an. Sie sah, dass er eine logische Erklärung zu finden suchte, doch sie bezweifelte, dass es eine gab. „Wie ist dein Name?", fragte er dann.
„Lilly. Ich heiße Lilly." „Nicht Lilliana?" Verzweifelt rieb sie sich die schmerzenden Handgelenke. „Nun ja, doch, aber keine Menschenseele nennt mich Lilliana." Er wich noch einen Schritt zurück, um sie von oben bis unten zu betrachten. Errötend zupfte sich Lilly ihr rosafarbenes Schlafhemd zurecht. Dann versuchte sie sich jedoch zu sagen, dass sie gerade erst aufgewacht war, in einem fremden Raum, und dass es nun wirklich keine Rolle spielte, was sie trug. Auch wenn die vor ihr stehende Person eine schwarze Kampfmontur trug, die mehrere Schnallen mit verschiedenen, daran befestigten Waffen um die trainierten Oberschenkel enthielt. Die Waffen beunruhigten sie, weshalb sie versuchte den Blick abzuwenden.
„Dein Nachname ist Anderson." Mehr eine Aussage als eine Frage. Lilly überraschte nichts mehr, weshalb sie nur mit einem Nicken antwortete. „Welches Jahr haben wir?", fragte er dann nachdenklich. „Oh Gott, bin ich etwa in die Zukunft gereist? Bist du etwa Wills Ur-ur-urenkel oder so etwas in der Art? Es ist doch noch 2019 oder?", fragte Lilly panisch. Will hatte ihr schon so viele Zeitreisetheorien erzählt, dass sie diese Möglichkeit durchaus in Betracht zog.
„Nein, wir haben noch das Jahr 2019. Aber wer ist Will?" Es schien, als hätte er etwas verstanden, das Lilly noch nicht verstanden hatte. Seine zusammengezogenen Augenbrauen lockerten sich. „Nun ja, mein Mitbewohner, mein bester Freund. Du. Zumindest hast du große Ähnlichkeiten mit ihm, was verwirrend ist und mir Kopfschmerzen bereitet." Kraftlos rieb sie sich nun die Stirn.
„Und heißt dein Will eigentlich William Barret." Lilly zögerte, nickte dann jedoch. Auch William nickte nun entschlossen und ging nun ziellos durch den Raum, während er nachdachte. Dann ging er zur noch geöffneten Tür und sah sich um. Niemand schien sie gehört zu haben. Langsam schloss er die Tür und sah sie forschend an.
„Mein Name ist William. Und so wie du einen anderen Will kennst, kenne ich eine andere Lilliana, der nebenbei gesagt dieses Zimmer gehört und die ebenfalls sehr große Ähnlichkeiten mit dir aufweist." Mit langsamen Schritten näherte er sich ihr wie einer Wildkatze, die bei einer falschen Bewegung auf ihn stürzen würde. „Nun, ich versuche dir nun ganz unverblümt die Sachlage zu erläutern. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte oder was überhaupt passiert ist, aber du und Lilliana steckt in großen Schwierigkeiten."
William merkte, dass seine Worte sie nur noch mehr beunruhigten. Auch er war mehr als nur angespannt. Er hatte sich zunächst Sorgen um Lilliana gemacht, dachte, dass es ihr noch aufgrund der Bisswunde vom vorigen Tagen schlecht ginge. Doch als er die Tür geöffnet hatte, attackierte ihn plötzlich ein Mädchen mit pfirsichfarbenen Haaren und einem abgetragenen und ihr viel zu großen Nachthemd, das Lilliana nicht einmal in ihren kühnsten Albträumen tragen würde. Während er die vermutliche Einbrecherin gegen die Wand gedrückt hatte, hatte er sich im Raum umgesehen, doch es gab keine Spur von seiner schwarzhaarigen Teamkollegin und Freundin.
William konnte Lillys Kopfschmerzen nachvollziehen, denn auch sein Kopf konnte die Situation nicht begreifen, als er ihre Stimme gehört hatte. Einerseits erkannte er ziemlich eindeutig Lillianas Stimme, aber andererseits war sie wesentlich weicher und eine Oktave höher und irgendwie ... fremd. Dasselbe empfand er, als er in ihre Augen blickte. Er sah dieselben tintenblauen Augen, aber er sah auch schmale Lachfältchen neben diesen Augen, die wahrscheinlich deutlicher zu sehen waren, wenn Lilly lächelte, bei Lilliana aber nicht vorhanden waren. Genau genommen lächelte Lilliana nur äußerst selten.
Da Lilliana aufgewühlt und genauso verwirrt war wie er, war es William bewusst, dass sie nicht einfach nur eingebrochen sein konnte, sondern, dass etwas sehr viel Größeres dahinter steckte. Anscheinend kannten sie beide verschiedene Versionen voneinander, aber sie kannten sich nicht. Aufgrund dessen schloss William eine Zeitreise aus, auch wenn die Alternative sehr viel komplizierter und verrückter war. Denn er vermutete, dass die Lilliana, die er kannte, ebenfalls in einem Raum, der nicht ihrer war, aufwachte und von einem William begrüßt wurde, den sie nicht kannte. Zumindest hoffte William, dass Lilliana, wo auch immer sie sich gerade befand, begrüßt wurde.
Diese ganzen Gedanken und Theorien bereiteten ihm Kopfschmerzen, doch zu seinem Glück - oder auch Pech - hörte er laute Rufe aus dem Flur erklingen. Schnell warf er einen Blick auf die digitale Uhr an seinem Handgelenk, woraufhin er wieder zu Lilly sah, die durch die Stimmen plötzlich erstarrt war.
„Okay", murmelte William und atmete laut aus. „Wir werden gemeinsam nach einer Lösung für dieses ... Problem suchen." William war sich sicher, dass ihnen das tatsächliche Ausmaß der Lage noch nicht bewusst war. „Du möchtest sicher nach Hause. Und ich denke, dass die Lilliana, die ich kenne, auch zurück möchte."
Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange. William würde es Lilliana nicht verübeln, wenn sie nicht zurückkommen wollte. Wo auch immer sie sich befand, schlimmer als hier konnte es nicht sein. Lillys Augen weiteten sich bei seinen Worten, so, als hätte sie sich an etwas erinnert.
„Und ich werde dir dabei helfen. Was ich dir jedoch mit Sicherheit vergewissern kann, ist, dass sobald irgendwelche Offiziere davon Wind bekommen, du sehr schnell auf dem Seziertisch landen wirst. Denn wo auch immer du herkommst, du dürftest hier nicht sein." Offenbar schien Lilly mit sich selbst kämpfen. William sah, dass sie krampfhaft versuchte, sich zu beruhigen. Vorsichtig legte er eine Hand auf ihre Schulter und zu seiner Überraschung zuckte sie nicht zusammen.
„Lilly." Es fühlte sich leichter an als gedacht, sie so zu nennen, denn auch wenn sie sich optisch sehr ähnelten, stand vor ihm mit Sicherheit eine andere, ihm noch fremde Person. „Es wird alles gut werden." Zu seinem Erstaunen entspannten sich ihre Schultern tatsächlich. Vielleicht, da er ihr auch alles andere so unverblümt mitgeteilt hatte, konnte sie ihm glauben. Nickend schloss Lilly kurz die Augen.
Angespannt sah William zur Tür. Die Rufe aus dem Flur wurden lauter. „Wir sollten uns beeilen. Um dafür zu sorgen, dass niemand einen Unterschied merkt, solltest du deine Haare hochstecken. Die Lilliana, die wir kennen, hat nämlich schwarze Haare." Entschlossen öffnete er den Kleiderschrank und drückte ihr eine ähnliche Montur in die Hände, wie auch er sie trug. „Zieh das an. Wir werden die Basis gleich verlassen und nach draußen gehen. Dort wirst du die Montur brauchen."
Da William sich nicht von der Stelle bewegte, sah Lilly ihn abwartend an. „Oh, natürlich. Entschuldige." Räuspernd drehte sich William mit dem Rücken zu ihr und hörte das Rascheln von herabfallenden Klamotten. „Ich bin fertig." Außenstehende würden wahrscheinlich nichts ahnen, wenn sie Lilly sahen. Denn in Montur sah sie Lilliana tatsächlich zum Verwechseln ähnlich, wenn man die hellen Haare, die sie zu einem Zopf gebunden hatte, ignorierte. Doch William sah es, sah die andere Haltung, den anderen Ausdruck im Gesicht, die gesunde Bräune ihrer Haut. Alles an Lilly schien für ihn auf irgendeine seltsame Art und Weise so grundlegend anders zu sein. Er konnte es sich nicht erklären.
Erneut räusperte er sich. „An deinem linken Handgelenk befindet sich ein roter Knopf. Wenn du ihn betätigst, verlängert sich die Montur um eine Art Helm." Mit einer Handbewegung deutete er ihr an, es auszuprobieren. Zu Williams Überraschung schien sich Lilly beruhigt zu haben. Zumindest wirkte es so. Wahrscheinlicher war es jedoch, dass sie sich in einer Art Trance befand, die durch den Schock verursacht wurde.
Verblüfft betätigte Lilly den Knopf. Ein Klicken ertönte und schon schoss aus dem Kragen der Montur der Helm hinaus. Lilly betrachtete William durch das Glas, das die vordere Hälfte des Helms ausmachte, während ihr Hinterkopf und der Großteil ihrer Haare nun durch ein schwarzes Metall bedeckt wurden.
„Sicher, dass ich nicht in der Zukunft gelandet bin?", fragte sie erstaunt, was William zum Schmunzeln brachte. „Merk dir eins: Solange wir draußen sind, darfst du den Helm nicht zurückfahren, verstanden?", fragte William sie eindringlich, die Augen fest auf sie geheftet, so, als befürchte er, dass sie sich in Luft auslösen und genauso schnell verschwinden würde, wie sie auch gekommen war, wenn er sie aus den Augen ließ.
Benommen nickte Lilly. Es schien, als hätte sie jegliche Kraft für weitere Fragen verlassen, was William ganz recht war. Sie hatten es eilig und er wusste nicht, wie er ihr in so kurzer Zeit erklären soll, warum sie die Luft draußen unter keinen Umständen einatmen durfte. Schließlich wusste er nicht, unter welchen Bedingungen sie bisher, in ihrer Welt, zu leben hatte, aber ihren Reaktionen nach zu urteilen unterschieden sich ihre Welten gewaltig.
Entschlossen nickte Lilly. „Ich entscheide mich dafür, dir vorerst zu vertrauen. Ich vertraue Will und deshalb möchte ich dir vertrauen, William." William hatte seinen Namen nicht aus ihrem Mund erwartet. „Deshalb gehe ich jetzt mit dir nach draußen, in die Apokalypse oder was auch immer da herrscht. Aber bitte hilf mir danach, wieder nach Hause zu kommen." Bettelnd schaute sie zu ihm. William wollte ihr nicht sagen, dass sie mit der Apokalypse dem ziemlich nahe kam, was auf Tellus tatsächlich los war. Sie würde es noch früh genug erfahren, stellte er verbittert fest. Der verzweifelte Ausdruck auf ihrem Gesicht wirkte so furchtlos ehrlich, dass es William wie einen Schlag traf. Er glaubte nicht, Lilliana jemals so verwundbar gesehen zu haben. „Ich verspreche dir, dass ich dich nach Hause bringen werde." Und das meinte William mindestens genauso aufrichtig.
Während Lilly und William den Flur in zügigen Schritten entlang schritten, zupfte Lilly nervös an den Stoff der Montur an ihren Oberschenkeln. Obwohl ein Teil von ihr am liebsten schreiend vor Panik weggerannt wäre, hatte sie mittlerweile eine Stimme der Vernunft gefunden, die sagte, dass es keinen Zweck hätte. Schließlich konnte sie immer noch nicht ahnen, wo sie sich genau befand und auf welche Art von Menschen sie stoßen würde, wenn sie William verließe. William, der nun auch den futuristischen Superhelm auf hatte und ihr immer wieder musternde Blicke zuwarf.
Seine Anwesenheit verwirrte sie noch immer. Dennoch hatte Lilly sich dafür entschieden, ihm vorerst zu vertrauen. Anders ausgedrückt hatte sie eigentlich keine andere Wahl. Sie hatte keinen Schimmer, wie sie hier landen konnte, geschweige denn wieder zurückkehren konnte. Ob Will ihr Verschwinden wohl gemerkt hatte? Seine Worte vom gestrigen Tag hallten in ihrem Kopf wider. Wir leben in einem Paralleluniversum. Seufzend stellte Lilly fest, dass Will mit seinem ganzen Wissen wahrscheinlich wüsste, was zu tun wäre.
Der schmale Flur schien kein Ende zu nehmen. Auf beiden Seiten befanden sich Zimmertüren so ähnlich wie die, aus der sie gekommen waren. Gelegentlich kamen ihnen Soldaten entgegen, die meist in ihrem Alter waren. William nickte ihnen immer kurz und knapp zu und Lilly meinte zu spüren, wie er ihr jedes Mal ein Stückchen näher kam, wenn sie Leute erblickten.
Zu sagen, Lilly hätte Angst vor dem, was ihr draußen bevorstand, war eine Untertreibung. „Wir werden gleich in einen Zug steigen. Dort werden wir auf zwei Soldaten treffen, Nour und Jiang. Sie sind Teil unseres Teams. Da Lilliana auch nicht besonders gesprächig ist, wird es nicht auffallen, wenn du dich einfach zurückhältst. Falls sie dich doch ansprechen sollten, werde ich dir helfen.", murmelte William ihr leise zu, den Blick starr nach vorne gerichtet. Dann reichte er ihr eins der beiden Schwerter, die an seinem Rücken befestigt waren.
Überfordert nahm Lilly es entgegen. „Hast du das aus einem Mittelalter-Shop? Sag mir bitte, dass ich davon nicht Gebrauch nehmen muss." Kurz sah William sie mit seltsamer Miene an. „Du bleibst während der ganzen Mission dicht hinter mir. Dann sollte nichts passieren. Aber für den Notfall ..." Er ließ den Satz unbeendet. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. „Was ist denn draußen?", fragte Lilly, nicht sicher, ob sie die Antwort hören wollte. Vor ihnen erstreckte sich ein großes Tor
„Die reinste Hölle.", murmelte William vor sich hin.
Als sie die Basis verließen, schaute sich Lilly erstaunt das Gebäude von außen an. Es war mindestens so groß wie der ganze Marine Park in Brooklyn, wo ihr Vater lebte. Der Stützpunkt war zwar nicht so hoch wie die meisten Wolkenkratzer in New York, dennoch hatte er eine beachtliche Höhe von mehreren Stockwerken. Silberne Betonwände zierten das Gebäude und reflektierten die rote Sonne, die strahlend heiß auf sie niederbrannte. Lilly fragte sich verwirrt, warum die Sonne in so einem intensiven Rot schien, dass der ganze Himmel wie Feuer funkelte. Ging die Sonne schon unter? Wie lange war sie schon hier? Alles hier sah so fremd aus, dass Lilly sich ernsthaft fragte, ob sie auf einem anderen Planeten gelandet war.
Vielleicht wurdest du ja von Aliens gekidnappt, hätte Will jetzt wahrscheinlich gesagt. Als sie den hohen Zaun aus Metalldrähten, der die Basis wie eine Festung umspannte, passierten , konnte Lilly erschüttert nichts ausfindig machen, das ihr versichert hätte, dass sie sich doch auf der Erde befand. Keine Bäume, keine Straßen oder irgendetwas, das auf eine Infrastruktur gewiesen hätte. Nichts. Nur Staub, Schutt und Asche. Was war hier nur geschehen?
Lilly hatte kaum bemerkt, dass sie in die klirrenden Straßenzüge gestiegen waren, die nicht weit entfernt von der Basis stoppten. Gruppen von Soldaten eilten ebenfalls nun in den Zug, der daraufhin sofort und mit geöffneten Türen losfuhr. Lilly umklammerte fest eine Stange
„William! Lilliana! Da seid ihr ja.", rief eine Stimme plötzlich von hinten. „Jiang", flüsterte William ihr leise zu. Jiang war ein hochgewachsener Soldat, mit einem schiefen Grinsen und - so weit Lilly durch das transparente Glas des Schutzhelms erkennen konnte - zurück gegelten schwarzen Haaren. Neben ihm schritt gemächlich eine weit aus kleinere Kriegerin, die dann wohl Nour sein musste, wie Lilly feststellte. Ihre braune Haut hob sich wie Gold inmitten von Asche von ihrer Montur ab und ihre Augen funkelten sie belustigt an. „Bock, ein paar Nagas niederzulegen?" Grinsend legte Nour ihren Arm locker auf Jiangs Schulter.
William stellte sich leicht und unauffällig vor ihr und teilte ihr so nonverbal mit, dass er übernehmen würde. „Darauf kannst du wetten. Heute sind wir in Bezirk 23 eingeteilt, da wird ordentlich was los sein.", warf William ein.
„Ich setze auf 7 Nagas heute, die wir erledigen werden." Grinsend schlug Nour neckend mit der Faust gegen Jiangs Arm, der sich daraufhin schmollend den Arm rieb. „Du hast einen echt festen Schlag, Nour." Zufrieden lächelte sie daraufhin. Lilly meinte, einen schwarzen Hijab unter ihrem Helm, passend zu der Farbe ihrer Montur, ausmachen zu können.
„Ihr beide wart gestern ja so schnell weg gewesen. Wie geht es deinem Bein, Lilliana?", fragte Jiang sie mit aufrichtigem Interesse. Lilly versteifte sich, als sie ihren ganzen Vornamen hörte. Nervös zupfte sie wieder am Stoff ihrer Jacke. Was sollte denn mit ihrem Bein sein? William setzte gerade zum Sprechen an, da räusperte sich Lilly auch schon. „Schon viel besser. Auf jeden Fall kann ich heute wieder ein paar Nagas umlegen.", antwortete Lilly so selbstsicher wie möglich. Sie hatte dabei nicht die geringste Ahnung, was diese Nagas sein sollten. Und ihre Furcht wuchs beim Gedanken an diese mysteriösen Wesen.
Überrascht von ihrer Antwort warf William ihr einen Blick zu, dann setzte er wieder eine neutrale Miene auf. Nour schien ihre Antwort zu gefallen und sie zwinkerte ihr lachend zu. „Na kommt schon, wir sollten herausspringen." Nour und Jiang bahnten sich den Weg durch die Soldatengruppen zu den geöffneten Türen des Zugs frei.
Panisch starrte Lilly zu William. „Herausspringen?"
„Die Züge halten nur selten an. In den meisten Bezirken ist es zu riskant. Sie bremsen jedoch ein wenig ab. Halte für den Sprung meine Hand. Das sollte niemandem auffallen." Etwas verlegen legte Lilly ihre behandschuhte Hand in Williams. William drückte sich dicht an ihre Seite und Lilly schaute mit großen Augen zu, wie Nour mit einem Freudenschrei aus dem Zug sprang, als das Quietschen der Bremsen ertönte. Grinsend verdrehte Jiang die Augen und sprang ebenfalls hinaus. Der Zug fuhr zwar langsamer, aber immer noch viel zu schnell für Lilly.
„Es wird alles gut." William lächelte ihr zu und drückte ihre Hand fest, als sie sprangen. Lilly schrie auf und kniff ihre Augen zu, als sie unsanft auf dem Boden prallte, während William elegant auf den Füßen landete. Schmunzelnd half William ihr auf die Füße.
„Bezirk 23. Vor langer Zeit war dieser Ort ein Stadt- und Einkaufsviertel in Manhattan. SoHo nannte man diesen Ort.", erklärte William, als er Lillys ratlosen und entgeisterten Blick sah, während sie sich umsah. Entsetzt schüttelte Lilly den Kopf. „Nein, das hier ist nicht SoHo.", flüsterte sie fassungslos. Es gab keine Spur von den ganzen Designerboutiquen, den edlen Kunstgalerien, den Touristen, die in jeder Ecke Fotos zu machen schienen. Nichts deutete darauf hin, dass die eleganten Gusseisenfassaden und gepflasterten Steine, für die SoHo bekannt war, jemals existiert hatten. Stattdessen glich dieser Ort einem längst vergessenen Scheiterhaufen. Nachdenklich sah William sie an. „Du hast recht. Das hier ist Bezirk 23.", sagte er gelassen und sie schlossen sich Nour und Jiang an.
„Nour, Jiang, ihr übernehmt den Süden. Lilly - Lilliana und ich starten im Norden. Wir treffen uns in der Mitte.", ordnete William an. Nour und Jiang nickten und sie trennten sich. Zügig schritten sie durch das rote Ödland. „Wo sind die ganzen Häuser und Menschen hin?" William zückte sein Schwert. „Hier leben schon lange keine Menschen mehr." Sie näherten sich Ruinen, zerstörende und verfallende Reste von Bauwerken, die als Zeugen fungierten, dass sehr wohl Menschen hier einst gelebt hatten. Lilly spürte ein tiefes Bedauern.
„Was genau machen wir hier eigentlich? Wer oder was sind diese Nagas, über die Nour so leidenschaftlich gesprochen hat?"
Abschätzend blickte sich William herum. „Diese Woche wurden wir für die Patrouillengänge eingeteilt. Das heißt, wir durchsuchen einen Bezirk auf Nagas. Nagas sind ... sagen wir mal etwas groß geratene Schlangen. Oder so ähnlich."
„Schlangen?!"
Abrupt verstummte William. Prüfend lauschte er dem lauter werdenden Zischen, versuchte es zu orten. Plötzlich trat Stille ein. „Lilly." William sah sie an. Seine Haut war aschfahl. „Lauf!"
Der Boden explodierte unter ihren Füßen. In einem weiten Bogen flog Lilly auf eine zerstörte Hauswand zu und stieß heftig auf den Boden auf. Nach Luft japsend sah Lilly bestürzt zu, wie aus der Erde, auf der sie gerade noch gestanden hatte, gewaltige Schuppen auf ledriger Haut hinauskrochen. Vollkommen erstarrt starrte sie hoch in gelbe Schlangenaugen, die die Ödnis um sie herum widerspiegelten.
Oh ja, das war tatsächlich eine etwas groß geratene Schlange. Tatsächlich erstreckte sie sich über den ganzen Himmel, während sie langsam auf Lilly zu schlängelte. Dabei lag ein hungriger Ausdruck in ihren Augen, wie ein Raubtier, Sekunden bevor es seine Beute zerfleischte. Dabei schenkte sie William, der sie panisch anstarrte, keine Beachtung.
„Lilly, lauf!", brüllte William und schwang sein Schwert. Mit einem schrillen, ohrenbetäubenden Kreischen raste der Naga nun auf Lilly zu, das Maul weit aufgerissen und die Giftzähne bleckend. Ein Ruck fuhr schlagartig durch Lilly. Sie sprang auf und sprintete los, stolperte jedoch über einen Ziegelstein, der durch ihren Aufprall an der Wand von den zerstörten Bauresten gefallen war.
Sie war verloren, der Naga würde sie verschlingen. Verzweifelt griff sie nach dem Schwert, das William ihr zuvor gegeben hatte und hielt es sich unsicher und von blanker Panik ergriffen über ihren Kopf. Zitternd kniff sie die Augen zu, wollte ihren Niedergang nicht sehen, als der einer Kobra ähnelnde Kopf sich über sie beugte, bereit, zuzuschlagen.
Doch plötzlich verstummte das Zischen. Vorsichtig öffnete Lilly die Augen, nur um zu sehen, wie William auf dem Naga thronte, wie ein Ritter, der soeben heldenhaft einen Drachen vernichtet hatte. Mit einem heftigen Hieb senkte er sein Schwert in den Rumpf der Schlange und durchtrennte seinen Kopf, der schlaff auf Lilly landete. Schreiend trat sie den Kopf von sich und wurde plötzlich von einer so intensiven Übelkeit erfasst, dass sie sich zur Seite drehte und würgte. Sie war erleichtert, dass sie ihr Mageninhalt dennoch in ihrem Körper behielt, da Lilly ungern in dem Schutzhelm, der sie mit Sauerstoff versorgte, erbrechen wollte.
Erleichtert stellte Lilly fest, dass sie noch lebte. Dass sie dieses Ding überlebt hatte. Dank William, der nun mit einer Leichtigkeit vom Körper des erschlafften Nagas sprang und auf sie zu hastete. „Warum bist du nicht weggerannt? Du-du hättest sterben können. Dieses Ding hätte dich beinahe verschlungen!", fuhr William sie entsetzt und außer sich geraten an.
Lillys Kopf pochte, als sie aufstand und sich an einer zerbrechlichen Mauer stützte. „Was zur Hölle war das?! Du hättest mich auch vorwarnen können! Etwas groß geratene Schlange, dass ich nicht lache!", fauchte Lilly noch panisch. Das musste doch alles ein schrecklicher Albtraum sein! Seit wann schlängelten gigantische schlangenartige Ungeheuer durch die Straßen SoHos?
Plötzlich wurde sie müde und sie merkte, wie ihre Arme und Beine so unfassbar schwer wurden. Jede Bewegung kostete sie unglaublich viel Mühe. Etwas an Williams Haltung änderte sich, als er Lillys Verzweiflung, der Drang, einfach nach Hause zu gehen, in ihren Augen sah. Er setzte seine gewohnte neutrale Miene wieder auf und straffte seine Schultern. William fragte erst gar nicht, ob alles in Ordnung war. Offensichtlich war sie alles andere als in Ordnung. „Komm, wir fahren zurück zur Basis. Ich werde Nour und Jiang mitteilen, dass die Wunde an Lillianas - deinem - Bein sich wieder geöffnet hat. Sie werden hier auch ganz gut alleine zurecht kommen. Schließlich ist hier heute kaum was los." Kaum was los? Doch Lilly war so ausgelaugt, dass sie beschloss, vorerst nichts mehr zu hinterfragen.
Zurück auf der Basis schritten sie zügig zu dem Zimmer, in dem Lilly auch aufgewacht war. William hatte ihr versichert, dass die meisten Soldaten und Offiziere vermutlich nicht mehr im Hause waren und sie sich deshalb unbemerkt ins Zimmer schleichen konnten. Ohne fragenden Blicken zu begegnen, warum sie so früh - und ohne die restlichen Mitglieder ihres Teams - zurück waren. Jedoch musste William relativ schnell feststellen, dass er sich geirrt hatte. Kurz versteifte er sich, als ein Mann mittleren Alters mit einem weißen Kittel und streng gegelten weiß-blonden Haaren ihnen entgegenkam. Verwundert bemerkte Lilly, wie William sich augenblicklich entspannte.
„Professor Burrows, immer eine Ehre, Sie zu sehen." Grinsend nahm William seinen imaginären Hut vom Kopf. Erstaunt stellte Lilly fest, dass William dem Professor aufrichtig zu vertrauen schien. Lachend richtete Burrows seine goldene Brille, die dennoch schief auf seiner Nase lag. „Die Freude ist ganz meinerseits." er wandte sich mit einem Ausdruck an Lilly, den sie nicht ganz deuten konnte. Verwirrung? Schock? Doch es war so schnell weg, dass sie es nicht genau sagen konnte.
„Lilliana, meine Liebe. Hatte ich dir nicht Bettruhe verschrieben?" Freundlich lächelnd deutete der Professor auf Lillys Bein. Stimmt, irgendetwas sollte ja mit Lillianas Bein gewesen sein. „Ja, aber mir geht es schon um einiges besser, Professor.", erwiderte Lilly mit fester Stimme. Sie zupfte kaum merklich an dem Stoff ihrer Hose.
„Was für wunderbare Neuigkeiten! Dürfte ich mir die Wunde ansehen? Eventuell sollte ich erneut eine Salbe auftragen." Lilly erblasste schlagartig. Ihre behandschuhten Hände wurden schwitzig. Burrows würde sehen, dass sich keine Wunde an ihrem Bein befand. Er würde merken, dass sie nicht die Lilliana war, die er kannte. Räuspernd gewann William wieder die Aufmerksamkeit des Professors. „Da Lilliana letzte Woche ja erst gebissen wurde, hat sie noch reichlich Salbe in ihrem Zimmer." Mit einem aufgesetzten Grinsen zwinkerte er Lilly zu. Diese nickte vorsichtig und schluckte.
Professor Burrows sah sie beide abwechselnd an und lächelte. „Falls du doch irgendwelche Beschwerden haben solltest, weißt du ja, wo ich zu finden bin." Freundlich nickend verabschiedete er sich von ihnen und ging den endlosen Flur entlang. Erleichtert atmeten sowohl Lilly als auch William aus. „Das war knapp.", murmelte er. Hastig, um weiteren Begegnungen zu entkommen, schlichen sie sich in das Zimmer. William verriegelte schnell die Tür und blickte dann zu Lilly, die, den Schutzhelm heruntergefahren, auf dem harten Bett gesackt war. Ihre pfirsichblonden Haare stellten einen deutlichen Kontrast zu ihrer schwarzen Montur und den grauen Wänden dar.
Niedergeschlagen sah Lilly zu ihm auf. „Wo auch immer ich bin - ich will nach Hause."
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