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Kapitel 4

Erde 2019:

„Lilly?!", rief er entsetzt. Als Lilliana fassungslos in seine Augen blickte, traf es sie wie ein Schlag. „William?"

Ungläubig betrachtete Lilliana Will. Hunderte Fragen schossen ihr durch den Kopf. War das wirklich William? Ihr Teampartner, ihr Nachbar, ihr treuester Freund William? Ganz sicher nicht. Die dunklen Locken dieses Williams waren länger und fielen ihm sanft ins Gesicht. Sie hatte William noch nie mit ungebundenen Haaren gesehen. Zwar musste Lilliana einräumen, dass der Junge, der vor ihr saß und dem sie immer noch drohend ihren Dolch entgegenhielt, dieselben grünbraunen Augen hatte wie ihr bester Freund, aber er hatte viel weichere Gesichtszüge.

Skeptisch strich sie mit ihrer Hand die Locken von seiner Stirn, suchte nach der vernarbten Augenbraue, die William kennzeichnete. Bestürzt stellte Lilliana fest, dass seine Haut glatt war. Keine einzige Narbe war zu finden. Nicht einmal die kleinen Kratzer, die er sich bei Patrouillengängen zugezogen hatte. Argwöhnisch starrte sie ihn an. „Du bist nicht William.", stellte Lilliana kühl fest. Es klang wie eine besorgniserregende Diagnose.

„Wer bist du? Was bist du?", fuhr Lilliana auffordernd fort. In ihrer Stimme schwang kalte Wut. Es war gut möglich, dass es sich bei dem Jungen vor ihr um eine Künstliche Intelligenz handelte, von einer der vielen Rebellengruppen ausgesandt, um sie zu bespitzeln oder durch sie an irgendwelche geheimen Informationen zu gelangen.

Was ich bin? Das nehme ich persönlich." Angestrengt und schwer atmend schloss er kurz die Augen. „Will. Ich bin Will, nicht William. Die Frage ist doch wohl eher, wer du bist. Hat Lilly eine Schwester, von der ich nichts weiß? Oder bist du ein parasitäres Alien, das sich in Lillys Gehirn eingenistet hat und nun die Weltherrschaft an sich reißen will? Das wäre zwar irgendwie cool, aber wenn das der Fall ist, werde ich schreiend vor dir wegrennen.", verkündete Will würdevoll.

Verständnislos blickte Lilliana ihn an. „Wovon zur Hölle redest du? Und wer ist diese Lilly?" Sie entfernte den Dolch von seiner Kehle, doch packte ihn kurz darauf am Kragen. „Sag mir auf der Stelle, wo ich bin oder ich werde dich ohne zu zögern töten.", drohte sie ihm mit fester Stimme.

„Was zum ... Ich - ich weiß nicht, was du von mir hören willst. Du befindest dich in Kensington, in Brooklyn, in New York, in den Vereinigten Staaten, auf der Erde, in der Milchstraße. Reicht dir dieser Wikipedia-Eintrag oder brauchst du auch noch die genauen Koordinaten?"
Falls Will die angespannte Situation damit auflockern wollte, gelang ihm das ganz und gar nicht. Gereizt ließ Lilliana ihn los und richtete sich auf. Sie verstand nichts von dem, was er ihr zu erklären versuchte. Seit dreißig Jahren existierten keine Stadtteile mehr in New York. Zumindest wusste sie nun jedoch, dass sie in New York war, nicht weit von der Basis. Wenn sie doch bloß wüsste, in welchem Bezirk sie sich befand.

Stöhnend rieb sich Will den Kopf, als er sich aufrappelte. „Wer bist du? Es ist wirklich beängstigend, wie sehr du Lilly ähnelst. Und was hast du da eigentlich an?"
Lilliana warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Anhand ihrer Montur hätte er eigentlich erkennen müssen, dass sie eine Kriegerin der dritten Basis in New York war. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie das zerbrochene Glas der Bilderrahmen.

Skeptisch hob sie eins der Bilder auf. Und erstarrte. Das Foto zeigte ein antikes Gebäude im Hintergrund. Will und ein Mädchen mit pfirsichfarbenen Haaren positionierten sich vor dem Bauwerk mit einem breiten Grinsen. Nun verstand Lilliana auch, wovon Will die ganze Zeit sprach. Das Mädchen, das sehr wahrscheinlich Lilly war, sah aus wie sie. Es war nicht bloß eine einfache Ähnlichkeit. Sie war eine Kopie von ihr. Ihr Magen krampfte sich zusammen.

Abwechselnd verglich Will staunend das Foto mit der zugegeben wirklich furchterregenden Person vor ihm. Er schien etwas zu begreifen. Lilliana konnte förmlich die aufgehende Glühlampe über seinem Kopf aufblitzen sehen. „Du heißt nicht zufällig auch Lilly?" Erwartungsvoll starrte er sie an, doch seine Worte drangen kaum zu ihr durch. Eine Blässe hatte sich um ihre Nase ausgebreitet.

Benommen und den Dolch fest umklammert, als hinge das letzte bisschen Vernunft daran, durchsuchte sie die kleine Wohnung. Sobald sie das bescheidene Wohnzimmer entdeckte, das mit Bücherregalen, Alben und DVDs ausgeschmückt war und ein mit Kissen geschmücktes gelbes Sofa beinhaltete, blieb sie stehen. Sie konnte nicht fassen, was sie da vor sich sah.

„Ein Fenster?", flüsterte sie fassungslos. Das konnte doch nicht sein. Kein Haus mehr auf ganz Tellus besaß heute noch Fenster, wenn man von einigen Stützpunkten der Rebellengruppen absah. Wie konnte das also sein? Alles ausblendend ging sie vorsichtig auf das Fenster zu. Ein blauer wolkenloser Himmel erhellte den Asphalt einer schmalen Straße. Mehrere rote Wohnblöcke bildeten ein dichtes Gebilde. Doch was Lilliana am meisten erschütterte, waren die Kinder, die lachend auf der Straße spielten. Ohne Schutzausrüstung, im Freien. Keine verseuchte Luft, keine Nagas in Aussicht.

Verwirrt eilte Will zu ihr und stolperte dabei beinahe. „Lilliana ist mein Name.", hauchte sie benommen. „Das hier ist nicht Tellus. Und wo auch immer ich bin, ich denke nicht, dass ich hier sein sollte."

Will hatte eine seltsame Vorahnung. Und er wusste nicht, ob er vor Aufregung lachen oder vor Panik schreien sollte. Beides schien gerade äußerst unangemessen zu sein. Deshalb versuchte er sich zurückzuhalten - auch wenn es ihm offensichtlich schwerfiel -, um Lilliana nicht in Panik zu versetzen. Diese starrte wie versteinert nach draußen und gab keinen Mucks mehr von sich. Das strahlende Licht der Sonne brachte ihre honigfarbene und ließ ihre pechschwarzen Haare, die sie zu einem strengen Zopf gebunden hatte, funkeln. Will konnte sich kaum daran erinnern, dass Lilly auch einst schwarze Haare gehabt hatte. Bereits in der Middle School hatte sie sich ihre Haare ständig gefärbt.

Vorsichtig, wie als näherte er sich einem verängstigten Tier, fragte Will: „Was ist Tellus?" Definitiv die falsche Frage, denn Lilliana starrte ihn nun völlig verdattert an. Abwehrend hob er seine Hände. „Schon gut. Hör zu: Ich bin mindestens genauso verwirrt wie du. Meine beste Freundin ist verschwunden und stattdessen befindet sich eine äußerst attraktive Kopie von ihr hier, die so aussieht, als käme sie direkt aus einem dystopischen Apokalypse-Film."

Wütend funkelte Lilliana ihn an. Hastig schritt Will einen Schritt zurück mit der Befürchtung, dass Lilliana ihn erneut gegen irgendeine Wand stoßen würde. „Was ich damit sagen will: Wir sollten zusammenarbeiten und Informationen austauschen und so nach einer Lösung suchen.", fuhr er beschwichtigend fort. „Du kannst zu deinem Tellus zurück - was auch immer das sein mag - und ich hole meine beste Freundin zurück."

Abwägend sah Lilliana ihn an. „Nun gut.", setzte sie skeptisch an. „Aber wenn ich herausfinden sollte, dass du nicht der bist, für den du dich vorgibst, dann -" „Dann tötest du mich, den Teil habe ich mittlerweile verstanden.", unterbrach Will sie und strich schnell seine Locken zurück.

Misstrauisch blickte Lilliana nach draußen. „Bevor wir anfangen, will ich nach draußen!", verlangte sie und betätigte einen roten Knopf an ihrem rechten Handgelenk, woraufhin eine Art Helm aus Glas aus ihrer Montur hervorging.

Erstaunt fiel Wills Kinnlade hinunter. „Abgefahren", hauchte er begeistert. „Aber du willst doch nicht etwa als Goldfischglas verkleidet nach draußen gehen?" Unsicher lachte Will. „Ich meine, klar, es ist 2019, jeder kann tragen, was er will. Aber ich denke, wir sollten lieber keine große Aufmerksamkeit erregen." Lilliana sah ihn so an, als wäre ihm soeben ein zweiter Kopf gewachsen. Ihre Blicke schüchterten ihn zugegeben sehr ein.

„Du verlangst doch nicht etwa von mir, dass ich ohne Montur nach draußen gehe. Das ist eine Falle, habe ich recht? Was erwartet mich draußen?" Ohne zu zögern schritt Lilliana auf die Haustür zu und griff erneut nach ihrem Dolch. Panisch rannte Will ihr hinterher. Er fragte sich, unter welchen Bedingungen Lilliana aufgewachsen war, dass sie allem und jedem so sehr misstraute.

„Oh Gott, wenn du so raus gehst, ruft die alte Mrs.Duffin die Polizei. Und dann kann ich dir nicht mehr helfen." Am liebsten hätte er sie geschüttelt, um sie zur Vernunft zu bringen, doch er überlegte es sich rechtzeitig anders. Er glaubte nicht, dass das gut ausgehen würde. „Ich weiß nicht, woher du kommst. Aber da draußen ist nichts, wovor du dich fürchten musst. Vertrau mir, ich gehe schließlich auch ohne Schutzausrüstung raus." Bettelnd sah er sie an. „Kann ich dir Klamotten von Lilly geben? Wenn du nichts von Lilly anziehen willst, kann ich dir auch irgendwelche Sachen von mir geben."
Der misstrauische Ausdruck in Lillianas Gesicht verschwand zwar nach diesen Worten nicht, aber sie löste ihre Hand von der Türklinge und nickte langsam.

„In Ordnung, aber meinen Dolch behalte ich bei mir. Falls das doch eine Falle sein sollte, werde ich dich einfach mit in den Tod reißen.", verkündete Lilliana mit erhobenem
Kinn und senkte ihren Dolch. Will zwinkerte ihr zu. „Wie gesagt: Den Part habe ich schon verstanden."

Während Lilliana in Lillys Zimmer kritisch die violette Strickweste und die weite weiße Jeans beäugte und anschließend anzog, konnte sie es kaum erwarten, das erste Mal ohne Schutzausrüstung hinauszugehen. Selbstverständlich traute sie dem Jungen nicht, der hinter der Tür irgendein Lied summend wartete und ihrem besten Freund so sehr ähnelte und zugleich so fremd war, dass es ihr Kopfschmerzen bereitete. Jedoch überwog die Aufregung bei weitem. Ihr ganzes Leben hatte sie von dem Moment geträumt, die warme Sommerbrise auf ihrer Haut fühlen zu können. Gräser, Bäume und den Erdboden mit ihren Händen ertasten zu können. Sie konnte kaum fassen, dass ihr Traum nun in Erfüllung gehen könnte. Als sie die Hose überstreifte, fiel ihr ihre Wunde vom Vortag ins Auge, die sorgfältig verbunden war. Lilliana machte sich eine gedankliche Notiz, später das Verband zu wechseln.

Fertig angekleidet öffnete Lilliana in der ihrem Geschmack nach zu hellen Bekleidung die Tür. William sah sie mit einem merkwürdigen Blick an, doch beschloss, ihren Aufzug nicht zu kommentieren. Stattdessen reichte er ihr erwartungsvoll eine schlichte weiße Cappy. „Um die Länge deiner Haare zu verstecken.", erklärte ihr Will. „Die Farbe müsste weniger auffallen. So oft wie sich Lilly die Haare färbt", fügte er hinzu.

Leise schlichen sich Lilliana und Will nach draußen. Will hatte ihr beteuert, dass es besser wäre, wenn Mrs.Duffin, eine ältere Dame, die im Stockwerk unter ihnen wohnt und zugleich ihre Vermieterin war, sie nicht sähe. Doch Lilliana wurde jahrelang dazu trainiert, die Stille selbst zu sein. Beim Kampf gegen die Nagas, die besser hörten als jedes andere Wesen, war das zum Vorteil.

Vor Aufregung ballte Lilliana ihre Hände zu Fäusten, als Will die Gemeinschaftstür öffnete und die ersten Sonnenstrahlen auf sie fielen. Überwältigt ging sie an Will vorbei und vergaß glatt zu atmen. Sie hatte noch nie einen so blauen Himmel gesehen. Auf Tellus war die Atmosphäre stets von einem rot-violetten Rauch umgeben. Zwar hatte sie einige Fotos von vor fünfzig Jahren gesehen, als die Welt noch nicht am Rande des Untergangs stand, doch es mit eigenen Augen zu sehen, zu fühlen, durchströmte sie mit Adrenalin.

Kinder verschiedenen Alters rannten lachend hintereinander her, ein älterer Herr saß auf einem Klappstuhl und las eine Zeitung. Die roten Wohnblöcke fügten sich zusammen mit dem blauen Himmel zu einem bunten Farbgefüge zusammen. Überwältigt von den verschiedenen Reizen atmete sie das erste Mal in ihrem Leben nicht künstlich hergestellten Sauerstoff ein. War das real? Sie hatte nicht das Gefühl, dass sie sich in einem Traum befand. Ganz im Gegenteil, nichts in ihrem Leben hatte sich jemals so echt angefühlt wie dieser Augenblick.

Neugierig betrachtete Will sie. „Ich würde vorschlagen, dass wir ins Cup gehen, also in das Café nebenan.", unterbrach er die Stille und löste Lilliana so aus ihrer Starre. Lilliana war das kleine Café, das sich direkt neben der Wohnung befand, nicht aufgefallen. Künstlich verziert prangten die Worte ‚Cup o' Joe' in großen grünen Lettern über eine beige Markise. Zögernd stimmte sie ihm zu. Abgesehen von der Kantine in der Basis hatte Lilliana auch noch nie ein Café gesehen.

Selbstsicher, wobei er dabei beinahe einmal gestolpert wäre, betrat Will zusammen mit Lilliana im Schlepptau den Cup. Dabei wurde sie von einem Mann im schwarzen Anzug angerempelt, der schnell nach draußen eilte und dem sie misstrauisch hinterher sah.

„Will, Lilly! Da seid ihr ja. Ich dachte bereits, ihr kommt nicht mehr. Euer Essen ist schon kalt.", rief ein kahlköpfiger Mann mittleren Alters mit erstaunlich langem Schnurrbart und gelber Schürze, die ihm ein wenig zu eng war.

Breit grinsend klopfte Will ihm auf die Schulter. „Onkel Joe, es vergeht keine Minute am Tag, in der ich nicht an dich denke. Dabei kommen wir doch pünktlich." Verwirrt blickte Will zur goldenen, antik aussehenden Uhr, die hinter der Theke hängte und zeigte, dass bereits später Mittag war. „Seltsam. Ich bin mir sicher, dass ich vor einer Stunde erst aufgewacht bin.", murmelte Will verblüfft und so leise, dass nur Lilliana ihn hören konnte. Dankend nahm er das für sie reservierte Tablett mit einem Mandelcroissant, einem pinken Marshmallow-Donut und zwei Tassen Milchkaffee entgegen. Nachdem er bezahlt hatte, setzten sie sich an einem runden Mahagonitisch, der sich neben ein weites Fenster befand.

Kritisch beäugte Lilliana das Mandelcroissant, das Will ihr vorgesetzt hatte. Räuspernd gewann Will ihre Aufmerksamkeit. „Entschuldige, Lilly isst jeden Tag ein Mandelcroissant. Wenn du etwas anderes essen willst -" Sie schüttelte bloß den Kopf.

Erneut räusperte er sich und rückte ihr mit dem Kopf näher. „Nun gut, ich lege dir die Situation nun aus meiner Perspektive dar. Gestern Abend waren wir noch auf dem College Campus. Also mit wir meine ich Lilly und ich. Wir haben uns auf die Semesterferien gefreut, sind ins Cup gegangen und haben dann Herr der Ringe geschaut." Grübelnd kratzte sich Will am Hinterkopf. „Oder war das doch Star Wars? Ich erinnere mich nicht ganz. Wie dem auch sei, du - ähm, ich meine Lilly, ist dann in ihr Zimmer gegangen, weil sie müde war und schlafen wollte. Wie üblich, sie schläft bei jedem Film direkt ein!" Will klang verärgert. „Zusammengefasst: Es ist absolut nichts Ungewöhnliches geschehen, das die Situation hätte erklären können. Allerdings habe ich eine Vermutung.", fügte er nachdenklich hinzu.

Lilliana konnte nicht verhindern, dass sie einen Anflug von Neid verspürte. Wo auch immer Lilliana war - vielleicht befand sie sich ja auf einem ganz anderen Planeten? - scheinbar existierte hier eine Person, die ihr Gesicht, nicht aber ihre Vergangenheit trug. Die unbeschwert zur Schule gehen konnte und die sich draußen aufhalten konnte, wann und wo sie wollte, ohne einen schmerzvollen Tod dabei befürchten zu müssen. Ja, sie beneidete Lilly, aber gleichzeitig spürte sie auch etwas, das ihr bereits vor langer Zeit geraubt wurde. Hoffnung. Hoffnung auf eine Welt ohne Nagas und ohne verseuchte Luft.

Mit hochgezogener Augenbraue erwischte sie Will dabei, wie er angestrengt nachdenkend ihre Steinkette betrachtete, die auf ihrem Dekolleté ruhte. Verlegen sah er schnell weg. „Um meine Vermutung zu bestätigen, müsste ich jedoch die Situation auch aus deiner Perspektive hören."

Lilliana nickte knapp. „William und ich sind zusammen mit dem Team in Bezirk 7 eingesetzt worden. Diesen Monat sind wir mit den Patrouillengängen dran, also haben wir ein paar Nagas beseitigt. Dann sind wir zurück zur Basis gelaufen. Mehr ist nicht passiert. Ich weiß nicht, wie ich in eurer Wohnung gelandet bin.", fasste sie kurz zusammen. Dabei verschwieg sie den Teil über ihre Bisswunde und ihren Besuch bei Professor Burrows. Im Zweifelsfall könnte Will nämlich diese Informationen gegen sie verwenden.

Lilliana sah Will an, dass er ihr nicht folgen konnte. „Und das alles ist auf ... Tellus passiert? Was soll das sein?" Lilliana bemühte sich um einen neutralen Ausdruck und versuchte ihre Fassungslosigkeit zu überspielen. Schließlich war es nach allem, was sie heute erlebt hatte, durchaus möglich, dass sie sich auf einem anderen Planeten befand.

„Tellus ist ein Planet, zwischen Venus und Mars." Sichtlich überfordert lachte Will. „Du meinst wohl die Erde. Der Planet, der sich zwischen der Venus und dem Mars befindet, ist die Erde." Langsam schüttelte Lilliana den Kopf. „Warum sollte er Erde heißen? Schließlich wurden alle anderen Planeten auch nach römischen Gottheiten benannt. So auch unsere Heimat, nach der römischen Göttin der mütterlichen Erde."

Entgeistert riss Will die Augen auf. Ihm schienen die Worte zu fehlen. „Wahnsinn", flüsterte er erstaunt. Er fasste sich wieder. „Und auf Tellus warst du mit ... William auf Patrouille und ihr habt - wie war das? Nagas beseitigt?", wiederholte er ihre Worte verwirrt und versuchte sich einen Reim daraus zu machen. Es schien so, als versuche er eine mathematische Gleichung zu lösen. Lilliana nickte, irritiert von seiner Reaktion. „Was zur Hölle sind Nagas?"

„Riesige, menschenfressende Schlangen, kann man sagen."
Bestürzt fuhr sich Will durch die Haare. „Oh Gott, Lilly ist sowas von verloren.", flüsterte er besorgt. Auch in Lilliana schlich sich nun eine Vorahnung. „Was willst du damit sagen?", fragte sie, auf das Schlimmste gefasst.

Gerade, als Will eine Erklärung ansetzen wollte, wurde er von einem jungen Mann unterbrochen, der dicht an der Theke an seinem Kaffee nippte und sich offenbar in einem Gespräch mit Onkel Joe befand. „Will! Dir ist doch auch sicher aufgefallen, dass Joe eine andere Schürze trägt, nicht wahr? Da wollte ich ihm Komplimente machen, dass gelb ihm ausgezeichnet steht, doch er beteuert, dass die Schürze schon immer gelb war. Aber dir ist es doch sicher auch aufgefallen?" Wild gestikulierte er mit den Händen und deutete auf Onkel Joe.

„So ein Schwachsinn, Brian.", sagte Joe kopfschüttelnd. Will wirkte durcheinander und in Gedanken weit weg zu sein. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie schon immer gelb war, Brian.", erwiderte er deshalb nur.

Empört blickte Brian sie abwechselnd an. „Ihr wollt mich doch auf den Arm nehmen." Dann wandte er sich an Lilliana. „Hast du den Unterschied bemerkt, Lilly?" Kaum merklich zuckte sie zusammen. Langsam schüttelte sie den Kopf, woraufhin Brian sich missmutig auf den Hocker niederließ und an seinem Kaffee schlürfte. Onkel Joe kommentierte dies bloß mit einem Lachen. „Na komm schon Will, trag dem guten, alten Brian ein Gedicht vor. Für seine Nerven, damit er sich wieder besinnt."

Will benötigte einen Moment, doch fasste sich dann schnell wieder und setzte ein breites charmantes Grinsen auf.

„Rosen sind rot,

Gelb ist Joes Schürze,

Ein eintöniges Summen ertönt -

Ach, das war bloß Brian."

Während Onkel Joe und einige Kunden amüsiert lachten, verschränkte Brian mürrisch seine Arme. „Das hat sich nicht einmal gereimt.", murmelte er genervt. Grinsend deutete Will eine Verbeugung an und setzte sich wieder Lilliana gegenüber. Auch Lilliana musste einräumen, dass sie ein kurzes Schmunzeln nicht verhindern konnte, was Will überraschte. Die Unbeschwertheit, die Will und die anderen Gäste an den Tag legten, überrumpelte Lilliana.

„Entschuldige, die Pflicht hat gerufen." Er senkte seine Stimme nun wieder und rückte ihr näher, um zu verhindern, dass andere Gäste sie hören konnten. „Also, ich weiß, dass sich das jetzt wahrscheinlich total verrückt anhört. Und ich weiß auch nicht, ob meine Vermutung stimmt.", setzte er an und rieb sich aufgeregt die Handflächen gegeneinander. „Aber ich denke, dass du aus einem anderen Universum kommst. Einem Universum, in dem die Erde Tellus genannt wird und in dem allem Anschein nach die Hölle los ist. Und ich denke auch, dass Lilly und du verschiedene Versionen der gleichen Person seid, aus unterschiedlichen parallel existierenden Welten. So wie William wahrscheinlich eine andere Version von mir ist. Und ich weiß nicht, wie genau das passieren konnte, aber ich denke, dass du und Lilly die Universen getauscht habt. So wie du heute Morgen auf Lillys Bett aufgewacht bist, ist Lilly wahrscheinlich auf deinem aufgewacht."

Fieberhaft wippte er mit dem Stuhl hin und her. „Das ist so unfassbar aufregend. Und besorgniserregend. Ich denke nicht, dass Lilly lange in einer Welt mit fleischfressenden Schlangen überleben wird. Und es ist auch die Ironie des Schicksals, dass wir erst gestern darüber geredet haben, dass ich die ganzen Semesterferien damit verbringen würde, ihr Beweise für Paralleluniversen zu liefern. Wenn das mal nicht Beweis genug ist." Besorgt trommelte er mit den Fingern auf dem Tisch und schaute aus dem Fenster zu den spielenden Kindern.

Lilliana erblasste. Sie hätte ihm nur allzu gerne ein Gegenargument angeboten, das seine Theorie hätte widerlegen können, doch ihr fiel absolut nichts ein. Wie verrückt seine Theorie auch klingen mochte, sie war paradoxer Weise die plausibelste Erklärung für ihre Situation. Plötzlich empfand Lilliana Mitleid mit Lilly, die wahrscheinlich einen noch größeren Schock erlitten hatte als Lilliana.

„Wie gehen wir jetzt vor? Du bist ja irgendwie hier gelandet, und Lilly ist höchstwahrscheinlich irgendwie auf Tellus gelandet. Also müsste es doch auch irgendwie einen Weg zurück geben, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob euer kleiner Austausch Konsequenzen mit sich zieht, aber wenn es welche gibt, dann müssen sie gewaltig sein." In seinem Blick lag Furcht und Sorge.

Ruckartig sprang Lilliana auf, wodurch sie die Aufmerksamkeit einiger Gäste auf sich zog. „Ich benötige einen Computer mit funktionierendem Internetanschluss.", verkündete Lilliana. Es hatte keinen Zweck, noch Stunden herumzusitzen und sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie das alles sein konnte. Sie musste nach einer Lösung suchen. Was sie jetzt benötigte, war die ruhige Selbstbeherrschung, die sie auch im Kampf hegte.

Verständnislos sah Will zu ihr hoch. „Einen Computer?"

„Wenn auf dieser Welt Versionen von mir und William existieren, dann wird sicher auch eine Version von Professor Burrows irgendwo zu finden sein." Und wenn jemand in solch einer Situation weiter wusste, dann war das sicher der Professor.

Entschlossen verließ Lilliana den Cup, wobei Will ihr zügig hinterhereilte.

*****

Denkt ihr, dass der Professor Burrows auf der Erde ihnen weiterhelfen kann? Oder gibt es überhaupt keine Version von ihm auf der Erde? ;)

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