Kapitel 22
Erde 2019
Lilliana fiel auf die Knie, doch vom eigentlich harten Aufprall spürte sie nichts. Der Aufprall war jedoch auch das einzige an der Astralreise, das sich nicht real anfühlte.
Mühsam rappelte sich Lilliana auf und stockte. Sie befand sich inmitten eines Ozeans aus obsidianschwarzem Sand, der sich bis zum Horizont erstreckte. Düstere Dünen reichten in der Ferne bis zu den blutroten Wolken, die wie Rubine im Onyx farbenen Himmel hervorstachen. Als Lilliana den Himmel näher betrachtete, bemerkte sie zickzackförmige Risse zwischen den schweren Wolken, deren Farbe die von Amethysten ähnelte.
Die Wüste entsprach ihrer Vorstellungen einer Hölle. Doch obwohl sie eine Hitze erwartet hatte, ließen eisige Windzüge ihre Arme erzittern. Es schien, als hätten die nachtschwarzen Sandkörner jedes bisschen Wärme aufgesogen.
Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Sie hatte noch nie einen Ort auf Tellus gesehen, der mit diesem vergleichbar wäre. Jedoch war sie sich sicher, dass es geklappt hatte: Es war der Ort, den sie auf dem Dach des Gebäudes gegenüber der Brooklyn High gesehen hatte. Sie musste nur das Portal, die undichte Stelle, finden, die sie dahin führen würde. Auch wenn sie sich nicht ausmalen konnte, wo die Stelle sein könnte. Denn überall, wohin sie auch schaute, war Sand, Sand und noch mehr Sand.
Konzentriert schloss Lilliana die Augen und atmete tief ein, wobei sie die Luft nicht spürte, die durch ihre Lungen floss. Entschlossen holte sie den blauen Jeansfaden hervor, der sie mit Will verband. Auch wenn diese Verbindung nur noch im symbolischen Sinn aufrechterhalten wurde, da Will den Faden durchtrennen musste. Schließlich wartete er nicht wie beim letzten Mal mit ihr im leer stehenden Lager auf sie, in das Dr. Hernandez ihr selbstgebasteltes Labor versteckte.
Nein, Will wartete auf dem Dach gegenüber der Brooklyn High darauf, dass die undichte Stelle wieder erscheinen würde.
Will, Will, Will.
Mit neu gewonnener Willenskraft lief sie los. Sie würde Will finden. Obwohl sie aufgrund des Meter hohen Sandes, der ihre Beine mit jedem Schritt zu verschlucken drohte, und der Atmosphäre, die sich wie dicke Watte um sie schmiegte, nur langsam vorankam, war sie entschlossen, nicht stehen zu bleiben.
Sie steuerte auf eine gigantische, steil hoch laufende Düne zu, die ihr ganzes Blickfeld einnahm. Mit jedem Schritt, dem sie sich der Düne näherte, brannten ihre Augen wie als hätten sie Feuer gefangen. Angestrengt blinzelte Lilliana. Erst dann nahm sie den furchtbaren Geruch wahr, der ihre Nasenflügel zum Zittern brachte. Für den Bruchteil einer Sekunde hielt Lilliana inne.
Schwefel. Beißender Schwefel drohte ihre Luftröhren zu verätzen.
Lilliana schloss ihre Hände zu Fäusten um den Faden. Nicht real. Es war nicht real. Ihrem Körper konnte auf der Astralebene nichts widerfahren. Mit zusammengebissenen Zähnen lief sie nun schneller, versuchte möglichst wenig zu atmen, während ihre Organe brannten, kreischten.
Doch nicht der Schwefel war es, der sie zu tiefst beunruhigte. Es war das ohrenbetäubende Zischen, das hinter der Düne erklang. Ein Zischen, das ihr mehr als nur vertraut war. Und obwohl Lilliana wusste, was sie hinter der Düne erwartete, brachte sie dies nicht vom Kurs ab. Mit einem leisen Seufzer erreichte Lilliana schließlich die Düne, die sie an einen großen schwarzen Felsenbrocken erinnerte.
Sie bückte sich, um eine handvoll Sand zwischen ihre Finger gleiten zu lassen. Er war überraschend fest und so kalt wie Schnee, weshalb sie davon ausging, dass die Düne stabil genug war, um sie zu erklimmen. Instinktiv zückte sie ihren Dolch aus der Scheide, während sie mit der anderen Hand den Faden weiterhin umschlossen hielt, und stieg die spitz zulaufende Düne hoch.
Das Zischen wurde lauter, drang tief in ihre Knochen und ließ diese erzittern. Mit aller Kraft kämpfte Lilliana gegen die vernünftige Stimme in ihrem Kopf an, die ihr hysterisch befahl zu fliehen. Lilliana spürte immer mehr Sandkörner unter ihren Schuhen hinunterfließen, sodass sie nach einiger Zeit ihren Dolch fest in den Sand stieß, um Halt zu finden.
Sie lauschte ihrer schweren Atmung, die kleine Rauchwolken erzeugte, um das Zischen zu übertönen. Der Schwefelgeruch drohte mittlerweile, sie von innen heraus zu zerbersten und sie musste sich immer wieder versichern, dass der Schmerz nicht echt, bloß ein Produkt ihres Bewusstseins war.
Oben angekommen hielt sie sich gebückt und spähte vorsichtig nach der Szenerie, die sich hinter der Düne abspielte.
Sie erstarrte. Ihr Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei bei dem schrecklichen Anblick, der sich vor ihren Augen abspielte. Eine überdimensionale Schar an blutrünstigen Schlangen versammelte sich in aufgereihten Linien in dem Tal, das von hohen Dünen umrandet wurde. Die schwefelgelben Schuppen ließen beinahe nichts mehr vom schwarzen Grund erkennen, auf denen sie wie Dämonenfürsten thronten. Scharf gezackte Zungen und gewaltige Giftzähne blitzten immer wieder hervor.
Vollkommen versteift war Lilliana weder imstande, sich zu rühren, noch konnte sie den Blick von den ledrigen Schuppen, die so glatt schienen, dass man sich an ihnen schneiden könnte, abwenden.
Jede Zelle ihres Körpers schrie. Dies war der Albtraum jedes Menschen auf ganz Tellus. Doch Lilliana sah weit und breit keine Menschen. Wo auch ihr Blick reichte, sah sie bloß Wüste, Dünen und monströse Schlangenbestien, die allzu erpicht darauf wären, Lilliana zu verschlingen. Weit und breit keine Spur von dem Hauch einer Zivilisation.
Ihr Kopf dröhnte. Das konnte nicht sein. Kein Ort auf Tellus war so menschenverlassen wie dieser. Natürlich gab es Bezirke, in denen die Nagas ganze Bevölkerungsgruppen vertrieben hatten, doch selbst an diesen Orten fuhren die lästig quietschenden Züge auf den verrosteten Schienen entlang.
Ein schrilles Kreischen, das Lilliana bis ins Mark erschütterte, riss sie aus ihrer Schockstarre. Einen Moment lang befürchtete sie, die Nagas könnten sie entdeckt haben, doch etwas weitaus Schlimmeres war verantwortlich für den grellen Klang der Bestien.
Lilliana traute ihren Augen nicht. An mehreren Stellen schien der Raum vor den Nagas zu zerreißen. Hell aufblitzende Portale öffneten sich willkürlich, ließen die dunkle Wüste in einem grellen Licht erstrahlen. Die Nagas schlängelten so schnell auf die Portale zu, das Lillianas Augen ihre Bewegungen kaum verfolgen konnten. Und ehe sie sich versah, stürzte sich eine Schlange nach der anderen in die grellen Blitze der Portale und verschwand.
Lilliana keuchte. Ihre Hände bebten so stark, dass sie beinahe vom Heft ihres Dolches abrutschten. Ohne zu zögern zog sie die Dolchspitze aus dem Sand und rannte die Düne hinunter. Dabei hinderten sie nur jahrelanges Training daran, nicht auf demSand auszurutschen.
Als sie den unebenen Grund erreichte, ertönte ein Zischen dicht hinter ihr. Hastig rannte Lilliana, ohne sich umzudrehen, und versuchte einen panischen Aufschrei zu unterdrücken. Sie rannte durch Kies und Geröll, rannte, bis ihre Füße sie zu einem hohen Felsen trugen, der in der finsteren Ödnis wie ein pechschwarzer Palast des Teufels türmte.
Als sie zu dem Felsen gelangte, bemerkte sie dicht getarnt zwischen kleineren Gesteinen eine Höhle, die sich tief durch den Felsen bohrte. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden flitzte sie durch den schmalen Eingang in das Herz des Felsen. Den Atem anhaltend presste sie sich gegen die bröckelnde Wand des Gesteins und kniff die Augen fest zusammen. Doch das Zischen war verklungen und stattdessen hatte sich eine tiefe Stille eingelegt.
Langsam öffnete Lilliana ihre Augen und löste sich von der Wand. Hatte sie sich diese Verfolgung etwa bloß eingebildet? Verärgert über sich selbst schüttelte sie sich den Sand von ihrer Kleidung. Sie hatte vor lauter Grauen und dem zutiefst verstörenden Anblick der Nagas völlig vergessen, nach der undichten Stelle zu suchen, die zur Brooklyn High, zu Will, führte.
Stattdessen hatte sie jedoch ein Haufen anderer undichter Stellen gefunden. Blankes Entsetzen fuhr durch ihren Körper. Sie wollte sich gar nicht erst ausmalen, wo die Portale die Nagas wieder ausspucken würden.
Sie setzte an, die Höhle wieder zu verlassen, als ihr plötzlich die rote Farbe an der felsigen Wand auffiel, gegen die sie vor wenigen Sekunden noch gelehnt hatte. Misstrauisch trat sie einen Schritt zurück und stockte, als sie erkannte, dass es sich bei der Farbe um Blut handelte und die Kritzeleien Buchstaben bildeten. Da das Blut verwischt war, brauchte sie einen Moment, um den Satz zu entschlüsseln, der vor ihr aufragte.
‚Wann sind wir an der Reihe, gerettet zu werden?'
Mit aufgerissenen Augen atmete Lilliana schneller. Menschen! Es lebten hier also doch Menschen! Auch wenn das Blut schon längst getrocknet zu sein schien, bestand die Möglichkeit, dass sie die Person finden könnte, die diese grauenvolle Frage aufgetragen hatte. Sie könnte Lilliana erklären, wo sie sich genau befand und all ihre Fragen zu den Massen an Nagas im Tal beantworten.
Ein Beben ließ die Höhle erschüttern. Eisige Stalaktiten schossen von der Decke in den Boden und mehrere Kieselsteine regneten hinunter. Die Farbe wich von Lillianas Haut, als sie feststellte, dass sie sich doch nicht geirrt hatte. Der Naga stieß einen rasselnden Warnlaut aus, während er über der Höhle durch den Felsen schlängelte und auf ein Lebenszeichen seiner Beute wartete.
Plötzlich erzitterte die Höhle nach einem erneuten heftigen Rütteln.
Schlagartig schrie Lilliana auf und spiegelte den Horror wider, der sich vor ihr abspielte. Fest presste sie eine Hand gegen ihren Mund, um den Aufschrei einzudämmen, während ihre Augen tränten vor lauter Entsetzen. Haufenweise Knochen waren von der Decke gefallen. Und als dann ein Schädel mit tief ausgehöhlten Augen zu ihren Füßen rollte, war es um Lilliana geschehen.
Ihr Herz drohte herauszuspringen, während sie zitterte. Ihre Augen fest zusammengekniffen und die Hand immer noch gegen ihre Lippen gepresst wimmerte sie, während heiße Tränen ihre Wangen hinuntertropften. Die Sekunden, die es brauchte, bis der Naga endgültig verschwunden war, fühlten sich an wie nicht vergehende unerträgliche Stunden, in denen sie versuchte, nicht an den Schädel zu denken, der die Spitze ihrer Stiefel berührte.
Als sie sich sicher war, dass draußen kein Naga mehr auf sie wartete, der sie zerfleischen würde, zögerte sie nicht und eilte aus der Höhle hinaus, ohne sich noch einmal nach dem Schädel umzuschauen. Das brauchte sie auch nicht, denn sein Anblick hatte sich tief in ihren Kopf gebrannt.
Lilliana hielt es an diesem grauenvollen Ort nicht länger aus. Die schwarze Wüste drohte sie zu verschlucken wie Treibsand und hinter jeder Düne, jedem Felsen lauerten Nagas in Massen, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Sie betrachtete den blauen Faden in ihrer Faust, der rote Striemen auf ihren Handflächen hinterlassen hatte.
„Reiß dich zusammen.", murmelte sie leise vor sich hin. Tief ausatmend straffte sie die Schultern. „Ich weiß, dass du die andere Hälfte des Fadens hältst, Will. Ich werde dich finden."
Lilliana entdeckte einen hohen Felsen westlich von ihr, der dem der Höhle ähnelte. Ihre Schritte waren entschlossen und eisern, überzeugt, dass sie die Stelle finden würde. Langsam atmete sie aus. Sie versuchte den beißenden Geruch des Schwefels durch die Erinnerung an all die Gerüche zu überdecken, die sie an die Erde erinnerte.
Der würzige Duft des asiatischen Takeaways, das sie mit Will und ihrem Kater auf dem Dach über dem Unterschlupf gegessen hatte. Den schwarzen Sand unter ihren Stiefeln ersetzte sie durch die Erinnerung an Grashalme zwischen ihren Fingern, den düsteren Himmel durch die strahlend weiße Sonne auf der Erde. Und vor allem trieb sie der Gedanke an Will an, den Felsen zu erklimmen. Will, dessen haselnussbraunen Locken in allen Richtungen abstanden. Will, der überdurchschnittlich intelligent, aber zu bescheiden war, um es vor Lilliana zuzugeben. Will, der es schaffte, selbst Lilliana mit seinen dummen Sprüchen zum Lachen zu bringen.
Will, der all ihre Sehnsüchte und Wünsche symbolisierte. Will, der für das Leben stand.
Als sie den Hang des Felsens fast erreichte, hielt sie abrupt inne. Konzentriert kniff sie die Augen zu Schlitzen und neigte den Kopf zur Seite. Hatte sie sich das bloß eingebildet?
„Lilliana!" Nein, sie hatte tatsächlich eine Stimme gehört, die Meilen weit entfernt gedämpft ertönte. Hastig stieg sie den Felsen hoch, folgte der Stimme. „Will.", keuchte sie schweratmend. Ihr Herz raste. Als sie versuchte, sich an einem Stein hochzuziehen, rieselte dieser vom Felsen hinunter. Lillianas Arm rutschte ab und schlürfte sich am Gestein auf, doch sie spürte keinen Schmerz. „Will.", schrie sie nun, als sie die Stimme ein wenig lauter wahrnahm.
„Lilliana! Lilliana, ich höre dich.", schrie nun auch Will aufgeregt. Doch trotz seiner Schreie hörte sie ihn nur ganz schwach, als würde sie im Ozean der schwarzen Wüste ertrinken, während Will direkt über der Wasseroberfläche schwebte und nach ihr rief.
Ächzend sprang sie auf die Felsenspitze und überschlug sich fast, als sie zu den steilen Klippen raste. Jede Faser ihres Körpers drohte zu explodieren, als sie ihn sah. Am Rand der Klippen entdeckte sie Will, zwar nur verschwommen, wie als trennte sie eine Meter dicke Milchglasscheibe voneinander, doch sie sah ihn. Und ganz wage erkannte sie auch den strahlend blauen Himmel, der ihn umgab wie ein Heiligenschein. An seinen aufgerissenen Augen und dem blanken Entsetzen auf seinem Gesicht stellte sie fest, dass er sie ebenfalls sah.
Ein lautes Schluchzen entkam ihren Lippen und es kostete sie alle Kraft, um nicht auf die Knie zu fallen.
„Lilliana, ich bin hier. Ich bin bei dir. Du bist bei mir.", ertönte Wills unklare Stimme wie durch Watte gepackt. Lilliana konnte die Erleichterung nicht in Worte fassen, die durch Wills Erscheinen wie ein Schmerz linderndes Medikament durch ihre Adern floss.
Wage erkannte sie nun ein Lächeln auf Wills Lippen. „Komm zu mir, Lilliana.", erklang es, dieses Mal klarer als die letzten Male. Mühsam streckte er die Hand nach ihr aus. Schweißperlen rannten ihre Stirn hinunter, als sie mit aller Kraft ihren Arm durch die undichte Stelle schob.
Lilliana keuchte. Es fühlte sich so an, als müsste sie ihre Hand durch dicken Zement bohren, der ihre Knochen allmählich zerquetschte. Doch sie ließ sich genauso wenig wie Will davon beirren und hörte nicht auf, bis sie zuerst seine Fingerspitzen ertastete und dann, endlich, seine Hand, warm und beständig, ihre umschloss. Lilliana atmete stoßweise aus.
Und dann geschah etwas Gewaltiges: Sowohl ihre als auch Wills Hand, die sich nun wie in einer Türschwelle in der undichten Stelle befanden, begannen zu verschwimmen, dann einen Moment zu lodern, bis sich die festen Strukturen ihrer Haut lösten und ihre Arme zu flüssigem Metall wurden. Will starrte sie mit geöffnetem Mund an, doch keiner dachte daran, die Hand zurückzuziehen.
Es war ein seltsames Gefühl. Einerseits spürte sie Flammen auf ihrem Arm, die ihre Haut zu verätzten vermochten. Doch andererseits konnte sie sich in dieser eisigen Wüste nichts Schöneres als diese Flammen vorstellen.
Nun war es Lilliana, die lächelte. „Will", sagte sie bloß und stürzte sich dann in die undichte Stelle.
Doch sie hatte die steilen Klippen des Felsabhangs längst vergessen, weshalb sie statt in einem grellen Feuer in Wills Armen, die Klippen hinunter in das endlose Meer aus schwarzem Sand stürzte.
Mit einem heiseren Aufschrei erwachte Lilliana aus der Astralebene. Das grelle Licht der Neonlampen im Labor blendete sie. Einen Moment lang sah sie nur weiße Leere bis sich ihre Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnten.
Anders als bei ihrer ersten Astralreise stand bereits ein Eimer vor dem Patientenstuhl bereit, den sie schnell ergriff. Augenblicklich wurde ihr gesamter Mageninhalt entleert. Ihr Herz schlug so fest gegen ihre Brust, dass es schmerzte. Erschöpft ließ sie ihren Kopf auf die gepolsterte Kopflehne fallen.
Ihr Kopf dröhnte, als sie ihn zur Seite drehte, um Dr. Hernandez zu erblicken. Diese hatte seit ihrem Erwachen geschwiegen und blickte völlig erstarrt zu ihr, so als wäre ihr ein zweiter Kopf gewachsen - was Lilliana nicht sonderlich überraschen würde angesichts all der Geschehnisse, die ihr vor wenigen Minuten auf der Astralebene widerfahren waren.
Hernandez war blass um ihre Nase herum geworden. Eine Hand ragte reglos über die Tastatur ihres Computers. „Deine - deine Hand.", stammelte sie vor sich hin. Lilliana bemerkte, dass sie die Astrophysikerin noch nie so aufgewühlt gesehen hatte. Sie war stets gefasst und auf alles vorbereitet gewesen. Bis jetzt. „Deine Hand war verschwunden.", sagte sie fassungslos und schüttelte entgeistert den Kopf.
Ermüdet blickte Lilliana zu der Hand, die vor wenigen Augenblicken noch in Wills Hand umschlossen war. „Scheint wieder da zu sein.", entgegnete sie ausgelaugt und mühte sich zu einem leichten Achselzucken ab.
Beharrlich schüttelte Hernandez den Kopf, wobei eine schwarze Haarsträhne sich aus ihrem strengen Zopf löste. „Du verstehst nicht. Für den Bruchteil einer Sekunde war deine Hand, nein dein ganzer Unterarm, einfach weg. Das kann und darf gar nicht passieren." Entrüstet fuhr sie mit einer Hand über ihr Gesicht. „Ich verstehe das nicht-"
Dr. Hernandez wurde durch einen schrillen Klingelton unterbrochen. Benommen nahm sie ihr Smartphone zur Hand.
„Verdammt!", fluchte Will am anderen Ende der Leitung. „Doc, Lilliana hatte recht. Ich kann die undichte Stelle sehen. Doch sie verblasst schon, also solltet ihr euch verdammt beeilen!" Seine Stimme klang rau und er schien völlig überwältigt zu sein.
Hernandez nickte. „Verstanden, Will. Wir sind gleich da."
„Okay.", sagte Will atemlos. Und dann wiederholte er es, wie als müsste er sich selbst beruhigen.
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Völlig erschöpft stieg Lilliana die rostige Notleiter mit Tuno auf der Schulter hoch auf das Dach des Gebäudes gegenüber der High School. Während der Taxifahrt wäre sie fast eingeschlafen, doch Tunos klägliches Miauen hatte sie wach gehalten.
Als sie Will, aufgewühlt und mit großen Augen, erblickte, sah sie verlegen weg. Will errötete. Keiner der beiden traute sich etwas zu ihrer gemeinsamen Erfahrung in der undichten Stelle zu sagen, die sich nun, wo sie gegenüber standen, auf wundersamer Weise sehr intim anfühlte.
Dr. Hernandez folgte ihr, ausgestattet mit allen möglichen Geräten und Utensilien. Einen Augenblick lang schwiegen sie, während sie ungläubig die undichte Stelle betrachteten. Tatsächlich erwies sich die undichte Stelle als ein drei Meter hoher Riss im Raum. An den blitzförmigen Rändern glühte die Stelle bläulich und verschwammen im Sekundentakt. Will hatte recht, das Portal schien allmählich zu verblassen und schrumpfte kaum merklich, sodass die Skyline hinter der Stelle zu erkennen war.
Tuno fauchte wild, als er die Stelle sah.
Lilliana wurde übel beim erneuten Anblick der schwarzen Wüste. Kurz dachte sie, dass sie noch den Gestank nach Schwefel riechen konnte, der sich in ihre Lungen eingebrannt hatte.
Überfordert räumte Dr. Hernandez die Geräte aus ihrem Rucksack. „Das kann nicht sein.", murmelte sie immer wieder leise vor sich hin. Sie blickte Lilliana und Will abwechselnd an. „Ich habe bereits mehrere Fehleranalysen durchführen lassen, doch meine Technik versichert mir, dass sich hier keine undichte Stelle zu Tellus befindet." Nun starrte sie wieder in das Portal und eine Sekunde lang flackerte etwas in ihrem Gesicht, das Lilliana nicht zu deuten wusste. „Aber ich sehe es doch mit meinen eigenen Augen. Lilliana hatte recht." Sie schüttelte den Kopf.
Lilliana dachte, sie würde eine Art Befriedigung spüren, nachdem sie beweisen konnte, dass sie sich nicht geirrt hatte und sich tatsächlich eine permeable Stelle hier befand, doch das tat sie nicht. Sie fühlte sich seltsam leer und ausgelaugt.
„Auch meine erste Astralreise brachte mich an diese Wüste. Ich habe noch nie einen solchen Ort auf Tellus gesehen. So viele Nagas und weit und breit keine Menschenseele." Lilliana zögerte kurz, doch entschied sich dann, zunächst nichts über das Skelett in der Höhle zu erzählen. „Ich sah, wie plötzlich und aus dem Nichts Hunderte undichter Stellen entstanden, durch die die Nagas verschwanden. Ich gehe davon aus, dass der Naga, den ich neulich hier auf dem Dach erledigt habe, auch aus solch einem Portal gekommen war.", vermutete sie verbittert.
Will wurde leicht grün im Gesicht. „Denkst du, diese ganzen Schlangen kommen hier her? Auf die Erde?"
Lilliana wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Dr. Hernandez plötzlich erstarrte. Ein düsterer Ausdruck breitete sich in ihrer Miene aus, als sie auf die zu dieser späten Uhrzeit wenig befahrene Straße sah, die sich unter ihnen erstreckte. Verwirrt folgten sie ihrem Blick. Ein halbes Dutzend an schwarzen Autos parkten am Straßenrand und hinaus eilte eine Gruppe von Menschen mit schwarzen Anzügen.
Hastig verstaute Hernandez die Geräte wieder in ihrem blauen Rucksack. „Wir müssen von hier verschwinden.", sagte sie eindringlich. „Das sind die Leute vom Geheimdienst. Wahrscheinlich haben sie die undichte Stelle aufgespürt."
Lilliana wurde blass, als sie beobachtete, wie die Männer das Gebäude betraten.
„Von hier verschwinden?", fragte Will ungläubig. „Wir sind hier auf einem Dach!"
Frustriert seufzte Hernandez, als das quadratische Gerät, das mit einem roten Blinken alle undichten Stellen der Erde aufzeigte, nicht in ihren überfüllten Rucksack passen wollte. „Los, die Leiter hinunter in die Etage unter uns. Dort sollten wir uns vorerst verstecken können.", befahl sie drängend und schulterte ihren Rucksack.
Lilliana spürte, wie ihre Erschöpfung verebbte und sie sich plötzlich wieder hellwach und in Alarmbereitschaft stand, so wie sie es immer bei einem Kampf gegen einen Naga tat. Beschützend drückte sie Tuno eng an die Brust und eilte zur Leiter, um unter der undichten Stelle, die nur noch zu erkennen war, wenn man sich darauf konzentrierte, hinunterzusteigen. Ruckartig sprang Will zu der Antenne herüber, die noch immer umgefallen war durch Lillianas Kampf gegen den Naga am vorigen Tag, und fuchtelte an dem Blech herum. Dann folgte er Lilliana zügig mit Dr. Hernandez im Schlepptau.
Angespannt kletterten sie die Leiter hinunter. Gerade als Dr. Hernandez versuchte, mit einer Hand Halt an einer Sprosse zu finden, rutschte das Gerät aus ihrer Hand und fiel klirrend zu Boden. Der Bildschirm zerbarst zwischen den Mülltonnen in der Gasse zu Dutzenden von Glasscheiben. „Nein!", hauchte Dr. Hernandez verzweifelt.
Kopfschüttelnd hielt Lilliana vor dem Seitenfenster inne, das zu der obersten Etage führte. „Keine Zeit dafür", murmelte sie und blickte dann geduckt in den Raum hinein, der sich als eine kleine Bibliothek erwies. Mit einem harten Tritt stieß sie das halb geöffnete Fenster auf und sprang in den Raum, der nach alten Büchern und ausgelaufener Tinte roch. Will tat es ihr nach und fiel mit einem leisen Dumpfen mit den Knien auf den laminierten Boden, während Hernandez so wie Lilliana leichtfüßig und hoch erhobenen Hauptes auf den Füßen landete.
Ohne einen Laut zu erzeugen schritten sie zwischen den hohen Bücherregalen, die fast schon ein verwirrendes Labyrinth darstellten, und horchten. Das regelmäßige Tippen an Tastaturen war ganz leise zu hören. Lilliana und Hernandez sahen sich ernst an und nickten. Sie zückten ihre Dolche und liefen mit großen Schritten zum anderen Ende des Raumes. An der Wand waren lauter Computer auf Holztische aufgestellt. Zwei der Computer waren besetzt .
„Wollen wir nach Feierabend essen gehen?", murmelte eine junge Frau mit einem blonden Zopf, das Kinn gelangweilt auf die Hand gestützt.
„Zu Mamoun's Falafel?", fragte ein junger Mann mit brauner Haut und kurzem schwarzem Haar genauso gelangweilt, während er lustlos auf der Tastatur tippte.
„Mhm.", antwortete die Frau, ohne den Blick von ihrem Bildschirm zu lösen.
Lilliana und Hernandez nutzten das daraufhin eintretende Schweigen aus. Blitzschnell hatte sich Lilliana die junge Frau von hinten gepackt und eine Hand fest auf ihren Mund gepresst. Mit aufgerissenen Augen stieß die Frau einen panischen Laut aus und versuchte sich aus Lillianas festem Griff zu lösen, doch Lilliana gab nicht nach. „Keine Sorge.", tröstete sie sie ein wenig schuldbewusst. „Wir sind nicht hier, um euch zu töten."
Lilliana dachte, dass ihre Worte sie beruhigen würden, doch Hernandez hatte ihren Freund bereits bewusstlos geschlagen und behutsam auf einen Stuhl abgesetzt, weshalb die Frau jetzt laut durch Lillianas Hand wimmerte.
Verärgert sah sie zu Hernandez herüber und entschied sich dann, es kurz zu machen. Sie nahm die Hand von ihrem Mund, nur um sie sofort um ihren Hals zu legen und zuzudrücken. Ein erstickter Laut erklang aus ihrem Mund und ihre Proteste wurden zunehmend schwacher, während das Blut nicht mehr zu ihrem Kopf durchdrang. Nach nur wenigen Sekunden erschlafften ihre Glieder und ihre Augen fielen zu. Seufzend setzte Lilliana sie auf dem Stuhl ab.
„Was zur Hölle -", fing Will fassungslos an, der zwischen den Bücherregalen mit Tuno auf dem Arm stand, der ihn wiederum wütend anfauchte. Seine Augen funkelten. „Das war total gruselig. Und abgefahren!"
Er grinste nun über beide Ohren. „Doc, wenn Sie weiterhin so äußerst charmant willkürliche Zivilisten in die Bewusstlosigkeit fördern, komme ich noch auf die irrsinnige Idee, mit Ihnen zu flirten." Zwinkernd setzte er ein verschmitztes Lächeln auf, doch ein Seitenblick zu Lilliana verriet augenblicklich, wem seine Worte eigentlich galten. Verlegen wandte Lilliana den Blick ab.
„Der Karotis-Druckpunkt.", erklärte Dr. Hernandez nüchtern, scheinbar unbeeindruckt von Wills Anmachversuch, und legte ihren Dolch wieder in die Scheide.
Lilliana tat es ihr nach und fügte eine Erklärung hinzu, als sie Wills fragenden Blick sah. „Wenn man auf einen bestimmten Punkt der Halsschlagader genügend Druck ausübt, verliert man schnell mal ziemlich schmerzlos das Bewusstsein. Dieser Punkt wird der Karotis-Druckpunkt genannt."
Will schien begeistert und tastete verwundert seinen eigenen Hals ab. „Kannst du mir die Stelle zeigen?"
Räuspernd ging Dr. Hernandez zwischen ihnen und blickte sie abwechselnd warnend an. „Es reicht.", sagte sie bestimmend und mit einem gewissen Unterton, der Lilliana misstrauisch aufhorchen ließ. „Wir sollten zusehen, dass wir hier schnell wegkommen. Bevor unsere beiden Turteltauben wieder aufwachen." Vielsagend deutete sie auf das bewusstlose Paar.
Mitfühlend seufzte Will. „Ich hoffe ja, dass sie es noch rechtzeitig zu Mamoun's Falafel schaffen. Ein wundervoller Imbiss mit den leckersten Falafeln der Welt , wenn ich anmerken darf."
Angespannt schritt Lilliana zum Fenster, durch das sie gerade eingebrochen waren, und versuchte unauffällig einen Blick auf das Dach zu erhaschen. Die undichte Stelle war nun endgültig verschwunden und gedämpft waren leise Stimmen zu hören. „Könnten wir bloß zuhören.", sagte sie angespannt. Sie hoffte bloß, dass sie unentdeckt bleiben würden und die Geheimdienstler viel zu abgelenkt von der undichten Stelle waren.
Augenblicklich wurde Will wachsam. „Aber das können wir doch! Ich habe meinen Chip an die Antenne gesetzt." Er schien zufrieden mit sich selbst.
Hernandez warf ihm einen verärgerten Blick zu, während sie schnell ihren eigenen Chip hervorholte und den Lautsprecher anschaltete. „Warum hast du das nicht schon vorher gesagt?"
„Reizend wie immer, Doc. Ich hatte ein ‚Danke Will. Du bist ein Genie, Will' erwartet, aber gut."
Lillianas Mundwinkel zuckten in die Höhe und sie warf Will einen anerkennenden Blick zu. Es war in der Tat ein genialer Schachzug.
Sie beugten sich alle über Hernandez' Chip und lauschten den Männern auf dem Dach.
„... In der Tat, Sir. Die Permeabilität dieser Stelle ist zwar nicht so hoch wie bei den anderen Stellen, die wir bereits entdeckt haben. Aber es stellt dennoch eine Art Portal zu einer anderen Dimension dar.", sagte ein Mann mit eifriger Stimme und nuschelte etwas, das sie nicht verstanden. „... andere Messwerte. Ich weiß nicht, woran es liegen könnte, aber die Stelle unterscheidet sich von all den anderen."
„Dann finden Sie heraus, was hier anders ist, Martin!", donnerte eine tiefe Stimme aufgebracht.
Hastige Schritte ertönten auf dem Betonboden. „Sir, wir haben das Dach vollständig abgesperrt. Hier kommt niemand mehr hoch." Kurzes Zögern. „Wir haben allerdings etwas in der Gasse gefunden, das sie interessieren könnte.", fügte die unsichere Stimme hinzu. Ein kurzes Rascheln war zu hören, und dann sog jemand scharf die Luft ein. „Ist das ..."
„Maria Hernandez.", flüsterte die tiefe Stimme grimmig. „Dieses Gerät gehört unserer versteckfreudigen Astrophysikerin. Was für erfreuliche Neuigkeiten, dass sie allem Anschein nach ähnlichen Interessen jagt wie wir." Ein beinahe mitleidiges Seufzen ertönte. „Schade nur, dass sie vor fast zwei Jahrzehnten untergetaucht ist. Und nun wendet sie sich gegen uns. Eine Verschwendung für die Wissenschaft."
Er räusperte sich erneut und hob nun seine Stimme, sodass ihn auch jeder hören konnte. „Meine Herren, dieses Gerät ist der ultimative Beweis für Maria Hernandez' Feindschaft gegen unseren Staat. Der Fund dieses Gerätes deckt sich mit unseren Vermutungen, dass sie William Barret und das Zielobjekt Lilliana Anderson beherbergt." Er legte eine Kunstpause ein. „Wir sind nun ermächtigt, gegen sie und ihre beiden Komplizen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu fahnden. Benachrichtigen Sie die CIA und Interpol."
Ohrenbetäubende Stille trat in den Raum. Entrüstet starrte sich die Gruppe an und Lilliana spürte vor Übelkeit Galle aufkommen.
Dr. Hernandez fasste sich als erste wieder. Mit gestrafften Schultern verkündete sie: „Nun, Kinder, es wird höchste Zeit, dass wir New York verlassen."
*****
Was ist mit Lillianas und Wills Händen geschehen, als sie sich in der undichten Stelle gehalten haben? Was hat die blutige Nachricht in der Höhle zu bedeuten?
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