Kapitel 23
Tellus 2019
„Verrate ich dir nur allzu gerne, Schätzchen. Doch nur unter einer Bedingung." Er trat ganz nah an die Scheibe und legte den Kopf zur Seite. „Du wirst mich mit dem Pin auch befreien."
Fassungslos starrte Lilly den Gefangenen an, dessen marineblauen Haare aufgrund seiner schlechten körperlichen Verfassung in filzigen Wellen über seine Schultern flossen.
Schmunzelnd hatte er den Kopf zur Seite geneigt, die eisblauen Augen auf sie geheftet. Verdattert schüttelte Lilly den Kopf und sah dann zu Jasper hinüber, der in der gegenüberliegenden Zelle in eine Art Halbschlaf zu sein schien.
„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.", knirschte sie mit den Zähnen, da sie bereits wusste, wie sie sich entscheiden würde. Ihre Freunde hatten sich alle geopfert, damit sie zu Jasper vordringen und ihn befreien konnte. Auch wenn sie den Grund für die Inhaftierung des Jungen nicht kannte, musste sie schnell eine Entscheidung treffen, bevor die Wachen sie erwischen würden.
„In Ordnung.", gab sie atemlos nach. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus. „Sag mir den Pin und ich befreie dich."
Das Grinsen des Jungen wurde breiter. Mit einem Finger deutete er ihr an, näher an die gläserne Scheibe zu treten, sodass er ihr die Zahlen durch die Scheibe ins Ohr flüstern konnte.
1 - 9 - 8 - 0
„Ziemlich makaber, nicht wahr? Das Jahr, in dem die Apokalypse begann, als den Pin für die Zellen der Insassen zu nutzen, die sich gegen die Vernichtung der Welt stellen.", sagte er beiläufig, wobei das Grinsen nicht von seinen Lippen wich.
Lillys Finger zitterten, als sie die Ziffern in den Schalter tippte, der an der Scheibe befestigt war. Ein leises Klicken ertönte, als die Scheibe durch die Wände an ihren Seiten verschwand.
Anmutig verließ der Junge die Zelle, nur um dann Lillys Hand zu ergreifen. Einen kurzen Moment lang versteifte sie sich. Sie befürchtete, einen schrecklichen Fehler begangen zu haben und dass er sie nun verraten würde. Doch nichts dergleichen geschah.
Langsam führte er ihre Hand zu seinen Lippen und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. Seine Augen funkelten gefährlich wie zwei Saphire in der Dunkelheit. „Vielen Dank für die Befreiung, Schätzchen. Elliot mein Name."
Lilly blinzelte perplex. „Lilly.", sagte sie gedehnt, schüttelte seine Hand ab und fuhr zu Jaspers Zelle herum, um mit dem Pin auch seine Zelle zu öffnen. Erleichtert atmete sie aus, als die Barriere sich entfernte. Sie kniete sich zu Jasper hinunter und betrachtete entsetzt die blutenden Wunden und violetten Male, die seine blasse Haut zierten. „Wir holen dich hier raus, Jasper.", versicherte sie ihm mit heiserer Stimme.
Neugierig blickte Jasper sie aus gesenkten Lidern an, doch schwieg. Immerhin schien er bei Bewusstsein zu sein, dachte sich Lilly. Sie schlang ihren unverletzten Arm unter seine schmächtigen Armen und hievte ihn ächzend hoch.
„Welch eine Ehre, deine Bekanntschaft zu machen, Lilly. Ach übrigens, die Maske, die du da trägst, sieht hinreißend aus.", schnurrte Elliot und warf dann einen musternden Blick auf Jasper. „Jasper, alter Freund. Du hast eindeutig bessere Tage hinter dir."
Jasper schnaubte leise. „Nun gut, wir sollten schleunigst von hier verschwinden. Die Verstärkung marschiert hier jede Sekunde herein. Um nicht wieder hinter Gittern zu landen, müssen wir ein wenig für Ablenkung sorgen, habe ich nicht Recht?", fragte er mit einer gewissen Vorfreude in seiner Stimme, die Lilly innehalten ließ. „Was hast du vor?", fragte sie misstrauisch. Eine dunkle Vorahnung befiel sie.
Lachend schritt Elliot den Gang entlang - die anderen Insassen, die klägliche Laute von sich gaben, ignorierend - und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen Schalter, der denen der Zellen ähnelte, aber rot statt silbern war.
Jasper hatte die Augenbrauen hochgezogen. „Mutig.", nickte er ihm anerkennend zu. Mühsam schleifte Lilly Jasper hinterher. „Wofür ist der?" Sie deutete mit einem Nicken auf den Schalter, auf dem Elliot den Pin eintippte. „Wen befreist du damit?", fragte sie argwöhnisch.
Er blickte ihr nun direkt in die Augen. „Alle, Schätzchen." Mit einem letzten Klicken bestätigte er den Pin. „Alle.", wiederholte er mit einem wilden Ausdruck auf seinem Gesicht.
Lilly gefror an Ort und Stelle. „Was?" Sie konnte ihren Ohren nicht trauen, als plötzlich ohrenbetäubende Alarmsirenen schrillten und rote Lämpchen in jeder Ecke des Ganges warnend aufleuchteten.
Sofort stützte Elliot Jasper an der anderen Seite. „Los, das ist unsere Chance!", befahl er und sie rannten los. Lillys zitternde Beine brannten unter Jaspers Gewicht, doch sie hielten keine Sekunde an. In jeder Abteilung fanden sie einen weiteren roten Schalter vor, der zentral an dem gläsernen Eingang angelegt war und den Elliot dazu nutzte, um die Zellen einer Abteilung nach der anderen zu öffnen.
Durch die Alarmleuchten wurde das Gebäude mittlerweile in einem roten Licht gebadet. Und was sie bereits nach wenigen Minuten erkannten, war das reinste Chaos, das im Gefängnis ausbrach: Gefangene in Massen stürmten aus ihren Zellen, einige humpelnd, andere kriechend, und bahnten sich gewaltsam einen Weg zum Ausgang. In die Freiheit.
Doch auch wenn diejenigen, die das Geschehen bloß mit erschöpften Augen beobachteten, ohne sich vom Fleck zu rühren, deutlich in der Unterzahl waren, brannten sich vor allem ihre Gesichter in Lillys Gedächtnis. Gesichter, die schon so lange die weißen Wände ihrer Zellen anstarrten, dass die Möglichkeit einer Flucht belanglos schien.
Da nun von allen Seiten heraus Insassen strömten, waren die Wachen, denen sie begegneten, so abgelenkt, dass sie die heraus eilende Gruppe gar nicht bemerkten. Überall ertönten Schüsse und das Klirren von Schwertspitzen, die aus der Scheide gezogen wurden und schon bald hatte sich der Geruch nach Eisen überall auf den Fluren gefestigt.
Lilly versuchte die Luft anzuhalten, als sie über die Berge von bewusstlosen Körpern - Gefangene wie Soldaten - stiegen. Ihre Finger schlossen sich fest um das lederne Heft ihres Dolches, den sie schützend vor sich und Jasper hielt. Als sie in einen etwas größeren Gang abbogen, der zum Haupteingang führte, stießen sie beinahe mit einer Gestalt zusammen, die eine Maske mit schwarzen Federn trug.
„Nour.", stieß Lilly erleichtert aus.
Unter der Maske ließ sich erkennen, dass Nours Haut unterm Auge bläulich schimmerte und ihre Nase blutete. Doch abgesehen davon schien sie unverletzt zu sein. „Verdammt, Lilly! Du hast es geschafft." Sie grinste sie anerkennend an. „Aber was zur Hölle ist hier los? Jemand hat hier alle Insassen befreit." Verdattert schüttelte sie den Kopf und sah dann skeptisch zu Elliot. „Und wer ist das ?"
„Mein Name ist Elliot, der Befreier aller gefangenen Seelen.", stellte sich Elliot mit einem schelmischen Grinsen vor und wollte nach Nours Hand greifen, doch diese schlug ihm sofort die Hand weg. Überrascht schüttelte Elliot seine Hand ab. „Guter Schlag!"
Nun zu viert rannten sie zum Hauptausgang, der nun nur noch von einer Wache flankiert wurde, den Nour mit Leichtigkeit zu Fall brachte. Mit ihnen stürmten Dutzende von anderen Gefangenen - zu Lillys Bestürzung - die meisten ohne Schutzausrüstung hinaus ins Freie. Nour schnappte sich den Helm der Wache und setzte ihn über Jaspers Kopf. Elliot hatte sich bereits vorher eine Schutzausrüstung geschnappt.
Ungläubig betrachtete Lilly die Scharen von Gefangenen, die hastig zu den Schienen stürzten und auf einen vorbeirasenden Zug sprangen. Überall schossen Kugel durch die dicke Luft und sie mussten sich hinter dem Gebäude ducken, als Dutzende von Soldaten hinter den Gefangenen herrannten.
„Es wird Zeit, dass wir uns voneinander verabschieden.", setzte Elliot theatralisch an. „Jasper und ich kennen einen guten Unterschlupf, an dem wir sicher sind. Nicht wahr, Jasper?" Vielsagend sah er ihn an.
Jasper warf ihm einen vernichtenden Blick zu, der ihn zum Verstummen bringen sollte, und wand sich dann an Lilly und Nour. Langsam nickte er. „Von hier aus kommen wir alleine zurecht." Nun sah er Lilly direkt an, sodass sie seine tief eingefallenen Wangen erkennen konnte. Eine Mischung aus Verwunderung und Neugierde lag in seinem Blick. „Ich bin dir etwas schuldig, Lilliana." Unmerklich zuckte Lilly zusammen, als sie ihren vollen Namen hörte, und fragte sich einen kurzen Moment lang, was für ein Verhältnis Lilliana zu Jasper wohl gehabt hatte. Sie nickte nur.
Elliot legte einen Arm um Jasper, um ihn zu stützen, zwinkerte Lilly ein letztes Mal zu und wandte sich dann ab, um in der Dämmerung weg zu flitzen. Er erinnerte Lilly an einen Fuchs, der es schaffte, nie seine Tarnung preiszugeben und vor der Nase seiner Feinde unbemerkt zu verschwinden.
„Wir sollten schleunigst wieder zur Basis gelangen. Bevor unser Verschwinden auffällt.", sagte Nour ernst und sie rannten los. In einem Versteck hinter dem Lager hatten sie Wechselbekleidung verstaut, da ihre nun mit Blut und sandigem Staub übersät war. Während sie sich hastig umzogen, bemerkte Lilly, dass Williams Stapel an Ersatzkleidung bereits verschwunden war. Sie hoffte, dass dies bedeutete, dass William in Sicherheit war und nicht etwa, dass einer der Gefangenen seine Kleidung gestohlen hatte. Zumindest war er weit und breit nicht zu sehen, doch das könnte auch an dem gewaltigen Sandsturm liegen, der kräftig über die Basis fegte und so ihre Sicht einschränkte.Das versuchte sich Lilly zumindest einzureden, um vor Sorge nicht zu platzen.
Ein heißer Stich fuhr durch ihren verletzten Arm bis hoch hinauf in die Schulter, als die neue Kleidung über die Wunde streifte. Zähne knirschend versuchte Lilly den Schmerz zu ignorieren und nahm die schwarze Maske unter dem Schutzhelm ab, um sie in ihrer Jackentasche zu verstauen.
„Es gibt einen Hintereingang, der direkt in das Treppenhaus führt. So müssen wir nicht den Haupteingang nutzen und können direkt zu unseren Zimmern gelangen, ohne dass etwas auffällt.", erläuterte Nour, während sie entgegen des Sturms zum Hauptgebäude liefen.
„Jiang? Jiang, kannst du mich hören? Wir kehren jetzt um.", sprach Nour in ihren Chip, während sie eine Senkung hinunterliefen und auf der Hinterseite der Basis eine Art Kellertür passierten, die Nour und Jiang vor ihrer Mission geöffnet hatten.
Frustriert fuchtelte Nour an ihrem Chip herum. „Jiang? Jiang, bitte antworten!" Doch es kam keine Antwort zurück. Blanke Panik zeichnete sich in Nours Miene ab. „Jiang, verdammt! Ich warne dich, wenn dir etwas zugestoßen ist, dann bring ich dich höchstpersönlich um!", stieß sie wütend aus, während sie ins Treppenhaus eilten und zu ihrer Erleichterung feststellten, dass sie es unbemerkt hinein geschafft hatten.
Vorsichtig legte Lilly eine Hand auf Nours Schulter. „Vielleicht ist er ja schon mit William im Gemeinschaftsraum.", versuchte sie Nour zu trösten, doch diese blieb erschüttert. Zügig stiegen sie die Treppen hoch hinauf bis in das vierte Stockwerk.
Was sie jedoch entdeckten, als sie die Station betraten, war die reinste Katastrophe: Sirenen heulten, Soldaten rannten verwirrt und panisch umher und die selben roten Alarmleuchten wie im Gefangenen-Gebäude blinkten über ihren Köpfen.
„Was zum...", fing Nour entgeistert an, doch wurde augenblicklich von Lilly unterbrochen. „William!", schrie sie auf, als sie ihn in der Menge erblickte. William bahnte sich einen Weg durch die Soldaten und durch das laute Gerufe, was denn passiert sei, zu ihnen durch.
Sein Gesicht zeugte von Erleichterung, als er sie erreichte. „Lilly, Nour!" Mit einem besorgten Blick scannte er sie ab. „Alles in Ordnung? Ist er -"
Lilly schnitt ihm das Wort ab, indem sie wild nickte. „Ja, er ist befreit." Sie wich schnell einen Schritt zur Seite, als eine junge Soldatin sie anrempelte und hastig den Flur entlang rannte.
William atmete laut aus und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. „Verdammt, war das knapp. Ich musste mich zwischen den Schienen verstecken, um die Wachen abzuwimmeln und dann sah ich eine Horde von Insassen aus dem Gebäude rennen.", erzählte William, doch stockte dann, als er Nours angespannten Blick sah, der über die Menge fuhr. „Wo ist Jiang, William?"
Die Farbe wich von Williams Gesicht. „Ich dachte, mein Chip wäre beschädigt und ich konnte ihn deshalb nicht erreichen -"
Plötzlich verstummten die Sirenen und eine furchtbare Stille legte sich auf der Station ein. Die Warnleuchten blinkten zwar noch, aber die Soldaten waren alle an Ort und Stelle verharrt.
„Dies ist eine Durchsage des Offiziers. Hiermit werden alle Soldaten der Basis dazu aufgefordert, sich vor ihren Zimmernummern auf den Wohnstationen aufzustellen. Der Offizier und seine beiden Unteroffiziere werden in Kürze eine persönliche Kontrolle durchführen. Nichterscheinen wird mit einer sofortigen Gefangennahme bestraft. Ich wiederhole: Nichterscheinen wird mit einer sofortigen Gefangennahme bestraft."
Panisch sah sich die Gruppe an. Allen war klar, dass ihre Mission nicht so reibungslos verlaufen war wie erhofft. Das Schlimmste befürchtend biss sich Lilly auf die Innenseite ihrer Wange. Verdammt, dieses Schlamassel hatte sie Elliot zu verdanken.
„Kein Grund zur Beunruhigung.", sagte William. „Jiang hat das Überwachungssystem lahm gelegt und wir waren maskiert.", versuchte er die Gruppe zu beunruhigen, doch der Zweifel in seiner Stimme ließ Lillys Puls bloß noch mehr rasen.
In Windeseile hatten sich sämtliche Soldaten in geordneten Reihen vor ihren Zimmertüren aufgestellt. Stocksteif und ohne einen Muskel zu bewegen standen sie alle da, während Lilly unruhig ihren Rücken gegen die Tür mit den Ziffern 427 presste.
William, dessen Zimmertür neben der ihrer war, ergriff kurz ihre Hand, den Blick weiterhin starr geradeaus gerichtet. Lilly versteifte sich erst, doch beruhigte sich dann allmählich, als er mit dem Daumen kreisende Bewegungen über ihren Handrücken machte.
Doch als laut schallende Schritte über den Parkettboden des sonst stillschweigenden Flurs ertönten, ließ er ihre Hand sofort wieder los.
Die zitternden Hände zu Fäuste geballt hielt Lilly den Kopf erhoben und versuchte ihre Aufmerksamkeit auf die Soldaten zu richten, die sich vor ihr aufgestellt hatten: ein junges Mädchen mit rotem Haar, das in nicht gebändigten Locken über ihre Schulter fiel. Ihre Haut war blass, ihre Augen aufgerissen. Sie dürfte kaum älter als sechzehn sein. Gegenüber von William ein etwa genauso junger Soldat, der seine Kampfmontur trug. Seine kastanienbraune Haut schimmerte im roten Licht der Alarmleuchten. Und neben ihm stand Nour.
Nour hatte ihren Schutzhelm heruntergefahren, sodass ihr goldener Hijab zum Vorschein kam, dessen Farbe der ihrer Haut glich. Anders als alle anderen Soldaten, die bloß den scharfen Blick des Offiziers meiden wollten, sahen Nours dunkle Augen verbissen zu ihm und seinen Unteroffizieren hoch.
Kaum hörbar schluckte Lilly den Kloß in ihrem Hals hinunter, als die schwarzen Stiefel des Offiziers zum Stehen kamen. Sie spürte seinen prüfenden Blick über sie und allen anderen Soldaten gleiten.
„Krieger und Kriegerinnen der dritten Basis New Yorks.", begann er seine übliche Ansprache mit einer schneidenden Stimme, die Lilly einen Schauer über den Rücken fahren ließ. Seine Arme waren hinter seinem Rücken verschränkt, die blutroten Lichter spiegelten sich in seiner glasklaren Brille wider.
"Schreckliche Dinge sind heute unserer geliebten Basis widerfahren.", fuhr er fort und schritt bedächtig weiter. Er legte eine Kunstpause ein. „Denn allem Anschein nach haben wir Verräter unter uns." Er blieb nun direkt vor Nour stehen, die beiden Unteroffiziere im Schlepptau.
„Eine Gruppe von mutmaßlich vier maskierten Soldaten hat uns auf brutalste Weise hintergangen. Das Sicherheitsnetzwerk des Gefängnisses wurde beschädigt, sodass sämtliche Insassen - Schwerverbrecher, die unsere verängstigte Gesellschaft in diesen schweren Zeiten gefährden - befreit wurden und flohen. Unsere Wächter schafften es, einen großen Teil der Gefangenen aufzuhalten, doch es wurden auch viele Wächter verletzt. Vielen Insassen gelang somit dennoch die Flucht."
Entsetzen, Schock und Unglauben waren in allen Gesichtern der Soldaten verzeichnet. Das rothaarige Mädchen gegenüber von Lilly hatte ängstlich die Schultern hochgezogen. Lilly versuchte, nicht panisch zu William zu blicken.
„Ihr fragt euch nun sicherlich alle, wie das geschehen konnte. Wie konnte diese furchtbare Tat den alles sehenden Überwachungskameras entgehen?" Nun sah Offizier Denton direkt in Nours Augen, die sich nicht scheute, den Blick zu erwidern.
„Nun, einer dieser Verräter hatte es sich zur Aufgabe gemacht, unser Überwachungssystem zu hacken, die Kameras zu beschädigen und sämtliche Aufnahmen während des Geschehens zu annullieren. Zugegeben ein kluger Schachzug, doch nicht klug genug." Seine Mundwinkel zuckten zu einem grausamen Lächeln. „Denn während der Rest seiner Gruppe anonym blieb, konnte seine Identität entschlüsselt werden. Es handelt sich um den Soldaten Jiang Song."
Nour gab einen erstickten Laut von sich. Nein, schrie Lilly innerlich. Ihre Atmung wurde unregelmäßig. Williams Kiefer war angespannt, doch seine Augen blieben ausdruckslos. Undurchdringlich.
Ein entgeistertes Raunen fuhr über den Flur, als die Soldaten Jiangs Namen hörten.
„Leider muss ich euch mitteilen, dass er uns entwischt ist. Durch die Lüftungsschächte hat er es ins Freie geschafft, um dann zu verschwinden. Jedoch kann ich versichern, dass wir ihm bereits dicht auf den Fersen sind. In genau diesem Moment befinden sich sämtliche Einheiten der ersten und zweiten Basis bereits auf der Suche nach Song und den geflohenen Insassen.", fuhr er fort.
Lilly unterdrückte nur schwer ein erleichtertes Seufzen. Jiang war zunächst in Sicherheit. Er hatte es geschafft zu fliehen.
„Wirklich tragisch, auch wenn sein Verlust für unsere Basis nicht weiter von Bedeutung ist. Wir vermuten, dass er mit einer Rebellengruppe kooperiert. Einer dieser Gruppen, die die Normen der Zivilisation nicht anerkennen. Die nichts anderes verstehen, als Hass und Angst zu verbreiten. Die sich durch ihren übertriebenen Hang zur Selbstzerstörung lächerlich machen. Die wie lästige Motten solange um das Licht herumflattern, bis sie brennend, in Flammen, niedergehen. Das wird auch mit Jiang Song geschehen. Und niemand wird seinen erbärmlichen Tod betrauern. Denn genau das ist er: Erbärmlich, Lächerlich. Ein Feigling, wie seine Rebellenfreunde." Die letzten Worte spuckte er verächtlich aus.
Nour explodierte. Rasend vor Wut stieß sie einen knurrenden Laut aus und machte Anstalten, sich auf den Offizier zu stürzen. Doch sofort war ein Unteroffizier zur Stelle, der mit seinen Pranken Nours Kehle ergriff und sie brutal gegen ihre Zimmertür rammte.
Ein Röcheln entwich ihren Lippen, doch sie beachtete den breit gebauten Unteroffizier, dessen glatt rasierter Kopf von wilden Tattoos umgeben war, nicht. Stattdessen starrte sie weiterhin hasserfüllt zum Offizier, obwohl sie im Begriff war, zu ersticken.
Entsetzt schüttelte Lilly kaum merklich den Kopf. Verdammt, was tat sie bloß da? Er würde sie vor allen Augen töten.
Aus dem Augenwinkel konnte sie erkennen, wie Williams Brust sich nun schnell hob und wieder senkte. Doch er hielt den Blick weiterhin starr geradeaus gerichtet.
Mit gespielter Enttäuschung schüttelte Denton den Kopf. „Aber nicht doch, Nour Haidar." Er hob eine Hand in die Höhe, was dazu führte, dass der Unteroffizier sofort die Hand von ihrer Kehle ließ. Dennoch hielt er sie an den Armen fest. Nour schnappte wie eine Ertrinkende nach Luft.
„Du kannst dich glücklich schätzen, dass deine Schwester ein so geschätztes Mitglied des Komitees für die Zuteilungen in die Einsatzbereiche ist und von mir sehr geachtet wird.", teilte er ihr warnend mit. Erst jetzt fiel Lilly die Soldatin mit dem nachtblauen Hijab am Ende der Station auf. Dalia, erinnerte sich Lilly. Sie stand genauso starr wie William vor ihrer Zimmertür, doch ihre Augen verrieten sie: Denn in ihnen spiegelten sich Sorge und Angst um ihre jüngere Schwester wider.
„An deiner Stelle würde ich Vorsicht walten lassen ... angesichts der Tatsache, dass Jiang ein Mitglied eures Teams ist. Und somit das ganze Team beschuldigt wird."
Nach diesen Worten erstarrte Nour wie eine Maschine, bei der man den ‚Aus'-Knopf gedrückt hatte. Emotionslos starrte sie in die Leere und erwiderte nichts. Der Unteroffizier ließ von ihr ab und Denton schritt langsam weiter, den Blick nun auf William und Lilly gerichtet. Das hungrige Grau seiner Augen erinnerte Lilly an die Farbe einer Schwertklinge, die nur darauf wartete, endlich in das Fleisch ihres Gegners stoßen zu können.
„William Barret." Denton grinste eiskalt und trat näher. „Ein großartiger Krieger." Er klopfte ihm mit gespielter Anerkennung gegen die harte Brust. „Doch leider ein Verräter, nicht wahr?" Es war mehr eine Aussage als eine Frage.
William ließ sich Zeit mit seiner Antwort. „Sir, mein Team ist unschuldig. Wir ahnten nichts von Jiangs Plänen. Es liegen keine Beweise vor, die unsere Unschuld widerlegen.", sagte er mit überraschend fester und zugleich unbekümmerter Stimme.
Eine buschige Augenbraue schoss in die Höhe. „Du willst mir also sagen, dass du ein Alibi hast?"
„Sir, wir befanden uns zum Zeitpunkt der Tat alle in unseren Zimmern." Seine Stimme klang beinahe mechanisch.
Prüfend sah Offizier Denton ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Dann legte er eine Hand an Williams Kinn und zwang ihn so, ihm in die Augen zu blicken. „Du meinst wohl, dass du und die wundervolle Miss Anderson gemeinsam in einem Zimmer wart.", spöttelte er.
Ein Muskel zuckte in Williams Gesicht, doch er blieb ruhig und erwiderte nichts auf die herabfallende Bemerkung. Lilly hingegen spürte das erste Mal an diesem Abend keine Angst, sondern Wut. Lodernde Wut. Die Hitze stieg in ihre Wangen und sie konnte das Blut in ihren Ohren rauschen hören bei der Andeutung, die der Offizier mit dem Satz gemacht hatte.
Ein schallendes Gelächter ertönte daraufhin. Williams mangelnde Reaktion auf seinen Kommentar schien ihn zu amüsieren. „Du bist ein Narr."
Er wandte sich von William ab und sah nun wieder zu dem Rest der Soldaten. „Ein Team aus den besten Technikern arbeitet bereits daran, ein Backup des verlorenen Videomaterials herzustellen. In spätestens 24 Stunden werden wir die Gesichter der übrigen drei Täter entlarven können.", verkündete er laut. Dann blickte er wieder zu William. „Und es werden eure Gesichter sein, William Barret.", raunte er ihm mit schneidender Stimme zu.
„Sir, da muss ich widersprechen.", entgegnete William. Seine Lippen waren zu einer dünnen Bleistiftlinie zusammengepresst.
Niemand sah den Schlag kommen. Ein Schlag mit der flachen Hand, so fest, dass Williams Kopf zur Seite schellte. Ein Schlag, der Lilly bis ins Mark erschütterte.
Scharf zog Lilly die Luft ein und betrachtete entsetzt, wie Williams Wange rötlich zu glühen begann. Doch abgesehen von seinem angespannten Kiefer reagierte er nicht auf den Schlag.
Vollkommen entsetzt schäumte Lilly vor Wut. Sie verlor jegliche Selbstbeherrschung. „Das können Sie nicht tun! Das dürfen sie nicht tun!", schrie sie, bebend vor Zorn.
Sie war bereit, sich zwischen William und dem Offizier zu stellen. Doch ehe sie sich versah, knallte sie so heftig gegen ihre Tür, dass ihr schwarz vor Augen wurde und sie nach Luft schnappen musste. Die Unteroffizierin, eine ältere Frau mit weißem, kinnlangen Haar, griff nun nach ihren Armen und heftete diese fest an der Wand. Schmerzerfüllt schrie Lilly auf. Die Finger der Unteroffizierin gruben sich tief in die offene Wunde an Lillys Oberarm. Sie spürte die Galle hochkommen.
„Sie ist verletzt, Sir.", erkannte die Unteroffizierin überrascht. Unsanft zog sie Lillys Ärmel hoch und offenbarte die klaffende Wunde. Scharlachrote Blutkruste sammelten sich am Rand an, wobei Lilly bei diesem Anblick ein Schwindel überkam. Nur krampfhaft unterdrückte sie den aufsteigenden Würgereiz.
Beinahe schon gierig betrachtete Denton die Wunde. „Wie hast du dir diese Wunde zugezogen? Etwa bei einem kleinen Zwischenfall mit einem Wächter im Gefängnis?", fragte er wissend.
Aus dem Augenwinkel sah Lilly, wie William unauffällig zu ihrer Wunde schielte und mehr als nur bestürzt schien.
Mit den Zähnen fletschend schüttelte sie den Kopf, obwohl der Offizier den Grund für ihre Verletzung haargenau traf. „Bei der heutigen Versorgungsmission ist mir ein wütender Bürger über den Weg gelaufen, der mehr Proviant verlangt hatte, als ihm zugestanden hatte."
Erstaunt über ihre schnelle Lüge und ihre Schauspielkünste zog William die Brauen in die Höhe.
Die Unteroffizierin ließ von ihren Armen ab, als der Offizier ihr näher trat. „Du willst mir also weismachen, dass die berühmte Lilliana Anderson, die weit und breit die meisten getöteten Nagas zählt, von einem einfachen Bürger derart verwundet wurde?"
Frustriert biss sich Lilly auf die Innenseite ihrer Wange. Natürlich würde das nicht auf Lilliana zutreffen, dachte sie sich verärgert und spürte unvermittelt einen Hauch von Eifersucht in sich aufsteigen.
Als Denton bemerkte, dass Lilly keine Antwort auf seine Frage hatte, wurde sein Grinsen breiter, gerissener. „Nun gut, du hast dich also während der Versorgungsmission verletzt. Warum bist du dann nicht unverzüglich in das Lazarett auf der Krankenstation gegangen, um dich verarzten zu lassen?", fragte er sie betont lässig, wie eine Katze, die ihre Beute bereits in Visier hatte.
Hochmütig reckte Lilly das Kinn in die Höhe, versuchte das beinahe schmerzhafte Dämmern ihres Herzschlages zu ignorieren. „Ich war auf der Krankenstation. Allerdings konnte ich Professor Burrows dort nicht vorfinden.", log sie mit überraschend fester Stimme.
Die Wahrheit war, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, ob der Professor tatsächlich nicht da war, deshalb war sie sich das Risiko bewusst, das sie mit dieser Lüge einging. Doch sie hoffte einfach, dass Burrows ihr den Rücken decken würde.
Der Offizier sah sie aus schmalen Augen an, bevor er langsam eine eiskalte Hand um ihre Kehle schloss. Obwohl er nicht zudrückte, drohte Lilly zu ersticken. Tief blickte er ihr in die Augen, wie als lägen all ihre Geheimnisse ihm offen vor. „Das kannst du nicht bezeugen.", spöttelte er mit leiser Stimme, bereit, zuzudrücken. Ihrem Leben mit einem Hauch ein Ende zu setzen. Es kostete Lilly alle Kraft, nicht ängstlich die Augen zuzukneifen.
„Ich kann das bezeugen."
Augenblicklich erstarrte der Offizier. Ein Raunen ging durch die Menge. Mit offenem Mund starrte Lilly zum Professor, der wie aus dem Nichts inmitten der Soldaten erschienen war. Mit seinem weißen Kittel umgeben von den schwarzen Kampfmonturen der Soldaten erinnerte er Lilly an einen Engel in der Dunkelheit, der zur Rettung herbeieilte.
Mit verschränkten Armen und zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete er die Szenerie vor sich. „Nun lassen Sie das arme Mädchen frei, Benedict.", befahl der Professor mit einer wegwerfenden Handbewegung. Sofort ließ der Offizier von Lilly ab und eine kurze Sekunde lang sah sie Verärgerung über seine Augen huschen, die aber rasch verflog.
Jedem einzelnen Soldaten auf der Station war die Bestürzung vom Gesicht abzulesen. Hatte Burrows tatsächlich den Offizier beim Vornamen genannt und ihm einen Befehl erteilt? Und hatte der Offizier dem Befehl tatsächlich Folge geleistet, obwohl er ganz oben in der Hierarchie stand?
Burrows grauen Augen funkelten, als er ihr zuzwinkerte. „Morgen werden wir handfeste Beweise haben, wer die Täter sind. Bis dahin ist jeder Einzelne hier unschuldig, habe ich nicht Recht, Benedict?"
Grimmig hatte der Offizier seine Lippen zu einer Bleistiftlinie zusammengepresst. Er nickte knapp.
Der Professor schlenderte zu ihnen herüber und nahm sanft Lillys verletzten Arm in die Hand, um die Wunde zu begutachten. Dann nickte er mehrmals. „Oh ja, das sollten wir dringend behandeln. Komm doch gleich in mein Labor, meine Liebe. Es sei denn unser Offizier ist noch nicht fertig mit seiner Ansprache?" Mit hochgezogener Augenbraue sah er zu Denton, in dessen Augen eine brennende Wut loderte.
„Die Befragung ist hiermit beendet. Ihr seid entlassen.", verkündete der Offizier mit geballten Fäusten. Er sah ein letztes Mal verbissen zu Lilly, bevor er, dicht gefolgt von seinen beiden Unteroffizieren, die ebenso ratlos schienen wie der Rest, den Gang entlang marschierte und schließlich durch den Fahrstuhl verschwand.
Der Professor warf ihr einen letzten vielsagenden Blick zu, bevor er sich ebenfalls abwandte und in dem endlos langen Gang verschwand.
Zunächst trauten sich die meisten Krieger nicht, ihre strenge Aufstellung zu lösen. Sie schauten sich ratlos und bestürzt an, bis die ersten begannen, kleinere Gruppen zu bilden und zu tuscheln. Nach einiger Zeit war leises Gemurmel und Geflüster zu hören und Lilly erlauschte immer wieder ihren Namen.
Ein unkontrolliertes Zittern setzte sich in all ihren Gliedern ein wie ein stetiger Stromschlag, der sie traf, als Lilly sich erschöpft gegen ihre Tür lehnte. Nun, da der Offizier sie nicht mehr bedrängte, spürte sie die Aufregung, die Angst und Panik, in eiskalten Wellen abebben.
Aufgebracht lief Nour auf sie zu. William sah sie ernst an. Auch in seinen Augen war Unruhe und Sorge zu erkennen. Die Befürchtung einer sich anbahnenden Katastrophe.
Ein Blick genügte und sie schritten schnurstracks in den Gemeinschaftsraum hinein, den nur sie benutzten und der vom Rest ihrer Station unbenutzt blieb, weil diese sich in den Gemeinschaftsräumen der anderen Stationen versammelten, die weitaus geräumiger waren als dieser hier.
Als Nour die Tür hinter sich zuschlagen wollte, stellte sich plötzlich ein Stiefel von außen vor die Tür.
Eine feurige Wut entfachte sich in Nour, als sie in das entsetzte Gesicht ihrer Schwester blickte.
„Verdammt, Nour! Was war das eben?", fluchte Dalia bestürzt. Ihre dunkle Haut nahm einen rötlichen Unterton an vor Aufregung. Die Ähnlichkeit zu ihrer kleinen Schwester verblüffte Lilly. Sie stand neben William und beobachtete die Auseinandersetzung sprachlos.
„Offizier Denton hätte dich kaltmachen können, ist dir das bewusst? Reiß dich gefälligst zusammen!", zischte Dalia, während sie mit aller Kraft gegen die Tür drückte, die Nour immer noch zudrückte.
Als Dalia Nours eiserne Miene bemerkte, schienen ihre Züge etwas weicher zu werden. „Hör zu, ich verstehe ja, dass die Sache mit Jiang ziemlich schwer zu verkraften ist. Ich weiß ja, wie nah ihr euch standet. Aber wenn du verhindern willst, dass du tatsächlich mit dem Überfall im Gefängnis in Verbindung gebracht wirst, solltest du dich zurückhalten!"
Eine Zornesfalte entstand auf Nours Stirn und ihre geballte Faust zuckte kurz. „Sprich nicht so über ihn.", spuckte sie rasend. „Sprich nicht aus der Vergangenheit über ihn." Eine gefährliche Warnung lag in ihrer kühlen Stimme.
Dalia traf dies wie ein Schlag. Perplex blinzelte sie. „Nour, ich -"
„Es ist deine Schuld, Dalia. Das alles ist deine Schuld. Nichts davon wäre geschehen, wenn du Jasper nicht in Bezirk 6 eingesetzt hättest.", knirschte sie mit den Zähnen.
Nun war es Dalia, die wütend wurde. „Meine Schuld?", wiederholte sie ungläubig. „Ich hatte bereits einen Verweis von den Unteroffizieren erhalten, weil es verdammt noch mal aufgefallen ist, dass Jasper noch nie in Bezirk 6 stationiert wurde! Die Einteilungen müssen nämlich durch und durch zufällig sein. Wegen dir und deinen kleinen Freunden werde ich der Manipulation und des Verrats beschuldigt!", verteidigte sie sich aufbrausend.
Einen Moment lang starrte Nour ihre ältere Schwester unverhohlen an. Dann schüttelte sie verächtlich den Kopf. „Du bist ein Feigling, Dalia. Ein Feigling."
Mit diesen Worten schlug Nour mit voller Wucht die Tür vor Dalias Nase zu. Das letzte, was Lilly sehen konnte, war ihr blau funkelnder Hijab, der aufflatterte.
Lilly und William sahen, wie Nour mit der Fassung rang, als sie sich schweratmend gegen die Tür lehnte und ihre Augen zukniff.
Sie warfen sich einen hilflosen Blick zu. Schließlich fand William als erster wieder die Sprache. „Nour, wenn du darüber -"
Weiter kam er nicht, denn Nour hatte die Augen wieder aufgeschlagen. Lilly hatte erwartet, dass sie glasig sein würden. Doch ihre Augen waren trocken und in ihnen war eine so feste Entschlossenheit zu erkennen, dass es Lilly fast schon überrumpelte.
Tief atmete William ein, um sich auf seine nächsten Worte zu wappnen. „Wir werden die Basis verlassen müssen." Keine Forderung, sondern eine Tatsache, der sie nicht entgehen konnten.
Als Williams Worte eingesackt waren, bildete sich ein hohler Ausdruck auf seinem und Nours Gesicht. Drei Jahre lang war die Basis, dieses Gemeinschaftszimmer, ihr Zuhause gewesen. Es jetzt zusammen mit der Sicherheit, die ihnen hier garantiert wurde, verlassen zu müssen, schien seine Wunden zu hinterlassen.
Nach einiger Zeit nickte Nour entschlossen. „Ich werde Jiang finden.", sagte sie mit fester Stimme. Lilly wagte ein zittriges Lächeln, als sie eine Hand auf Nours Schulter legte und mit ebenso fester Stimme sagte: „Wir werden ihn gemeinsam finden."
William pflichtete ihr mit einem Nicken bei und straffte die Schultern. „Schließlich sind wir ein Team.", sagte er. „Und wenn wir tatsächlich eine eigene Rebellengruppe mit dem Titel „die Ass-Kickers" gründen wollen, brauchen wir unbedingt Jiang an unserer Seite.", fügte er mit einem schiefen Lächeln zu, was dafür sorgte, dass Nours Mundwinkel kurz zuckten.
„Allerdings brauchen wir zunächst eine Zufluchtsstätte, wo wir weitgehend in Sicherheit sind. Denn sobald das Backup erstellt ist und der Offizier unsere Gesichter hinter den geflügelten Masken sieht, wird die ganze Basis Jagd auf uns machen.", fuhr er grimmig fort.
Mit geweiteten Augen fiel Lilly plötzlich wieder das Kärtchen ein, das ihr die ältere verletzte Dame bei ihrer Versorgungsmission zugesteckt hatte, als Lilly ihr entgegen aller Regeln mehr Proviant gereicht hatte, als ihr zugestanden hatte. Im Tumult des Gefechts hatte sie die Karte schon beinahe vergessen gehabt.
„Ich denke, ich kenne einen Ort.", fing sie gedehnt an. Überrascht sahen William und Nour sie nun an. Also erzählte sie ihnen von der Karte, der älteren Dame und der bevorstehenden Nightingale-Vollversammlung. „Ich vermute, dass es sich um ein Treffen einer Rebellengruppe handelt.", sagte Lilly vorsichtig, wohl wissend, wie ihr Team zu den Rebellen stand.
Doch William nickte bloß interessiert. „Ja, da hast du wahrscheinlich recht. Wir könnten vorerst dort Zuflucht suchen.", erwiderte er gedehnt, während er sich grübelnd das stoppelige Kinn kratzte, was mehr Wirkung auf Lilly hatte als ihr lieb war.
Nour hingegen schritt bestürzt einen Schritt zurück. „Das kommt nicht in Frage. Lieber ersticke ich da draußen als dass ich mich einer Gruppe von Abschaum anschließe!" Angewidert rümpfte sie die Nase.
„Es war nicht die Rede davon, dass wir uns ihnen anschließen.", fügte Lilly kleinlaut hinzu, offensichtlich eingeschüchtert von der aufgebrachten Nour, die ihr einen giftigen Blick zuwarf.
„Genau.", pflichtete William, der unbeeindruckt von Nours Wutausbruch schien, ihr bei. „Außerdem ist bekannt, dass die Rebellengruppen abtrünnige Soldaten wie wir, die vom Staat gesucht und gejagt werden, mit offenen Armen aufnehmen. Nach dem Motto: Der Feind ihres Feindes ist ihr Freund."
Als Nour immer noch sichtlich abgeneigt von ihrem Vorschlag schien, fuhr William fort: „Wir bleiben da nur solange, bis wir Jiang ausfindig machen konnten. Danach -" Er stockte. Das war die große Frage. Was würde danach passieren? In diesem Krieg gab es zwei Fronten: Regierung und Rebellen. Um zu überleben, würden sie sich für eine Seite entscheiden müssen. Und da sie sich mit der Rettung Jaspers zu Staatsfeinden gemacht hatten, hatten sie nun nicht wirklich eine Wahl.
Seufzend rieb Nour sich mit zwei Fingern die Stirn. „Ihr zwei seid mir verdammt was schuldig." Mit einem unzufriedenen Ausdruck sah sie sie an. „In Ordnung. Ich denke zwar immer noch, dass es eine unfassbar schlechte Idee ist, aber uns bleibt nichts anderes übrig.", gab sie widerwillig nach. „Ich will einfach nur Jiang finden."
Lilly meinte gehört zu haben, wie Nours Stimme am Ende brach und dass hinter ihren wütend blitzenden Augen eine tiefe Angst lag.
William räusperte sich. „Gut, dann packt das Nötigste zusammen. In einer Stunde verschwinden wir von hier.", teilte er ihnen mit. Und ehe Lilly sich versah, stürmte Nour bereits aus dem Gemeinschaftszimmer.
„Sie wird jetzt Zeit für sich brauchen.", erklärte William seufzend. „Jiang und Nour sind eine Einheit, die man nicht trennen sollte."
Bedrückt nickte Lilly, während sie die Tür, durch die Nour hinausgestürmt war, anstarrte.
Als William merkte, dass Lilly nichts sagen würde, legte er zaghaft eine Hand an ihren Rücken. „Professor Burrows sollte deinen Arm verarzten, bevor wir aufbrechen.", sagte er mit nun sanfter Stimme.
Diese Worte und die leichte Berührung an ihrem Rücken, der nun angenehm prickelte, ließen einen Ruck durch Lilly fahren, die - nun verlegen - rasch in den nun leeren Gang der Station sputete. Die Soldaten schienen ihre Tratsch-Gruppen aufgelöst zu haben und in ihre jeweiligen Zimmer zurückgekehrt zu sein, weshalb sich eine beinahe beängstigende Ruhe auf der Basis breit machte, die nur durch das stetige Aufprallen ihrer Stiefel auf den Parkettboden gestört wurde.
Es leuchteten noch immer die roten Alarmleuchten in einem beständigen Blinken - wie ein Vorbote der Katastrophe, die über die Basis herabfallen würde, sobald Beweise für ihre Taten vorlagen.
Doch Williams Hand an ihrem Rücken und seine Nähe hüllten sie ein wie eine Schutzblase, die sie von dieser Katastrophe abzuschirmen schien.
Zu Lillys Enttäuschung ließ er seine Hand sinken, als sie in der Krankenstation vor Professor Burrows Labor innehielten.
Der vertraute klinische Geruch beruhigte ihre strapazierten Nerven, als sie eintraten. Genauso wie der Anblick von Professor Burrows, der wie gewohnt über eine Skizze auf der Arbeitsplatte gebeugt war, um diese mit mathematischen Formeln zu beschriften. Als er ihre Silhouetten im Augenwinkel wahrnahm, blickte er sie mit seinem gewohnten warmherzigen Lächeln an. „Lilly! William!"
Die grellen Neonlichter ließen ihre Augenlider flattern. Das Labor schien der einzige Raum auf der ganzen Basis zu sein, der nicht rot leuchtete.
„Setz dich doch gerne schon einmal auf die Liege, Liebes. Dann kann ich deinen Arm verarzten.", bot er ihr mit einer geschwungenen Handgeste an.
Lillys Kehle schien wie zugeschnürt, als sie sich auf die gepolsterten Liege niederließ und den Professor dabei beobachtete, wie er Verbandszeug auf ein silbernes Tablett vorbereitete. Sein Haar schimmerte beinahe weiß in dem grellen Licht.
William schien es ähnlich zu gehen. Mit hochgezogenen Schultern lehnte er schwermütig und mit verschränkten Armen am Türrahmen.
Stirnrunzelnd betrachtete Burrows die Wunde, während er die blauen Einweghandschuhe über streifte. „Sollte ich nachfragen, woher die Wunde stammt?", fragte Burrows mit hochgezogener Augenbraue, was Lilly mit einem schuldbewussten Wegsehen erwiderte. Mit einem Wattetupfer reinigte er behutsam die Haut. Das Desinfizieren der Wunde schmerzte mehr als erwartet, denn ein heißer Stich fuhr durch ihren ganzen Arm bis zu ihrem Rückgrat hinauf. Mit Tränen in den Augen biss sich Lilly fest in den Handrücken, um ihren Aufschrei einzudämmen.
Als der Professor das Verband um die Verletzung wickelte, ließ der unerträgliche Schmerz allmählich nach und stattdessen pochte ihr glühender Arm nun. Nach einer langen betretenen Stille, stellte der Professor das Offensichtliche seufzend fest: „Ihr werdet fliehen." Eine Mischung aus Trauer und Sorge spiegelte sich in seiner Stimme wider.
Lilly nickte zaghaft, unfähig, einen Laut von sich zu geben.
Burrows nickte. „Es ist das Richtige. Heute konnte ich euch noch den Rücken decken, doch sobald die Videoaufnahmen eure Schuld beweisen, werde selbst ich nichts mehr für euch tun können."
Lilly blinzelte die Tränen weg, die sich in ihren tintenblauen Augen gebildet hatten. Dann, ganz ruckartig, schlang sie die Arme um den Körper des Professors und krallte sich in den weißen Laborkittel, während sie leise schluchzte. „Danke, dass Sie uns gedeckt haben, Professor.", murmelte sie mit brüchiger Stimme. Und als er anfing, behutsam ihren Rücken zu tätscheln und ihren Kopf an seine Brust zu drücken, zitterten Lillys Lippen, weil ihr Vater sie stets auf dieselbe Art umarmt hatte. Sie vermisste ihn so sehr, dass ihre Brust sich kummervoll verzog.
Der Professor schien zu spüren, was in ihr vorging, denn er versicherte ihr sanft: „Wir werden weiterhin in Kontakt bleiben, meine Liebe. Und ich werde alles in meiner Macht stehende tun, damit du einen Weg zurück zu deinem Zuhause findest." Er sprach mit so einer Überzeugung, dass es sie tatsächlich etwas tröstete. Denn sie wusste genau, dass der Professor der einzige auf ganz Tellus war, der sie nach Hause bringen könnte.
Er löste sich aus ihrer Umarmung und hielt sie eine Armlänge vor sich, die Hände auf ihren Schultern, um Lilly forschend zu mustern. „Es sei denn, du möchtest gar nicht mehr zurück.", fügte er vielsagend hinzu, nachdem er einen Blick auf William warf, der sofort den Blick abwandte und die Lippen zusammenpresste.
Eine Röte bildete sich in Lillys Wangen, als sie die Andeutung verstand. Vorsichtig schüttelte sie den Kopf. Sie wusste, dass es im Endeffekt egal war, was sie wollte. Sie musste zurück.
Etwas schien in Burrows grauen Augen zu funkeln, doch es war so schnell verschwunden, dass Lilly glaubte, es sich eingebildet zu haben. „Nun denn, dann wird es höchste Zeit für einen Abschied, wie schwer mir das auch fallen mag." Mit einem warmen väterlichen Lächeln drückte er sie erneut an sich. Dann schritt er zu William, um ihm aufmunternd mit beiden Händen die Hand zu schütteln. „William, mein Lieber. Seid vorsichtig da draußen. Es lauern mehr Gefahren, als ihr ahnen könnt."
William rang sich zu einem Lächeln ab, als er nickte. Lilly fiel auf, dass er den Professor immer mit einer so großen Bewunderung ansah, dass für William dieser Abschied genausovschwer war wie für sie.
Die Luft fühlte sich dick an, als sie wie betäubt das Labor verließen und zurück in ihre Station kehrten. In weniger als einer Stunde würden sie die Basis verlassen müssen und offiziell auf der Flucht vor furchterregenden Typen sein, wie Lilly es vorher bloß aus Filmen und Büchern gekannt hatte.
Doch alles, woran Lilly denken konnte, war die Andeutung, die der Professor gemacht hatte. ‚Es sei denn, du möchtest gar nicht mehr zurück'.
Würde sie es schaffen, William verlassen zu können, sobald die Zeit gekommen war? Sie dachte an das unfassbare Ausmaß der Angst, die sie gespürt hatte, als sie sich nicht sicher gewesen war, ob William es geschafft hatte, zurück zur Basis zu kehren, ohne aufgeflogen zu sein. Sie erinnerte sich an das schmerzhafte Ziehen in ihrer Brust, als die flache Hand des Offiziers gegen seine Wange geprallt war.
Und dann sah sie William vor sich, wie er auf seinem Bett saß und ihr das Gemälde von ihrer Urlaubshütte auf Island schenkte.
Lilly war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie sie plötzlich vor ihrer Zimmertür stoppten. Mit einem intensiven Blick, den Lilly nicht zu deuten wusste, starrte er mit seinen Haselnuss-farbenen Augen in ihre. Die Luft schien zu knistern, sie mit jedem Atemzug mit einem Blitzschlag zu versehen.
„Wir sollten unsere Taschen packen." Ihre Stimme war heiser und sie war plötzlich ganz verlegen.
Langsam nickte William, doch ihre Worte schienen nicht zu ihm durchzudringen. „Danke.", murmelte er mit kratziger Stimme. „Dafür, dass du dich für mich eingesetzt hast, als Denton ..." Seine Stimme brach ab. Fest presste sie die Lippen aufeinander und nickte, während sie wie gebannt zu ihm hoch schaute.
Atemlos deutete sie auf ihre Zimmertür. „Ich sollte nun -"
Doch ehe sie sich versah, spürte sie plötzlich die kühle Tür in ihrem Rücken und eine vernarbte Hand, die sanft ihre Wange umschloss. Mit geweiteten Augen keuchte sie auf.
„Lilly.", hauchte William bloß, während er ihr Gesicht nach einem Zeichen scannte. Die andere Hand, die nicht ihre Wange berührte, hatte er neben ihrem Kopf an der Wand abgestützt. Er war ihr mittlerweile so nah, dass sein Duft nach Acrylfarbe und Zitrone ihre Sinne benebelte. Ihr Herz raste und drohte herauszuspringen, als sich ein leichtes, aber aufrichtiges Lächeln um seine vollen Lippen bildete.
Und dann spürte sie endlich das Feuerwerk in ihr explodieren, als er den Abstand zu ihr verringe -
und sie küsste.
*****
Hach, endlich kommt der erste Kuss! Wird das Team es schaffen, unbemerkt hinauszugelangen? Und wie fandet ihr Elliots waghalsige Aktion?
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