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Kapitel 24

Erde 2019

Lilliana hielt den Eimer fest umklammert, als sie aus einer Astralreise erwachte. Die Welt schien sich noch vor ihren Augen zu drehen, aber sie übergab sich nicht. Seufzend lehnte sie sich zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ihre Knochen waren schwer wie Blei, zogen sie in Richtung Erdboden, um dort ein wenig Schlaf und Erholung zu finden, doch sie widersetzte sich diesem Drang.

Sie hatte die Augen noch nicht geöffnet. Selbst als sie Dr. Hernandez' Gummihandschuhe auf ihrer Haut spürte, die die zahlreichen Drähte von ihr entfernten, öffnete sie ihre Augen nicht. Sie versteifte sich nur kaum merklich und entspannte sich erst wieder, als Hernandez wortlos das Apartment verließ und die Haustür ins Schloss fiel.

Ein lautes Schnurren zwang sie schließlich, die Augen zu öffnen, die sich noch an das grelle Licht im Zimmer gewöhnen mussten. Tuno, ihr schwarzer Kater, den sie in einer Gasse gegenüber der Brooklyn High gefunden und aufgenommen hatte, sprang auf ihren Schoß. Als sie mit ihren Fingern durch sein weiches Fell strich, bildete sich ein kleines Lächeln um ihre Lippen. Sie erinnerte sich allzu gut daran, wie verkrustet und filzig Tunos Fell gewesen war, als sie ihn völlig ausgehungert zwischen den Mülltonnen gefunden hatte. Lilliana konnte kaum glauben, wie viel seit diesem Tag geschehen war.

Sie blickte zu der schimmelnden Decke hoch. Vor drei Wochen, als sie die undichte Stelle über dem Gebäude gegenüber der Brooklyn High entdeckt hatten und kurze Zeit später erfuhren, dass sie nun offiziell vom Geheimdienst und Interpol gesucht wurden, waren sie gezwungen gewesen, New York zu verlassen und zu fliehen. Doch sie blieben stets in der Nähe, trauten sich nicht, weiter weg zu reisen, auch wenn sie an einem anderen Ort sicherer gewesen wären. Denn sie waren noch nicht bereit, die rätselhafte undichte Stelle hinter sich zu lassen.

Dr. Hernandez führte regelmäßige Untersuchungen und Inspektionen zu der Stelle durch, doch sie konnte sich immer noch nicht erklären, warum die Stelle nicht auf ihren Geräten angezeigt wurde. So, als würde sie gar nicht existieren. Als Will ihr vor einer Woche vorschlug, weiterzuziehen, da sie in ihren Untersuchungen nicht weiterkamen, hatte Hernandez stur den Kopf geschüttelt und gemeint: ‚Ich bin Wissenschaftlerin. Ich werde so lange weitermachen, bis das Unbekannte bekannt wird.'

Und somit waren sie in der Nähe New Yorks geblieben. Zugegeben vermisste sie die in einer Gasse versteckte Wohnung in der Bronx, in denen sie vor drei Wochen die meiste Zeit verbracht hatten. Doch Hernandez schien ein Faible für heruntergekommene und schimmelnde Plätze zu haben, denn diese Dachgeschosswohnung in New Jersey unterschied sich kaum von der ersten. Wie auch in der Bronx beinhaltete dieses Apartment ein geräumiges Wohnzimmer mit einer ursprünglich weißen Couchgarnitur, die Will und Lilliana sich zum Schlafen teilten. Braune Kaffeeflecken - zumindest hoffte sie, dass es Kaffee war - verzierten die Couch und aus einigen aufgerissenen Nähten quoll bereits die Wolle aus. Gegenüber der Couchgarnitur war ein gepolsterter Ohrensessel aufgestellt, den Lilliana für die Astralreisen nutzte.

Lillianas Bewusstsein war in den vergangenen drei Wochen fast täglich zur Astralebene gereist, um Kontakt mit Lilly, mit Tellus, herzustellen und so gemeinsam einen Weg zu finden, wie Lilliana und Lilly zu ihren Heimatwelten zurückkehren konnten, bevor das Multiversum in einer gewaltigen Explosion vernichtet und ausradiert wurde.

Doch vergeblich: Wie sehr Lilliana sich auch bemühte, zu der Basis auf Tellus zu gelangen, sie landete immer wieder an derselben Stelle. In der schwarzen Wüste, umgeben von Massen an Nagas, die durch hell aufblitzende Portale verschwanden. Und obwohl Lilliana jedes Mal an diesen Ort gedrängt wurde, wurde es keineswegs erträglicher: Die Albträume von Nagas, die sie immer wieder zerfleischten, ließen sie nachts nicht schlafen.

Das einzig Gute an dieser Wüste war, dass sie die seltsame undichte Stelle, die zur Brooklyn High führte, aus unmittelbarer Nähe inspizieren konnte, ohne sich Sorgen darüber zu machen, von irgendwelchen Geheimdienstlern erwischt zu werden. Sie versuchte, die Pläne der Regierung durch Einblicke in das Portal in Erfahrung zu bringen. Bisher konnte sie jedoch nur herausfinden, dass das Gebäude abgesperrt wurde und nun Regierungseigentum war.

Das Rascheln von einem Schlüsselbund ließ Lilliana augenblicklich aufhorchen. Sie bemerkte erst ihre Anspannung, als diese von ihren Schultern fiel, sobald sie Wills lockige Haarpracht entdeckte, die sich durch die Haustür schob. Sofort begann Tuno zu fauchen und zu knurren, als er Will erkannte.

„Ich dachte, wir hätten die anfänglichen Turbulenzen hinter uns gelassen und wären einander schon näher gekommen, Tuno.", scherzte Will leise lachend, während er den Riegel vorschob.

Lilliana runzelte die Stirn. „Was ist passiert?"

Ihr war sofort aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Wills Haut war kränklich blass und seine Haltung gebeugt, als lastete etwas Schweres auf seinen Schultern. Sie wusste, dass er dies mit Witzen zu überspielen versuchte, doch er schien dabei so geistesabwesend, dass er Lillianas Frage fast überhört hatte.

Will wandte den Blick ab, als er sich auf der Couchgarnitur fallen ließ. „Ich habe alle Kameras angebracht. In jeder Ecke der Straße befinden sich nun welche. Niemand gelangt hier unbemerkt herein.", weichte er ihrer Frage aus. Will hatte in den vergangenen Wochen viele von Hernandez' ursprünglichen Aufgaben übernommen.

Mit verschränkten Armen lehnte sich Lilliana in den nach Staub müffelnden Ohrensessel zurück. Dabei zwang sie sich, den Blick trotz der Anspannung nicht von Will abzuwenden. Seit ihrer Astralreise vor drei Wochen, bei welcher Lilliana Wills Hand in der undichten Stelle zu fassen bekommen hatte, hatte sich etwas zwischen ihnen verändert. Die Luft zwischen ihnen war nun elektrisiert und sie fürchtete einen Stromschlag bei jeglichem Annäherungsversuch.

Lilliana war nach dem Ereignis seltsam peinlich berührt gewesen. Der Moment, als sich ihre Hände berührten und auf unerklärlicheweise zu flüssigem Metall geformt hatten, hatte sich auf eine irritierende Weise sehr intim angefühlt. Doch manchmal, wenn sie ihn ansah, glaubte sie, die Hitze um ihre Hände immer noch zu spüren. Die tiefe Verzweiflung und Sehnsucht, die sie in dem Moment gespürt hatte, als sie Will wie ein Rettungsengel in der schwarzen Ödnis gefunden hatte, überkam sie jedes Mal aufs Neue.

Lilliana presste die Lippen aufeinander. „Was ist passiert?", wiederholte sie ihre Frage.

Die Überforderung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er sich durch die dunklen Locken fuhr, die nun beinahe seine Schultern berührten. „Ist Doc zu Hause?"

Argwöhnisch kniff Lilliana die Augen zusammen. „Nein, sie besorgt uns gerade etwas zu essen."

Lilliana und Dr. Hernandez sind sich in den vergangenen drei Wochen immer wieder an die Gurgel gegangen, manchmal ausgelöst durch Kleinigkeiten, wie ob sie Tuno auf ihrer Flucht mitnehmen sollten oder nicht. Oft wurden ihre Streitigkeiten jedoch durch größere Themen ausgelöst, wie etwa die zahlreichen Geheimnisse, die Hernandez vor ihnen verschwieg. Dr. Hernandez war weder bereit ihnen mitzuteilen, warum sie seit zwei Jahrzehnten auf der Flucht war, noch den Grund, weshalb sie sich überhaupt von der Regierung distanziert hatte. Nur Wills Humor und Witze konnten die konstante Anspannung zwischen Lilliana und Hernandez im Zaum halten.

Doch von diesem Will, der jede angespannte Situation lockerte, schien gerade keine Spur zu sein. „Was ist passiert?", fragte sie nun zum dritten Mal.

Will nahm einen tiefen Atemzug und sah sie dann mit einem gequälten Ausdruck in den Augen an. „Am besten siehst du es dir selber an.", sagte er bloß, nachdem er nach einer Fernbedienung griff. Das einzige Möbelstück, das die kahle und eingerissene Tapete der Dachgeschosswohnung schmückte, war ein kleiner TV-Bildschirm, den Will nun anschaltete. Zunächst war Lilliana verwirrt, doch als Will auf einen zentralen Nachrichtensender tippte, erstarrte sie.

Denn neben der blonden Nachrichtensprecherin, die ernst in die Kamera blickte, wurden Bilder von ihnen eingeblendet.

Eine jüngere Version von Dr. Hernandez, mit langem rabenschwarzen Haar, das ihren weißen Laborkittel beinahe vollkommen bedeckte. Und - wie Lilliana überrascht feststellte - mit einem breiten Grinsen. Sie glaubte, Hernandez während der ganzen Zeit nicht einmal lächeln gesehen zu haben.

Daneben ein Bild von Will, dessen Locken ihm wild in die Stirn fielen. Eine blaue Brille saß schief auf seiner Nase. Es sah aus wie ein Schulfoto aus der High School.

Und zu guter Letzt Lilliana. Nicht Lilly mit ihren pfirsichfarbenen Haaren und der farbenfrohen Kleidung. Sondern Lilliana, mit ihrem strengen schwarzen Zopf, nur wenige Stunden, nachdem sie das erste Mal auf der Erde erwacht war und mit Will ins Cup o' Joe gegangen war, um ihre verwirrten Gedanken zu sortieren.

Lilliana konnte sich gut an diesen Tag erinnern. Verwirren, Unglauben, Misstrauen hatten sie an diesem Tag geplagt. Aber auch etwas anderes: eine tiefe Erleichterung, dass sie es geschafft hatte, auf irgendeiner verrückten Art und Weise Tellus zu entfliehen.

Doch wie konnte sie nicht bemerkt haben, dass jemand sie fotografiert hatte? War sie so unkonzentriert gewesen?

Schlagartig fiel es ihr ein: Der Mann in Anzug, der sie im Café angerempelt hatte und ihr kurzerhand den Peilsender in den Nacken gepflanzt hatte, den Dr. Hernandez ihr bei ihrer ersten Begegnung herausgeschnitten hatte. Wahrscheinlich war er es, der dieses Foto von ihr geschossen hatte.

Eine Panik überroltte sie, die sie energisch herunterzuschlucken versuchte.

„ .... gemutmaßt, dass Maria Hernandez mithilfe ihrer beiden Komplizen William Barret und Lilliana Anderson an der Entwicklung und Herstellung einer neuartigen biologischen Waffe arbeitet, dessen Ausmaß gewaltig sein könnte."

„Was?", platzte es aus Lilliana heraus. Eine biologische Waffe?

Will nickte grimmig dreinschauend. „Sie können ja schlecht der Menschheit von parallelen Universen und undichten Stellen erzählen. Das würde bloß eine öffentliche Panik auslösen.", erläuterte Will. Dann nickte er zum Bildschirm und deutete ihr somit an, ihre Aufmerksamkeit wieder der Nachrichtensprecherin zu widmen.

„ .... live in Brooklyn, Carmen Barret.", erklang es, bevor die Szenerie sich wechselte und eine tränenüberströmte Frau mittleren Alters eingeblendet wurde.

Lilliana war sprachlos. „Ist das -" Sie brauchte die Frage nicht zu Ende stellen. Die schulterlangen kastanienbraunen Locken ließen keinen Interpretationsspielraum zu: Wills Mutter.

„Das kann gar nicht sein.", rief Carmen Barret schluchzend, aber mit fester Stimme. „Mein Will würde niemals so einen Unsinn tun. Verdammt, er ist 19! Er geht noch aufs College! Er ist doch noch ein Kind!" Ihre Stimme brach am Ende und wurde kläglich, doch sie blieb fest entschlossen, die Welt von der Unschuld ihres Sohnes zu überzeugen.

Lilliana sah zu Will, der nun so blass wie die kahle Wand hinter ihm war. Mit zusammengebissenen Zähnen starrte er seine Mutter an, während verschiedenste Emotionen durch ihn fuhren. Kummer, Sorge ... und Schuldbewusstsein.

„Will, ich...", begann sie verzweifelt, doch ihr fielen keine Worte ein, die diese Emotionen aus seinen sonst so weichen Zügen wischen könnten.

„Während Carmen Barret auf die Unschuld ihres Sohnes beharrt, plädiert der Vater des Komplizen auf eine ganz andere Aussage. Robert Barret, live vor Ort in Brooklyn, New York."

Das schien auch Will nicht erwartet zu haben. Augenblicklich versteifte er sich bei der Erwähnung seines Vaters. Lilliana erinnerte sich daran, wie Wills Stimme vor Bitterkeit getrieft hatte, als er ihr von seinem Vater erzählt hatte. Wie er ihn und seine Mutter in einem eisig kalten Winter auf die offene Straße gestoßen hatte, ohne jemals wieder die Haustür zu öffnen.

Als Lilliana wieder zum Bildschirm blickte, musste sie schlucken. Sie wagte es nicht, zu Will zu schielen, um seine Reaktionen zu sehen. Ihr wurde übel beim Anblick des Mannes, der so viele Ähnlichkeiten mit Will hatte, und doch eine wilde Brutalität in seinen braunen Augen brodelte.

„Als ich von diesen verrückten Ereignissen in den Nachrichten hörte, war mir klar, dass mein nichtsnutziger Sohn seine Finger im Spiel hat.", lallte Robert Barret und schüttelte den Kopf. Seine helle Haut wies rote Flecken auf und über seinen Augen hatte sich eine glasige Schicht gebildet. Er hielt eine geöffnete Bierflasche in der Hand, mit der er wild hin und her gestikulierte. „Schon als rotziger Bengel konnte jeder auf den ersten Blick sehen, dass der Junge nichts Gutes im Sinne hat. Wissen sie, seine Mutter hat sich nie um ihn geschert. Sie ließ ihm alles durchgehen, da war es doch absehbar, dass der Junge sich so entwickelt. Wissen Sie, ich-„

Lilliana bekam nur noch mit, wie Robert Barret die Bierflasche so ruckartig nach hinten schwang, dass ein Schwall der trüben Flüssigkeit auf sein verschwitztes Shirt traf, da hatte Will mit einem Knurren den Fernseher wieder ausgeschaltet.

Perplex blinzelte Lilliana. Sie öffnete den Mund, um den Vorschlag zu machen, ein Attentat auf Robert auszuüben - etwas Hilfsvolleres fiel ihr beim besten Willen nicht ein -, doch sobald sie sah, wie Will seine Fingernägel in das Polster der Couchgarnitur krallte, um das leichte Zittern seiner Hände zu verbergen, schloss sie ihren Mund wieder. Seltsamerweise verstand sie ihn sofort und der entschlossene Ausdruck in seinem Gesicht bestätigte ihre Vermutung - er wollte nicht darüber reden.

„Lilliana, ich-", begann Will, doch drehte dann seinen Kopf zur Wand, um ihren Blicken auszuweichen. „Hör zu, ich-". Nun blickte er ihr in ihre Augen und Lilliana hielt kaum merklich die Luft an. „Ich werde meine Mutter besuchen. Trotz all der Warnungen von Hernandez werde ich meine Mutter besuchen. Um ihr alles zu erklären. Ich weiß, dass ich uns in Gefahr bringe, aber ... ich kann ihr das nicht antun.", sagte er verzweifelt und fuhr sich durch die wirren Locken.

Lilliana stand auf, um sich nun direkt neben Will auf die Couchgarnitur fallen zu lassen. Nach einem kurzen Zögern legte sie eine Hand auf seinen Oberarm. Kleine Stromschläge durchführen ihre Hand, was sie jedoch ignorierte. „Ich werde nicht zulassen, dass Hernandez dir den Besuch verweigert."

Will scannte ihr Gesicht ab und rang sich dann zu einem schiefen Grinsen ab. „Das wird auch nicht nötig sein. Sie wird es nämlich nicht erfahren."

„Was?", fragte Lilliana verwirrt.

„Dr. Hernandez würde lieber mit uns nach Alaska auswandern, als dass sie zulassen würde, dass ich zurück nach New York, zu dem Apartment meiner Mutter, kehre. Deshalb wird sie es gar nicht erst erfahren. Ich werde es noch heute Nacht tun und bevor sie davon Wind bekommt, werde ich schon wieder zurück sein. Es ist im Prinzip keine große Sache.", versicherte Will ihr grinsend. Dann schwand sein Grinsen. „Ich möchte dich fragen, ob du mitkommen willst. Über der Wohnung meiner Mom wohnt ... Lillys Dad. Vielleicht möchtest du ihn sehen.", sagte Will zerknirscht.

Lilliana erstarrte. „Lillys ... Dad?", wiederholte sie ungläubig. Ein Bild von ihrem Vater, der ihr über beide Ohren grinsend einen winzigen Schutzanzug hinhielt, erschien vor ihren Augen. Plötzlich spürte sie einen Kloß im Hals, unfähig, etwas zu sagen. Zögernd legte Will nun eine warme Hand über ihre, die noch auf seinem Oberarm ruhte. „Es erschien mir nicht fair, dir diese Information vorzuenthalten. Du verdienst die Chance, deinen Dad zumindest in dieser Form noch einmal zu sehen. Die Entscheidung liegt jedoch bei dir."

Würde sie es ertragen, ihren Vater lebendig vor sich zu blicken? Sie wusste es nicht. Was sie jedoch wusste, war, dass sie seit seinem Tod auf eine solche Gelegenheit gehofft hatte. Und was auf Tellus bloßes Wunschdenken gewesen war, konnte hier auf der Erde nun tatsächlich in Erfüllung gehen.

Langsam nickte sie. „Ich werde mitkommen."

Doch bevor Will etwas erwidern konnte, wurden sie durch das Rascheln eines Schlüsselbunds und der knarzenden Tür unterbrochen, durch die Dr. Hernandez in die Wohnung schlüpfte.

Ihr schwarzer Mantel tropfte die staubigen Holzdielen voll. Anscheinend hatte es geregnet.

„Doc, haben Sie da etwa Essen mitgebracht?", rief Will direkt begeistert. Der ernste Ausdruck in seinem Gesicht war verschwunden. So, als hätte er nicht gerade vorgeschlagen, Dr. Hernandez zu hintergehen. Tatsächlich hielt Hernandez eine Plastiktüte mit Takeaway Essen in der Hand und sofort breitete sich der Duft nach pikanten Gewürzen und Nudeln im ganzen Raum aus. Lilliana spürte, wie ihr Magen sich sehnsüchtig zusammenkrampfte. Nach den Astralreisen war sie immer besonders hungrig.

„Sie sind ein Engel, Doc. Ein besonders hinreißender Engel, wenn ich das mal so sagen darf. Ihre Haut strahlt heute regelrecht.", sagte Will mit seinem üblichen Charme, dem Hernandez mit einem Augenverdrehen begegnete. Als sie die Tüte vor ihnen auf den Boden abstellte, sah sie Lilliana spöttisch an. „Die Astralreise war heute wieder kein Erfolg."

Mit den Schultern zuckend ignorierte sie den Spott in ihrer Stimme und machte sich stattdessen an der Tüte heran.

„Aber Doc, Sie müssen doch nicht immer auf eiskalt tun. Wir sind hier doch unter uns. Ein Lächeln würde Ihnen nicht schaden.", nuschelte Will, während er sich die Nudeln in den Mund schob.

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Hernandez nickte ihnen einige Stunden später zum Abschied zu und schloss dann direkt die Haustür hinter sich. Will schüttelte fassungslos den Kopf. „Schläft sie eigentlich auch mal? Sie verschwindet jede Nacht für diese undichten Stellen."

Lilliana runzelte die Stirn. Anders als Will vertraute sie Dr. Hernandez nach all diesen Wochen immer noch nicht. Sie war sich beinahe sicher, dass sie etwas im Schilde führte. „Naja, dann haben wir ja jetzt ein paar Stunden Zeit, um unbemerkt zurück nach New York zu gelangen."

„Wie wollen wir das anstellen? Durch diese Fahndungsfotos könnte uns doch jeder erkennen.", fragte Lilliana, während sie Tuno zum Abschied durch das Fell kraulte.

„Ja, auf die U-Bahn sollten wir in nächster Zeit verzichten.", räumte Will ein. „Deshalb werden wir ganz einfach ein Taxi nehmen."

„Ein Taxi? Und was ist, wenn der Taxifahrer uns erkennt?"

Will grinste. „Dann schaltest du ihn ganz einfach aus. Es muss doch Vorteile haben, mit einer Soldatin undercover unterwegs zu sein." Er zwinkerte ihr zu und für einen Moment fühlte es sich so an, als wäre wieder alles wie vorher. Die ganze Anspannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, schien zu schwinden. Lilliana schenkte ihm ein leichtes Lächeln, bevor sie mit ihm das heruntergekommene Apartment verließ.

Zu ihrem Glück musste sie den Taxifahrer nicht ausschalten. Falls er sie erkannt hatte, ließ er sich zumindest nichts anmerken. Stattdessen schwieg er die ganze Fahrt über gelangweilt, was Lilliana ganz recht war: Sie konnte nicht glauben, dass sie ihren Vater - nein, Lillys Vater - gleich treffen würde. Was würde sie ihm sagen? Würde sie es überhaupt schaffen, ein Wort herauszubringen? Will schien ähnlich nervös zu sein. Auch er schien ganz in Gedanken versunken zu sein.

Erst als das Taxi vor einem vierstöckigen Wohnblock anhielt, wachten alle drei aus ihrem tranceartigen Zustand auf. Will bezahlte den Fahrer wortlos und stieg dann mit ihr aus. Augenblicklich sah Lilliana sich prüfend nach irgendwelchen Kameras oder Beobachtern um, doch für eine New Yorker Straße war es hier ungewöhnlich still und unauffällig. Dennoch ließ sie sich davon nicht beirren und blickte in jedes geparkte Auto, an das sie vorbeigingen, bis Will mit einem Schlüssel die Haustür öffnete und sie in den Wohnblock hineinließ. Schweigend liefen sie die Treppen hoch in die dritte Etage, wobei Lilliana ihre Hände zu Fäusten ballte vor lauter Nervosität.

Will atmete tief ein, bevor er in der dritten Etage angekommen die braune Holztür aufschloss und leise hineintrat. Lilliana folgte ihm und schloss die Tür hinter sich. Ein Duft nach Lavendel stieg ihr in die Nase.

Leise Stimmen, die vom Fernseher ausgingen, waren in dem sonst stillen Wohnzimmer zu hören. Carmen Barret schlief auf einem weich gepolsterten smaragdgrünen Sofa. Selbst im Schlaf ließen sich die vertrockneten Tränen auf ihren geröteten Wangen und die dunklen Schatten unter ihren Augen erkennen.

„Mom?", flüsterte Will mit brüchiger Stimme. Carmen zuckte zusammen und riss die Augen auf. Entsetzt starrte sie Will an. „William.", flüsterte sie ungläubig. Dann sprang sie auf und sofort füllten sich ihre Augen wieder mit Tränen. „Oh Will, was tust du denn bloß für Sachen?"

Wortlos legte Will seine Arme um Carmen, die fast zwei Köpfe kleiner war als ihr Sohn.

„Wir haben nicht viel Zeit, Mom, aber ich verspreche dir, dass ich dir alles erklären werde.", versicherte Will ihr. Carmen wischte sich die Tränen mit dem Ärmel weg und wich einen Schritt zurück. Erst jetzt schien sie auch Lillianas Anwesenheit zu bemerken. Verdutzt starrte Carmen sie an. „Du ... du bist nicht Lilly. Was-"

Lilliana legte den Kopf schief. Sie hatte Williams Mutter auf Tellus nie gesehen, deshalb war diese Begegnung auch für sie neu.

Sanft führte Will seine Mutter zurück zum Sofa und ließ sich dort mit ihr nieder. Carmen schüttelte sich. „Komm zurück nach Hause, mein Sohn. Bitte, es wird alles wieder gut werden.", flehte sie ihn an. Will schüttelte traurig den Kopf.

„Du weißt, dass ich das nicht kann, Mom. Hier würde mich der Geheimdienst direkt finden und festnehmen." Carmen wollte widersprechen, aber Will fuhr unbeirrt fort „Ich versichere dir, dass wir an keiner biologischen Waffe arbeiten und ich auch nicht einer Sekte beigetreten bin oder sonst was. Aber du musst mir vertrauen, wenn ich dir sage, dass eine Katastrophe ausbrechen wird, wenn ich nichts unternehme.", sagte er flehend. Kopfschüttelnd legte Carmen eine Hand an seine Wange. „Ich wusste schon immer, dass deine Intelligenz dir noch zum Verhängnis werden würde."

Plötzlich ertönte ein Klopfen an der Tür. Schlagartig wurden Lilliana und Will in Alarmbereitschaft versetzt.

Carmen machte eine beschwichtigende Geste. „Ach, das ist doch nur-"

Die Tür öffnete sich. „Carmen? Ich will dich nicht stören. Ich habe da gerade nur Stimmen gehört und ich dachte, es wären vielleicht die Kinder." Ruckartig stand Lilliana auf, als sie die vertraute Stimme hörte.

Evan Anderson betrat die Wohnung und als er Lilliana sah, versteifte er sich. Lilliana vergaß zu atmen, während sie ihren Vater anstarrte. Die gleichen Stoppeln am Kinn, dieselben tintenblauen Augen. Nur war nur noch wage das einst blonde Haar zu erkennen, das jetzt graue Strähnen aufwies. „Dad?", flüsterte sie und stockte.

Und plötzlich war sie wieder in der Wohnung in Tellus, in der sie auf Zehenspitzen durch das Fenster sah und triefende Giftzähne erblickte, die sich in das Fleisch ihres Vaters bohrten. Lillianas Atmung wurde schwerer. Das alles war vorbei. Er war in Sicherheit, er war am Leben, alles war wieder gut.

Bis Angst und Verwirrung sich in seinen Augen abzeichneten. „Lilly?"

Ihre Welt zerbrach und das letzte Bisschen Hoffnung starb. Ihre Augen brannten, doch sie weinte keine einzige Träne. Das hier war nicht ihr Vater, nicht wirklich. Er war Lillys Vater. „Du bist tot, Dad.", hauchte sie. „Du bist nicht mehr da."

Evan wurde blass. Hastig stellte sich Will zwischen ihnen. „Es tut mir leid, Lilliana, aber wir haben nicht mehr viel Zeit." Nun sah er Carmen und Evan abwechselnd an. „Und bevor wir gehen, sind wir euch eine Erklärung schuldig."

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„Ihr wollt uns weismachen, dass es ... ein Paralleluniversum gibt?" Überfordert schüttelte Carmen den Kopf.

„Nun ja, nicht nur eins. Wir gehen von unendlich vielen aus. Aber Tellus und die Erde befinden sich in zwei Universen, die nicht einfach parallel verlaufen, sondern miteinander verzweigt sind. Was wir eigentlich verhindern müssen.", erklärte Will, ganz in seinem Element.

„Und Lilly ist ... auf Tellus? Einfach so? Und an ihrer Stelle ist Lilliana hier?"

Lilliana nickte schmallippig. „Wir wissen auch noch nicht genau, wie das passieren konnte. Aber ja, Lilly ist jetzt auf Tellus. Wir arbeiten daran, Kontakt zu ihr herzustellen."

Evan schwieg. Merkwürdigerweise schien ihn die ganze Geschichte nicht zu überraschen. Doch die Sorge stand ihm im Gesicht geschrieben, seitdem Will erklärt hatte, dass Lilly verschwunden war. Mit zusammengepressten Lippen sah Lilliana zur Seite. Sie konnte einen Anflug von Eifersucht nicht verhindern. Denn Lilliana hatte keinen Vater mehr, der sich um sie sorgen konnte.

Wie als hätte Evan ihre Gedanken gelesen, blickte er sie nun mitfühlend an. „Ich gehe davon aus, dass ... ich, meine Version auf Tellus, nicht mehr lebt.", sagte er mit sanfter Stimme. Lilliana nickte bloß.

Daraufhin stand Evan auf und legte behutsam seine Arme um Lilliana. Für einen Moment stand Lilliana stocksteif dar, unfähig sich zu bewegen. Nur, um dann ihr Gesicht in seiner Brust zu vergraben.

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie ihren Vater zurück.

„Es tut mir leid, dass es ein Universum gibt, in welchem ich dich alleine lasse.", flüsterte Evan ihr zu und drückte sie fester an sich.

Erst als sie sich voneinander lösten, wurde Lilliana bewusst, wie sehr sie sich nach dieser Umarmung gesehnt hatte. Ihr sechsjähriges Ich konnte erleichtert ausatmen.

Evan lächelte ihr väterlich zu und sah dann zu Will. „Ich werde mit euch kommen. Ich werde euch helfen.", verkündete er entschlossen.

Sofort schüttelte Will seinen Kopf und Lilliana legte eine Hand auf Evans Schulter. Sie blinzelte die Tränen weg. „Ich kann nicht zulassen, dass Lilly auch ihren Vater verliert."

Evan sah sie leidend an und legte eine Hand an ihre Wange, bevor er zu Will sagte: „Versprich mir, dass du Lilly zurückholst, Will. Und wenn es etwas gibt, was ich tun kann, um zu helfen, dann - "

„Dann werden wir Sie rufen, Mr. Anderson. Das verspreche ich ihnen.", sagte er mit weicher Stimme. Dann nickte er Lilliana zu. „Es ist Zeit."

Evan schloss Lilliana erneut in seine Arme, während Carmen Wills Gesicht in ihre Hände nahm.

„Es tut mir leid, Mom.", nuschelte Will, doch Carmen unterbrach ihn. „Überlebe, Will. Sei vorsichtig und überlebe, dann verzeihe ich dir." Sie gab ihm einen schmatzenden Kuss auf die Wange, woraufhin Will sich verlegen die Wange rieb.

Als sie sich voneinander verabschiedeten, hatten sich wieder Tränen in Carmens Augen gebildet. Auch Evan, der einen Arm um Carmen gelegt hatte, schien glasige Augen zu haben, als sie ins Treppengehäuse gingen und verschwanden.

Lilliana und Will atmeten synchron laut aus. Sie verloren kein Wort. Auch als sie wieder im Taxi auf dem Weg zurück in das Apartment in New Jersey saßen, schwiegen sie. Beide waren in Gedanken versunken, das Treffen mit ihren Eltern hatte sie beide emotional aufgewühlt und der Abschied hatte sich viel zu endgültig angefühlt.

Sie sprachen nicht, doch weder Lilliana noch Will konnten verhindern, dass ihre Hände über die lederne Rückbank zueinander fanden und sich umschlossen. Nur so konnten sie sich gegenseitig Trost spenden. Will fuhr mit seinem Daumen kreisende Bewegungen über ihren Handrücken. Und als sie einen Blick auf ihre ineinander verschlungenen Hände warf, meinte sie, eine Sekunde lang ihre Handgelenke silbern aufblitzen zu sehen. Das silberne Licht verschwand jedoch so schnell wie es gekommen war, weshalb sie es den bunten Lichtern des Straßenverkehrs zuschrieb.

Sie betrachtete seine dunklen Locken, die weich auf seine Schultern fielen, das Zusammenspiel der feinen Muskeln an seinem Hals, als er schluckte. Und schließlich seine dunklen Augen, die direkt in ihre blickten. Voller Verlangen. Ihr Herz verkrampfte sich sehnsüchtig bei diesem Anblick.

Doch sie schwiegen. Und sie schwiegen auch dann, als sie aus dem Taxi stiegen, als sie dicht aneinander gepresst in das Apartment taumelten. Und selbst dann, als Lilliana die Arme um Wills Nacken legte, als sie die Tür in ihrem Rücken spürte.

Und als Will seinen Körper gegen ihren drängte und ihr heißer Atem sich vermischte.

Lilliana spürte das brennende Ziehen in ihrem Bauch bis in die Zehen, während Will abwechselnd in ihre Augen und zu ihren Lippen blickte. „Lilliana.", hauchte er, woraufhin er seine Lippen zu ihren senkte.

Doch bevor ihre Lippen aufeinandertrafen, wurden sie heftig auseinandergerissen.

„Seid ihr wahnsinnig geworden?", brüllte Dr. Hernandez mit einer so feurigen Wut, dass selbst Lilliana zusammenzuckte.


*****

Lilliana und Will scheinen nicht so viel Glück zu haben wie Lilly und William, aber ein Fast-Kuss ist ja schon mal ein Anfang ;) Was wird Dr. Hernandez wohl nun tun?

Und wie fandet ihr das Wiedersehen mit den Eltern?

Das nächste Kapitel, das wieder aus Alastors Sicht sein wird, wird das ein oder andere Geheimnis entlüften können ^^



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