Kapitel 25
Tellus 2001
Die Welt bebte, als Alastor in die Forschungseinrichtung stürzte. Panische Schreie ertönten von allen Räumen, Wissenschaftler in weißen Laborkitteln krochen unter Schreibtische, um sich vor dem regnenden Schutt zu schützen. Schweratmend nahm Alastor seinen Schutzhelm vom Kopf. Sie waren ihm alle egal. Alle, außer seine Ariadne, die in seinem Labor lebte.
Gott, er hoffte, dass sie noch lebte. Er würde die Welt niederbrennen, wenn sie nicht mehr lebte.
Alastor stürzte zum Treppengehäuse und zuckte zusammen, als er einen dumpfen Aufprall gegen die Außenwände des Gebäudes hörte. Gesteinsbrocken fielen von der Decke hinab und Alastor hob seine Hände schützend über den Kopf. Angst schnürte ihm die Kehle zu.Könnte es sein, dass eins dieser Gesteinsbrocken sie getroffen hatte? Er rannte die Treppen hoch, riss die Tür zu seinem Labor auf und ... entdeckte sie. Lebend. Ihre Haut war aschfahl, als sie Alastor in die Augen blickte.
Mit zittrigen Händen fuhr Alastor sich über das Gesicht. „Gott sei Dank, du lebst. Ich dachte-". Er schüttelte den Kopf. „Wir haben keine Zeit. Das Gebäude könnte jeden Moment einstürzen." Wie aufs Stichwort erzitterte der Boden unter ihren Füßen erneut und von draußen war ein so ohrenbetäubendes Kreischen zu hören, dass Alastor sich für einen Moment die Hände gegen die Ohren presste.
„Wir müssen hier raus." Hektisch griff er nach dem Schutzanzug und Helm, die beide an einer Kunststoffpuppe hingen, und eilte zu ihr, um ihr den Helm überzuziehen. Sie starrte ihn bloß mit aufgerissenen Augen an, unfähig, einen Ton von sich zu geben. Alastor schrieb dies dem Schock zu, den sie vermutlich widerfuhr. Als sie sich vollständig in dem Schutzanzug befand, schnappte er sich ihren blauen Rucksack, der an eine der Trennwände zu ihrer Schlafnische lehnte, und griff nach all den Skizzen und Formeln, an denen sie die letzten Monate gearbeitet hatten und die nun willkürlich auf dem Labortisch verteilt lagen, um diese in dem Rucksack zu verstauen.
Als er bemerkte, dass sie immer noch so reglos da stand, zog er sie an ihrer Hand an seine Brust. „Keine Angst, mein Liebling. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas zustößt.", versicherte er ihr flüsternd. Sie nickte bloß. Ein weiteres Mal erklangen Schreie von unten. Sein Herz schlug ihm fest gegen die Brust, während sie aus dem Gebäude hinaus in die Dürre stürzten.
Von allen Seiten erklangen das Zischen und das Kreischen der gigantischen Schlangen, die vor einigen Monaten wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und willkürlich Städte zerstörten und Menschen verschlungen. Niemand konnte sich erklären, woher die Schlangen kamen. Nagas nannte man sie unter vorgehaltener Hand, nach der in der indischen Mythologie vorkommenden Schlangengottheit benannt. Denn eine andere Erklärung konnte man nicht für die Herkunft der Schlangen finden, als dass sie von einer Gottheit herabgesandt wurden.
Glücklicherweise begegneten sie auf dem Weg zu Alastors Apartment keinem Naga, auch wenn ihr Zischen überall zu hören war und der Boden unter ihnen bedrohlich bebte. Die Straßen, auf denen sie liefen, waren nicht mehr als diese zu erkennen. Der Asphalt war komplett herausgerissen worden. Was jedoch viel erschreckender war, waren die aufeinander gestapelten Leichen, an denen sie vorbeiliefen. Alastor rümpfte bloß die Nase, doch sie gab einen erstickten Laut von sich, als sie die aufgerissenen Bäuche und das Fehlen von sämtlichen Gedärmen und Innereien sah. Kopfschüttelnd zog Alastor sie nun dringlicher weiter, denn seine einzige Priorität war es zu verhindern, dass sie auch zwischen den Leichen landete.
Erleichtert atmete Alastor aus, als sie das hoch gesicherte Wohngebäude, das von einem hohen Stachelzaun umrahmt wurde, erreichten. In seinem Apartment angekommen verriegelte er die Tür und nahm den Schutzhelm vom Kopf,. Seine ordentliche Frisur wurde dabei zerstört, was ihn ausnahmsweise nicht störte. Er schenkte ihr ein breites Lächeln.
„Willkommen in meinem bescheidenen Heime, meine Schöne.", sagte er mit einer einladenden Geste. Er knöpfte sich die obersten Knöpfe seines Hemds auf und fächelte sich etwas Luft zu. Die Hitze schien sie zu ersticken.
Sie hatte zwar ihren Helm abgenommen, hielt ihn aber noch wie versteinert in ihren Händen. Tränen bildeten sich in ihren Augen, als sie zu Alastor aufblickte. Alarmiert eilte er zu ihr und nahm ihre Hände in seine. Er runzelte seine Stirn. „Es tut mir leid, das muss alles äußerst verstörend für dich sein.", murmelte er und strich über ihren Handrücken.
Sie schüttelte nur ihren Kopf und drückte seine Hände fest. „Verstehst du es denn nicht, mein Lieber?" Ihre Stimme zitterte. Es lag so viel Schmerz und Kummer in ihren dunklen Augen, dass ein Stich durch Alastors Brust fuhr. „Das alles ... die Schlangen, die Leichen ... das alles ist meine Schuld!" Nach diesen Worten brach sie in unkontrollierte Schluchzer aus.
Alastor stockte. Dann nahm er sie augenblicklich in den Arm. Sofort schmiegte sie ihren Kopf an seine Brust. Überfordert strich er ihr über den Rücken und drückte einen Kuss auf ihren Scheitel. „Was redest du denn da, meine Schöne? Wie sollte das Auftreten der Nagas deine Schuld sein?", flüsterte er unbeholfen.
Sie löste sich von ihm und sah wieder zu ihm auf. Verbittert schüttelte sie den Kopf. „Es ist meine Schuld, weil ich so naiv war zu glauben, es hätte keine Konsequenzen in ein Paralleluniversum zu reisen." Verwirrt blinzelte Alastor, doch sie sprach weiter. „Ich hatte mir zunächst nichts dabei gedacht. Aber es kann keinen anderen Grund dafür geben, dass diese Ungeheuer aus dem Nichts aufgetaucht sind! Wahrscheinlich ist durch meine künstlich erzeugte undichte Stelle irgendwo auf Tellus eine andere undichte Stelle entstanden. Meine Anwesenheit hier zerstört das Raum-Zeit-Gefüge, verstehst du das denn nicht, Alastor? Ich sollte nicht hier sein. Ich zerstöre diese Welt!" Zum Ende hin wurde sie lauter und brach erneut in Tränen aus.
Fassungslos starrte er sie an. Erst langsam, dann immer schneller - beinahe schon hysterisch - schüttelte er den Kopf. „Du lässt da ein wichtiges Detail aus: Diese Welt war auch schon vor deiner Ankunft zerstört. Auch vorher sind schon massenhaft Menschen durch die verseuchte Luft gestorben.", widersprach er mit überraschend fester Stimme.
Sie schnaubte verbittert und wandte den Blick ab. „Ja, ich habe die Lage nur noch aussichtsloser werden lassen als sie ohnehin schon war."
Unglauben zeichnete sich in seinem Gesicht aus. Er konnte ihren plötzlichen Sinneswandel nicht nachvollziehen. Das Unbehagen in ihm wurde zu einer beißenden Panik, die ihn zu ersticken drohte. „Aber denk doch an unsere ganzen Pläne, an die Lösung! Sobald wir eine geeignete undichte Stelle erzeugen können, um Tellus gesamte Bevölkerung auf die Erde zu befördern, werden wir sie alle retten können."
Flehend nahm er ihr Gesicht in die Hände und suchte in ihren Augen nach irgendeinem Zeichen der Einsicht. Doch sie hatte ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst und wich seinem Blick aus. „Du verstehst nicht, Alastor. So wie ich nicht auf Tellus gehöre, gehören die Bewohner Tellus' nicht auf die Erde. Wir haben keine Lösung gefunden. Unsere 'Lösung' würde bloß zwei ganze Universen auslöschen."
Ihre Worte trafen ihn wie ein Schlag. Ruckartig, als hätte er sich an ihrer Haut verbrannt, ließ er von ihr ab und stolperte zurück. „Das ist es also? Die Menschen hier sind dir egal! Du willst sie hier zum Sterben zurücklassen und sie ihrem Schicksal überlassen, während du zurück in deine heile Welt kehrst, als wäre nie etwas passiert!" Er konnte nicht verhindern, dass er lauter wurde. Auch wenn es ihm einen Stich verpasste, als sie zusammenzuckte.
Mittlerweile zitterte er am ganzen Körper. „Du willst mich zum Sterben zurücklassen.", flüsterte er jetzt mit brüchiger Stimme und wandte sich von ihr ab. Er ertrug den schuldbewussten Ausdruck in ihrem Gesicht nicht.
„Ich kann mir kein Leben ohne dich vorstellen, Alastor." Sie hielt die Tränen nicht mehr auf, die auf die Fliesen tropften. „Aber siehst du denn nicht, dass ich keine andere Wahl habe? Keiner wird das Ganze überleben, wenn ich hier bleibe."
Nun war sie es, die auf ihn zuging und die Hände an seine Wangen legte. Alastor sah sie an und plötzlich war da wieder diese Panik, die ihn zu verschlingen drohte. Seine Knie gaben nach und stießen auf die kalten Fliesen. Bebend klammerte er sich an ihren Beinen. „Ich flehe dich an, mein Engel. Gib mir eine Nacht. Es muss doch eine andere Lösung geben, nein, es gibt ganz sicher eine andere Lösung. Wir werden sie finden. Gib mir nur eine Nacht und ich werde es dir beweisen. Bitte."
Er gab dem Brennen hinter seinen Augen nach und ließ seinen Tränen freien Lauf. Etwas brach in ihr, während sie ihn betrachtete. Plötzlich ließ sie sich ebenfalls auf die Knie fallen. Ihre Unterlippe bebte, als sie langsam nickte. „Eine Nacht.", gab sie leise nach und wischte sich mit dem Ärmel des Schutzanzugs, den sie noch trug, die Tränen weg.
„Eine Nacht.", wiederholte er, erleichtert, dass er sie überzeugen konnte zu bleiben. Er würde eine Lösung finden, eine Zukunft, die sie gemeinsam erleben würden.
Er hielt die Distanz zwischen ihnen nicht länger aus und presste dringlich seine Lippen auf ihren. Fieberhaft erwiderte sie den Kuss, während sie mit zittrigen Fingern die restlichen Knöpfe seines Hemds aufknöpfte. Jedes Mal, wenn ihre Finger die Haut an seiner Brust strichen, hinterließen sie ein feuriges Verlangen nach ihr. Nach mehr. Er lehnte sich zurück gegen die Wand und zog sie auf seinen Schoß, was sie leise aufstöhnen ließ. Es machte ihn verrückt, sein Blut geriet in Wallung. Er befreite sie hektisch von ihrem Schutzanzug und sie strich ihm mit einer Hand über die Brust.
Atemlos löste er sich von ihr und sah sie mit dunkel gewordenen Augen an. Ihre Lippen waren gerötet und ihr herabfallendes schwarzes Haar schirmte ihre Gesichter vom Rest der Welt ab.
„Ich liebe dich, Maria Hernandez.", hauchte er leise.
Maria verlor eine weitere Träne, als sie erwiderte: „Ich liebe dich, Alastor."
Alastor schnürten die Worte die Kehle zu. Ariadne, seine Ariadne. „Ich weiß, dass wir im Labor nur den Boden zur Verfügung hatten, aber hier haben wir ein richtiges Bett." Er warf ihr ein charmantes Lächeln zu. Marias Lachen daraufhin befreite ihn von all seinem Kummer und all seinen Ängsten.
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Als Alastor am nächsten Morgen erwachte, schien das erste Mal seit sehr langem die Sonne in seinen natürlichen Farben. Er öffnete mit einem verschlafenen Lächeln die Augen, als er sich an die vergangene Nacht erinnerte. Ein wohliger Schauer fuhr ihm über den Rücken, als er an ihre Berührungen, an die Laute dachte, die er ihr mit seinen Berührungen entlocken konnte. Er hatte noch nie so gut geschlafen wie in dieser Nacht, denn wie ein Wunder hatte er tatsächlich eine Lösung gefunden - eine Lösung für ihn und seine Maria. Instinktiv suchten seine Hände nach ihrer Nähe.
Doch er griff ins Leere.
Das Lächeln erstarb auf seinen Lippen. Schlagartig setzte er sich auf und blickte zur anderen Betthälfte. Das Bettlaken war glatt gestrichen und die Decke ordentlich zusammengelegt. Sie war weg.
Das Blut rauschte in seinen Ohren. Alles in ihm gefror auf der Stelle zu Eis. „Nein.", flüsterte er ungläubig. Ruckartig sprang er aus dem Bett und durchsuchte jeden einzelnen Raum nach ihr.
Ihr blauer Rucksack war verschwunden.
„Nein, nein, nein."
Sie war weg. Sie hatte ihn verlassen. Zum Sterben zurückgelassen. Er konnte es nicht wahrhaben, wollte es nicht wahrhaben. Er stürzte nach draußen, ohne Helm, ohne Anzug, suchte die rote Ödnis nach ihrem schwarzen Haar ab.
Er sah nichts als Staub und Asche.
Langsam fiel er auf die Knie.
Und schrie.
*****
Jetzt wissen wir endlich, wer die Geliebte von Alastor war: Dr. Hernandez! Wer hatte das erwartet? ;)
Alastors Geschichte ist hier quasi zu Ende erzählt. Das nächste Alastor-Kapitel (Kapitel 30) wird sich nicht mehr in der Vergangenheit abspielen, sondern in der Gegenwart.
Ich hoffe sehr, dass euch das Kapitel gefallen hat!
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