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Kapitel 28

Tellus 2019

„Elliot."

Lilly stieß ein schrilles Lachen aus, als die gesamte Angst wie eine schwere Decke von ihren Schultern fiel. Das war verdammt knapp gewesen. Wäre Elliot nur wenige Sekunden später erschienen, würden ihre Einzelteile nun an den Außenwänden der Wolkenkratzer hinter ihnen kleben. Sie konnte ihr Glück gar nicht in Worte fassen.

Die Verwirrung stand den Wachen in den Gesichtern geschrieben. Unschlüssig ließen sie ihre Waffen ein wenig sinken.

„So kreuzen sich unsere Wege wieder, Schätzchen", raunte Elliot ihr verführerisch zu. Ihre Hand lag noch in seiner, als Elliot nun auch Nour und William seine Aufmerksamkeit widmete.

„Die kleine Kriegerin mit dem festen Schlag!", rief Elliot erfreut, als er Nour wiedererkannte. „Ich danke euch viemals für unsere Rettung! Wir stehen auf ewig in eurer Schuld." Elliot deutet eine leichte Verbeugung an.

„Ich zeig dir gleich, wer klein ist, du Blaubeere", knurrte Nour empört.

Elliot ignorierte ihren angriffslustigen Kommentar und blickte nun zu William. Irgendetwas funkelte in seinen dunkelblauen Augen, als er William mit schiefem Kopf beäugte. Stocksteif stand William da, die Stirn missmutig gerunzelt.

Elliot grinste breit. „Ich denke, wir hatten noch nicht das Vergnügen."

„William war auch an der Befreiung beteiligt. Er hat die Außenwachen abgelenkt, um uns Zutritt in das Gebäude zu verschaffen", mischte sich Lilly schnell ein.

„Wundervoll!" Elliot reichte William die Hand. „Sehr erfreut!"

Mit angespanntem Kiefer nahm William seine Hand entgegen. „Die Freude ist ganz meinerseits", brummte er.

Lilly stellte fest, dass die beiden Männer ein seltsames Bild abgaben. Während William mit den breit gebauten Schultern und dem mit Muskeln verzierten Körper der Inbegriff eines Kriegers war, war Elliot schlank und hochgewachsen, wenn auch nicht so lang wie William. Lilly fragte sich, ob Elliot vor seiner Gefangenschaft ebenfalls ein Soldat auf der Basis gewesen war. Seine Statur ähnelte viel mehr der eines Akrobaten.

„Kommt, ich führe euch herein. Mann, der Boss wird sehr glücklich über euer Erscheinen sein!", sagte Elliot heiter, als er Lilly einen Arm anbot. „Außerdem sollte man hier nie länger als nötig draußen verweilen. Man munkelt, die Skyscraper hätten Ohren."

Lilly legte eine Hand auf seinen Arm, bevor sie gemeinsam die Treppe hochstiegen. Die Stufen bröckelten unter ihren Sohlen und ließen kleine Aschewolken emporsteigen. Sie warf einen hektischen Blick über die Schulter, doch aus den eingeschlagenen Fenstern der Hochhäuser war weit und breit keine Menschenseele zu erkennen. Der Bezirk ähnelte viel mehr einer Geisterstadt. Dennoch stellten sich die Härchen an ihrem Nacken auf bei dem Gedanken daran, dass sie beschattet werden könnten.

„Bist du denn nicht der Anführer der Nightingales?" fragte Lilly neugierig.

Anders hatte sich Lilly nicht erklären können, warum er die Befehlsgewalt über die Wachen haben konnte. Diese erstarrten, als die Gruppe sich ihnen näherte. Widerwillig packten sie die Waffen weg.

Nour schenkte den Wachen ein verschwörerisches Grinsen. Als sie die oberste Stufe erreichten, konnte sie sich ein lautes „Buh!" nicht verkneifen, was die linke Wache erschrocken zusammenfahren ließ. Nour brach in leises Gelächter aus, während William das mit einem Augenverdrehen kommentierte. Schweigend lief er ihnen im Schlepptau nach, während er immer wieder Elliot argwöhnische Blicke zuwarf, die sich in seinen Rücken bohrten.

„Ich? Der Anführer?" Elliot lachte leise. Im Vorbeigehen klopfte er aufmunternd auf die Schulter des Wachen. Sie erreichten den gigantischen mondförmigen Eingang, der mit weiteren kleineren Säulen beschmückt war. Ein Touchpad war an eine der Säulen befestigt. Elliot tippte einen Code ein, woraufhin sich die schwarz gerahmten Türen mit einem Zischen öffneten. Sie betraten eine Vakuum-Kammer, die die verseuchte Luft von draußen absaugte und so von der künstlich hergestellten, sauberen Atemluft im Innenbereich trennte. Lilly war sich ziemlich sicher, dass das Museum auf der Erde keine Vakuum-Kammer hatte.

„Um Gottes Willen, nein. Ich führe die Nightingales nicht an. Das tut ein ganz anderer", fügte Elliot mit einem vielsagenden Zwinkern hinzu.

Er sah, wie das Team fasziniert, wenn auch skeptisch die Kammer betrachtete. „Wir haben hier viele Ingenieure unter uns, die zwar offiziell für die Regierung arbeiten, aber insgeheim zu uns gehören. Ihnen ist zu verdanken, dass das Museum so umgebaut werden konnte, dass unsere geflüchteten Mitglieder hier dauerhaft leben können. Es ist unser offizieller Stützpunkt geworden. Und unser oberstes Gebot ist es, es um jeden Preis geheim zu halten und zu schützen."

Die Innentüren öffneten sich mit einem weiteren Zischen und offenbarten eine gigantische Halle.

Lilly erinnerte sich daran, dass sie mit ihrem Vater das Museum besucht hatte, als sie in der Grundschule war. Sie war zu dem Zeitpunkt besonders fasziniert von Dinosauriern gewesen und der Tod ihrer Mutter war nur wenige Monate her gewesen, weshalb Evan Anderson es sich zur Aufgabe gemacht hatte, jeden Wunsch seiner Tochter von den Lippen abzulesen.

Doch das, was sich vor ihren Augen nun abbildete, sah nicht im entferntesten aus wie das Museum, für das New York so stolz war: Kein einziges Gemälde, keine Skulpturen, nichts an Kunst war aufzufinden. Die Wände waren seltsam leer und kahl, als hätte es die Meisterwerke nie gegeben.

Lilly konnte den Gedanken nicht verhindern, dass William fasziniert von den Gemälden gewesen wäre.

Hunderte, nein, Tausende von Menschen drängten sich aneinander, unterhielten sich lautstark miteinander. Sie waren alle maskiert, achtsam, dass sie ihre Identitäten nicht preisgaben. Kaum jemand trug einen Schutzanzug und Lilly fragte sich, wie sie unversehrt ins Gebäude gelangen konnten. Einige waren in dünnen Decken gewickelt, andere wiesen violette Male und Verätzungen an Hals und Armen auf.

Schweren Herzens wandte Lilly den Blick von ihnen ab und betrachtete stattdessen die chaotische Architektur des einst wirkungsvollen Museums: Hohe Treppenstufen führten zu einem zweiten Stockwerk, das wie ein U geformt war und von einem Zaun aus Marmor umrahmt wurde.

Eine gigantische Säule - Lilly fragte sich, ob sie von außen stammte und wie zur Hölle die Rebellen es geschafft hatten, sie hineinzubringen - bildete eine Art Brücke hoch über ihren Köpfen, die einmal längst von der einen Seite zur anderen führte.

Zu ihrem Entsetzten musste sie auch feststellen, dass einige Rebellen sich auf der Säule befanden - von Kopf bis Fuß bewaffnet. Nicht mit Schwertern und Dolchen wie William und Nour, um Nagas bekämpfen zu können. Nein, mit allen möglichen Arten von Schusswaffen, die sie abschussbereit in die Menge hielten. Die Scharfschützen blickten gefährlich durch die großen Menschenmengen und Lilly wusste, dass sie auch sie im Auge behielten.

„Um die müsst ihr euch keine Sorgen machen", versicherte Elliot ihnen mit einer abschätzenden Handgeste. „Die Jungs achten nur darauf, dass sich keine Verräter unter uns befinden."

Nour und William warfen den Scharfschützen über ihren Köpfen immer wieder misstrauische Blicke zu, achteten jedoch darauf, die Hände fern von ihren eigenen Waffen zu lassen, um nicht als Gefahr aufgefasst zu werden. Als sie ihre Schutzhelme hinunterfahren ließen, mischten sie sich unter die Menschenmenge.

„Viel länger hatte unser Sauerstoffvorrat auch nicht ausgereicht", raunte William Lilly und Nour zu, während er ihnen andeutete, den blauen Knopf an dem linken Ärmel des Schutzanzuges zu betätigen.

Lilly erinnerte sich, dass das Betätigen des blauen Knopfes das Auffüllen des Sauerstoffvorrates auslöste. Instinktiv dachte sie an Jiang. Sie hoffte sehr, dass er irgendeinen Unterschlupf gefunden hatte, wo er seinen Vorrat auffüllen konnte. Sie wollte sich gar nicht erst ausmalen, dass er womöglich immer noch draußen auf der Flucht war, wo ihn jeder Zeit die Truppen des Offiziers oder irgendwelche Nagaherden fassen konnten.

Elliot fuhr sich über die kinnlangen marineblauen Haare und winkte einem Scharfschützen vergnügt zu.

„Ihr müsst verstehen, dass viele Mitglieder in der Gefangenschaft des Offiziers gewesen waren. Ein ziemlich großer Aufruhr ist entstanden, als ihr uns vor einigen Tagen befreit habt und wir zurück zum Stützpunkt kehren konnten."

Er legte eine Hand an Lillys Rücken, um sie weiter nach vorne zu führen. Im Augenwinkel bekam sie mit, wie William Elliot daraufhin einen giftigen Blick zuwarf.

Lilly stockte. „Sagtest du gerade vor einigen Tagen? Es ist doch keine 24 Stunden her, dass ihr geflohen seid." Ihr schwirrte der Kopf.

„Aber nein doch, Schätzchen. Das war vor drei Tagen."

William und Nour sahen verdattert zu Elliot. „Irgendetwas stimmt mit der Zeit nicht.", murmelte William.

Er richtete die schwarze Maske, die er trug, und band seine dunklen Locken zu einem festeren Dutt. Für wenige Sekunden konnte Lilly ihn so mit offenem Haar sehen. Verärgert musste sie feststellen, dass ihr Herz bei dem Anblick unkontrolliert zu rasen begann.

„Ach, ihr seid sicher bloß erschöpft und durcheinander von eurer Flucht hierher", winkte Elliot ab.

Für den Bruchteil einer Sekunde funkelte etwas in seinen Augen auf, das jedoch genauso schnell verschwand wie es aufgetaucht war.

Er blickte auf die digitale Uhr an seinem Handgelenk. „Oh, die Aufführung beginnt gleich! Ich sollte mal dem Boss Bescheid sagen, dass ihr hier seid."

Elliot nahm Lillys Hand in die Hand und drückte einen Kuss auf ihren Handrücken.

„Bis gleich, Schätzchen."

Und ehe sie sich versah, war er unter der Menge verschwunden. Perplex blinzelte Lilly. Es erstaunte sie, wie flink Elliot war.

„Ich vertraue dem Jungen nicht", knurrte William mit geballten Fäusten. „Er führt sicher etwas im Schilde."

Lilly zuckte mit den Schultern. „Also ich mag ihn", sagte sie scharf, was William zu ihrer Überraschung leicht zusammenzucken ließ.

Nour schüttelte den Kopf. Ihr goldener Hijab schien im dämmrigen Licht des Museums zu leuchten. „Die Blaubeere ist zwar ein wenig seltsam, aber harmlos", stimmte sie Lilly zu.

Das laute Stimmgewirr der Menschenmenge mäßigte sich plötzlich. Immer mehr maskierte Rebellen drängten sich nun in eine Richtung, blickten zum einen Ende der Halle. Lilly stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf das Geschehnis zu erhaschen.

Ein hohes Podest wurde provisorisch aus mehreren dicken Marmorplatten zusammengestellt. Die Rebellen blickten erwartungsvoll zu dem Mikrofonständer, der mittig auf den Platten aufgestellt wurde.

Doch etwas anderes erregte Lillys Aufmerksamkeit: Über den Marmorplatten hängte ein großes Gemälde an der Wand, wahrscheinlich das einzige in diesem Museum, aber keins, das Lilly wiedererkannte. Das Gemälde zeigte die Silhouette eines weißen Vogels mit ausgestreckten goldenen Flügeln. Die goldene Farbe der Flügel schien auf einen schwarzen Grund zu tropfen. Eine Nachtigall, erkannte Lilly erstaunt. Das Symbol dieser Rebellengruppe.

„Scheint so, als bekämen wir gleich den ‚Boss' zu sehen", murmelte Nour mit den Armen vor der Brust verschränkt. Wie aufs Stichwort sprang plötzlich ein Junge auf das Podest.

Nicht irgendein Junge. Überrascht hielt Lilly die Luft an. Trotz des lauten Jubels und des Applauses meinte Lilly ihr Herz laut hämmern zu hören.

„Jasper ist der Anführer?", rief Nour entsetzt und sprach somit sowohl Lillys als auch Williams Gedanken aus.

Sie traute ihren Augen nicht. Tatsächlich war es Jasper, der nun das Mikrofon in die Hand nahm. Er trug einen verwaschenen grünen Hoodie und schwarze Jeans. Seine Haut war nicht mehr ganz so blass wie zum Zeitpunkt seiner Gefangenschaft, aber dafür traten die violetten Blutergüsse, die allmählich heilten, noch deutlicher hervor.

Jasper reckte das Kinn in die Höhe.

„Ich begrüße euch zu der heutigen Nightingale-Vollversammlung."

Erneuter Jubel. Einige Rebellen reckten die Fäuste in die Höhe.

„Wie ihr sicher alle mitbekommen habt, wurde ich auf der dritten Basis von dem Offizier Benedict Denton inhaftiert. Denn ich habe eins unserer obersten Gebote brechen müssen: Ich habe mich als Rebell offenbart und meine Feindseligkeit gegenüber der Regierung offen kundgetan."

Seine Stimme war fest und entschlossen. In ihr loderte eine unterschwellige Wut und Leidenschaft, dass es Lilly für einen Moment lang den Atem raubte.

Ein entsetztes Raunen ging durch die Menge.

„Ihr fragt euch nun sicher, warum ich dieses Gebot missachtet habe. Warum ich meine funktionale Rolle als Soldat und Regierungssympathisant aufgegeben habe. Die Stelle war unserer Bewegung schließlich sehr nützlich."

In seinen Worten schwang keine Reue mit.

„Nun, die Unteroffiziere haben mir den Befehl erteilt, in Bezirk 6 zu patrouillieren. Also musste ich meine Anonymität aufgeben, um das Erste Gebot unserer Bewegung zu schützen: Bezirk 6 ist und bleibt eine verbotene Zone für jeden Nightingale-Anhänger. Das Betreten des Bezirks kann fatale Folgen für all das haben, was wir uns hier Jahre lang erkämpft und aufgebaut haben."

Er legte eine Pause ein und blickte in die Runde.

„Ich hätte damit die Sicherheit und das Leben von allen Anhängern gefährdet. Deshalb nahm ich mein Schicksal bereitwillig an. Es wurde eine Hinrichtung für mich festgelegt. Und ich war bereit zu sterben."

Lilly schluckte. William und Nour wandten den Blick schuldbewusst ab. Lilly wusste, dass sie sich noch immer die Schuld dafür gaben, dass Jasper in Bezirk 6 eingeteilt wurde.

„Ein Nightingale stirbt nie!", schrie plötzlich eine Stimme mit voller Inbrunst und die ganze Halle brach erneut in Jubel aus. Wie ein Mantra wurden die Worte laut rufend wiederholt.

Die Stimme war ganz klar von oben gekommen. Lilly legte den Kopf in den Nacken und suchte die Säule über ihren Köpfen nach der Person ab, nur um dann Elliot zu entdecken, der lässig auf dem Marmor thronte und mit einem wilden Grinsen nach unten blickte. Es war nicht das erste Mal, dass er sie an einen Fuchs erinnerte. Als er Lillys Blick auf sich spürte, warf er ihr ein verführerisches Zwinkern zu.

Und dann geschah etwas Seltsames, das sich Lilly nicht erklären konnte: Für wenige Sekunden entfernten sich die lauten Rufe im Saal. Lillys Ohren fühlten sich wie in Watte gepackt. Plötzlich trat ein ohrenbetäubendes Piepen in ihrem Kopf ein. Schmerzerfüllt fasste sie sich an den Kopf, blickte panisch zu William, der jedoch nichts mitbekam und weiterhin Jasper beäugte.

Und dann verschwand das Piepen. Lillys Atmung wurde schwerer. Irgendetwas stimmte nicht.

,,Lilly!"

Panisch blickte sie sich um. Hatte jemand nach ihr gerufen? Es klang wie ein weit entferntes Echo.

Und dann kehrte das laute Stimmgewirr wie eine Flut zurück. Lilly blinzelte verwirrt. Sie versuchte, ihre Atmung zu beruhigen und schüttelte kurz den Kopf. Sie brauchte dringend Schlaf. Sie bildete sich ja schon irgendwelche Sachen ein.

Noch etwas benommen blickte sie zu Nour und William, die in ein Gespräch verwickelt waren.

„Die Nachtigall war die letzte Vogelart, die ausgestorben ist", flüsterte Nour ihnen mit gerunzelter Stirn zu.
„Die Vogelart, die am längsten hatte überleben können. Einige sind jedoch fest davon überzeugt, dass einige Nachtigallen der Apokalypse zum Trotz überlebt haben. Es gibt Menschen, die glauben, dass sie an manchen Nächten eine Nachtigall singen hören können."

„Mein Tod war ein beschlossenes Urteil gewesen. Dennoch", fuhr Jasper fort, „bin ich am Leben. Und nicht nur ich haben die Ehre, heute hier zu sein, sondern auch ein Dutzend anderer Nightingales, die ebenfalls aus dem Gefängnis ausbrechen konnten. Und das alles haben wir einer Gruppe von drei Soldaten zu verdanken. Drei Soldaten, die für unsere Rettung alle Risiken eingegangen sind und uns befreit haben."

„Vier", hauchte Nour erstickt. „Vier. Wir sind vier", stammelte sie leise vor sich hin.

Plötzlich lagen Hunderte von Augenpaaren auf ihnen. Jeder der Rebellen hatte sie aufgrund ihrer Kampfmonturen, die sie eindeutig als Krieger der dritten Basis New Yorks auszeichneten, erkannt. Allen war klar, von wem die Rede war.

Lilly stieg die Hitze in die Wangen. Sie rieb sich nervös die Oberarme. Sie hatte es nie gemocht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Deshalb war sie mehr als nur erleichtert, als Jasper fortfuhr.

„Sie haben ihre Leben riskiert, um uns zu retten. Deshalb sind sie heute unsere Gäste und sollen auch wie solche behandelt werden." Ein warnender Unterton schwang in seiner Stimme. Das Wort dieses 16-jährigen Jungens war hier Gesetz.

„Meine kurzzeitige Abwesenheit ändert nichts an unseren ursprünglichen Plänen. Alles bleibt so wie vorher besprochen. Jedoch sind Vorsicht und Achtsamkeit geboten: Es ist naheliegend, dass nun alle drei Basen nach uns suchen. Ich bitte jeden Nightingale, sich an seine jeweilige Sektor-Leitung zu widmen. Sie werden euch das weitere Vorhaben genau erklären."

Jasper blickte erneut über die zahlreichen Köpfe und blieb kurz an Lilly, William und Nour hängen. „Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit", beendete er seine Rede.

Dann geschah etwas Seltsames: Alle Rebellen hoben synchron die Arme und formten mit den Händen ein Zeichen. Die Handflächen überkreuzt, Daumen an Daumen und die Finger gespreizt: Das Symbol eines fliegenden Vogels. Das Symbol der Nightingales.

Jasper tat es ihnen nach und presste die Handflächen dabei fest gegen seine schmächtige Brust. Eine wilde Entschlossenheit lag in seinem Blick.

Sie verweilten einige Sekunden lang in dieser Position, bis sich die Menge in kleineren Gruppen aufteilte und die Gespräche wieder aufgenommen wurden. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Die Rebellen lachten und umarmten sich. Erst als sich die Menschenmasse in zwei teilte und sie sah, wie die Rebellen gut gelaunt und Arm in Arm zu den Rändern liefen, erkannte Lilly die langen Tische, die entlang der Wände verliefen. Auf ihnen türmte sich ein ausgeschmücktes Buffet mit allen möglichen Gerichten und Getränken.

Perplex blinzelte Lilly. Instinktiv dachte sie an die strengen Rationen, die die Basen an die Bevölkerung verteilten. Sie dachte an die alte Frau, die ohne Schutzausrüstung ins Freie gegangen war, sich der verseuchten Luft ausgesetzt hatte, weil ihr nur zwei Scheiben Brot gewährleistet wurden. Woher hatten die Rebellen das ganze Essen her?

Der süßliche Duft des Essens stieg ihr in die Nase und augenblicklich begann ihr Magen zu knurren. Das letzte Mal, dass sie etwas gegessen hatte, war vor Jaspers Befreiung gewesen. Und mittlerweile war sie sich gar nicht mehr so sicher, wie lange das her war. Die Zeit spielte tatsächlich verrückt.

Gerade, als Lilly alle Hemmungen fallen lassen wollte und William und Nour zum Essen zerren wollte, wurde sie von einer vertrauten Stimme unterbrochen.

„Ihr schafft es immer wieder, mich zu überraschen."

Jasper war wie aus dem Nichts vor ihnen aufgetaucht und sah sie nun forschend an. Elliot stand dicht hinter ihm und zwinkerte Lilly grinsend zu.

„Darf ich euch den Boss vorstellen?" Elliot deutete mit einer überschwänglichen Geste auf Jasper.

Dieser verdrehte die Augen. „Ihr habt mir wahrscheinlich viel zu erzählen", sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und ihr habt sicher viele Fragen", fügte er hinzu.

„Und ob", murmelte Nour fassungslos, während sie ungläubig zum Buffet blickte.

William schien sich am ehesten gefasst haben. „Das ist alles sehr ... überraschend für uns. Der Grund, warum wir hier sind, ist, dass wir -"

Schlagartig wurde er von Jasper unterbrochen, der ihn mit einer gehobenen Hand zum Schweigen brachte. „Nicht hier. Wir sollten das lieber an einem ruhigeren Ort besprechen. Kommt mit", ordnete er sie an.

Lilly, Nour und William warfen sich gegenseitig misstrauische Blicke zu, doch folgten Jasper und Elliot, die auf die gigantischen hohen Treppen zustrebten, die zum zweiten Stockwerk führten. Die Treppen waren nun frei, die Gruppen, die sich vorher auf ihnen und im zweiten Stockwerk befunden hatten, standen nun alle am Buffet und unterhielten sich gelassen miteinander.

Auch wenn das Innere des Museums wesentlich heiler aussah als außen, war auch hier das Chaos zu erkennen. Eine Säule lag quer auf den Treppen - Lilly hatte das kindische Bedürfnis hinunterzurutschen. Die Stufen bröckelten unter ihren Füßen und die Wände wiesen Risse auf.

Plötzlich spürte Lilly eine Hand an ihrem Rücken. Elliots marineblaues Haar fiel ihm ins Gesicht, als er sich zu Lilly hinunterbeugte.

„Ich kann dich gerne später herumführen, Schätzchen", raunte er ihr leise zu. Seine nachtblauen Augen funkelten amüsiert, als Lilly ihm mit einem Lächeln antwortete.

Wie automatisch wanderte ihr Blick zu William, der ausdruckslos nach vorne blickte und beinahe schon gelangweilt aussah.

Im zweiten Stockwerk angekommen schritt Jasper geradewegs auf einen Raum zu, der auf der Erde sicher so etwas wie eine Abstellkammer war. Sie hatte kaum Zeit, die hohen bogenförmigen Decken, auf denen künstlerische Muster eingraviert wurden, zu bewundern, da drängte sich die Gruppe auch schon in das Büro, dessen Türen Jasper ihnen aufhielt.

Jaspers Büro ließ Lilly die Kinnlade hinunterfallen. Drei Treppenstufen führten zu einem sechseckig geformten Innenbereich, das ein türkises Sofa und einen Ohrensessel in derselben Farbe beinhaltete. Gegenüber dem Sofa prangte ein schwarzer Schreibtisch, auf dem sich Papiere und Akten türmten. Ihre Stiefel hallten laut auf den schwarzen Fliesen wider, als sich das Team auf das weiche Sofa setzte.

Jasper lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Schreibtisch, während Elliot es sich an einer Weinflasche zu schaffen machte, die auf einer Bank, die entlang der gebeugten Wand verlief, stand.

„Ich gehe davon aus, dass ihr auf der Flucht seid", stellte Jasper seine Vermutung auf und beäugte sie aus zusammengekniffenen Augen.

Nour schnaubte. „Ja, weil wir deinen Hintern gerettet haben", murmelte sie leise vor sich hin. Elliot verschluckte sich fast an dem Wein, doch Jasper ließ Nours Kommentar kalt.

Jasper nickte ernst. „Ja, ich bin euch mein Leben schuldig", sagte er mit neutraler Miene. „Ich sehe ein, dass meine Befreiung euch drei erst in diese missliche Lage geraten lassen hat."
Er legte eine Kunstpause ein. „Aber ich freue mich darüber, dass ihr euch für den Weg der Rebellion entschieden habt."

Lilly schwieg. Sie wollte nicht sagen, dass sie sich gar nicht für die Rebellion entschieden hatten. Dass sie sich für Jasper verantwortlich gefühlt hatten und nur einen Jungen vor dem Tod retten wollten.

Nour schüttelte aufgebracht den Kopf. „Wir waren zu viert. Ohne Jiang säßest du noch hinter Gittern. Jiang ..."
Sie gab einen erstickten Laut von sich.
„Er musste fliehen, Stunden, bevor wir fliehen mussten. Ist ... ist er auch hier?" Die verzweifelte Hoffnung in Nours Stimme löste ein Brennen hinter Lillys Augen aus.

Jasper schüttelte den Kopf und Lilly sah, wie Nour innerlich zusammenbrach.

„Ich kenne Jiang. Ich hätte davon mitbekommen, wenn er hier aufgetaucht wäre. Es tut mir leid."

Nour vergrub den Kopf in ihren Händen.

„Aber ich verspreche dir, dass wir nach ihm suchen werden", versicherte ihr Jasper. Er klang aufrichtig.

Als daraufhin eine betretene Stille eintrat, lenkte William die Aufmerksamkeit mit einem Räuspern auf sich. „Wir sind hier, um um Asyl zu bitten", sagte er geradeheraus.
„Der Offizier hat mittlerweile sicher unsere Identitäten entlüftet und uns als Staatsfeinde erkoren. Wir benötigen eine Bleibe und wir denken, dass die Nightingale Bewegung uns Schutz gewähren kann." Seine Hände lagen ruhig auf seinem Schoß. Er saß aufrecht und war die Gefasstheit in Person.

Jasper ging einmal um den Schreibtisch herum, um sich auf den tiefen gepolsterten Bürostuhl fallen zu lassen, der ihn mit seiner Größe fast verschwinden ließ. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Finger ineinander.

„Unter normalen Umständen würde ich euch niemals aufnehmen. Es geht bei den Nightingales an erster Stelle um Anonymität und ich würde es niemals riskieren, das Leben meiner Mitglieder zu gefährden."

Er betrachtete sie abwechselnd. „Ja, die Regierung ist auch hinter mir her. Schließlich bin ich ein geflüchteter Gefangener. Aber ich bin nur einer der vielen Gefangenen gewesen, die ausgebrochen sind und fliehen konnten. Mich zu finden wird keine Priorität darstellen. Ihr vier hingegen seid überhaupt erst verantwortlich für diesen Massenausbruch. Das ganze Land wird hinter euch her sein."

Lilly schluckte nervös. Eine beißende Panik keimte in ihr auf. Sie hatte das nagende Gefühl, dass sie sich zu sehr in die Geschehnisse und Machenschaften dieses Universums eingemischt hatte. Sie wollte doch nur einen Weg finden, wieder nach Hause kehren zu können, doch jetzt steckte sie mittendrin. Mit einem psychopathischen Offizier, der ihren Tod herbeisehnte.

„Jedoch bin ich euch wie gesagt mein Leben schuldig. Aus diesem Grund, und allein aus diesem Grund, gewähre ich euch vorübergehend Asyl. Bis ihr einen Weg aus diesem Schlamassel gefunden habt", sagte Jasper schließlich.

Lilly, William und Nour atmeten synchron aus. Erleichtert ließ Lilly sich tiefer in das samtene Sofa sinken.

„Das gilt jedoch nur unter einer Bedingung", wand Jasper scharf ein. „Ihr werdet hier keine Sonderbehandlung genießen. Ihr werdet euch während eures Aufenthalts hier genau wie alle anderen Mitglieder nützlich machen müssen und Aufgaben übernehmen."

*****

Hat es euch überrascht, dass Jasper der Anführer der Nightingales ist?
Wer könnte die Stimme sein, die Lilly gehört hatte?

Übrigens hat mir die liebe  @Kopflastig ein wunderschönes Cover erstellt *-* Danke vielmals! Schaut doch mal auf ihrem Account vorbei, wenn ihr auch auf der Suche nach einem neuen Cover seid <3

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