Kapitel 29
Erde 2019
Lilliana öffnete ihre Augen auf der Astralebene.
Frustriert warf sie den Kopf in die Hände, als sie in derselben schwarzen Ödnis wie auch in ihren vorherigen Reisen landete.
Missmutig nahm sie die Hände vom Gesicht, kniete sich in die fast knöchelhohe onyxfarbene Wüste und ließ den schwarzen Sand durch ihre Finger rieseln. Sie konnte kaum fassen, wie echt, wie real sich die Sandkörner auf ihrer Hand anfühlten.
Seufzend erhob sie sich und schüttelte ihre Hand wieder ab. Die Zeit lief ihr davon und sie hatte es immer noch nicht geschafft, den Kontakt zu Lilly herzustellen.
Eine Woche war nun vergangen, seitdem Dr.Hernandez - Maria, wie sie nun genannt werden wollte - ihnen ihre wahre Geschichte offenbart hatte: Sie hatte eine undichte Stelle bewusst erzeugt, war durch diese auf Tellus gelangt, wo sie sich in einen Wissenschaftler namens Alastor verliebt hatte. Ihre Anwesenheit auf Tellus hatte das plötzliche Erscheinen der Nagas bewirkt. Auf einer brutalen Art und Weise war Maria dafür verantwortlich, dass in den letzten beiden Jahrzehnten Hunderttausende Menschen gnadenlos von den schlangenartigen Bestien ermordet wurden.
Lilliana schauderte es bei der Vorstellung. Blankes Grauen keimte in ihr auf, als sie realisierte, dass ihr ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte wie Maria. Wenn sie es nicht schaffte, zurück nach Tellus zu kehren, könnten die Nagas auch hier auf der Erde für eine Auslöschung ganzer Gesellschaften sorgen. Lilliana konnte den Naga, den sie auf dem Dach gegenüber der Brooklyn High, hier auf der Erde, getötet hatte kaum vergessen. War das bloß der Anfang? Würde die Erde nun ebenfalls ins Verderben stürzen?
Nach Marias Geschichte hatten sich alle selbstsüchtigen Gedanken wie in Luft aufgelöst. Wie sehr sie sich auch nach einem friedlichen Leben auf der Erde, einem Leben mit Will, sehnte, es stand außer Frage, dass sie hierbleiben würde. Sie musste sich ihrem Schicksal stellen.
Lillianas Brust zog sich schmerzhaft zusammen, als sie an Will dachte. Nachdem sie ihn auf dem Dach abgewiesen hatte, hatte sich Will auf Distanz gehalten. Er hatte nicht mehr in ihre Richtung gesehen, nur das Nötigste gesprochen. Die meiste Zeit über war er nicht einmal da gewesen. Und sie teilten sich auch nicht mehr die Couchgarnitur zum Schlafen.
Lilliana wusste nicht, wo er schlief.
Sie wusste, dass es vernünftig für sie beide war, sich gegenseitig zu meiden. Aber es zerriss sie jedes Mal, wenn seine Witze ausblieben. Jede Faser ihres Körpers schrie auf vor Qualen, wenn er sich von ihr abwandte, sobald sie das Gespräch suchte.
Die Mahlzeiten mit Maria wurden zu den qualvollsten Zeiten des Tages. Auch wenn sie sich immer wohler in ihrer Anwesenheit fühlte, erinnerte sie sie stets an Wills Abwesenheit. Sie sehnte sich mit allen Zellen ihres Körpers nach den Momenten mit Will auf dem Dach, in denen er es immer geschafft hatte, sie zum Lachen zu bringen. Den Momenten, in denen er möglichst unauffällig ihre Hand gestrichen hatte. Den Momenten, in denen er sie in seinen Armen gehalten hatte.
Jeder Atemzug wurde zu einer Folter, doch sie hatte keine andere Wahl gehabt. Sie dachte bloß, dass es irgendwann leichter werden würde, da sie dem Ganzen noch rechtzeitig Einhalt gebieten konnte - es stoppen konnte, bevor sie sich-
Lilliana schüttelte den Kopf. Sie hatte gedacht, dass es sinnvoll war, dass Will sich nun um andere Tätigkeiten kümmerte, sich von ihr distanzierte. Aber es trieb sie jeden Tag ein bisschen näher an den Rand der Verzweiflung und alles, woran sie denken konnte, war, dass sie Zeit verlor.
Zeit mit Will.
Sie hatte keine andere Wahl.
Die Situation in dem Apartment war beinahe schon komisch - es schien, als hätten Lilliana und Will die Rollen getauscht. Während Will vorher der Puffer zwischen ihr und Maria gewesen war und nichts als Bewunderung für die Astrophysikerin empfunden hatte, schien er nun eine tiefe Abneigung ihr gegenüber entwickelt zu haben.
Lillianas Bewunderung für Maria stieg jedoch nun ins Unermessliche. Sie betrachtete Maria als Vorbild, fand, dass es nichts Ehrenvolleres gab, als sich gegen seine Gefühle zu entscheiden und für die Rettung der Menschheit. Zwischen ihr und Maria gab es keinen Spott und Hohn mehr, nur noch Aufrichtigkeit und Verständnis.
Schuldgefühle plagten sie bei dem Gedanken, dass sie Will damit etwas weggenommen haben könnte. Sie wollte nicht, dass seine Beziehung zu Maria unter der ganzen Situation litt. Doch Will war nun komplett in sich gekehrt, sprach nur das Nötigste, unter zusammengebissenen Zähnen.
Sie hatte es nicht für möglich gehalten, dass er so wütend werden konnte.
Sie haben in der Woche zwei Mal den Standort gewechselt, immer, wenn Maria der Meinung war, dass die Regierung ihnen auf den Fersen war.
Sie befanden sich jetzt in einer Kleinstadt am südlichen Ende des Hudson Rivers in New Jersey, in einem schäbigen Apartment im obersten Geschoss eines Wohnblocks. Maria schien ein Faible für heruntergekommene Dachgeschosswohnungen zu haben.
Will hatte vorgeschlagen, dass sie die Ostküste der Staaten verlassen sollten, das Weite von New York suchen sollten. Es war schließlich nur eine Frage der Zeit, bis sie von der CIA gefunden werden würden. Maria war jedoch noch immer nicht bereit, die undichte Stelle auf dem Dach gegenüber der Brooklyn High aufzugeben. Sie konnte sich nicht erklären, warum ihre Geräte bei dieser Stelle versagten, warum sie ihr die Stelle nicht aufzeigten.
Außerdem landete Lilliana während ihrer Astralreisen immer an diesem Ort, als gehe eine Sogwirkung von der Stelle aus. Maria war überzeugt davon, dass sich die undichte Stelle von allen anderen auf dem Globus verteilten Portalen unterschied. Und da sie die Stelle nicht mehr vor Ort erforschen konnten - das Gebäude wurde mittlerweile auf höchstem Niveau überwacht und war zu Regierungseigentum erklärt worden -, hatte Lilliana es sich zur Aufgabe gemacht, die undichte Stelle in dieser schwarzen Wüste erneut aufzusuchen und von dort aus Informationen über die Pläne der Regierung zu erhalten.
Ihre Hauptaufgabe, den Kontakt zu Lilly herzustellen, vergaß sie dabei nicht. Aber ganz egal, wie sehr sie sich bemühte, wie sehr sie sich auch konzentrierte, sie landete bei jeder Reise in der pechschwarzen Wüste.
Sie ertrug die Panik in Wills Augen nicht, die jedes Mal aufkroch, wenn sie ihm mitteilte, dass sie es schon wieder nicht zu Lilly geschafft hatte.
Lilliana entdeckte eine steile Düne in der Ferne, auf die sie zustrebte. Die undichte Stelle hatte sich auf der Spitze eines dieser vielen Sandbergen befunden. Sie hoffte, dass sie sich den richtigen ausgesucht hatte.
Die Luft legte sich wie ein schwerer Mantel um ihre Schultern, die entgegen ihrer Erwartungen zitterten. Die eisige Kälte kroch durch ihre Poren in ihr Inneres. Der beißende Geruch nach Schwefel ließ ihre Nasenflügel brennen und ihre Augen tränen.
Angestrengt blinzelte sie. Der Sand um ihre Füße ließ sie nur langsam vorwärtskommen, drohte sie mit jedem Schritt zu verschlucken. Alles hier war schwarz, schwarz und grau. Selbst ihre Haut war seltsam grau, keine Spur von ihrer sonst so goldbraunen Farbe.
Die einzige Farbe in diesem dunklen Meer waren die gezackten Linien am Himmel, zwischen denen amethystfarbene und blutrote Farbsprenkel hindurchsickerten. Der Himmel erinnerte Lilliana an eine Tapete, die nur halbherzig heruntergerissen wurde. Die Risse am Himmel schienen wie ein lebendiges Organ zu pulsieren. Lilliana schluckte. Irgendetwas stimmte mit diesem Ort nicht.
Ihr Blick fiel auf ihr Handgelenk. Sie stockte. Die Risse des Himmels waren doch nicht die einzigen Farbtupfer. An ihrem linken Handgelenk schien der Jeansfaden, den Will ihr vor ihrer ersten Astralreise gegeben hatte, in einem blauen Schimmer zu leuchten. Er wirkte seltsam fehl am Platz. Lillianas Brust zog sich schmerzhaft zusammen, während sie den Faden betrachtete. Aber etwas ganz anderes lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich: Sie trug keine Handschuhe.
Sie hatte in der vergangenen Woche nur selten die ledernen Handschuhe abgenommen, wenn sie sich sicher war, dass niemand ihre Hände sehen konnte. Die Astralreise wurde von Maria angeleitet, die ihre Körperfunktionen überwachte, weshalb sie ihre Handschuhe nicht abgenommen hatte. Hier auf der Astralebene war keine Spur von ihnen.
Nur mit Mühe unterdrückte sie die aufkommende Panik, als sie ihre rechte Hand betrachtete: Ihr kleiner Finger war von einer silbernen Liquidierung überzogen. Es wirkte so, als hätte sie ihn in flüssiges Quecksilber getaucht und als würde sich die Farbe nun weigern zu trocknen. Wenn sie ihn berührte, schien er zu verschwimmen, so als hätten sich ihre Knochen in Luft aufgelöst, was Lilliana so große Angst einjagte, dass sie beinahe penibel darauf bedacht war, nicht mit ihm in Berührung zu kommen. Ihr Finger prickelte warm und das Erschreckendste war, dass die silberne Farbe sich ausbreitete. Mittlerweile leuchtete auch der Ansatz ihres Ringfingers silbern.
„Bloß keine Panik", murmelte sie sich selbst zu.
Es gab sicher eine logische Erklärung für das Ganze. Lilliana wusste, dass ihr physischer Körper auf der Astralebene sicher war, deshalb konnte die silberne Färbung nicht daher kommen. Deshalb vermutete sie, dass sie eher mit ihrer Reise zur Erde zu tun haben musste. Sie hatte nicht den blassesten Schimmer und sie war auch noch nicht bereit, Maria oder Will danach zu fragen. Solange sie es ignorierte und nicht laut aussprach, konnte es auch nicht zu einem ernsthaften Problem werden.
Deshalb die Handschuhe.
Widerwillig wanderte ihr Blick wieder zu dem Jeansfaden um ihr Handgelenk. Sie konnte die Bilder nicht unterdrücken, die wie eine Welle auf sie zuströmten. Bilder von ihr, wie sie in Wills Armen lag, nachdem sie an dem Faden gezogen hatte und aus der Astralebene erwacht war. Bilder von ihr und Will, vereint in der undichten Stelle, zwischen zwei Universen. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper, als sie an die verzweifelte Sehnsucht dachte, die sie an diesem Tag gespürt hatte. Sehnsucht nach Will.
Lilliana gab einen erstickten Laut von sich. Sie schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, hinunter und riss mit einem Ruck den Faden von ihrem Handgelenk. Ohne ihn noch einmal zu betrachten, ließ sie den Faden fallen, der kurz darauf zwischen den kristallenen schwarzen Sandkörnern verschwand.
„Du hast das Richtige getan", flüsterte sie mit brüchiger Stimme.
Sie durfte keine Bindung mehr zu Will zulassen. Der Faden konnte sie eh nicht ernsthaft retten, er war viel mehr zu einem Symbol geworden. Ein Symbol, das ihr versprach, dass Will immer da sein würde, wenn sie ihn brauchte.
Wie falsch es sich auch anfühlte, ihren Weg ohne den Jeansfaden fortzusetzen, sie musste loslassen. Mittlerweile sollte sie es auch ohne Wills Hilfe aus der Astralebene schaffen.
Sie erreichte die Düne, die sich gigantisch vor ihr ausstreckte und ihr ganzes Blickfeld einnahm. Ein eisiger Windzug ließ einige der schwarzen Sandkörner von der Düne rollen, aber ansonsten sah sie überraschend stabil aus. Lilliana zückte ihren Dolch, den sie als Stütze benutzte, um den Sandberg zu erklimmen, denn der Sand rieselte unter den Sohlen ihrer Stiefel hinunter. Nur durch jahrelangem Training auf der Basis konnte sie ihr Gleichgewicht halten. Verwirrt grunzte sie, als sie eine Pause einlegte, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Diese Düne war viel steiler und höher als die restlichen.
Als sie endlich den Gipfel erreichte, war sie komplett schweißgebadet. Schweratmend zog sie ihren Dolch aus dem Sand, steckte ihn zurück in seine Scheide und stützte ihre Hände an ihren Knien ab. Verdammt, wenn sie wieder aufwachte, sollte sie zusehen, dass sie ihr Training wieder aufkam. Wenn sie in diesem Zustand zurück nach Tellus kehrte, würde William sie bis ans Ende ihrer Tage damit aufziehen und ihr bei ihrem nächsten Nagabiss lachend zusehen.
Die Astralebene schien ihre Gedanken erhört zu haben: Als ihre Atmung sich beruhigt hatte und sie aufschaute, entdeckte sie eine kleine Herde von etwa fünf Nagas, die hinter der Düne in parallelen Linien durch den Sand krochen, zu Lillianas Glück in die entgegengesetzte Richtung. Das amethystfarbene Licht, das durch die Risse im Himmel schien, ließ ihre ledernen Schuppen wie Bernsteine in einem schwarzen Meer hervorstechen. Zielstrebig bewegten sie sich auf eine Düne zu, die so weit in der Ferne lag, dass Lilliana nur ihren dunklen Umriss ausmachen konnte.
Gerade, als Lilliana sich abwenden wollte - sie hatte sich offensichtlich die falsche Düne ausgesucht, denn hier schwebte kein mysteriöses Portal in der Luft herum -, ließ eine rasche Bewegung aus dem Augenwinkel sie nach rechts herumfahren.
Sie hielt den Atem an. Ein Naga hatte sich unbemerkt aus der Gruppe gelöst und schlängelte nun mit rasanter Geschwindigkeit auf etwas zu, das sich am Fuß der Düne befand. Instinktiv ließ sie sich flach auf den Boden fallen. Sie befürchtete, dass der Naga sie gesehen haben konnte, doch das lauter werdende Zischen blieb aus. Argwöhnisch krabbelte sie gefährlich nah an den Hang des Berges und was sie dort entdeckte, ließ sie nach Luft schnappen.
Der Naga raste auf eine undichte Stelle zu. Zunächst dachte sie, dass es die Stelle zum Dach gegenüber der Brooklyn High sein könnte, aber diese undichte Stelle war doppelt so groß. Lilliana konnte nicht erkennen, was sich auf der anderen Seite des Portals befand, aber ein violettes Feuer schien darin zu lodern.
Für einen kurzen Moment fragte sich Lilliana, ob die Risse am Himmel ebenfalls undichte Stellen waren, denn genauso sah die Stelle unter ihr aus - wie, als hätte man den Raum in der Luft einfach aufgerissen. Hypnotisiert starrte Lilliana hinunter. Eine Wärme breitete sich in ihrem Inneren aus. Es ging eine seltsame Sogwirkung von der Stelle aus. Sie konnte den Blick nicht abwenden.
Der Naga erreichte die Stelle. Die Schlangenbestie öffnete das Maul, entblößte ihre rasiermesserscharfen Giftzähne und die gezackte Zunge, bevor sie mit einem ruckartigen Sprung durch die Stelle sprang.
Entgeistert sprang Lilliana auf, als sie sah, wie nun auch der Rumpf und der Schwanz der Schlange in den violetten Leuchtball tauchten und verschwanden.
Sie zitterte am ganzen Körper. Und dann tat sie etwas, was sie im Nachhinein sicher bereuen würde: Sie sprang den Abhang hinunter, rutschte durch den rauen Sand, der ihre Kleidung aufschürfte, und rannte dann zu der Stelle, die zwei Meter über den Boden schwebte. Ohne zu zögern, sprang sie mit aller Kraft vom Boden ab und ließ sich von dem Portal hineinsaugen.
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Lilliana wurde zu nichts.
Jegliche Formen und Strukturen lösten sich auf. Sie hätte gerne geschrien, doch es gab nichts, womit sie hätte schreien können.
Ihr Körper war verschwunden. Sie befand sich in einem Strudel aus grell aufblitzenden Lichtblitzen und alles drehte sich so schnell, so schnell, dass Lilliana sich unter normalen Umständen übergeben hätte. Doch sie hatte keinen Magen, keinen Mund, um sich zu übergeben.
In der einen Sekunde war sie komplett schwerelos, in der nächsten wurde sie ruckartig nach hinten gezogen. Es fühlte sich so an, als packte sie eine gigantische Hand an den Schultern und riss sie zurück. Doch wohin?
Sie konnte die Öffnung der undichten Stelle nicht mehr ausmachen, nein, sie befand sich in einem Ozean aus purpurnem Wasser und drohte zu ertrinken.
Es gab kein Oben und Unten, kein Rechts oder Links - nur eine Richtung, von der die Sogwirkung ausging. Will hätte an dieser Stelle sicher von einer Singularität gesprochen.
Ein ohrenbetäubender Klang durchdrang sie. Der Ton ähnelte einem schwingenden Summen und er war anders als alles, was Lilliana in ihrem bisherigen Leben gehört hatte. Dieses Geräusch kam nicht von dieser Welt - oder irgendeiner anderen Welt. Lillianas gesamte Wesen formte sich zu einem O - das, was einem Schrei am nächsten kam.
Und dann wurde sie buchstäblich ausgespuckt.
Lilliana stürzte zu Boden, fiel unsanft zwischen feuchten Ästen auf die Knie.
„Oh Gott, oh Gott, oh Gott", wimmerte sie, als sie sich aufrappelte und mit den zitternden Händen ihren Körper abtastete.
Alles war wieder da. Und sie war völlig unversehrt. Sie führte eine Hand zu ihren Lippen, spürte die Vibration durch ihr Zähneklappern.
„Oh gütiger Himmel, ich lebe", hauchte sie. Es grenzte an einem Wunder, dass sie nicht ihren gesamten Mageninhalt entleerte.
„Verdammt, was habe ich bloß getan?"
Zu allen Seiten ragten dichte Tannenbäume hoch hinauf zu grauen Wolken. Wo war sie? Sie schüttelte den Kopf.
„Bloß nicht in Panik verfallen. Meinem Körper kann auf der Astralebene nichts geschehen. Ich werde jetzt wieder aufwachen"
Sie stieß ein schrilles Lachen aus. Das war ja auch alles verrückt. Sie würde Maria gleich darum bitten, eine Pause von den Astralreisen einlegen zu dürfen. Oh ja, sie brauchte dringend eine Pause.
Instinktiv griff sie nach ihrem linken Handgelenk. Sie stockte. Der Jeansfaden! Sie hatte den verdammten Faden in der schwarzen Wüste weggeworfen. Sie hätte sich wirklich keinen ungünstigeren Zeitpunkt aussuchen können.
„Alles halb so wild. Ich schaff das auch ohne den Faden", murmelte sie unbehaglich und kniff ihre Augen zu.
Nichts.
„Wach auf. Verdammt, warum wachst du nicht auf?"
Lillianas Lippen entwich ein frustrierter Schrei, der die Vögel auf den Tannen erschrocken wegflattern ließ.
„Kein Grund zur Panik", beteuerte sie sich und klang dabei mehr als bloß panisch. „Ich bin nicht mehr in der schwarzen Wüste. Hier gibt es Bäume, echte Bäume! Und der Himmel ist auch nicht lila. Und da oben auf den Ästen saßen gerade noch lebendige Vögel! Ich bin irgendwo auf der Erde, ich muss nur aus diesem Wald hinausgelangen."
Mit neuer Zuversicht taumelte sie durch den Wald, stützte sich an den mit Moos befallenen Baumstämmen ab und wischte die Äste zur Seite, um sich einen Weg hindurchzubannen. Nach einer Weile bemerkte sie, dass die Anzahl der Tannen sich verringerte und nur kurze Zeit später entdeckte sie eine heruntergekommene Holzhütte mit einer verfallenen Terrasse, die von einem hölzernen Zaun umrandet wurde.
„Liebste, bist du es?", erklang plötzlich eine männliche Stimme.
Lilliana blinzelte. Auf der Terrasse war plötzlich ein junger Mann mit tief eingefallenen Wangen und dunklen Schatten unter den Augen aufgetaucht. In seinen Augen tanzte etwas Wildes, das Lilliana augenblicklich zurücktaumeln ließ.
Enttäuschend ließ er den Kopf sinken. „Du bist nicht - "
Lilliana würde nie erfahren, mit wem der junge Mann sie verwechselt hatte. Sie stieß einen lauten Schrei aus, als sie ruckartig nach hinten gezogen wurde und der Wald, die Holzhütte und der Mann in einem Strudel verschwanden.
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Sie befand sich wieder inmitten des violetten Meeres und ertrank. Ihr Körper löste sich in einer blutroten Rauchwolke auf, bevor sich der Rauch wieder verdichtete - und zerfloss. Besser hätte sie es nicht beschreiben können, als dass sie flüssig wurde. Sie hätte in dem Moment alles dafür gegeben, schreien zu können.
Erneut grelle Lichtblitze, als würden Millionen von Sterne in den amethystfarbenen Ozean regnen. Ihr Bewusstsein streckte eine Hand nach den Sternen aus. Plötzlich wurde alles schwarz.
Lilliana öffnete die zusammengekniffenen Augen.
„Ich glaub, ich werde verrückt."
Sie lachte erneut, doch ihr Lachen verwandelte sich schnell in ein jämmerliches Schluchzen. Sie befand sich erneut in einem Wald. Doch die Tannen waren hier durch gewaltige Eichen ersetzt worden.
Sie hatte noch nie so dicke Baumstämme gesehen. Bei genauerem Hinsehen bemerkte sie, dass die Blätter der Eichen unnatürlich gelblich verfärbt waren. Sie runzelte die Stirn, während sie mit einer zitternden Hand die Tränen von ihren Wangen wischte. Die Bäume waren alle am Sterben, als hätte sie jemand vergiftet. Dennoch strömte der Ort eine magische Geborgenheit aus, die im Tannenwald davor, wo alles trist und grau gewesen war, nicht zu finden gewesen war.
Die Sonne am Himmel ging unter und ließ den Wald in einem rötlichen Schimmer leuchten. Lilliana versteifte sich, als sie ein Knistern hörte und daraufhin den Geruch von verbranntem Holz wahrnahm. Irgendwo brannte ein Feuer. Vorsichtig folgte sie dem emporsteigenden Rauch zu einer Lichtung, wo an den Bäumen gelehnt zwei junge Männer und eine junge Frau die Beine auf den mit Moos überdeckten Boden ausstreckten.
Oh ja, sie hatte eindeutig den Verstand verloren.
Denn nicht nur hatte der eine Junge grünes Haar - sie war sich ziemlich sicher, dass es nicht gefärbt war -, sondern die Ohren aller drei verliefen seltsam spitz nach oben.
Das Feuer spiegelte sich in den Augen des anderen Jungen, der schulterlanges rotes Haar hatte, widerte. Fassungslos blinzelte Lilliana. Nein, das Feuer wurde nicht einfach nur widergespiegelt. Dieser Junge hatte keine Pupillen. An ihrer Stelle tanzten scharlachrote Flammen, als wäre das Feuer in seinen Augen gefangen.
Der Rothaarige räusperte sich und reflexartig duckte sich Lilliana hinter einem Baumstamm, um nicht entdeckt zu werde. Vorsichtig lugte sie hinter dem Baum hervor und sah, dass der Junge ein Buch aufgeschlagen hatte.
„Vor langer, langer Zeit ist in Dasma, dem Land der zahlreichen Berge, ein Vulkan ausgebrochen, den wir heute als den Königspalast kennen. Die Legende besagt, dass das ganze Land von flüssigem Feuer bedeckt war. Und obwohl es unmöglich war, entstand in diesem Feuer Leben. Lelaenia, die erste dasmantische Königin, erhob sich aus dem flüssigen Feuer. Da sie so lange eins mit dem Feuer gewesen war, blieben die Flammen in ihren Augen auf ewig bestehen. Lelaenia streckte die Arme aus und sorgte dafür, dass weiteres Leben aus dem glühenden Feuer emporsteigen konnte. Und so sind die Dasmanten entstanden, die bis heute noch immer gegen jegliches Feuer geschützt sind."
Seine tiefe Stimme hatte einen melodischen Klang, der Lilliana wie gefesselt zuhören ließ. Sie hätte dem Jungen nur unglaublich gerne weiter zu gehört, auch wenn sie sich keinen Reim aus seinen Worten machen konnte. Doch plötzlich erzitterte der Boden unter ihren Füßen. Schlagartig drehte sie sich um.
Ein Naga.
Sofort presste sie eine Hand auf ihren Mund, um den Schrei zu unterdrücken, als sie in leuchtende, seltsam geformte Augen sah, die sie neugierig musterten.
Entgeistert ließ sie die Hand fallen. Das hier war kein Naga. Dieses Wesen hatte Flügel.
Oh Gott, erst spitze Feenohren und jetzt ein Drache?
Der Drache, die Lichtung und der Wald lösten sich wie in Luft auf, wie, als hätte jemand eine Seifenblase zerplatzen lassen. Und zurück war der violette Strudel, der sie verschlang.
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Dieses Mal dauerte es jedoch nicht lange, bis sie aus dem Portal gestoßen wurde. Und als sie erneut in einem Wald landete, schlug sie frustriert mit der zusammengeballten Faust in einen naheliegenden Baum.
„Wach auf! Wach endlich auf!"
Sie hatte beim dritten Mal gar kein Interesse mehr daran, die Welt zu erkunden. Das war ihr genug Verrücktes für eine ganze Weile und sie wünschte sich einmal mehr Wills Jeansfaden zurück. Will hätte sie hier herausholen können.
Ein lauter Aufprall ließ sie zusammenzucken. Er ließ die Bäume ringsherum erzittern. Misstrauisch folgte sie dem Geräusch, bis sie einen Pfad zwischen den ganzen Bäumen entdeckte, der zu einem prächtigen Anwesen führte. Der Aufprall war allem Anschein nach von einem Wagen gekommen, der gegen einen Baum gefahren war.
Mit tonlosen Schritten näherte Lilliana sich dem Wagen, darauf bedacht, dicht hinter den Bäumen und Sträuchern zu bleiben, um nicht aufzufallen.
Nur wage konnte sie eine junge Frau, die einige Jahre älter als Lilliana zu sein schien, auf dem Fahrersitz erkennen. Neben ihr saß ein Mann mit schwarzem Haar, der den Kopf in seine Hände vergraben hatte.
Die Frau grinste entschuldigend. „Du kannst mir die Reparaturkosten vom Lohn abziehen", hörte Lilliana sie durch das aufgekurbelte Fenster sagen.
Die Motorhaube war komplett schrott. Lilliana glaubte nicht, dass sich da noch etwas finden ließ, das sich reparieren ließ.
Ihr Beifahrer schenkte ihr ein leichtes, aber aufrichtiges Lächeln. „Keine Sorge, Hardin. Ob du es glaubst oder nicht, selbst die Leute von der Mafia sind versichert."
Und mit diesen Worten verschwanden sie und Lilliana war zurück, verdammt dazu, bis in alle Ewigkeiten in diesem Strudel gefangen zu sein.
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Es war wie in einem Fiebertraum. Sie wirbelte umher, sah grelle Lichtblitze und Dinge, die keinen Sinn machten.
Immer wieder blitzten Silhouetten von Menschen zwischen den Sternen auf, die Lilliana nicht kannte, und sie versuchte ihr Bewusstsein auszuweiten, nach den Menschen zu greifen, doch sie wirbelte viel zu schnell.
Neben den Menschen blitzten auch immer wieder Bilder von einer Klippe auf. Einer Klippe, die ihr nur allzu bekannt vorkam. Die Klippe drehte und krümmte sich und Lilliana wurde zu der Klippe und sie wollte nur, dass es aufhörte. Sie wollte zurück zu Will und der gottverdammte Jeansfaden -
Und dann hörte das Wirbeln wieder auf. Zu ihrer Erleichterung befand sie sich dieses Mal nicht in einem Wald.
Stattdessen landete sie mit wackeligen Beinen in einem einfachen Schlafzimmer. Zunächst dachte Lilliana, dass es sich um Lillys Schlafzimmer handelte aufgrund der zwei Plüschkissen, die auf dem Bett thronten. Doch dann entdeckte sie ein schwarzes Regal, das sich über die ganze Wand erstreckte und gefüllt mit farbenfrohen Büchern war.
Lilliana würde sich am liebsten auf den Boden legen, die Augen schließen und hoffen, dass es vorbei ging. Sie wusste nicht, wann der Strudel sie wieder verschlucken würde, aber sie hatte kein Interesse mehr daran, herauszufinden, wo sie nun war.
Doch dieses Mal war etwas anders. Ein Mädchen saß im Schneidersitz auf dem Bett, die Kapuze ihres Pullovers war hochgezogen und sie blickte konzentriert auf den Bildschirm eines Laptops, das sich auf ihren Schoß befand. Eine golden umrahmte Brille saß auf ihrer Nase und sie umklammerte ein weiteres Plüschkissen.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Es war ein Gefühl, ein Instinkt, der ihr sagte, dass es ihr nicht erlaubt war, auf den Bildschirm des Laptops zu blicken. Aber sie spürte gleichzeitig eine so enge Bindung zu dem Mädchen, als wäre sie ein weiterer Körperteil von ihr.
Langsam näherte Lilliana sich ihr. Das Mädchen schien ihre Anwesenheit nicht wahrzunehmen. Doch dann warf sie das Plüschkissen plötzlich in die Höhe und Lilliana verharrte an Ort und Stelle.
Das Mädchen grinste nun dümmlich vor sich hin. „Ich bin ein Genie", murmelte sie vor sich hin und tippte plötzlich schnell etwas auf der Tastatur.
Lilliana wagte einen weiteren Schritt auf das Mädchen zu, doch das veranlasste das Mädchen bloß dazu, den Laptop ruckartig zuzuklappen.
Wissend lächelte sie nun und Lilliana hielt den Atem an. Sie wusste, dass das Mädchen sie nicht sehen konnte, aber auf irgendeiner Art und Weise wusste sie, dass sich Lilliana im Raum befand.
„Du musst noch einmal in die undichte Stelle, Lilliana. Ich verspreche dir, dass es das letzte Mal sein wird."
Wie aufs Stichwort packte eine überdimensionale Hand Lilliana von hinten und zog sie zurück in den Strudel. Und Lilliana befürchtete, dass es auf ewig so weitergehen würde und sie wusste nicht, wie lange sie das noch aushalten würde. Wie oft ihr Körper sich noch auflösen und wieder zusammensetzen konnte, bevor er einfach aufgab und sie nichts weiter wäre als zermatschter Brei.
Doch sie wollte den Worten des Mädchens Glauben schenken. Es war das letzte Mal. Und wo auch immer die undichte Stelle sie gleich ausspucken würde, sie würde nicht wieder in den Strudel hineingelangen müssen.
Lilliana atmete scharf ein, als sie auf Marmor landete. Mit gerunzelter Stirn rappelte sie sich auf. Rundherum türmten sich Säulen auf, die das gewaltige Gebäude stützten.
Ein Podest war an einem Ende der Halle aufgestellt, über ihm war ein Gemälde, das einen goldenen Vogel abbildete, aufgehängt.
Lilliana sah sich um. Die Halle war menschenleer, doch sie wusste, dass ihre Augen sie täuschten. Sie konnte die Anwesenheit tausender Menschen spüren, doch etwas sagte ihr, dass sie im Moment alle bedeutungslos waren. Und als sie langsam eine Vorahnung beschlich, kristallisierte sich eine junge Kriegerin, komplett in schwarzer Kampfmontur bekleidet, aus der Luft heraus vor ihren Augen. Die Kriegerin blickte wie gebannt zum Podest hoch.
Lillianas Herz setzte einen Schlag aus. Sie rannte auf die Kriegerin zu, keuchte, als sie ihr Spiegelbild betrachtete.
„Lilly!", schrie sie, doch Lilly nahm sie gar nicht wahr, blickte bloß zum Podest hoch und flüsterte jemanden zu ihrer Rechten, den Lilliana nicht erkennen konnte, etwas zu.
Sie schluchzte und keuchte erneut. „Wir werden dich retten, Lilly. Bitte, du musst mir nur antworten. Bitte antworte mir doch!", wimmerte sie.
Nach diesen Worten versteifte sich die Kriegerin. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie um sich.
Lilliana blieb stehen. Hoffnung keimte in ihr auf.
"Lilly!", rief sie erneut.
Doch dann spürte sie eine sich ausbreitende Hitze im Rücken. Angst schnürte ihr die Kehle zu.
„Nein, noch nicht! Ich bin hier noch nicht fertig", bettelte sie verzweifelt, doch schon bald löste sich Lilly vor ihr in Luft auf und Lilliana schrie sich die Seele aus dem Leib, wollte lieber sterben als zurück in den Strudel gesaugt zu werden.
„Will! Hol mich hier raus, Will!"
Die Tränen hinterließen eine heiße Spur auf ihren Wangen, bevor auch diese sich auflösten und alles schwarz wurde.
Schwarz, nicht violett.
Und aus irgendeinem Grund war ihr diese dunkle Leere lieber als die hektischen Wirbel des amethystfarbenen Strudels. Und ihr Bewusstsein gestatte sich einen erleichterten Seufzer - bevor jemand sanft seine Hände auf ihre Schultern legte und sie schüttelte.
„Lilliana! Lilliana, hörst du mich? Ich bin bei dir, Lilliana. Ich hab' dich."
Wie eine Ertrinkende schnappte Lilliana verzweifelt nach Luft, als sie aus der Astralebene erwachte und ihr Bewusstsein zurück in ihren Körper kehrte.
Lilliana erstarrte, als sie das erste Mal seit einer Woche in Wills haselnussfarbene Augen blickte. Dunkle Ringe zierten die Haut unter seinen Augen und seine Haut war ungewöhnlich blass. Verzweiflung und blanke Panik lagen in seinem Blick und noch etwas anderes - eine Sehnsucht, die auch in Lillianas Augen zu sehen war.
Sie atmete schnell und unregelmäßig. Will war ihr so nah, dass sein heißer Atem sich mit ihrem vermischte, was Lillianas Sinne benebelte. Sie war so erschöpft, dass sie am liebsten ihren Kopf auf seine Schulter gelegt hätte. Denn einen Moment lang gab es nur sie beide.
Bis sie bemerkte, dass auch Maria im Raum war. Und alle Erinnerungen prasselten auf sie ein, ließen sie bestürzt zurückweichen.
Ihr Herz brach, als Enttäuschung in Wills Augen auf funkelte. Will wandte sich schnell ab, wich einige Schritte zurück, bis er sich mit den Händen in den Hosentaschen vergraben gegen eine Wand lehnte.
„Lilliana", brach Maria das Schweigen. Sie sah sie so an, als hätte sie sich vor ihren Augen in einen Naga verwandelt.
„Was ist geschehen, Lilliana? Du warst buchstäblich verschwunden!"
Lilliana setzte sich gerade im Sessel auf.
„Verschwunden?"
Was sollte das bedeuten?
Doch dann schüttelte sie den Kopf. Darüber konnten sie auch später sprechen.
Sie blickte zu Will, als sie die folgenden Worte sagte:
„Ich habe Lilly gesehen."
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