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Kapitel 6

Tellus 2019:

„Ich denke, dass dein Zuhause ganz weit weg ist. In einem anderen Universum, um genau zu sein. Denn von dieser Welt kommst du ganz sicher nicht.", erklärte William ihr ganz sachlich, so als sagte er ihr gerade, was es zum Abendbrot geben würde.

Lilly dachte erneut an Wills scherzende Worte, dass sie in einem Paralleluniversum leben würden. Und dass er alles tun würde, um sie davon zu überzeugen. Für einen kurzen Moment erwog Lilly die Möglichkeit, dass Will hinter alldem steckte .Will war immer so ehrgeizig, dass er alle Risiken vergaß, wenn er jemanden von seiner Meinung überzeugen wollte. Aber auch wenn Lilly von Wills Ehrgeiz und seiner Intelligenz begeistert war, glaubte sie dennoch nicht, dass seine Fähigkeiten so weit reichten.

Als Lilly William bloß starr ansah, fuhr er mit einem Räuspern fort: „Du wirst wahrscheinlich zu dem gleichen Entschluss gekommen sein. Offensichtlich kommst du aus New York, aber nicht aus einem New York, in dem wütende Schlangen die Straßen zerstören und Menschen verschlingen. Sondern aus einem New York, in dem SoHo noch existiert."

Lilly war entgeistert über seine Gefasstheit und seiner neutralen Miene. Wie konnte er ihr davon berichten, als gäbe es nichts Üblicheres auf der Welt? „Und in deiner Welt existiert allem Anschein nach eine Kopie von mir, so wie es in meiner Welt eine Kopie von dir gibt." William brauchte nicht weiterzureden, denn Lilly wusste, worauf er hinauswollte. Wenn sie hier war, dann war ihre Kopie -Lilliana - höchst wahrscheinlich in ihrer Welt. Lilly fragte sich, ob Lilliana sich besser schlug als sie es gerade tat.

„Wie kann so etwas passieren?", hauchte sie leise und sah zu William hoch, der die ganze Zeit über ziellos durch das Zimmer gegangen war, nun jedoch beinahe überrascht stehen blieb. „Das ist eine überaus wichtige Frage. Denn wenn wir herausfinden könnten, wie du hier hin gelangt bist, könntest du eventuell auf dem gleichen Weg zurück. Falls es ein Zurück gibt." Den letzten Satz teilte er ihr auch ganz unverblümt mit.

Bestürzt riss Lilly die Augen auf. „Aber keine Sorge, ich werde alles tun, um Lilliana zurückzuholen." Und damit machte er ihr bewusst: William würde ihr helfen, um Lillianas willen. Denn Lilly selbst schien ihn herzlich nur wenig zu kümmern.

„Was ist mit diesem Professor, dem wir vorhin im Flur begegnet sind? Können wir ihn nicht nach Rat fragen?", fragte Lilly hoffnungsvoll, während sie ein Gähnen unterdrücken musste. Seitdem sie von ihrer mordlustigen Mission zurückgekehrt waren, fühlte sich Lilly ganz schlapp. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sich wieder an die gelben Schlangenaugen erinnerte, die sie hungrig angestarrt hatten. Mit blankem Entsetzen stellte Lilly fest, dass sie heute um eine Haaresbreite dem Tod entwischt war. Sie bezweifelte, dass sie es noch einen Tag auf diesem Planeten - der ein dunkleres Spiegelbild der Erde zu sein schien - überleben würde.

„Professor Burrows ist ein brillanter und von mir sehr geschätzter Wissenschaftler. Und ich vertraue ihm voll und ganz. Wem ich jedoch nicht vertraue, ist der Regierung. Und zu unserem Pech arbeitet der Professor für die Regierung." In seiner Stimme klang aufrichtige Faszination und Bewunderung für den Professor.

Mit hochgezogener Augenbraue sah Lilly ihn an. „Tust du das denn nicht auch? Für die Regierung arbeiten, meine ich."

Schmunzelnd zwinkerte er ihr zu. „Da hast du recht, das tue ich. Aber jede Regierung kann doch einen getarnten Rebellen vertragen."

Zum ersten Mal an diesem Tag grinste Lilly und ignorierte für einen Augenblick den Ernst der Lage zusammen mit William, dessen Grinsen sich jedoch genauso schnell verflüchtigte wie es gekommen war.

„Wir sollten es fürs Erste unterlassen, irgendjemandem von diesem ganzen Vorfall zu erzählen und im Geheimen nach Informationen suchen. Ich kann für nichts mehr garantieren, sobald unsere Vorgesetzten dich in die Finger kriegen." Lilly schluckte und nickte. „Und ich habe auch schon eine Idee."

Neugierig sah sie ihn an. „Nun ja, wir wissen nicht, wie du in dieses Zimmer gelangt bist. Aber eventuell wissen es die zahlreichen Überwachungskameras, die sich im Flur in jeder Ecke befinden." Ermutigt sprang Lilly vom Bett auf und schmiedete mit William den erfolgsversprechenden, aber doch riskanten Plan.

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Lautlos verließ William Lillianas Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nachdem er mit Lilly den verheißungsvollen Plan für die heutige Nacht erstellt hatte, war Lilly relativ schnell eingeschlafen. Die Begegnung mit dem Naga am Morgen und Tellus selbst schienen sie komplett entkräftet zu haben, sodass ihr irgendwann mit dem Kopf gegen die Wand gelehnt die Augen zufielen und sie in einen tiefen Schlaf fiel. So tief, dass sie auch dann nicht aufwachte, als William ihr nach einigem Zögern die schweren Stiefeln von den Füßen zog und ihren Kopf vorsichtig auf das dünne Kissen legte. William konnte nicht verhindern, dass er danach noch einen kurzen Moment wie erstarrt stehen geblieben war und die dunklen Wimpern betrachtet hatte, die ruhig auf Lilly Wangen lagen. Lilly machte einen so friedlichen und unbeschwerten Eindruck, dass er sich fragte, aus was für einer Welt sie entrissen wurde. Er konnte von dieser Welt bloß träumen.

Möglichst unauffällig überprüfte er den Flur und atmete kaum merklich aus, als er keine einzige Uniform in dem langen, grell leuchtenden Gang entdeckte. Die meisten Einheiten schienen noch auf Mission zu sein. William hoffte stark, dass ihr Verschwinden niemandem aufgefallen war und dass seine Teamkollegen Nour und Jiang keine weiteren Fragen stellten.

Zügig eilte er in sein Zimmer, das sich direkt neben Lillianas befand, und verriegelte die Tür. Völlig überfordert fuhr er sich durch das Gesicht und lehnte sich an die Tür, an der er langsam hinunterrutschte. Wenn Lilly bloß wüsste, dass er absolut keinen Schimmer hatte, wie er ihr helfen konnte, eine Lösung zu finden. Und dass die Lage eventuell ernster war als sie zu erhoffen mochten. William konnte sich gar nicht vorstellen, was für Mächte hinter all dem steckten

Beunruhigt dachte er an Lilliana und hoffte, dass es ihr gut ginge. Wer wusste es schon? Vielleicht fand Lilliana ja einen Weg zurück. Zumindest würde er das seiner Freundin, die manchmal noch sturer als er selbst sein konnte, zutrauen.

Plötzlich ertönte ein leises Klopfen an seiner Tür. Einen Moment lang hielt William inne, doch als es erneut klopfte, richtete er sich schnell und setzte seine gewohnte ausdruckslose Miene auf, während er die Tür öffnete. Vor ihm stand ein schmächtiger Junge mit kurz geschorenen Haaren und Alltagskleidung. Jasper.

Manchmal konnte William nicht glauben, dass Jasper schon mindestens 16 Jahre alt war, denn das war das Alter, in dem Jugendliche auf Tellus in eine Basis einberufen wurden. Aufgrund seines kindlichen Aussehens bestürzte William die Vorstellung, dass Jasper genau wie alle anderen Soldaten auf Patrouille ging und Nagas bekämpfte. Doch sollte man den Jungen nicht unterschätzen. So ist Jasper mehr oder weniger unter den Kriegern dieser Basis bekannt dafür, dass er jedem mit entsprechender Gegenleistung alles besorgen konnte, was man sich auch erträumte.

„Jasper." William nickte ihm zu. Der Junge griff nach seiner inneren Jackentasche und holte eine kleine schwarze Tube hervor, die er William wortlos reichte. Dankend nahm er sie entgegen und betrachtete die eingefallenen Wangen des Jungen, die ihn kränklich aussehen ließen. „Ich will das Übliche.", sagte Jasper. William nickte. „Ich werde mich darum kümmern." Zufrieden machte Jasper sich aus dem Staub und verschwand aus Williams Blickfeld.

William verstaute die Tube in der Jackentasche seiner Montur und blickte kurz auf die digitale Uhr an seinem Handgelenk. Gut, es war noch genug Zeit. Mehr als genug Zeit, wie er verblüfft feststellte, denn die Zeit schien relativ langsam verlaufen zu sein. Mit gemächlichen Schritten schlenderte er den Gang entlang und fuhr mit dem Aufzug in den ersten Stockwerk zur Krankenstation, mit der Hoffnung, Professor Burrows aufzufinden. Doch abgesehen von einigen verletzten Soldaten, die in den Liegebetten bewusstlos schliefen oder schmerzerfüllt stöhnten, und den Sanitätern, die rasch hin und her rannten, war weit und breit niemand zu sehen. Verwirrt ging er zum Labor des Professors, das sich gegenüber der Krankenstation befand, doch auch diese Tür war verschlossen.

Ein wenig enttäuscht ging William den ganzen Weg zurück. Es war nicht weiter verwunderlich, dass Burrows nicht auf der Basis war. Schließlich pendelte er immer hin und her, arbeitete mal hier, mal dort. Professor Burrows war quasi ein Held auf Tellus. Zumindest wurde er von allen Soldaten hoch geschätzt angesichts seiner zahlreichen Erfolge bei der Erforschung der Nagas und der verseuchten Luft. Seit Jahrzehnten widmete er sich außerdem zusammen mit einigen anderen Wissenschaftlern der interstellaren Forschung, um einen zweiten Planeten für die Menschheit zu finden und um so der Apokalypse, die auf Tellus herrschte, zu entkommen. Auch wenn er noch nicht fündig geworden war, hatte William nichts als aufrichtige Bewunderung für den Professor übrig, mit dem er oft und gerne leidenschaftliche Gespräche über seine Forschungsarbeiten führte.

Und genau aus diesen Gründen hatte William geplant, den Professor aufzusuchen und nach Rat zu fragen. Selbstverständlich ohne ihm von den genauen Vorfällen mit Lilly oder seinen Vermutungen zu erzählen. Stattdessen hatte William geplant, ihn möglichst unauffällig über die Existenz von Paralleluniversen und kosmischen Reisen auszufragen. Offensichtlich musste er das jedoch nun verschieben.

Als William in den breiten Aufzug stieg, erschreckte er sich fast, als er Nour und Jiang begegnete. „Barret?" Nour sah ihn überrascht und verwirrt zugleich an.

„Drückt sich da jemand vor der Arbeit?", fragte Jiang grinsend, doch auch ihm merkte man seine Verwirrung an. Verdammt, wie konnte es sein, dass eine ganze Stunde vergangen war, seitdem er Lillianas Zimmer verlassen hatte? Hatte er sich mit der Uhrzeit verguckt?

Betont gleichgültig blickte er in die verschwitzten Gesichter seiner Teamkollegen. Ihre Uniformen waren blutverschmiert und es hatte sich eine leichte Staubschicht auf ihnen gelegt. „Sieht ja nach einem erfolgreichen Arbeitstag aus.", bemerkte William und deutete auf ihre verschmutzten Monturen und ging somit gekonnt nicht auf Jiangs aufziehende Frage ein.

„Wenn du bloß wüsstest! Während ich sicherlich den Großteil der Nagas dieses Bezirks erdolcht habe, hat Jiang wieder mal Däumchen gedreht.", erzählte Nour ihm eifrig und sichtlich stolz, während Jiangs Oberarm wieder einmal einen Fausthieb ertragen musste.

Empört rieb sich Jiang seinen schmerzenden Oberarm. „Ich habe nicht Däumchen gedreht! Mein Schuh ist zwischen zwei Ziegelsteinen stecken geblieben. Ich kann doch nichts dafür, dass du mir keinen Naga mehr weit und breit übrig gelassen hattest, nachdem ich mich befreien konnte!", verteidigte sich Jiang und verfiel in eine ausgiebige Diskussion mit Nour.

William nutzte dies aus, indem er unbemerkt im Gang verschwand, als der Aufzug anhielt. Das war knapp, dachte er sich, während er entschlossen zu Lillianas Zimmer schritt. Vorsichtig drückte er die Türklinge hinunter mit der Erwartung, dass sie noch schlief, doch Lilly stand bereits vor der Tür und zuckte zusammen, als sie fast gegeneinander prallten.

„Entschuldige.", murmelte Lilly leicht beschämt und rieb sich die verschlafenen Augen. Sie hatte das Gefühl, stundenlang geschlafen zu haben, stundenlang immer wieder von riesigen Schlangen in ihren Träumen gejagt zu werden. Überall, wo sie hingesehen hatte, starrten ihr gelbe Schlangenaugen entgegen. Kurz bevor William den Raum betreten hatte, hatte sich Lilly im kleinen Badezimmer, das mit Lillianas Zimmer verknüpft war, übergeben, verursacht durch die furchterregenden Albträume. Lilly fühlte sich genauso reisekrank wie als sie in jungen Jahren mit ihren Eltern nach Island geflogen war. Der Flug hatte sechs Stunden gedauert und aufgrund ihrer Flugangst waren die sechs Stunden stets die Hölle für Lilly gewesen. Doch diese Hölle hatte sie jedes Jahr bereitwillig in Kauf genommen, weil sie gewusst hatte, dass daraufhin die schönste Zeit des Jahres gefolgt hatte.

Doch anscheinend hatte sie nur eine Stunde geschlafen, wie Lilly verwirrt feststellte, als sie auf die Uhr an ihrer Montur blickte. Etwas verlegen bemerkte sie dann, dass William sie wahrscheinlich auf das Kissen gelegt und ihre Stiefel abgenommen hatte, um diese dann sorgfältig neben das Bettgestell zu stellen, was unerwartet zuvorkommend von ihm war.

Räuspernd griff William nach seiner Jackentasche und reichte ihr eine schwarze Tube. „Schwarze Haarfarbe", erklärte William ihr. „So müssen wir uns keine Sorgen mehr machen, dass dich jemand erkennen könnte. Selbstverständlich kann ich dir auch eine Perücke besorgen, wenn dir das lieber ist.", fügte er hinzu.

Seit der Middle School färbte sich Lilly die Haare regelmäßig in den verschiedensten Farben. Von rot bis blau - Lilly war der festen Überzeugung, dass es keine Haarfarbe gab, die sie noch nicht ausprobiert hatte. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie ihr Vater sich an seinem Kaffee verschluckt hatte, als sie eines Tages mit neongrünen Haaren von der Schule gekommen war. Doch auch wenn sie ihm hatte ansehen können, dass er nicht viel von der Farbe gehalten hatte, hatte er ihr liebevoll zugelächelt und ihr gesagt, dass sie fantastisch aussah. Bedrückt dachte Lilly an ihren Vater und hoffte sehr, dass sie zurück sein konnte, bevor ihm ihr Verschwinden auffallen würde.

„Nein, das ist schon in Ordnung.", entgegnete Lilly ein wenig überfordert. Sie hatte sich noch nie die Haare selbst gefärbt. Meistens hatte dies der Friseur in der Nachbarschaft getan. „Keine Sorge, ich werde dir helfen.", versicherte ihr William und deutete auf die Badezimmertür.

Etwas unsicher stand Lilly nun im Badezimmer und sah William, der dicht hinter ihr stand und kritisch ihre Haare begutachtete, mit großen Augen im Spiegel an und verfolgte jede seiner Bewegungen. Neugierig betrachtete sie die streng zusammengebundenen kaffeebraunen Locken, die hervorstechenden hohen Wangenknochen und die diagonal verlaufende Narbe, die sich durch seine rechte Augenbraue zog.

Lilly fragte sich, wie er sich diese wohl zugezogen hatte, doch sie unterließ es, ihn darauf anzusprechen. In Gedanken stellte sie sich seinen fassungslosen Gesichtsausdruck vor, wenn sie ihm sagte ‚Hey, wir kennen uns nicht sonderlich gut. Also irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Ich meine, ich kenne die Namen deiner Eltern und ich weiß, wann du Geburtstag hast , aber das war es auch. Wie dem auch sei - warum hast du da eigentlich eine Narbe quer durch deine Augenbraue?'

Die kalte Flüssigkeit auf ihrer Kopfhaut schreckte sie aus dieser imaginären peinlichen Situation. Konzentriert auf die Unterlippe beißend nahm William einen Haarstreifen nach dem anderen in die Hand und beschmierte ihn sorgfältig mit der dunklen Farbe.

„Die Erde scheint wesentlich angenehmer zu sein, wenn es dort keine Nagas gibt und du ohne Schutzausrüstung nach draußen kannst.", unterbrach William die Stille und blickte ihr durch den Spiegel kurz in die Augen.

Leicht lachend nickte Lilly. „Das kannst du dir gar nicht vorstellen.", antwortete sie ihm, doch William blieb ernst. „Nein, das kann ich wirklich nicht." Bestürzt blickte Lilly zu ihm. „Das geht hier schon weitaus länger als ich lebe. Ich habe nie eine heile Welt kennengelernt.", erklärte William ihr anschließend. In seinem Tonfall war keine Emotion zu erkennen. Lilly versuchte sich einen kleinen William vorzustellen, der niemals hatte frische Sommerluft einatmen können, gefangen zwischen vier Wänden sein ganzes Leben lang.

Mitfühlend senkte sie den Kopf. „Das tut mir leid.", sagte sie leise. William nickte nur kurz als Antwort, während er weiterhin konzentriert ihre Haare mit der dunklen Flüssigkeit bestrich. „Erzähl mir von deiner Welt. Erzähl mir von der Erde.", forderte er sie überraschend sanft auf.

„Nun ja, in meiner Welt existiert SoHo noch, sowie alle anderen Stadtteile und -viertel auch. Soldaten in meinem Alter kenne ich keine, da die meisten aufs College gehen. In meiner Welt gibt es keine riesigen Schlangen und du benötigst auch keine Schutzausrüstung, um nach draußen gehen zu können. Auf der Erde genießen die Menschen dafür andere Probleme als hier auf Tellus."

Betrübt dachte Lilly dabei an Kriege, den Klimawandel, soziale Ungleichheit. Vielleicht gab es auf der Erde keine Nagas. Vielleicht waren die Nagas in den Menschen drin, tief in ihnen verwurzelt.

Kurz blickte William ihr durch den Spiegel in die Augen, hakte jedoch nicht weiter nach. Ein wenig verlegen räusperte Lilly sich, während sie überrascht dabei zu sah, wie ihre pfirsichfarbenen Haare sich allmählich verdunkelten. „Tellus muss doch auch sicher schöne Seiten haben. Irgendetwas, das die Menschen am Leben hält.", fragte sie mit einem hoffnungsvollen Ton in der Stimme. Vielleicht entsprang diese Frage auch ihrer Naivität, die sie aufgrund ihres vergleichsweise unbeschwerten Lebens genießen konnte. Doch sie wollte einfach nicht glauben, dass die Menschen auf Tellus die Hoffnung aufgegeben hatten. Sie wollte nicht glauben, dass William die Hoffnung aufgegeben hatte. Und irgendetwas sagte ihr, dass er dies nicht getan hatte. Denn wie William selbst ihr versichert hatte war er ein getarnter Rebell. Ein Rebell, dessen Inneres zu brodeln schien, bereit, jede Zeit zu handeln.

William senkte die Lider, sodass seine dunklen Wimpern einen dichten Kranz bildeten. Seine Mundwinkel zuckten kaum merklich in die Höhe. „Es gibt einige unter uns, die die Hoffnung aufgegeben haben. Die passiv den Befehlen von oben nachkommen wie Automaten. Komplett ferngesteuert und ohne jeglichen freien Willen. Und dann gibt es diejenigen, die durch die höllenähnlichen Umstände buchstäblich in den Wahnsinn getrieben wurden." Bei diesen Worten spannte sich sein Unterkiefer wütend an, doch zu Lillys Überraschung fuhr er mit sanften und vorsichtigen Bewegungen mit der Färbung ihrer Haare fort.

„Ich möchte jedoch glauben, dass die sich meisten Menschen einen Grund suchen, für den sie bereit sind zu überleben.", fügte William hinzu. Plötzlich ließ er von ihren Haaren ab und stellte sich nun direkt vor Lilly. Es fehlten nur noch die vorderen Haarsträhnen, die noch nicht ihre dunkle Naturfarbe angenommen hatten. Bedächtig setzte William sein Werk fort, während Lilly ihm gefesselt dabei zu sah, indem sie ihren Kopf in den Nacken legte.

„Was ist dein Grund? Dein Grund zu überleben, meine ich.", fragte Lilly so leise, dass sie befürchtete, William habe sie nicht gehört. Dabei sah sie gebannt zu, wie sich eine Locke aus seinem festen Dutt löste und ihm in die Stirn fiel.

Schlagartig hielt William inne und sah ihr nun direkt in die Augen, wobei Lilly ein wenig schwindelig wurde. Nun begann William regelrecht zu grinsen. „Wenn du es schaffst, lange genug in dieser Hölle festzustecken, werde ich dir meinen Grund zeigen.", antwortete er ihr mit einem Schmunzeln, woraufhin er sich ruckartig von ihr abwandte, um die Farbe von seinen Händen zu waschen. „Wir sind fertig, du musst dir die Haare nur noch waschen." Die Hand auf der Türklinge setzend drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Willkommen auf Tellus, Lilliana.", sagte er grinsend und deutete auf ihre Haare, bevor er das Badezimmer verließ.

Kritisch blickte Lilly in den Spiegel. Es waren nun Jahre vergangen, seitdem sie sich das letzte Mal mit ihrer Naturhaarfarbe gesehen hatte und sie hatte das Gefühl, eine andere Person im Spiegel zu sehen. Sah so etwa Lilliana aus? Die Vorstellung, dass irgendwo in einer anderen Welt eine Version von ihr existierte, die eine völlig andere Persönlichkeit und offensichtlich ein anderes Leben führte, überforderte Lilly gänzlich.

Automatisch griff sie nach dem Achat ihrer Halskette. Und dann hielt sie einen Moment inne. Vielleicht hatte Lilliana nicht nur eine andere Persönlichkeit. Vielleicht hatte Lilliana auch noch eine lebende Mutter. Ihr Herz schlug kräftig gegen ihre Brust bei der Vorstellung, dass irgendwo auf dieser Welt ihre Mutter herumstolzieren könnte, lebendig und stark wie eh und je. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und ein Ruck fuhr durch Lilly. Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie noch auf Tellus verbringen würde, aber vielleicht blieb ihr genug Zeit, um Informationen über den Stand ihrer Mutter zu erfahren. Und wenn sie lebte, dann würde Lilly alles auf der Welt tun, um sie zu finden und sie aus dieser Hölle zu schleppen. Sie würde ihre Mutter retten, weil sie es das letzte Mal nicht tun konnte. Dieses neu gewonnene Ziel gab ihr die nötige Willenskraft, sodass sie mit erhobenem Kinn aus dem Bad schritt, bereit, den Plan mit William auszuführen.

„Die Kantine dient nicht nur der Nahrungsversorgung der Soldaten auf der Basis. Hier werden auch täglich die Krieger durchgezählt, die Offiziere halten Ansprachen über neue Ereignisse wie Katastrophen oder Beschlüsse der Regierung. Außerdem erteilen unsere Vorgesetzten uns Befehle und hängen einmal im Monat die Pläne aus, die uns mitteilen, in welchem Bereich wir eingesetzt werden.", erklärte William ihr flüchtig, während sie zügig den langen Gang hinunter eilten und mit dem Fahrstuhl ins unterste Stockwerk fuhren.

William hatte Lilly mit einem undefinierbaren Ausdruck angesehen, als er ihre schwarzen Haare erblickt hatte. Ihren neuen Aufzug ließ er unkommentiert, stattdessen hatte er ihr bedeutsam gemacht, dass sie keine Zeit mehr hätten und in die Kantine eilen sollten. Zugegeben war Lilly mehr als nur ein wenig nervös. Sie befürchtete, dass sie trotz ihrer neuen Haarfarbe auffliegen würde. Vor allem bereiteten die Offiziere und Vorgesetzten, von denen William sprach, ihr Angst und Sorge.

Hastig wischte sich Lilly die verschwitzten Hände an ihrer Montur ab. „Welche Einsatzbereiche gibt es denn?", fragte sie dann, um sich von ihrer Nervosität abzulenken. Doch ehe William ihr antworten konnte, erreichten sie schon die Kantine, die sich als gigantischer Saal herausstellte. Lilly fiel die Kinnlade hinunter, als sie die tausenden von Soldaten erblickte, die sich um die langen, horizontal verlaufenden Tische bückten, die sich über den ganzen Raum erstreckten. Das laute Stimmgewirr ließ keinen anderen Ton zu ihr durchdringen, sodass William sie anstupsen musste, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Er beugte sich dicht zu ihrem Ohr. „Siehst du du den Mann mit den kurz geschorenen Haaren und der Brille da oben?", raunte er ihr zu und deutete auf die eingezäunte balkonartige Loge auf der anderen Seite des Saals, auf dem sich der eben genannte Mann befand, der sich mit zusammengezogenen Augenbrauen mit einer älteren Frau unterhielt. Als Lilly langsam nickte, fuhr William fort: „Das ist unser Offizier Denton. Er ist für diese Basis zuständig, unser Chef sozusagen." An Williams missfälligen Tonfall erkannte Lilly, dass er nicht viel von Denton zu halten schien, was sie ihm nicht verübeln konnte: Er machte einen wirklich furchteinflößenden Eindruck auf sie.

Zielstrebig lief William auf einen Tisch am Rande des Saals zu, wo Lilly Nour und Jiang ausmachen konnte, die sich beide leidenschaftlich auf das Essen stürzten, das ihnen auf zahlreichen Tellern auf dem Tisch verteilt serviert wurden.

„Lilliana! Hast du deine Haare geschnitten?", fragte Jiang sie neugierig mit vollem Mund. Während Lilly und William ihnen gegenüber Platz nahmen, nickte Lilly und versuchte dabei ihre Verwirrung ihr nicht anmerken zu lassen. Jetzt, da sie zwar noch ihre Montur, nicht aber den Helm, der nur das Gesicht zu erkennen gab, trugen, konnte Lilly auch Jiangs zurück gegelten schwarzen Haare und Nours dunklen Hijab erkennen.

„Nour" William nickte Nour zu, die von ihrem Teller aufblickte und William erst jetzt wahrzunehmen schien. Er beugte sich zu ihr und setzte ein charmantes Lächeln auf. „Du würdest mir doch sicher einen Gefallen tun, nicht wahr?" Mit hochgezogener Augenbraue sah Nour ihn an, während sie weiterhin im Stillen aß.

Lachend mischte sich Jiang dazwischen. „Hast den kleinen Jasper wieder etwas besorgen lassen, was?" Trotz seines Lachen bemerkte Lilly, dass Williams Nähe zu Nour Jiang mächtig störte. Auch William begann nun zu essen und würdigte Jiang keinen Blick. „Kannst du dafür sorgen, dass Jasper beim nächsten Los nicht in Bezirk 6 eingesetzt wird?"

Theatralisch seufzte Nour. „In Ordnung. Aber du bist mir etwas schuldig, Barret!", erwiderte sie sichtlich genervt. Bestätigend nickte William und widmete sich nun seinem Essen voll und ganz zu, was Lilly ihm gleich tat. Beinahe nostalgisch dachte sie dabei an Onkel Joe's Mandelcroissants. Und an Will. Will, der garantiert wüsste, was zu tun war, der sie mit seiner überdurchschnittlichen Intelligenz retten würde, wenn er nur hier wäre. Bedrückt dachte sie an ihren Freund, was William zu bemerken schien, denn er sah sie fragend an.

Ein ohrenbetäubendes Klirren, das im ganzen Saal ertönte und von den hohen steinigen Mauerwänden widerhallte, ließ Lilly aufschrecken. Alle Köpfe drehten sich automatisch zur Loge, wo der Offizier nun zu den Soldaten gewandt stand. Er richtete das Mikrofon, das er in der Hand hielt und sah in die Runde.

„Soldaten." Er legte eine kurze Pause ein und nickte ihnen zu. „Krieger und Kriegerinnen der Dritten Basis New Yorks. Die Zählung beginnt in Kürze, deshalb bitte ich euch, sitzen zu bleiben bis der Scanner jeden Soldaten erfasst hat." Seine Stimme war kühl und schneidend.

Es erstaunte Lilly, wie ein so großer Raum mit tausenden von Soldaten so ruckartig zu einem Ort der Stille werden konnte. „Gleich strahlt ein roter Scanner von oben auf jede einzelne Person. Er zählt nicht nur die Anzahl der Soldaten und überprüft sie auf ihre Vollständigkeit. Gleichzeitig wird jedes Gesicht und somit die DNS jeder Person erfasst, um sicherzustellen, dass sich keine blinden Passagiere unter uns befinden.", murmelte William ihr so leise zu, dass Lilly ihn fast nicht gehört hatte. Dabei blieb er vollkommen regungslos.

Lilly spürte den Angstschweiß ihre Stirn hinunterfließen. Was ist, wenn der Scanner sie nicht als Lilliana erkannte? Würden sie nun auffliegen? Sie konnte sich gar nicht ausmalen, was Offizier Denton mit ihr anstellen würde. Wie erstarrt ballte sie ihre Hände zu Fäusten, sodass sich ihre Nägel schmerzhaft in ihre Handflächen bohrten. Ein roter Lichtstrahl lief über die Köpfe der Soldaten und blinkte jedes Mal grün auf, wenn die Person vom Scanner erkannt wurde. Als der Lichtstrahl sich ihr näherte, hielt sie den Atem an und bemühte sich um eine ausdruckslose Miene. Jetzt war es so weit. Jetzt würde sie ertappt werden.

Plötzlich legte William seine raue Hand auf ihren Handrücken unter dem Tisch. Kaum merklich atmete Lilly aus. Sein Blick war weiterhin starr nach vorne gerichtet, doch seine Hand drückte ihre zuversichtlich. Der Scanner blinkte grün über Williams Kopf auf. Nun war sie dran. Fest drückte sie Williams Hand, als der Scanner sie erfasste und ihre Welt rot erschienen ließ.

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Wird der Scanner Lilly als Lilliana wahrnehmen? ;) Das nächste Kapitel spielt sich wieder auf der Erde ab!

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