🔱Einundfünfzig🔱
Taehyung
Gedankenverloren beobachte ich Jungkook dabei, wie er mit schwungvollen Bewegungen eine lange Linie über die noch etwas kahle Backsteinwand zieht, in einer hellen, türkisen Farbe. Er hat gefragt, ob ich heute wieder Zeit habe, um mit ihm zu sprayen und wie könnte ich da nein sagen? Er hat mir nicht verraten, was er machen will, so wie immer und ich komme nicht umhin, mich zu fragen, was es diesmal für ein Motiv sein wird, dass er kreieren wird.
Er ist kein Künstler, der immer wieder etwas ähnliches schafft, nein, er nimmt völlig unterschiedliche Dinge; einmal Musik, ein andermal ein Tier, dann wieder ein Wort und ich bin jedes Mal überrascht von dem Motiv, dass schlussendlich an einer Wand prangt. Er hat Talent, das sieht man und dazu hat er auch noch seine Leidenschaft, die ihn wohl schon jahrelang antreibt. Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, den es so glücklich macht, zu zeichnen. Er liebt was er tut, jede Sekunde lang und er ist mit seinem ganzen Herzen dabei. Und das schätze ich.
Ich lehne mich mit einem leisen Seufzen etwas zurück, indem ich meine Hände hinter mir auf dem Asphalt abstütze, auf den ich mich kurzerhand gesetzt habe, während Jungkook begonnen hat, zu sprayen und sehe den jungen Studenten weiterhin aufmerksam an. "Was machst du diesmal?", will ich von ihm wissen und durchbreche mit meiner Frage die Stille, welche sich zwischen uns ausgebreitet hat, wenn man von den Geräuschen der Spraydose absieht. Jungkook hält für einen Augenblick inne und dreht sich dann so, dass er über die Schulter zu mir blicken kann. Der Dunkelhaarige schenkt mir ein breites, verschmitztes Grinsen, bevor er unschuldig mit den Schultern zuckt. "Das siehst du, wenn es fertig ist", erwidert er beinahe feixend und ich verdrehe die Augen, im Versuch, so zu tun, als ob mich diese Antwort nerven würde. Was meine Aktion allerdings Lügen straft, ist das sanfte, leise Lachen, dass mir dabei über die Lippen kommt. "Nervensäge", erwidere ich dennoch, was Jungkook nur noch mit einem süssen Lachen quittiert, bevor er sich wieder an die Arbeit macht. "Geduld ist eine Tugend", höre ich ihn sagen und blase daraufhin die Backen auf, ehe ich mich gänzlich nach hinten lehne und mich komplett auf den harten Asphalt lege und nach oben in den wolkenverhangenen, dunklen Himmel schaue, ohne auf seine kleine Provokation etwas zu erwidern. Wenn er es mir nicht erzählen will, wird er das auch nicht tun; wenn ich eines in den letzten Wochen, die ich mit ihm verbracht habe, gelernt habe, dann das.
Wieder verfallen wir in Schweigen und ich nehme nur meine Atemzüge und das zischende Geräusch der Spraydose in Jungkooks Hand wahr, wenn er sie benutzt, doch ich habe nicht das Bedürfnis daran gross etwas zu ändern. Ich bin schlecht darin, Worte zu benutzen. Viel besser kann ich mit Bildern oder Aktionen zum Ausdruck bringen, was ich eigentlich sagen will und es scheint auch jedes Mal funktioniert zu haben, zum Beispiel gerade erst vorgestern, als ich Jungkook geküsst habe.
Mir wird warm, als ich daran zurückdenke und mich an das breite, atemlose Lächeln erinnere, dass seine roten Lippen geziert hat, als ich ihm gesagt habe, dass ich niemanden küssen würde, den ich nicht liebe. Diese kleine, so simple Geste, hat mir wiederum Steine vom Herzen fallen lassen, denn sie hat mir gesagt, dass ich nicht der Einzige bin, der so fühlt, selbst wenn ich das schon stark vermutet habe, als er mir erst seine Frage gestellt hat.
Er hat so glücklich ausgesehen und ich habe mich gefragt, wie es geschehen konnte, dass ich von Hass zu Liebe gekommen bin, Jungkook gegenüber. Ich wollte erst gar nichts mit ihm zutun haben, jeder Kontakt war mir zuwider und jetzt freue ich mich über jede Sekunde, die ich mit ihm verbringen kann.
Was meine Eltern wohl dazu sagen würden? Sie wären sicherlich zufrieden mit Jungkooks sozialem Status; er ist reich, er hat Geld und Einfluss - zumindest seine Eltern - doch andererseits ist er ein Junge. Ich glaube nicht, dass diese beiden Menschen das akzeptiert hätten. Nie im Leben.
Dass ihr Sohn etwas mit einem anderen Mann anfängt, würde niemals in Frage kommen, auf keinen Fall. Mein Vater würde mich vermutlich umbringen und meine Mutter würde mich sicherlich auch gleich enterben, ehe sie mich zwingen würden, mit ihm Schluss zu machen, so gut kenne ich sie.
"Tae?", reisst mich dann die Stimme meines Freundes aus meinen düsteren Gedanken und sorgt dafür, dass ich den Kopf etwas anhebe, und zu ihm schaue. Jungkook hat sich zu mir umgedreht und mustert mich kritisch. "Ich brauche deine Hilfe", meint er und beisst sich dann unsicher auf der Unterlippe herum. Mit einem Ächzen rapple ich mich langsam wieder auf und gehe zu ihm hinüber, stelle mich dicht hinter ihn und schlinge meine Arme um seinen Oberkörper, woraufhin er leicht lacht und sich wie automatisch an meine Brust lehnt. "Was ist los?", will ich wissen, doch er zuckt nur mit den Schultern.
"Irgendetwas gefällt mir daran nicht", erwidert er seufzend und ich lasse meinen Blick prüfend über das angefangene Motiv wandern. Es ist grösser, als die letzten, die er gemacht hat, locker gezeichnet und ich verstehe nicht, was er daran nicht schön findet. Aber das ist wohl mit jedem Künstler so; alle anderen finden seine Werke atemberaubend und er selbst kann nichts mit ihnen anfangen.
Ich brumme leise und festige meinen Griff um seinen Oberkörper, bevor ich mein Gesicht kurzerhand an seinem Hals vergrabe und seinen Geruch tief einatme. Das ist wohl das, was ich am Meisten an einer Beziehung mag; dass ich die Nähe zu der Person suchen darf, die ich liebe, ohne Angst haben zu müssen, dass sie mich weg stösst. Ich spüre, wie Jungkook sich kurz anspannt, bevor er mit einem kleinen Lachen wieder lockerer wird. "Was machst du da? Ich brauche eine Antwort auf meine Frage."
Ich grinse gegen die empfindliche Haut an seinem Hals und zucke nur mit den Schultern, selbst wenn er das nicht sehen kann, bevor ich einen sanften Kuss auf ebendiese blasse Haut hauche und merke, wie er in meinen Armen erschaudert. Kurzerhand drücke ich ihm auch noch einen zweiten Kuss in den Nacken und lege mein Kinn dann auf seiner Schulter ab, um wieder zu seinem Graffiti sehen zu können. "Ich versteh dein Problem nicht", erwidere ich simpel, "Was ist daran schlecht? Was gefällt dir nicht? Ich mag es bislang. Mach dich selbst nicht so fertig, Jungkook, es wird gut werden, ich weiss das."
"Woher willst du sowas wissen?", erwidert er nur kritisch und ich kann nicht anders, als empört zu schnauben und ihn dann los zu lassen mit einem Arm, damit ich ihm in die Seite piksen kann, was dem Dunkelhaarigen einen überraschten Laut entlockt. "Du stellst mich tatsächlich in Frage?", gebe ich zurück und lasse es mir nicht nehmen, ihn dann wieder festzuhalten und erneut ein paar Küsse an seinem Hals zu verteilen, wobei ich ihn leise seufzen hören kann. "Ich weiss es, weil ich sehe, wie sehr du es liebst, zu sprayen. Solange du mit ganzem Herzen dabei bist, wird es immer ein Meisterwerk werden."
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