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KAPITEL 15

Es war unangenehm still im Raum geworden, nachdem sie sich nach dem Kampf wieder eingeschlossen hatten. Jeder einzelne war erschöpft. Man hörte nur schweres Atmen, vereinzeltes Husten und das leise Rascheln von Stoff, wenn sich jemand bewegte. Die Luft roch nach Regen, Blut und Schweiß. Selbst die Wände wirkten, als hätten sie die Anspannung aufgesogen.

Dahlia lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und versuchte, wieder ruhig zu atmen. Erst jetzt bemerkte sie, wie sehr ihr Körper schmerzte. Jeder Muskel brannte und ihre Hände zitterten noch leicht vom Adrenalin.

„Denen haben wir's aber gezeigt", sagte Kai schließlich und durchbrach die bedrückende Stille.

Ares nickte nur erschöpft, während Violet noch halb an ihn gekuschelt saß. Selbst sie wirkte vollkommen ausgelaugt.

„Hat jemand Wasser?", fragte Dahlia leise und hustete kurz danach.

Fast sofort wurde ihr eine Wasserflasche hingehalten. Dahlia griff automatisch danach und blickte auf.

Hades.

Er war aufgestanden, ohne dass sie es überhaupt bemerkt hatte. Sein Gesicht blieb wie immer emotionslos, doch trotzdem hatte er ihr wortlos das Wasser gegeben. Dahlia nahm die Flasche entgegen und nickte leicht.

„Danke."

Hades antwortete nicht darauf. Er setzte sich lediglich wieder ihr gegenüber auf den Boden, als wäre nichts gewesen.

Dahlia öffnete die Flasche langsam und nahm einen Schluck. Währenddessen schlich sich ein unangenehmer Gedanke in ihren Kopf. Vielleicht war er doch nicht so schlimm, wie sie dachte. Vielleicht meinte er seine Entschuldigung wirklich ernst. Immerhin hatte sein Team ihnen geholfen. Ohne sie hätten sie diesen Kampf wahrscheinlich nicht überlebt.

„Ich bin übrigens Asher", sagte plötzlich der Typ, der sie sonst immer genervt hatte.

Dahlia hob leicht den Blick.

„Ich weiß."

Ein kleines erschöpftes Lächeln erschien auf ihren Lippen, verschwand jedoch fast sofort wieder. Sie hatte schlicht keine Kraft mehr dafür.

Asher schnaubte leise. „Dachte ich mir." Kurz herrschte wieder Stille, bevor sein Blick ernster wurde.

„Du hättest vorhin nicht kämpfen müssen."

Dahlia zog leicht die Augenbrauen hoch.

„Doch."

Sie nahm einen weiteren Schluck Wasser und blickte dann kurz in die Runde. Zu Violet, Dorothy und Liliana. Danach wanderte ihr Blick weiter zu Kai, Atila und den anderen.

„Ihr gehört jetzt irgendwie auch zur Familie."

Der Satz ließ mehrere für einen Moment schweigen.

Asher drehte langsam den Kopf zu Hades, der regungslos auf dem Boden saß. Sobald Hades den Blick bemerkte, sah er emotionslos zurück.

Doch innerlich störte ihn genau dieser Satz mehr, als er sollte.

Familie.

Eine Frau, die auf seinem Niveau kämpfen konnte, gefiel ihm nicht. Es machte ihn aggressiv. Selbst nachdem Dahlia ihm das Leben gerettet hatte, wollte ein Teil von ihm seinen Plan immer noch durchziehen. Vielleicht gerade deswegen.

Denn sie brachte etwas in ihm durcheinander, das er lieber zerstören wollte, bevor es wachsen konnte.

„Werden wir uns eine neue Bleibe suchen?", fragte Dorothy leise. Sie klammerte sich noch immer leicht an Liliana, als hätte sie Angst, dass alles wieder von vorne beginnen könnte.

Atila legte den Kopf schief. „Ja, Kleines. Müssen wir wohl." Sein Blick wanderte erst zu Hades, dann zu Ares.

Beide nickten leicht.

Niemand hatte noch genug Energie für lange Gespräche. Also beschlossen sie, wach zu bleiben, bis die Sonne aufging und sie weiterziehen konnten. Kurz hatten sie gehofft, dass sie länger beim Praterstern bleiben könnten. Dort gab es Essen, Geschäfte und genug Dinge zum Überleben.

Doch diese Hoffnung war jetzt endgültig verschwunden.

Der Morgen brach langsam an. Die Geräusche der Kreaturen verstummten wieder, doch draußen regnete es noch immer. Gegen neun Uhr begannen sie ihre Sachen zusammenzupacken und nach ungefähr dreißig Minuten waren alle fertig.

Ares ging voran und öffnete vorsichtig die Tür. Sofort spannten sich mehrere Körper an.

Doch draußen wartete nichts auf sie.

Keine Kreaturen.

Nur schwarzes Blut und dunkle Flecken auf dem Boden, als wären die Wesen einfach geschmolzen.

Ares blickte kurz zu Hades.

„Frag nicht", sagte er trocken.

Kai mischte sich direkt ein. „Wir haben die Theorie, dass die Kreaturen keine Sonne vertragen."

Ares nickte nur leicht.

Gemeinsam machten sie sich wieder auf den Weg entlang der Donau. Als sie bei der Vorgartenstraße ankamen, wanderten die Blicke von Dahlia, Ares, Liliana, Violet und Dorothy automatisch zu ihrem alten Arbeitsplatz.

BLOOM.

Keiner sagte etwas.

Keiner verzog eine Miene.

Die Zeit zum Trauern hatten sie längst verloren.

Das riesige blaue Ding mitten auf der Kreuzung war bereits genug Sorge für ein ganzes Leben.

Nach einiger Zeit schlug Dahlia vor, erneut zur Mariahilfer Straße zu gehen und ein Waffengeschäft aufzusuchen. Überraschenderweise stimmten alle sofort zu.

Mehr als zwei Stunden später kamen sie schließlich an.

Ares verschwand direkt mit einigen der Männer im Waffengeschäft. Kai drehte sich währenddessen zu Dorothy.

„Willst du mitkommen?", fragte er und deutete auf einen Süßigkeitenladen.

Dorothy zog sofort eine Augenbraue hoch.

„Seh ich aus wie ein Kind?"

Kai hob verwirrt beide Hände. „Oh. So meinte ich das nicht."

„Dachte ich mir."

Dann ging sie einfach Richtung Geschäft. Kai musste sich ein Lachen verkneifen und folgte ihr schließlich trotzdem, damit sie nicht alleine war.

Violet und Ares verschwanden gemeinsam in einem anderen Laden. Dahlia konnte sich denken, warum.

„In zwei Stunden treffen wir uns wieder hier, okay?", sagte sie noch kurz in die Runde.

Alle nickten zustimmend.

Liliana verschwand mit Atila in einem Kleidungsgeschäft. Der Arme durfte sich wahrscheinlich die nächsten zwei Stunden anhören, wie langweilig die Welt ohne Instagram Reels geworden war. Und trotzdem hörte er ihr aufmerksam zu, auch wenn er sich Mühe gab, es nicht zu offensichtlich wirken zu lassen.

Dahlia machte sich währenddessen auf den Weg in den Müller und bemerkte zunächst nicht, dass Hades ihr folgte.

Sie schlenderte langsam durch die Gänge und begann alles einzusammeln, was irgendwie nützlich sein könnte. Snacks, Kaugummis, Medikamente und Hygieneartikel. Schließlich nahm sie einen Einkaufswagen, weil ihre Arme langsam voll wurden.

Nach kurzem Überlegen ging sie direkt in die Frauenabteilung und packte Binden, Tampons, Feuchttücher und Duschzeug ein. Danach nahm sie sogar Sachen für die Männer mit.

„Männer haben es echt leicht", murmelte sie leise vor sich hin und betrachtete das Drei-in-Eins-Shampoo.

„Denkst du?"

Die raue Stimme ließ ihr Herz für einen Moment aussetzen.

Doch äußerlich blieb sie ruhig.

„Ja", antwortete sie gelassen und drehte sich langsam zu Hades um. „Das denke ich."

Hades beobachtete sie schweigend.

„Was soll ich noch holen?", fragte Dahlia schließlich.

„Snacks vielleicht?"

Sie zog eine Braue hoch. „Ich hab Snacks geholt."

Hades blickte in den Wagen.

„Das sind Haferdinger. Das ist kein Snack."

Dann griff er einfach nach einer Packung Schokobons und legte sie in den Einkaufswagen.

„Das ist ein Snack."

Dahlia musste ungewollt leicht grinsen.

„Okay."

Danach landeten plötzlich deutlich mehr ungesunde Sachen im Wagen.

Schließlich gingen sie weiter zur Parfümabteilung. Dahlia ließ sich Zeit, probierte verschiedene Düfte aus und sprühte hier und da Tester in die Luft.

Hades war irgendwann verschwunden.

Zumindest dachte sie das.

Dahlia blieb schließlich bei Miss Dior stehen und sprühte etwas auf ihren Hals. Gerade wollte sie weitergehen, als plötzlich eine tiefe Stimme direkt hinter ihr erklang.

„Ich mag den Geruch."

Dahlia erstarrte leicht.

Hades stand viel zu nah hinter ihr. Sein Gesicht war direkt an ihrem Hals, als würde er den Duft erneut einatmen wollen. Sein Atem strich warm über ihre Haut und augenblicklich zog Dahlia scharf die Luft ein.

Ihr Herz begann sofort schneller zu schlagen.

„Was soll das?", fragte sie schärfer als beabsichtigt und legte automatisch ihre Hand an die Stelle an ihrem Hals, an der sie seinen Atem gespürt hatte.

Hades trat langsam wieder zurück.

„Ich hab alles."

Wieder dieser monotone Tonfall. Diese ruhige, kalte Stimme, als wäre gerade überhaupt nichts passiert.

„Lass gehen."

Dahlia nickte nur und schob den Einkaufswagen langsam aus dem Geschäft. Doch ihr Herz beruhigte sich viel zu lange nicht mehr.

Und genau das machte sie wütend.

Am Abend suchten sie sich mehrere Büroräume in einem verlassenen Gebäude. Sie zogen die Jalousien herunter, klebten zusätzlich Kartons davor und verdunkelten alles mit schweren Vorhängen.

Danach setzten sie sich gemeinsam im Kreis auf den Boden. Das Essen lag bereits ausgepackt in der Mitte, damit nachts keine unnötigen Geräusche entstanden.

Chips waren verboten worden.

Zu laut.

Die meisten hatten sich mittlerweile umgezogen. Dahlia ebenfalls. Langsam übermannte die Müdigkeit die Gruppe. Liliana lehnte sich irgendwann an Dorothy und beide schliefen ein. Violet lag eng an Ares gekuschelt.

Dahlia versuchte noch so lange wie möglich wach zu bleiben. Sie zog ihre Beine an sich und kämpfte gegen die Müdigkeit an.

Vergeblich.

Irgendwann schlief auch sie ein.

Als Dahlia ihre Augen wieder öffnete, brauchte sie einige Sekunden, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen.

Dann bemerkte sie die blauen Augen, die sie bereits beobachteten.

Sie zog leicht eine Augenbraue hoch.

„Warum bist du wach?"

Ihre leise Stimme durchschnitt die Stille.

Hades zuckte nur leicht mit den Schultern.

„Ich schlafe fast nie."

Wieder diese tiefe, raue Stimme.

„Du brauchst aber Kraft", murmelte Dahlia verschlafen.

„Ich hab genug Kraft."

Er unterbrach sie sofort.

„Hmmmm."

Die provokante Reaktion ließ Hades leicht die Augen verengen.

„Was soll das bedeuten?"

Dahlia musste leise lachen.

„Ich mach Spaß."

Für einen kurzen Moment herrschte Stille.

Dann erschien plötzlich tatsächlich ein kleines Grinsen auf Hades' Gesicht.

„Ich weiß."

Und kurz darauf lachte er leise auf.

Dahlia hörte augenblicklich auf zu lachen und sah ihn überrascht an.

„Du solltest öfter lachen."

Hades hob leicht eine Augenbraue.

„Denkst du wirklich?"

Sein Ton war sarkastisch, aber das leichte Grinsen verschwand nicht ganz.

„Geht schlafen, man", kam es plötzlich genervt von Atila, der verschlafen zwischen Dahlia und Hades hin und her blickte.

„Ihr seid echt nicht auszuhalten", beschwerte sich nun auch Kai.

Doch statt genervt zu reagieren, grinsten Dahlia und Hades sich einfach nur an.

Denn Dahlia wusste in diesem Moment noch nicht, dass das alles erst der Anfang war.

Und Hades verlor nur sehr ungern.

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