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KAPITEL 20
Hades zog Dahlia sofort vom Fenster weg. Seine Hand legte sich fest um ihren Arm und drückte sie ohne zu zögern zur Seite.
„Weg vom Fenster", sagte er bestimmt.
Obwohl sämtliche Fenster mit Kartons und Vorhängen abgedunkelt worden waren, gab es kleine Spalten zwischen den Klebestreifen. Und genau durch diese winzigen Öffnungen hatte die Kreatur anscheinend gesehen.
Oder gespürt.
Hades' Blick blieb angespannt auf die dunkle Gestalt draußen gerichtet. Irgendetwas an diesem Wesen fühlte sich falsch an. Nicht nur wegen seiner Größe oder diesem widerlichen Geräusch, das es von sich gab.
Nein.
Es war dieses Gefühl, beobachtet zu werden.
Als würde das Ding jedem einzelnen gleichzeitig direkt in die Seele blicken.
Dahlia spürte noch immer seinen festen Griff an ihrem Arm, während draußen langsam wieder Ruhe einkehrte. Das gewaltige Beben hörte allmählich auf und die Kreatur schleppte sich weiter durch die leeren Straßen Wiens.
Kaelian trat langsam näher ans Fenster, blieb diesmal aber mit genügend Abstand stehen.
„Das war eine Warnung, oder?"
Eigentlich beantwortete sich die Frage von selbst.
Jeder im Raum wusste sofort, dass dieses Ding nicht zufällig aufgetaucht war.
„Es wollte gesehen werden", sagte Dahlia schließlich leise und blickte zu Hades hoch. „Es wollte, dass wir wissen, dass es existiert."
Ihre Stimme blieb ruhig, doch ihre Hände zitterten leicht vom Adrenalin.
„Und dass wir vorsichtig sein müssen", fügte sie hinzu.
Kaelians Blick wanderte kurz zu Hades' Hand, die noch immer Dahlias Arm umfasste. Für einen Moment sah er erst Dahlia an, dann Hades.
Hades bemerkte den Blick natürlich.
Doch er ließ Dahlia trotzdem nicht los.
Erst als sie selbst seinen Griff langsam von ihrem Arm schob, trat er einen Schritt zurück.
„Was machen wir jetzt?", fragte Dahlia ernst.
Sie hatte gerade keine Geduld für irgendwelche Spielchen.
Ihr einziger Gedanke galt ihren Freunden.
Ares' Gesichtsausdruck war ebenfalls angespannt. Selbst er wirkte nervös, obwohl er sonst immer versuchte ruhig zu bleiben. Atila fluchte leise vor sich hin und fuhr sich frustriert durchs Haar.
„Scheiße", murmelte er gereizt. „Dieses Ding war direkt in meinem Kopf."
Man hörte die Wut in seiner Stimme. Nicht aus Trotz, sondern aus Angst.
das machte die Situation noch schlimmer.
Denn wenn sogar Atila Angst hatte, bedeutete das nichts Gutes.
Ares blickte schweigend durch den Raum. Die Gesichter der anderen waren voller Panik und Erschöpfung.
Selbst Violet sah blass aus.
„Fuck", brachte Ares schließlich hervor und fuhr sich über das Gesicht.
Asher trat langsam nach vorne und sah direkt zu Hades.
„Was machen wir jetzt?"
Hades antwortete nicht sofort. Sein Blick lag noch immer kurz auf dem Fenster.
„Das Ding hat uns gesehen", sagte er schließlich mit rauer Stimme.
Im Raum wurde es still.
„Wir ziehen morgen weiter. Jetzt rauszugehen wäre Selbstmord."
Niemand widersprach ihm.
Nicht einmal Dahlia.
Denn sie wusste, dass er recht hatte.
Diese Kreatur hatte genau das erreicht, was sie wollte.
Sie hatte Angst gesät.
Und plötzlich stellte sich jeder dieselbe Frage:
Wie intelligent musste so ein Wesen sein, um Menschen bewusst einzuschüchtern?
„Und wohin sollen wir überhaupt?", fragte Violet leise und deutete nervös Richtung Fenster. „Wenn das Ding uns sucht?"
Zum ersten Mal seit Langem wirkte Dahlia wirklich verzweifelt.
Nicht wegen sich selbst.
Sondern wegen der Menschen, die sie liebte.
Sie wusste plötzlich nicht mehr, wie sie alle beschützen sollte.
Ares bemerkte sofort ihren Blick und trat etwas näher zu ihr.
„Ich stimme Hades zu", sagte er ruhig in die Runde. „Wir ruhen uns aus und verschwinden direkt morgen früh."
Zustimmendes Nicken ging durch den Raum.
Die meisten hielten sich automatisch so weit wie möglich vom Fenster entfernt.
Dahlia griff schließlich nach ihren Katanas und stellte sich wieder in die Nähe der Tür.
„Ich halte Wache."
Niemand diskutierte darüber.
Mittlerweile wussten alle, wer ihre stärksten Kämpfer waren.
Dahlia.
Hades.
Ares.
Violet.
Kaelian.
Atila.
„Ich bleibe auch wach", sagte Hades plötzlich.
Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt.
„Wir wechseln uns später ab."
Er sagte es direkt zu den anderen, bevor überhaupt jemand widersprechen konnte.
Die meisten nickten einfach.
Nur Dahlia sagte nichts mehr dazu.
⸻
Es war längst mitten in der Nacht geworden.
Eigentlich hätten sie schon vor Stunden tauschen sollen, doch weder Dahlia noch Hades hatten jemanden geweckt. Die anderen schliefen erschöpft zwischen den Betten, während draußen erneut dieses widerliche Kreischen der Kreaturen erklang.
Dahlia saß auf einem alten Sessel neben dem Badezimmer und starrte schweigend Richtung Fenster.
Hades saß einige Meter entfernt an der Wand gelehnt und beobachtete den Raum.
Dahlia versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass ohne ihn vorhin vielleicht alles eskaliert wäre.
„Ich dachte, wir wechseln uns ab."
Kaelians Stimme durchschnitt plötzlich die Stille.
Dahlia hob kurz den Blick.
„Kaelian, geh wieder schlafen."
Ihre Stimme klang müde.
Er ignorierte die Antwort und blieb einfach stehen.
„Wir hätten vor vier Stunden wechseln sollen."
„Dann setz dich halt leise dazu", murmelte Dahlia genervt. „Sonst weckst du die anderen."
Doch ihr Blick blieb weiterhin auf das Fenster gerichtet.
Sie hatte diese innere Unruhe noch immer nicht loswerden können.
Das Gefühl, als die Kreatur sie angesehen hatte, saß noch immer tief in ihr.
Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen.
Und diesmal lag es nicht nur an ihrer Periode.
Dahlia stand schließlich auf, griff nach einer kleinen Tasche und verschwand kurz im Badezimmer.
Dabei vergaß sie die Tür zu schließen.
Sie nahm schnell die Schmerztabletten ein, damit niemand das Geräusch der Verpackung hörte.
Sicher war sicher.
Kurz darauf öffnete sich die Tür leise.
Kaelian trat hinein.
„Was ist los? Schmerzen?"
Dahlia schloss genervt kurz die Augen.
„Du stellst echt viele Fragen."
Sie drückte ihn leicht zur Seite und ging wieder hinaus.
„Ich hab meine Periode", erklärte sie trocken und setzte sich zurück auf den Sessel. „Die Apokalypse stoppt leider nicht alles."
Kaelian nickte langsam.
Dann meinte er vollkommen ernst:
„Weißt du, dass Sex angeblich gegen Schmerzen hilft?"
Dahlia hob langsam eine Augenbraue.
„Du bist mutig für jemanden, der neben zwei Katanas sitzt."
Was die beiden nicht bemerkten:
Mittlerweile waren Atila, Kai und Asher wach geworden.
„Oh wow", kommentierte Kai nur trocken.
Atila fing sofort an zu lachen.
„Respekt."
Doch sein Grinsen verschwand abrupt, als er Hades' Gesichtsausdruck bemerkte.
Der Blick in seinen eisblauen Augen war finster geworden.
Sehr finster.
Dahlia hingegen hatte keine Lust auf Diskussionen.
Kaelian war ihr im Moment vollkommen egal.
Als sie schließlich den Kopf drehte, trafen sich plötzlich ihre Blicke mit denen von Hades.
Und wieder sagte keiner von beiden etwas.
Die anderen unterhielten sich mittlerweile lachend miteinander, weil sowieso fast alle wach geworden waren. Langsam begann draußen die Sonne aufzugehen.
Doch zwischen Hades und Dahlia herrschte völlige Stille.
Eine gefährliche Stille.
Hades wusste mittlerweile genau, wie er Dahlia aus dem Konzept bringen konnte.
Deshalb ließ er seinen Blick langsam von ihren Augen zu ihren Lippen wandern.
Und blieb dort.
Absichtlich.
Dahlia bemerkte sofort, was er tat.
Langsam zog sie eine Augenbraue hoch.
Natürlich wusste sie ganz genau, welches Spiel er gerade spielte.
Als sich ihre Blicke wieder trafen, leckte Dahlia sich langsam provokant über die Lippen und sah anschließend einfach wieder weg.
Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte Hades überrascht.
Dann fing er sich wieder.
Ein kaum sichtbares Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
Er begann langsam wirklich Gefallen daran zu finden.
Bei Dahlia sah das Ganze allerdings anders aus.
Kaum hatte sie den Kopf weggedreht, verdrehte sie genervt die Augen.
Der Typ hatte wirklich nichts Besseres zu tun, als mitten in der Apokalypse Spielchen mit ihr zu treiben.
Besonders jetzt, wo sie von riesigen Kreaturen gejagt wurden.
Na super.
...
Aber vielleicht war ein kleines bisschen Ablenkung in dieser kaputten Welt gar nicht das Schlechteste.
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