21
Kapitel 21
Als die letzten Taschen gepackt waren und die ersten Sonnenstrahlen zwischen den verlassenen Gebäuden hervorkrochen, setzte sich die Gruppe schweigend in Bewegung. Niemand sprach aus, was alle dachten. Sie brauchten einen Ort ohne Fenster. Einen Ort, an dem die Kreaturen sie nachts nicht sehen konnten.
Allein die Erinnerung an die Nacht zuvor ließ jedem einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
Die Straßen Wiens wirkten mittlerweile wie ein leerer Körper ohne Seele. Autos standen verlassen mitten auf den Straßen, manche Türen noch offen, als hätten ihre Besitzer einfach aufgegeben und wären davongerannt. Der Wind zog durch die Gassen und trug dieses widerliche Kreischen mit sich — weit entfernt, aber trotzdem nah genug, damit sich Dahlias Magen zusammenzog.
„Es gibt hier gar nichts", beschwerte sich Asher genervt, nachdem sie bereits über zwei Stunden unterwegs waren.
Dahlia warf ihm einen trockenen Blick zu. „Wein leiser."
Normalerweise hätte jemand darüber gelacht. Heute nicht.
Nicht mal ihre schlechte Laune wegen ihrer Periode machte sie so anstrengend wie Asher.
Die Gruppe lief wie immer in Formation. Ganz vorne gingen Atila, Ares, Violet und Kai. In der Mitte die anderen mit den Taschen. Und hinten...
Hades. Kaelian. Dahlia.
Natürlich.
Dahlia hasste es. Niemand hatte sie gefragt, ob sie damit einverstanden war.
Die Männer in der Mitte schleppten sämtliche Rucksäcke. Kai und Atila hatten den Jungs praktisch befohlen, auch die Taschen von Liliana und Dorothy zu tragen. Falls etwas passierte, mussten die Leute vorne und hinten sofort kämpfen können.
Kaelian sah sich neugierig um. „Wo gehen wir überhaupt hin?"
Dahlia schloss kurz die Augen, als müsste sie ihre Geduld zusammensammeln. „Du wirst es sehen, wenn wir da sind."
Ihre gereizte Stimmung war mittlerweile kaum noch zu übersehen.
Kaelian grinste trotzdem. „Das Angebot mit dem Sex steht übrigens noch."
Dahlia blieb abrupt stehen.
Klatsch.
Ihre Nackenschelle hallte überraschend laut durch die leere Straße.
„Hör auf mit dem Scheiß."
„War doch nur Spaß, Bunny."
„Ich find's nicht lustig."
Ihre Stimme war ruhig.
Kaelian hob sofort ergeben beide Hände. „Okay, okay."
Danach wurde es still.
Selbst Kaelian verstand langsam, dass Dahlia heute jeden ohne Zögern in die Donau werfen würde.
Mit jeder Minute wurde die Atmosphäre schwerer. Das entfernte Kreischen der Kreaturen tauchte immer wieder zwischen den Gebäuden auf. Einmal vibrierte sogar leicht der Boden unter ihren Füßen.
Alle blieben sofort stehen.
Stille.
Keiner wagte zu atmen.
Dann hörte es wieder auf.
„Scheiße...", murmelte Dorothy leise.
Hades hob langsam den Blick zu den Dächern der Gebäude. Seine Hand lag bereits locker am Griff seiner Waffe. Seine Augen wirkten vollkommen ruhig, aber Dahlia bemerkte die minimale Spannung in seinem Kiefer.
Er war angespannt.
Und wenn selbst Hades angespannt war, bedeutete das nichts Gutes.
Nach weiterer Zeit erreichten sie schließlich den Handelskai. Vor ihnen ragte das verlassene Einkaufszentrum auf.
Das Millennium.
Die automatischen Türen funktionierten längst nicht mehr. Kai und Ares schoben sie mit Gewalt auseinander, während ein dumpfes Echo durch die Eingangshalle hallte.
Dahlia bekam sofort eine Gänsehaut.
Zu laut.
Viel zu laut.
Sie gingen tiefer hinein, suchten die unteren Bereiche ab und fanden schließlich einen großen Lagerraum im Keller. Keine Fenster. Dicke Wände. Abschließbare Türen.
Perfekt.
Die Taschen landeten auf dem Boden.
„Wir sollten Essen holen", sagte Dorothy vorsichtig.
„Wir ganz sicher nicht", entgegnete Dahlia sofort. „Ihr bleibt hier. Ich geh."
„Ich komm mit."
Kaelian.
Noch bevor Dahlia reagieren konnte, unterbrach Atila kalt: „Du bleibst hier."
Kaelian runzelte die Stirn. „Warum?"
„Du bist neu", sagte Hades ruhig.
Seine Stimme war tief und emotionslos, trotzdem lag etwas darin, das Kaelian sofort verstand.
Keine Diskussion.
Kaelian lehnte sich grinsend zurück. „Verstehe."
Das Grinsen verschwand trotzdem nicht aus seinem Gesicht.
Atila beobachtete ihn irritiert. Was stimmt mit dem Typen eigentlich nicht?
Dahlia verdrehte nur die Augen und ging los.
Die anderen richteten währenddessen den Raum her, sammelten Decken, Kissen und alles, was irgendwie nützlich aussah. Unter der Erde fühlte es sich zumindest etwas sicherer an.
Etwas.
Dahlia lief gerade durch die verlassenen Gänge des Einkaufszentrums, als sie plötzlich stehen blieb.
Ein Blumenladen.
Oder das, was davon übrig war.
Langsam trat sie näher.
Die Blumen waren verwelkt. Dunkel geworden. Zerfallen.
Als hätte man ihnen jede einzelne Spur Leben brutal entrissen.
Dahlia strich vorsichtig über eine vertrocknete Lilie. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen.
„Ihr wart mal wunderschön", flüsterte sie leise.
„Ja. Wart ihr."
Die Stimme hinter ihr ließ sie nicht einmal zusammenzucken.
Hades.
Natürlich.
Dahlia schloss kurz genervt die Augen. „Hab ich dir nicht gesagt, du sollst in eine andere Richtung gehen?"
„Nein."
Sie lachte trocken auf. „Stimmt. Ich hab deine Existenz erfolgreich ignoriert."
Langsam drehte sie sich zu ihm um.
Sein Blick traf ihren sofort.
Diese blauen Augen machten sie wahnsinnig.
Nicht weil sie schön waren.
Sondern weil sie nie etwas verrieten.
„Dann sag ich's dir jetzt", meinte Dahlia kühl. „Geh woanders hin."
Hades bewegte sich keinen Zentimeter.
Zwischen ihnen lag diese gefährliche Spannung, die mittlerweile kaum noch auszuhalten war. Selbst jetzt. Selbst mitten im Weltuntergang.
„Verpasst du mir noch eine?" fragte er ruhig.
Dahlia verschränkte die Arme. „Würde ich wirklich gern."
Ein kaum sichtbares Grinsen erschien auf seinen Lippen.
„Sprechen gerade deine Hormone für dich?"
Dahlia starrte ihn an.
Sie wusste nicht, warum genau diese Provokation sie traf, aber plötzlich war die ganze aufgestaute Wut wieder da.
„Sag mal, ist das alles ein Spiel für dich?" Ihre Stimme wurde schärfer. „Was willst du eigentlich von mir, Hades?"
Er antwortete nicht sofort.
Dahlia schüttelte frustriert den Kopf. „Wir haben wichtigere Probleme als deine kranken Spielchen."
Sie drehte sich um und ging Richtung Supermarkt.
Hades folgte ihr einfach.
Natürlich tat er das.
„Weißt du was?"
Dahlia blieb abrupt stehen. Hades stoppte direkt hinter ihr.
Sie drehte den Kopf leicht über die Schulter. „Du kannst deinen Plan vergessen."
Zum ersten Mal erstarrte Hades minimal.
Nur für eine Sekunde.
Aber Dahlia bemerkte es.
„Ich weiß Bescheid", sagte sie leise. „Und egal, was du versuchst... ich werde keine Angst vor dir haben."
Ihre Augen trafen seine.
Direkt.
Unnachgiebig.
„Und deine Idee, mit meinen Gefühlen zu spielen?" Ihre Stimme wurde kälter. „Vergiss es. Das Einzige, was ich für dich empfinde, ist Ekel."
Danach ging sie weiter.
Hades blieb einen Moment stehen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich etwas in ihm... unangenehm an.
Er wusste nicht, ob es Wut war.
Oder ob Dahlia langsam anfing, gefährlich für ihn zu werden.
Denn egal wie sehr er versuchte, sie zu brechen —
sie sah ihn nie mit Angst an.
_____
Als sie später mit Essen zurückkehrten, war der Lagerraum bereits vorbereitet. Mehrere Schichten Decken lagen auf dem Boden, dazu Kissen und ein paar kleine Lampen.
Die weißen Wände wirkten trostlos.
Aber sicher.
Zumindest hofften sie das.
„Du solltest schlafen", sagte Liliana vorsichtig.
Violet nickte sofort. „Bitte."
„Ich kann nicht."
„Dahlia", begann Ares erschöpft, „du bist seit über vierundzwanzig Stunden wach."
„Und langsam gefährdest du damit das Team", sagte Hades trocken.
Dahlia warf ihm einen tödlichen Blick zu.
Trotzdem legte sie sich hin.
Vielleicht nur, damit endlich Ruhe war.
Irgendwann gewann die Erschöpfung.
Später wurde sie plötzlich wach.
Ein dumpfes, schleifendes Geräusch hallte durch die Dunkelheit.
Dahlia riss die Augen auf.
Sofort schlug Panik in ihr hoch.
Alles war dunkel.
Still.
Nur das entfernte Kreischen der Kreaturen war zu hören.
Und das tiefe, langsame Kratzen irgendwo über ihnen.
Als würde etwas durch das Einkaufszentrum laufen.
Dahlia setzte sich abrupt auf.
Ihr Atem ging schneller.
„Scheiße..."
Für einen Moment fühlte sie sich wieder komplett allein.
Dann ertönte eine verschlafene Stimme neben ihr.
„Komm her."
Kaelian.
Dahlia zögerte keine Sekunde.
Sie legte sich neben ihn, und Kaelian hob automatisch den Arm, damit sie sich an ihn lehnen konnte. Sein Körper war warm. Ruhig.
Sicher.
Kaelian verstand mittlerweile, dass Dahlia nachts manchmal Panik bekam, auch wenn sie es nie zugab.
„Warum bist du eigentlich hier?" fragte sie leise gegen seine Brust.
Kaelian sah auf sie hinunter. Ihre Augen wirkten müde. Verletzlich.
Ganz anders als tagsüber.
„Ein Freund hat mich geschickt", antwortete er ehrlich.
Dahlia runzelte leicht die Stirn. „Wie meinst du das?"
Unbewusst kuschelte sie sich näher an ihn.
Kaelians Arm zog sich etwas fester um sie.
„Er sucht seine Freunde", erklärte er ruhig. „Ich wollte helfen."
Dahlia hörte schweigend zu.
„Wir haben uns bei der Suche verloren. Danach bin ich alleine herumgelaufen... bis ich im Hotel gelandet bin."
„War bestimmt schlimm."
Kaelian lachte leise. „Ich hatte Todesangst."
Zum ersten Mal klang seine Stimme nicht verspielt.
Nicht flirtend.
Sondern ehrlich.
„Ich dachte wirklich, ich bin allein."
Dahlia hob leicht den Kopf und sah ihn an.
„Dann hattest du Pech und hast uns gefunden."
Kaelian grinste schwach. „Vor allem dich."
Dahlia lachte leise auf.
„Wir kennen uns nicht mal zwei Tage und trotzdem gehst du mir schon auf die Nerven."
„Das muss man erst mal schaffen."
„Leider ja."
Beide lachten leise weiter.
Und genau das hörte Hades.
Er lag nur wenige Meter entfernt.
Die Augen geöffnet.
Regungslos.
Er beobachtete, wie Dahlia auf Kaelian lag. Wie sie lachte. Wie entspannt sie bei ihm wirkte.
Etwas zog sich unangenehm in seiner Brust zusammen.
Dieses Gefühl war hässlich.
Schlimmer als Wut.
Schlimmer als Hass.
Denn Hades erkannte es nicht sofort.
Oder er wollte es nicht zugeben.
Eifersucht.
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