▫▪Kapitel 10▪▫
TAEHYUNG
So sehr ich das frühe Aufstehen auch verabscheute, für meine Arbeit musste ich es beinahe jeden Morgen tun. Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, eine Tasse Kaffee genügte meist, damit ich zumindest bis zur ersten Kaffeepause erfolgreich durchhielt und einige produktive Arbeiten leisten konnte. Auch das Autofahren war kein nennenswertes Problem, um diese Uhrzeit war es in den Straßen Seouls für die Verhältnisse einer Großstadt überraschend menschenarm. Zudem war es keine lange Strecke, mein Apartment lag recht nahe an dem Hauptsitz meiner Firma, aber trotzdem war wohl eine gewisse Faulheit daran schuld, dass ich nicht zu Fuß ging.
Ob es an diesem Morgen einen großen Unterschied gemacht hätte, wenn ich mein Auto Zuhause stehen gelassen hätte, wusste ich nicht, doch wagte ich es nicht, das Schicksal und die ungeschehenen Dinge herauszufordern, weshalb ich ohne Widerrede die merkwürdige Situation akzeptierte, die sich mir an diesem Morgen bot. Da wir leider keine direkte Verbindung vom Parkhaus in das Geschäftsgebäude hatten, musste ich die Straße überqueren und durch den Haupteingang eintreten. Und wie der Zufall so wollte, wartete niemand Geringeres als Jungkook vor der Tür, offensichtlich auf mich.
Der junge Mann hatte sich an die Glaswand gelehnt und beobachtete mich aus zusammengekniffenen Augen. Verachtung glänzte in seinen Iriden, doch waren es viel mehr die Wunden in seinem Gesicht, die meine Aufmerksamkeit erweckten. Es schien mir so, als wäre er vor nicht allzu langer Zeit in einen Kampf verwickelt worden, den er meinen Schätzungen zufolge verloren hatte. Ihm war anzusehen, dass er geschwächt war und instinktiv wusste ich, dass ich weniger sein freches Mundwerk zu befürchten hatte, als vor einigen Tagen noch, als wir uns zuletzt begegnet waren.
"Jungkook", begrüßte ich ihn mit einem Ton, der weder Freude noch Ärgernis über seine Anwesenheit verriet. Diesen Pluspunkt vergönnte ich ihm nicht, er musste sich Emotionen meinerseits erst verdienen. Sonst würde ich Schwäche vor ihm zeigen, die er sich sicherlich bloß zunutze machen würde und auf das konnte ich getrost verzichten. So tief hatte ich gewiss nicht herabzusinken, außerdem war ihm anzusehen, auf welchem Niveau sich der Jüngere von uns befand. Zugegeben, ich hatte meine Recherchen über ihn inzwischen abgeschlossen, denn sämtliche Informationen, die ich über ihn erhalten hatte, waren entweder gänzlich unbrauchbar gewesen oder ich hatte sie bereits gewusst - wie beispielsweise, dass er sich erst in seinem 19. Lebensjahr befand.
"Verlier auch nur ein einziges Wort über mein Aussehen und wir werden uns nie mehr wiedersehen", knurrte er mich sogleich an. Zu meiner Überraschung jedoch lag ein knirschender Unterton in seiner Stimme, der mir verraten sollte, dass er aus eigenen Stücken hierher gekommen war; offensichtlich war er nun endlich bereit dazu, meine Hilfe anzunehmen. Oder aber etwas anderes führte ihn zu mir, was aber undenkbar für mich war. Niemals würde sich Jungkook freiwillig mit mir abgeben, das spürte ich allein schon an seiner Art, wie er mit mir sprach. Sein Leben ließ ihm keine andere Wahl mehr, das war der einzig logische Grund seines Erscheinens.
"Zumindest passt dein Aussehen jetzt zu deinem Charakter, aber dessen bist du dir sicherlich bewusst", erwiderte ich auf seine Worte hin ruhig, bevor ich vor ihm zum Stehen kam und den verunstalteten Schönling musterte. Ja, dass Jungkook ausgesprochen hübsch war, war nicht zu verleugnen, seine abfällige Art war es, was ihn hässlich machte. Doch nicht äußerlich, lediglich innerlich, was sich aber leider auch auf sein Erscheinungsbild übertrug. Wenigstens ließ sich das bereinigen, allerdings bezweifelte ich, dass er es ohne Wehrversuche erlauben würde.
Auf meine Worte hin schnaubte er bissig, offenbar war ihm sein Kragen bereits geplatzt. Aber wie durch ein Wunder riss er sich zusammen und versuchte ruhig zu bleiben, unterdrückte wohl jegliche Beleidigungen, die er mir gerne an den Kopf schmeißen würde. Verübeln konnte ich es ihm nicht, jedoch war mein Ziel, seine Geduld auszutesten und herauszufinden, wie ernst es ihm war. Und er schlug sich gut. Vielleicht hatte ich sogar das Glück, ihn schon jetzt von mir und meiner Hilfe überzeugt zu haben. Das wäre zur Abwechslung doch mal etwas Schönes.
"Ich nehme mir jetzt einfach mal die Freiheit, zu ignorieren, was für ein eitles Arschloch zu doch bist-"
"Oh, gleich so freundlich", unterbrach ich ihn sarkastisch, was er gekonnt ausblendete.
"Und verkünde dir, dass ich mich dazu entschlossen habe, auf dein Angebot einzugehen und dir offiziell mit Freuden den Arsch abzuwischen!", beendete er seinen Satz und setzte solch ein gefälschtes Lächeln auf, dass er damit sämtliche meiner Rekorde brach. Da hätte er es auch gleich sein lassen können, ich war nicht der Vollidiot, für den er mich offensichtlich zu halten schien. Natürlich wusste ich, wie sehr es ihm missfiel, unter meiner Aufsicht zu arbeiten, jedoch ergötzte ich mich nicht an seinem Leid, wie er es sicherlich annahm.
"Tatsächlich? Was hat dich denn dazu getrieben, Jungkook?", wollte ich darum von ihm wissen. In meiner Stimme schwang ein harter Unterton mit, der lediglich verhindern sollte, dass er meiner Frage auswich, denn auch das war ein typisches Verhalten seinerseits, was ich absolut nicht abhaben konnte. Wenn ich ihm eine Frage stellte, hatte er mir zu antworten. Da zählten auch nicht seine feinen Freiheitsausreden, denen er glaubte, sich als Einziges unterwerfen zu müssen. Doch offenbar schien Jungkook nicht zu wissen, wie das Leben spielte. Oder aber er wollte es schlicht und ergreifend nicht wissen - was auch immer der Grund war, ich würde ihm schon noch zeigen, wie man in meiner Nähe zu verhalten hatte.
"Ja, tatsächlich", äffte mich mein Gegenüber nach und stieß sich dabei von der Wand ab, um sich vor mir aufzubauen, was aber nicht den Effekt des Einschüchterns mit sich brachte, den er zu erwarten schien. "Denkst du, ich hätte den Weg hierher auf mich genommen und riskiert, deine hässliche Visage zu sehen, wenn ich es nicht ernst meinen würde?" Leise Wut blitzte in seine Augen auf, schlich sich an wie eine Raubkatze, die nur auf den richtigen Moment wartete, den tödlichen Sprung zu wagen. Unbeeindruckt beobachtete ich das, zog meine Augenbraue an ihren bekannten Platz nach oben und seufzte tonlos. Dieser Junge blieb einfach ein Rätsel, je mehr ich versuchte ihn zu verstehen, desto mehr scheiterte ich genau daran. Aber nun hatte ich ihn genau an dem Punkt, an dem ich ihn seit unserer ersten Begegnung hatte sehen wollen und diese Chance durfte ich mich nicht entwischen lassen. Es war vielleicht die Einzige, die sich mir bot.
"In diesem Fall...", ließ ich nun also von ihm ab und wandte mich an die gläserne Eingangstür, um diese endlich aufzuschließen und frische Stadtluft hineinströmen zu lassen, "ist das wohl dein neuer Arbeitsplatz." Ohne einen weiteren Blick auf Jungkook zu werfen, betrat ich das unüberschaubar große Gebäude, wissend, dass mir der Jüngere nach kurzem Zögern folgte. Obgleich er es niemals vor mir zugeben wollen würde, faszinierte ihn die Größe meiner Firma und ich konnte ihn beinahe schon mit dem Gedanken spielen hören, an meinem Platz zu stehen. Das war es, was Macht mit den Menschen machte - gierig und hungrig auf mehr.
"Willkommen bei deinem neuen Beruf als mein persönlicher Sekretär, Jeon Jungkook!"
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen4U.Com