▫▪Kapitel 9▪▫
JUNGKOOK
"Verdammt!" Wütend donnerte ich meine Faust gegen die harte Steinmauer vor mir und das schon seit den letzten paar Minuten, in denen ich an Ort und Stelle verblieben bin und eine Verschnaufpause einlegte. Meine Beine hatten mich bis hierher getragen und ich war viel zu erschöpft, als dass ich noch weiter rennen konnten und nun war ich hier, mit klopfendem Herzen und zwei blutenden, sowie schmerzenden Händen.
Die angestaute Wut kam mit einem Mal explosionsartig zur Geltung, ich war so wütend auf mich selbst und noch viel wütender war ich auf die Person, die mich erst dazu gebracht hatte, heute wieder zu stehlen. Seine Worte von jener Nacht hallten noch immer in meinen Gedanken, sie verfolgten mich und ließen einfach nicht von mir ab, obwohl schon ein paar Tage seit diesem Vorfall vergangen waren.
"Ich hasse diesen Kerl! Ich hasse ihn! Ich hasse ihn, verdammt!", rief ich wütend und schlug erneut auf diese Wand ein, meine Atmung war unregelmäßig und ich war in einer Lage angekommen, in der ich mich nicht wieder befinden wollte. Er hatte mir geholfen und dafür verabscheute ich ihn so sehr, wer war er bitte, dass er sich das Recht nahm, sich in mein Leben einzumischen? Jeder Mensch kommt alleine zur Welt und verlässt sie auch wieder alleine, also was in Gottes Namen wollte er von mir?
Diese dreiste Lüge, von wegen ich sei sein Freund - es machte mich so unfassbar wütend, dass ich ihn am Liebsten aufsuchen würde, um ihm dieses selbstverliebte Grinsen aus der polierten Visage zu prügeln. Doch das würde er sicherlich nicht zulassen, ich hatte schon bei dem Diebstahl an seinem Freund versagt, nur so war ich überhaupt in diese Situation geraten.
Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand und setzte mich so auf den Boden, der Aufprall war härter als gedacht, doch das kümmerte mich nicht, denn ich vergrub mein Gesicht in meinen noch immer blutenden Händen. Ich musste mich abregen und dann diese Wunden behandeln, doch mir fehlte es an Geld und an Material, um etwas dagegen zu unternehmen. Vielleicht war die Zeit hier mein größter Freund, solange ich nichts tat, um es noch unnötig zu verschlimmern.
Wie lange ging das jetzt schon? War das etwa die Freiheit, von der ich immer geträumt habe? War das der besagte Wind, der durch meine Haare wehte, wann auch immer ich mich auf der Flucht befand? Nein, ich würde niemals frei sein können. Nicht, solange ich um mein Leben rennen musste und nicht solange mein Leben auf einer solchen Basis aufgebaut war. Es war wie ein niemals endender Teufelskreis, aus dem ich alleine nicht heraustreten konnte, nur war ich viel zu stur, um Hilfe von außen anzunehmen. Vor allem wenn diese Hilfe in Form eines gewissen Geschäftsmannes kam, der an einem Tag vermutlich mehr Geld zur Verfügung hatte als ich in einem ganzen Monat.
Soweit würde ich nicht sinken, denn ich hatte mir geschworen, niemals wieder abhängig von jemand anderem zu sein. Ich wollte alleine sein, ich wollte frei von allem sein und trotzdem schaffte ich es einfach nicht, mich von allem zu lösen und in Frieden zu leben. Ich rannte doch schon mein gesamtes Leben lang vor irgendwas weg, das konnte ich mit apodiktischer Bestimmtheit behaupten.
Ich warf einen Blick in den blauen Himmel und ein Lächeln zauberte sich auf meine Lippen, nur wenige Wolken schwebten dort oben und die Sonne erfüllte uns mit ihrem grellen Schein. Wenn alles und jeder ein Licht von außen zum Scheinen brauchte, dann war die Sonne es für diesen Planeten; übertragen würde es dann bedeuten, dass ein Mensch einen anderen brauchte, um richtig erblühen zu können. Aber ich war alleine, führte ein Leben in der Dunkelheit, würde niemals diese Lichtblicke haben können.
"Jeon Jungkook", hörte ich eine rauchige Stimme meinen Namen sagen und ein Fingerknacken war daraufhin zu hören, weshalb ich erschrocken aufschaute und eine Gestalt erblickte, der ich eigentlich nie mehr wieder begegnen wollte. Denn wenn er hier war, konnte das nur Ärger bedeuten und ich war nicht in der Kondition, mich hier und jetzt zu wehren. Aber er war nicht alleine, seine beiden Schoßhunde waren wie immer an seiner Seite und bedrohlich blickte er mir in die Augen.
"Was willst du?", fragte ich ihn dann und rappelte mich langsam wieder auf, tief im Inneren wusste ich aber, aus welchem Grund er zu mir gekommen war. Und wieder einmal wurde mir bewusst, warum ich mich mein gesamtes Leben lang nur auf der Flucht befand - ich hatte schlicht und ergreifend keine andere Wahl.
"Das weißt du ganz genau", erwiderte er und ich seufzte. "Hast du nun das Geld auftreiben können oder nicht?", fuhr er fort und ein Seufzen verließ meine Lippen. "Nein, leider noch nicht. Aber ich verspreche euch, ich werde es euch zurückzahlen!", erwiderte ich schnell und dachte an all die Momente zurück, in denen ich ihnen das Geld schon hätte zurückgeben sollen, aber nicht konnte. Stattdessen flüchtete ich vor ihnen, denn ich wusste ganz genau, zu welcher Sorte von Mensch sie gehörten.
Sein Name lautete Kwon Jiyong und er war einer dieser Menschen, die einem in der Not mit Geld aushelfen würden und dann das geliehene Geld zurückverlangen, wenn sie genau wussten, wann derjenige es ihnen nicht zahlen konnte. Und wenn sie es nicht taten, griffen sie zu anderen Mitteln, um ihre Bezahlung zu bekommen. Sie wollten das Geld manchmal nicht zurück haben, sie waren einfach nur auf ein wenig Spaß aus. Aber dieser Spaß war nur einseitig, denn ihre Opfer waren danach in der Regel reif für die nächste Psychatrie.
"Deine Versprechen werden langsam wertlos", spuckte Seunghyun, einer seiner beiden Komplizen, verächtlich vor die Füße und schaute mir wütend in die Augen. Für einen Moment hielt ich seinem Blick stand, auch wenn mein Herz ziemlich unsanft gegen meine Brust klopfte. "Wenn ihr euch nur mal gedulden würdet, würde ich das Geld noch auftreiben!", rief ich dann etwas lauter, doch erntete dafür den ersten Schlag in mein Gesicht, kommend von dem Kopf dieser Bande.
Die Ringe an seinem Finger gestalteten das Ganze noch unangenehmer für mich.
"Du weißt genau, dass du nicht mit meiner Geduld spielen solltest und ich war immer so gut zu dir, Jungkook! Habe dir immer aus der Klemme geholfen und das soll der Dank dafür sein?" Der nächste Schlag traf mich in der Magengrube, der nächste Tritt traf meine Kniescheibe, sodass ich nicht mehr auf den Beinen stehen konnte und nach unten glitt. "I-Ich weiß", hustete ich hervor und versuchte die Tritte der anderen durch meine Arme abzuwehren, doch es klappte nicht, wie ich es wollte.
Und so musste ich mir das gefallen lassen, bis sie endlich von mir abließen und es nun nicht mehr nur die Knöchel meiner Hand waren, die einen blutroten Ton annahmen. Meine Lippe war aufgeplatzt, mein Auge blau und ich blutete aus der Nase, dazu zierten jetzt wohl auch viele blaue Flecke meinen Körper und ich hoffte, dass ich nach dem Tritt gegen meine Kniescheibe noch anständig laufen konnte.
"Das war nur der Vorgeschmack, also tu besser, was Jiyong von dir verlangt", ächzte Youngbae nun und verpackte das Ganze mit einem drohenden Unterton in der Stimme, der keinen Widerspruch mehr duldete. "Bei unserem nächsten Treffen will ich das Geld sehen und falls nicht, wird das für dich ziemlich unschön werden und das wollen wir doch beide nicht oder?", sagte er und legte seine Finger sanft an meine schmerzende Wange, glitt mit diesem dann bis zu meiner Lippe und blickte mir grinsend in die Augen, ehe ich mein Gesicht von seiner Hand wegzog und ihn wütend anfunkelte.
Lachend zogen die drei ab und ließen mich verletzt zurück. Ich realisierte, dass das ewige Flüchten nichts für die Ewigkeit war und ich endlich dieses verdammte Geld auftreiben musste. Und genau da kamen mir wieder die Worte von dem Geschäftsmann, dessen Name ich noch nicht einmal aussprechen wollte, in den Sinn und ich begann zu überlegen.
Im Vergleich zu den dreien war er eindeutig die bessere Wahl, so sehr ich ihn auch hasste, aber er war womöglich die Quelle zu dem Geld, das mir aus meiner elendigen Misere helfen konnte.
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