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4. Eintrag 3.3.

"Herr Kim? Sie können nun zur Direktorin", liess die Sekretärin vernehmen und der andere Junge liess ein Ächzen von sich hören, bevor ich seine schwarzen Turnschuhe sah und zuschaute, wie er aus meinem Blickfeld lief.

"Was kann ich für euch tun?", fragte die Frau nun und ich sah wieder auf. "Ich bin Jeon Jungkook", stellte ich mich leise vor und sie nickte langsam. "Sie brauchen den Stundenplan, nicht wahr?", versicherte sie sich und ich nickte rasch. Sie bat mich, einige Formulare auszufüllen und Freifächer auszuwählen, während sie den Stundenplan suchte.

Kaum war das alles erledigt erklärte sie mir, was die Nummern auf dem Plan bedeuteten, als die Tür hinter ihr aufging. Der Junge von zuvor trat hinaus, doch jetzt hatte sich etwas verändert.
Anstelle des regungslosen Gesichtes fand ich jetzt blanke Wut. Seine Augen funkelten voller Zorn, seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst und er rauschte grusslos aus dem Sekretariat. "Warte, Ta-", die Frau, die hinter ihm in der Tür erschien brach ab und seufzte tief. "Was mache ich nur mit ihm?", fragte sie laut und lächelte mir dann leicht zu, bevor sie die Tür wieder schloss.

"Haben Sie alles begriffen, Herr Jeon?", fragte nun die Sekretärin und ich sah sie kurz ratlos an, bevor ich eifrig nickte.

In Wirklichkeit hatte ich absolut keine Ahnung, um was es ging.

"Also gut!", lächelte die Frau, "Dann wünsche ich Ihnen nur das Beste, hoffentlich leben Sie sich schnell ein!"
Ich lächelte schwach und verbeugte mich dankend, ehe ich eine Verabschiedung murmelnd mit Jin das Sekretariat verliess.

Wieder einmal war es ruhig auf den Gängen.
"Jin?"

"Ja?", verlangte der Rosahaarige zu wissen. Ich sah ihn von der Seite an. "Der Junge im Sekretariat...", begann ich, da seufzte er auch bereits tief.

"Am Besten, du lässt ihn in Ruhe, Jungkook. Er ist sehr einzelgängerisch, hält nichts von zwischenmenschlichen Beziehungen und hat nicht gerade den besten Ruf an der Schule."

Ich hatte mir bereits gedacht, dass er vermutlich öfters das Sekretariat, beziehungsweise die Direktorin, besuchte...

"Wie heisst er denn?", fragte ich neugierig.

"Kim Taehyung."

Stille.
Nichts ist zu hören, als stünde die Zeit still. Das einzige, was diese bittere Ruhe zu durchbrechen vermag, ist mein regelmässiger Atem, während ich im Stuhl zurückgelehnt mit blicklosen Augen auf das aufgeschlagene Buch vor mir stiere.

Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre, als Jin den Namen genannt hat.

Ich lasse den Kugelschreiber scheppernd auf die Tischplatte fallen und trommle dann mit dem Fingern auf ebendieser herum.

Schliesslich raffe ich mich auf, ziehe die Schreibtischschublade auf und nehme den Blütenweißen Briefumschlag heraus. Dann öffne ich diesen und nehme die wenigen Aufnahmen darin hervor.

Er hat es immer gehasst. Er hat es gehasst, fotografiert zu werden. Er fragte sich immer, wieso der Mensch das tut. Haben wir so ein schlechtes Gedächtnis, dass wir Fotos benötigen, um uns zu erinnern? Können wir die Bilder nicht mit den Augen schiessen und in unseren Köpfen aufbewahren?

Und was er am meisten an Fotos gehasst hat: das Lächeln. Er hat es mir auch erklärt; 'Der Mensch lacht immer auf Fotos? Wieso? Was, wenn der Moment gar nicht so toll war? Warum reden wir immer alles schön, warum muss man auf Fotos immer lächeln?!

Darum gibt es von ihm auch nur wenige Bilder, auf denen er mir sein Lächeln zeigt. Doch das macht sie umso wertvoller, denn das Lächeln ist nicht nur selten, es ist auch ehrlicher als das so vieler anderer. Auch mochte er es nie, in die Kamera zu blicken, er wollte den Moment immer so festhalten, wie er ist, selbst wenn das hiesse er weint.

Ich suche mir ein hübsches Polaroidbild aus der Sammlung aus, drehe es um und beschmiere die Rückseite mit Kleber, bevor ich es vorsichtig unter seinen Namen in das Buch klebe.

Er hat bei dieser Aufnahme gemerkt, was ich tue und im allerletzten Moment weggeschaut. Das ist okay für mich, denn das Bild ist immer noch wunderschön. So wie er es immer war. Ich betrachte die vollgeschriebene Seite und das Foto und lächle bitter.

Er würde mir jetzt in die Wange pieksen und fragen: "Wieso tust du das? Warum schreibst du es auf? Wofür die Fotos? Kannst du es nicht in deinem Herzen aufbewahren? Oder immerhin in deinem Kopf? Ist dein Gedächtnis so vergesslich, Kleiner?"

Nein, leider nicht. Es ist verdammt gut, mein Gedächtnis. Sonst säße ich nicht hier und würde um dich weinen, sondern mein Leben weiterleben.

Ohne dich.

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