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Ich packe gerade zum wiederholten Male meine Sporttasche. Diesmal tue ich es ein allerletztes Mal. Ich will nicht mehr hierbleiben. Ich kann Taehyung nicht einmal mehr in die Augen schauen, was also bringt es mir, noch länger hier zu sein?
Er soll dieses Mädchen lieben lernen und heiraten, ich werde irgendwie zurechtkommen - irgendwann. Vielleicht eine Spur zu leidenschaftlich stopfe ich meine Jeans in die Tasche, als es an der Tür klopft.
Etwas verwirrt sehe ich auf und blicke zu dem dunklen Mahagoni. Wer zur Hölle würde mich besuchen? Keiner kennt meinen Standort. Wer auch immer es ist, er muss sich in der Tür geirrt haben.
Etwas unsicher tappe ich auf die Tür zu und entriegle sie, bevor ich aufmache und nach Luft schnappe. Wie hat dieser Typ mich gefunden?! Ich will die Tür bereits wieder zuschlagen, als sich Taehyungs Fuss mit Leichtigkeit dazwischen schiebt und mich daran hindert. Ich mache einen Satz zurück, als der Ältere eintritt. Anders als vorgestern trägt er nun eine Skinny Jeans und ein dunkles Shirt, seine Haare sind ordentlich und er sieht deutlich wacher aus.
"Verschwinde!", rufe ich, als er seelenruhig die Tür schliesst. "Nein", lautet seine einfache Antwort. "Taehyung, ich will das du gehst!"
"Und ich will mit dir reden!", gibt er zurück. "Ich habe keinen Bedarf an einem Gespräch mit dir! Alles, was ich dir sagen musste, habe ich dir gesagt, also verschwinde jetzt!", fauche ich. Der Braunhaarige lächelt schwach.
"Stimmt, du hast mir alles gesagt, was du mir sagen musstest. Aber mir hast du nicht eine Sekunde zugehört." Überfordert mit der Situation weiche ich weiterhin zurück, als er einen kleinen Schritt auf mich zumacht. "Ich will dir gar nicht mehr zuhören!", zische ich, "Jedes Wort, dass deinen Mund verlässt ist ohnehin nur eine verdammte Lüge! Lass mich in Ruhe! Lieber krepiere ich, als dir noch einmal in die Augen zu schauen! Lieber sterbe ich an diesem Schmerz, als dich jemals wieder zu treffen!"
Er sieht ernsthaft verletzt aus, doch es ist mir egal. Mich hat er auch verletzt, mir hat es auch weh getan. Ich dachte, ich muss sterben, sein Leiden ist nichts im Vergleich mit meinem.
"Du kannst wohl nichts anderes tun, als zuzuhören", informiert er mich ruhig und ich schreie auf. "Ich hasse dich!", blaffe ich wütend, nehme mir den erstbesten Gegenstand, der mir in die Hände fällt und werfe den in Taehyung Richtung. In diesem Fall ist es eine teure aussehende Vase, die laut an der Wand hinter dem Braunhaarigen zerschellt, der sich schützend geduckt hat.
"Jungko-" Wieder einmal lasse ich ihn gar nicht aussprechen. All die angestauten Gefühle, die ich über ein Jahr lang zurückgehalten und verschwiegen habe brechen jetzt an die Oberfläche, sprudeln aus mir heraus, wie ein Stausee, dessen Damm gebrochen ist.
"Nein, halt einfach die Klappe!", fahre ich ihn mit Tränen in den Augen an, "Weisst du, was du mir angetan hast?! Du hast mich zum glücklichsten Menschen der Welt gemacht, verdammt! Du hast mir alles gegeben! Und plötzlich haust du ab! Du warst wie vom Erdboden verschluckt! Weisst du, wie fertig mich das gemacht hat?! Wie viel Angst ich hatte, wie viele Vorwürfe ich mir gemacht habe?!"
Der nächste Gegenstand kommt mir in die Finger - ein Glas. Mit meiner ganzen Wucht schleudere ich wieder Taehyungs Gestalt zu, der hektisch ausweicht. Auch diesmal zerbricht der Gegenstand an der Wand und hinterlässt unzählige Scherben.
Ein Scherbenhaufen wie mein Herz einer ist.
"Ich dachte du brauchst etwas Abstand, Zeit für dich." Ich lache bitter auf, während ich spüre, wie Tränen über meine Wangen laufen, "Gott, wie konnte ich nur sowas denken?! Du bist einfach abgehauen! Du verdammter Dreckskerl hast dich einen Scheiss um mich oder meine Gefühle geschert, kein Wort hast du gesagt, einfach verpisst hast du dich! Als würdest du mich nicht kennen! Weisst du, wie weh das tat?! Kannst du dir vorstellen, wie ich gelitten habe?!"
"Jungkook, bitte, ich-"
"Sei ruhig!", schreie ich ihn an, kriege das nächste Glas zu fassen und auch dieses versuche ich dem Älteren ins Gesicht zu werfen. Aber wie auch die letzten beiden, zerscherbelt es lediglich an der Wand.
"Ich habe nächtelang durchgeweint, ich habe nicht mehr gegessen, ich hatte Angst, ich habe mir die grössten Vorwürfe gemacht! Weisst du wie es ist, sterben zu wollen?! Wenn du dich in die Badewanne setzt, abtauchst und überlegst, einfach nicht mehr aufzutauchen?!"
Erneut entkommt mir ein bitteres Lachen. "Wofür das Ganze?! Ich dachte ein Jahr lang, ich gehe drauf, weil ich dich so schrecklich vermisst und gebraucht habe, ich dachte, ich werde nie mehr leben können, wenn du nicht bei mir bist! Gott, ich bin so einfältig, so naiv! Ich bin sogar hierhergekommen, nur damit du mir noch mehr wehtust! Ich hasse dich! Hörst du, Taehyung?! Gott, ich hasse dich abgrundtief!"
"Nein", sagt er leise, "Tust du nicht."
Und er hat Recht. Ich kann mir noch so lange einreden, dass ich ihn zu Tode verabscheue, ich würde ihn immer noch lieben. Ich würde es immer tun, egal wie sehr er mich zerstört, egal welche Schmerzen er mir bereitet.
Ich würde niemals damit aufhören, selbst wenn ich es will, so wie jetzt.
Keuchend gehe ich auf die Knie. Meine Wut ist verraucht, jetzt spüre ich nur noch die Trauer. Meine leisen Schluchzer sind das einzig hörbare in diesem Raum. Dann erklingen Schritte, bis Taehyung vor mir ebenfalls auf die Knie fällt.
Ich spüre nur, wie er die Arme um mich schlingt, da wehre ich mich bereits. "Nein!", weine ich, "Lass mich los! Lass mich los!" Ich schlage auf seine Brust ein, drücke, doch nichts hilft, er hält mich weiterhin fest. "Ich hasse dich!", schluchze ich verzweifelt, "Bitte, ich hasse dich..."
"Nein", wiederholt er leise und seine Stimme klingt wie eine Dosis Beruhigungsmittel. "Ich liebe dich, aber ich will dich hassen", wimmere ich verzweifelt, während meine Schläge immer schwächer werden. "Ich will dich nicht mehr lieben, ich will nicht mehr, Taehyung!"
"Ich weiss", erwidert er leise und ich lasse meinen Kopf erschöpft gegen seine Brust fallen, während meine Hände kraftlos an seinem Oberkörper herabrutschen. Ich gebe auf, einfach so, lasse mich in seine Arme sinken, als hätte ich nie etwas anderes gemacht.
"Du hast mir gezeigt, wieso Hurricanes nach Menschen benannt werden - ich will den Tsunami nicht erleben..."
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