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Jungkook
Der Schnee knirscht unter meinem Schuhsohlen, als ich durch den dichten Wald renne. Ich habe kein Ziel, ich habe nur vor Augen, so schnell wie möglich, so weit wie möglich zu kommen. Weg, nur weg von hier.
Egal wohin, nur an einen Ort, an dem sie mich nie finden werden. Denn, sollten sie das doch tun, werde ich nicht überleben. Nicht noch einmal.
Es ist klirrend kalt, Schneeflocken tanzen vom Himmel und ich trage nichts weiter als einen Pullover, eine Hose und die Kampfstiefel. Meine Finger schmerzen vor lauter Kälte, was auch daran liegt, dass sie ständig mit dem Schnee in Berührung geraten und in der Kälte daraufhin noch mehr frieren. Obwohl ich seit einer gefühlten Ewigkeit renne, ist mir nicht warm, mir wird immer nur noch kälter. Meine Beine schmerzen vor Anstrengung. Ich bin Sport gewohnt, aber Ausdauer war nie eine meiner Stärken und schon gar nicht in klirrender Kälte durch einen Wald zu rennen, nicht wissend, wie lange es dauern wird.
Auch war ich nie ein Freund von Kälte. Ich liebe den Sommer, die Hitze, die Sonne. Kälte war nie etwas, womit man mir eine Freude machen konnte. Taehyung ist derjenige, der den Winter so begehrt und den Sommer aufs übelste verabscheut. Er sieht zu der heissen Jahreszeit auch nie wirklich gesund aus. Nun, ich sehe wohl im Winter nie unbedingt gesund aus.
Taehyung.
Der Gedanke, an den grossen, hübschen Blondschopf, lässt mir ein Schluchzen aus dem Hals fahren. Ich beisse mir auf die Unterlippe und hole zitternd Luft. Nicht weinen. Weinen wird dich langsamer machen, du wirst durch die Tränen nichts sehen, du wirst stolpern, fallen und vielleicht verletzt du dich dadurch.
"Denk nicht an uns, Jungkook."
Wie sollte ich bitte nicht an sie alle denken? Wie sollte ich einfach verschwinden, ohne mich weiter um sie zu kümmern? Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, für meines, sowas ist nicht fair, das ist nicht gut. Ich konnte mich nicht einmal bedanken.
Wie soll ich nicht an Taehyung denken, wenn Taehyung der ist, der ständig in meinem Kopf herumschwirrt?
"Wenn du Stehen bleibst, stirbst du. Wenn du aufgibst, stirbst du. Wenn du schwach wirst, stirbst du, hast du gehört, Jungkook? Also bleib nicht stehen, gib nicht auf und bleib stark. Für uns. Für mich, in Ordnung?"
Wäre sterben in meinem Fall nicht langsam die bessere Option?
Denn zur Hölle nochmals, ich halte es nicht mehr aus. Meine Lungen brennen vor Schmerzen, meine Beine fühlen sich an wie Pudding und dennoch stolpere ich weiter, stütze mich an den Bäumen ab, an denen ich vorbei komme und achte nicht darauf, dass durch den Schnee, durch welchen ich wate, bereits meine Hosenbeine nass geworden sind.
Mir ist so unerträglich kalt.
Und dann passiert es. Ich bleibe an einer Wurzel hängen, die unter dem Schnee begraben ist, kann mich nicht mehr fangen und falle der Länge nach hin. Mit einem leisen Schmerzenslaut, lande ich im kalten Schnee, stütze mich mit den Unterarmen auf dem Boden ab und kann mich so davor bewahren, nicht gänzlich zu fallen.
Ich spüre, wie meine Kleidung noch kälter wird, wie die Nässe auf meine Haut kommt und wie mein Körper zu zittern beginnt.
Ich halte den Kopf gesenkt, beisse mir wieder auf die Unterlippe und versuche meine verzweifelten Tränen zurückzuhalten, doch ich scheitere bloss kläglich. Die salzige Flüssigkeit läuft mir bald über die Wangen und tropft in den Schnee, während ich mit bebenden Schultern da liege und mich frage, wieso ich überhaupt versuche, zu rennen.
Es hat keinen Sinn. Sie finden mich, sie töten mich und alles war umsonst. Jede Anstrengung von Tae und dem Rest war umsonst.
"E-es tut mir leid", wimmere ich leise vor mich hin und schniefe. Ich kann nicht mehr. Alles tut mir weh, mir ist kalt und ich habe das Gefühl, niemals aus dem Wald raus zu finden.
"Wenn du stehen bleibst, stirbst du..."
Tja, ohne ihn sterbe ich genauso.
Ich sollte wohl froh sein, dass ich überhaupt so lange am Leben sein durfte. Das sie mir gestattet haben, jemanden zu lieben, was definitiv nicht in ihrem Programm vorgesehen war, und ich sollte meinem Schicksal wohl einfach gegenübertreten und nicht versuchen, davor wegzurennen.
Was würden die Anderen wohl dazu sagen? Was würde Namjoon mir raten? Oder Hoseok? Was würde Jimin sagen, was würde Yoongi mir an den Kopf werfen?
Was würde Taehyung sagen?
Taehyung, der sich oft die Knochen hat brechen lassen, dank mir. Der immer für mich da war, mir alles gegeben hat, was er konnte und jedes Mal für mich eingestanden ist. Taehyung, der gerade sein verdammtes Leben riskiert hat, um mich aus dieser Hölle zu befreien.
Ich kann nicht aufgeben. Etwas umständlich setze ich mich so auf, dass ich im Schnee knie, bevor ich dessen Resten von meinem Oberteil, Armen und Händen abklopfe. Meine Hände zittern vor Kälte und Anstrengung, doch als ich mit meinen Fingern den Siegelring betaste, findet sich ein Lächeln auf meinen Lippen wieder, trotz der Situation. Der Siegelring, in den ein Phönix eingeritzt wurde und den Tae mir zu meinem Geburtstag geschenkt hat.
Ich will heute noch nicht wissen, wie viele Überstunden er für das Schmuckstück geschoben hat, wie viele Tests er dafür ausgehalten hat und wie viele Qualen er bereitwillig über sich ergehen lassen hat, nur um ihn mir schenken zu können.
"Du siehst es vielleicht nicht, aber ich sehe es, Jungkook. Ich kann das Feuer in deinem Inneren sehen."
Ich stütze mich an einen Baumstamm, als ich mich langsam auf die Füsse stemme. Bestimmt haben sie schon die Hunde losgeschickt. Ich kann hier nicht rumsitzen, ich kann nicht wegwerfen, was sie mir ermöglicht haben.
Selbst wenn ich kaum mehr die Kräfte dazu habe, setze ich mich wieder in Bewegung und stolpere weiter, durch die Dunkelheit und den fallenden Schnee...
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