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Jungkook
Die Flure sind für heute einmal still und beinahe verlassen. Nur manchmal sehe ich jemanden durch die Gänge eilen. Ich geniesse die heutige Freiheit, die man mir gegeben hat. Ich habe nicht oft einen ganzen Tag frei, oder kann die sonstige freie Zeit geniessen.
Umso schöner ist dieser Tag also für mich, denn er ist nicht nur eine Seltenheit, die ich also dementsprechend sehr zu schätzen weiss, er ist auch eine Erholung.
Die Flure und Räume sind wie immer erfüllt vom Geruch des Desinfektionsmittels, alles ist so steril und weiss, das grelle Licht der Deckenlampen blendet mich fast und spiegelt sich leicht auf den geputzten, ja fast polierten, weissen Fliesen am Boden. An den Wänden hängt nichts, bis auf ein paar wenige Urkunden oder Vorzeige Dokumente. Langweiliges Zeug, also.
Ich habe mir die Urkunden bereits oft durchgelesen, mittlerweile könnte ich sie also fast auswendig und deshalb nehme ich sie auch gar nicht mehr wahr. Ich mache mir bloss noch die Mühe, sie durchzulesen, wenn ich die Zeit vertreiben muss, weil ich noch warten muss, zu mein Unterricht beginnt, ein Test, eine andere Untersuchung oder ein sonstiger Termin.
Neugierig schreite ich weiter vor, betrete Trakt B, ein mir bis jetzt unbekanntes Gelände. Ich bin in Zimmer A3 untergebracht, also im ersten Trakt der Station. Mir ist es bisher auch nur erlaubt, in Trakt A herumzustreifen. Doch sie wissen ja gar nicht, wie langweilig es für mich ist, jeden Tag nur die dieselben, eintönigen Wände zu Gesicht zu kriegen, in den vier kleinen Fluren herumzustreunern, seit geschlagenen 7 Jahren oder eher seit ich mich erinnern kann.
Sie haben mir also heute freigegeben und als ich etwas in meinem Trakt verweilt bin, habe ich bemerkt, dass niemand da ist, der mich davon abhalten könnte einen Trakt weiter vorzudringen, wie früher immer, als ich mir dachte, wenn ich nur schnell genug renne, können sie mich nicht aufhalten - was dann aber doch immer der Fall war.
Diesmal jedoch sieht es niemand. Es wird keiner bemerken, wenn ich einen kurzen Abstecher zu Trakt B mache, mich kurz umsehe und dann zurück zu A schleiche. Die ganze Sache wird so kurzweilig und unkompliziert sein, dass keiner davon Wind kriegt, wenn ich nicht einen riesen Trubel veranstalte und das tue ich ja nun wirklich nie.
Ausser bei meiner ersten Impfung. Aber diese Spritze war auch unglaublich Angsteinflössend. Ich habe geschrien wie am Spiess und einen riesen Aufstand gemacht, aber als es dann vorbei war, kam es mir nur halb so schlimm vor. Ziemlich peinlich, wenn man so darüber nachdenkt, aber ich war erst sechs und hatte nie zuvor etwas derartiges mitgemacht oder irgendwo davon gehört.
Mittlerweile bin ich die Spritzen so gewohnt, dass ich den kurzen Schmerz gar nicht mehr wahrnehme, wenn ich eine verpasst kriege.
Mit klopfendem Herzen stehe ich vor der offen stehenden Glastür, die Trakt A von Trakt B trennt. Zwar wollte ich erst um alles in der Welt den unbekannten Trakt erkunden, doch nun bin ich mir dessen nicht mehr ganz so sicher. Wenn jemand das mitkriegt, stecke ich in echten Schwierigkeiten. Ich weiss auch nicht, was mich da erwarten wird, vielleicht ist es ja irgendein hochexplosiver Labor? Vielleicht lagern sie hier Giftstoffe? Ich habe keine Ahnung.
Ich balle die Hände zu Fäusten, schliesse die Augen und atme kurz tief durch, bevor ich mir einen Ruck gebe und die Schwelle überquere. Automatisch zucke ich zusammen und halte meine Augen ängstlich geschlossen, nehme eine geduckte Haltung ein und habe Angst, ein Alarm könnte losgehen - doch nichts geschieht.
Langsam und auch ziemlich aufgeregt öffne ich die Augen, richte mich auf und beginne dann vorfreudig zu lächeln. Es ist niemand hier, niemand hat es gesehen und sonst hat mich keiner aufgehalten. Ich kann also nun wirklich Trakt B erkunden.
Nervös laufe ich los, und laufe erstmal nur den Gang entlang, der genauso aussieht, wie die in meinem Trakt. Nichts besonderes also. Nicht einmal Urkunden hängen hier, also ist es praktisch noch viel langweiliger, als bei mir, wenn ich ehrlich bin. Ich bin ziemlich enttäuscht, muss ich zugeben. Ich hätte mir Trakt B als aufregender erhofft, grösser als meiner, - vielleicht ist er das ja, so viel habe ich ja noch nicht gesehen - aber nicht genauso stinklangweilig wie A. Wozu hat sich das Risiko bis hier vorzudringen dann gelohnt, wenn ich nur dasselbe wie bei mir zu sehen kriege?
Seufzend laufe ich durch das Labyrinth an Gängen - der Trakt ist tatsächlich grösser als meiner - und finde auch hier nichts interessantes, bis auf eine eingegangene Zimmerpflanze, die man wohl vergessen hat, zu giessen und nun einfach stehen lässt, anstatt sie zu ersetzen oder einfach zu entsorgen.
Seufzend, mit dem Beschluss, dass sollte ich hier nichts Neues finden, wieder zu verschwinden, biege in den nächsten Flur ein und entdecke hier tatsächlich, anders als in in meinem und dem Rest diesen Traktes, etwas, was meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.
An den sonst so kahlen, sterilen, weissen Wänden findet sich ein grosses, dunkles Graffiti. Neugierig gehe ich darauf zu, stelle mich so hin, dass ich es gut betrachten kann und bin sofort von der Kunst angetan. Es sieht unglaublich schön und irgendwie schon majestätisch aus. Als hätte die Person, die es gemacht hat, eine Menge Stolz.
Die benutzten Farben sind dunkel, meistens Schwarz, gemischt mit etwas Weinrot, und dunkles Grau, dass teilweise auf die untere Seite der Buchstaben gesprüht wurde und wohl Rauch oder Nebel darstellen sollte.
Agust D, steht dort. Neugierig lege ich den Kopf schief und versuche zu verstehen, was dieses Wort oder besser, dieser Name für eine besondere Bedeutung hat, dass er an die Wand gesprüht wurde. Und vielmehr: Wieso haben sie das zugelassen? Wieso haben sie zugelassen, dass ihre sonst so sterilen, weissen Wände derart 'beschmutzt' wurden, in ihren Augen. In meinen ist das hier echte, unglaublich schöne und eindrückliche Kunst, doch für sie ist es nur Vandalismus.
Oder war es gar einer von ihnen? Konnte er die Einöde, genau wie ich, nicht mehr ertragen? Wollte er deshalb etwas Farbe, wenn auch ziemlich dunkle, an den Ort hier bringen und ihn so verschönern? Aber wer von ihnen würde das von der Station denken? Wer würde es tun, wer hätte diesen Mut?
"Was tust du hier?!"
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