🔥22🔥
Jungkook
Ich träume noch.
Anders kann ich mir die Szene gerade nicht erklären. Taehyung kniet vor mir, sieht mich an und sagt sonst nichts.
"Tae?", flüstere ich heiser und strecke unsicher eine Hand nach ihm aus, um ihn zu berühren und so sicher zu gehen, dass er nicht nur eine Illusion, eine Halluzination meinerseits, ist.
Seine roten Lippen verziehen sich zu einem schwachen Lächeln. "Hey", murmelt er sanft mit seiner tiefen Stimme und bereits das treibt mir Tränen in die Augen. Seine Stimme wirkt so unfassbar beruhigend, ich habe sie vermisst - ich habe ihn vermisst.
Kaum berühren meine Finger seine warme Wange, bildet sich ein erleichtertes Lächeln auf meinen Lippen. Er ist tatsächlich hier.
Als ich das realisiere, schlinge ich in der nächsten Sekunde schon meine Arme um ihn und drücke ihn fest an mich. "Du bist hier", flüstere ich leise gegen den Stoff seiner Jacke. Mein Herz klopft schnell gegen meinen Brustkorb und ich spüre, wie mir warm wird, als der Blondschopf seine Arme ebenfalls um mich legt. "Ich bin froh, dass es dir gut geht", murmelt er leise in mein Ohr und ich spüre, wie seine Hand langsam durch meine Haare fährt.
"Ich hab dich vermisst", gebe ich bekannt und löse mich von ihm. Taehyung lächelt leicht und nickt zustimmend. "Aber wir müssen hier weg", erklärt er mir und steht auf, ehe er mir eine Hand hinstreckt und ich mir aufhelfen lasse. "Wieso?", will ich verwirrt wissen.
Taehyungs Augen huschen unruhig umher, als er leise erklärt: "Yoongi Hyung... er... etwas stimmt nicht mit ihm. Er ist hinter dir her."
Meine Augen weiten sich. "Das habe ich bemerkt. Ich hatte gehofft, du könntest mir sagen, warum", seufze ich frustriert darüber, dass Tae anscheinend genauso wenig weiss, wie ich auch.
Sein Griff um meine Hand wird stärker. "Du bist ihm schon begegnet?!", hakt er laut nach. Ich zucke mit den Schultern und nicke etwas. Tae flucht etwas und fährt sich abermals durch die blonden Strähnen. "Ist dir etwas geschehen?!", will er besorgt wissen und beginnt mich mitzuziehen. Hastig stolpere ich hinter dem Älteren her. "N-nicht der Rede wert", winke ich ab, "Aber wieso will er mich umbringen, Tae?"
"Ich weiss es nicht", erwidert er gestresst, "Kurz nachdem du geflohen bist, ist er komplett durchgedreht. Er sagte, du bist schuld an allem und du verdienst, zu sterben." Wir gehen um die Ecke, nach draussen auf die verschneiten Strassen. Ich ziehe automatisch die Schultern hoch. In der Gasse war ich wenigstens etwas geschützt vor dem fallenden Schnee und der kalten Brise, doch jetzt trifft sie mich wieder mit voller Wucht und die Kälte sucht sich ihren Weg durch den schwarzen Mantel, den ich noch immer trage. "Aber woran schuld?", frage ich verzweifelt.
"Wie gesagt, ich habe keine Ahnung. Er ist nicht mehr derselbe", erklärt er mir seufzend und bleibt stehen, um sich zu mir umzudrehen. Er sieht mir tief in die Augen, sodass ich das Gefühl habe, in dem eisigen Blau zu ertrinken. "Und was sollen wir jetzt tun?", frage ich leise, als ich mich doch noch los reissen kann, von der beinahe hypnotisierenden Wirkung seines intensiven Blickes.
Taehyung zuckt mit den Schultern und sieht auf, lässt seinen Blick durch die beinahe menschenleere Strasse wandern. "Erst einmal bringen wir dich in Sicherheit. An einen warmen Ort - dann sehen wir weiter. Ich will nur, dass es dir gut geht und nun kann ich immerhin auf dich aufpassen. Ich dachte, ich werde wahnsinnig, als ich nicht wusste, wo du steckst und wie's dir geht." Ich lächle leicht, als er ausgesprochen hat. "Bleibst du bei mir?", will ich wissen. Er sieht wieder zu mir, nun ziert seine Lippen ein kleines Lächeln. "Aber natürlich."
Wie war das nochmal? Schneeflocken, die dicht vom Himmel fallen? Eiseskälte? Mir ist überhaupt nicht kalt. Vielmehr breitet sich eine brennende Hitze in meinem Inneren aus, fliesst von meiner Brust zu meinen Finger- und Zehenspitzen und lässt mein Herz schneller schlagen.
"Na komm", meint der Blondschopf und eilig folge ich ihm, halte seine grosse Hand fest umklammert, als würde die Gefahr bestehen, dass wir trotzdem wieder auseinander gerissen werden könnten, wenn ich ihn nicht fest genug halte. Ich dachte, ich habe ihn verloren, ein zweites Mal will ich das nicht denken müssen. Ich dachte, ich sehe ihn nie wieder und ein weiteres Mal werde ich Taehyung nicht aus den Augen lassen.
Wir durchqueren das Stadtzentrum, bis wir am anderen Ende angelangt, die Leute schlussendlich nicht mehr auf den Strassen anzutreffen sind. Taehyung bleibt vor einer kleinen Nebengasse stehen und bedeutet mir mit einem kleinen Nicken, hineinzugehen.
Ich lasse seine Hand los und laufe hinein, erkenne aber nur eine Sackgasse und bleibe deswegen auch wieder stehen. "Tae, wohin gehen wir?", frage ich verwirrt, als der Ältere mich trotzdem zu deren Ende schiebt. "Wir sind ja schon da", lacht er nur, doch es klingt nicht das geringste bisschen amüsiert.
Es klingt kalt.
Irritiert drehe ich mich zu ihm um und mustere ihn verwirrt und da wird mir klar, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Von dem warmen, kümmernden Blick ist nichts mehr übrig. Seine Augen wirken wie das, was ihn ausmacht; Kälte. Eis. Seine Gesichtszüge sind emotionslos und hart. Zwar findet sich noch ein Lächeln auf seinen Lippen, doch es wirkt spöttisch und abwertend.
Und ich verstehe auch, wieso, als er tief seufzt und unter seiner Winterjacke eine Pistole aus ihrem Halter zieht und dazu beinahe bedauernd bemerkt: "Du bist so einfach zu manipulieren."
Ich weiche automatisch einen Schritt zurück, als er sie lädt und seinen Blick direkt in meinen bohrt, furchteinflössend und hasserfüllt.
Derselbe Blick, wie der von Yoongi Hyung.
"Tae?", flüstere ich verwirrt, spüre, wie die Angst in mir hochkriecht und mir langsam die Kontrolle über meinen Körper nimmt. Der Blonde lacht auf und schüttelt den Kopf. "Ehrlich", meint er dazu und macht eine wegwerfende Handbewegung, "Ich dachte, bei einer kleinen, widerlichen Ratte wie dir, muss ich mich noch eine Spur mehr ins Zeug legen und müsste dir das Blaue vom Himmel lügen - aber du hast mir so einfach geglaubt."
"Taehyung-"
"Jedes. einzelne. Wort. hast du geglaubt", flüstert er und entsichert die Waffe, ehe er ihren Lauf auf mich richtet. Ich beginne zu zittern und gehe weitere Schritte zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die kalte Betonwand stosse. Taehyung versperrt mir meinen Fluchtweg. Jetzt verstehe ich, was wir hier machen.
Er hat mich reingelegt, er hat mir etwas vorgemacht - er ist nicht mehr der junge Mann, der mir geholfen hat, zu fliehen. Er ist genauso, wie Yoongi Hyung es nun ist. "Yoongi ist durchgedreht?", er schnaubt abfällig und verdreht die Augen, "Nein, er weiss genau, was er tut. Das Richtige. Wir alle wissen das."
"Mich umbringen? Das ist also das Richtige?!", stelle ich mit schriller Stimme fest und presse meinen Körper hilflos gegen die Wand hinter mir, in der Hoffnung, sie möge sich durch Zauberhand auflösen oder mich verschlucken. Hauptsache ich kann dieser Person hier entkommen. Das ist nicht Taehyung. Das würde er niemals tun.
Und dennoch ist das seine Stimme, sein Körper, seine eisblauen Augen.
Taehyung zuckt mit den Schultern. "Du hast doch nicht gedacht, wir lassen dich so einfach davonkommen, für all die Scheisse, die du getrieben hast, oder? Was du kannst, kann ich schon lange. Und scheinbar scheinst du genauso manipulativ für deine Spielchen zu sein, wie wir es für deine waren - wie ich es war."
Ich schüttle den Kopf. "I-ich verstehe das nicht, ich habe keine Spielchen getrieben!", verteidige ich mich ängstlich und hole zitternd Luft. Das kann er auf keinen Fall ernst meinen. Erst Yoongi Hyung und nun Taehyung? Was geht verdammt nochmals vor sich?!
"Ich werde dir kein Wort mehr glauben, Phönix", lässt er mich leise wissen, "Aber du wirst nach dem hier ohnehin nicht mehr in der Lage dazu sein, deine Lügen auszusprechen."
Mein Atem geht in ein Keuchen über, ich merke, wie Tränen in meine Augen steigen und meine Sicht aufgrund dessen verschwimmt, ehe ich einen hilflosen, panischen Schluchzer von mir gebe. "B-bitte", weine ich, "I-ich habe ni-nichts getan, Tae!"
Aber der Blondschopf gibt mir keine Antwort mehr. Alles, was ich vernehmen kann, ist ein tiefes, schmerzerfülltes Stöhnen. Verwirrt blinzle ich die Tränen aus meinen Augen und mustere das Bild vor meinen Augen. Taehyung krümmt sich, wieder verlässt ein Schmerzenslaut seine Lippen, ehe er ganz in die Knie geht und die Waffe neben sich fallen lässt. Was passiert mit ihm? Ich weite besorgt die Augen und will schon nähertreten, als er einen Schmerzensschrei von sich gibt und gänzlich zur Seite kippt. Sein Kopf kommt hart auf dem Asphalt auf und sein Atem ist bloss noch ein flaches Keuchen.
Er hat Schmerzen, doch ich verstehe nicht warum. Was hat sie verursacht? Wie konnte das so plötzlich passieren? Das macht keinen Sinn. "Taehyung?", wispere ich ängstlich, doch alles, was ich zur Antwort kriege ist ein leises "Hör auf damit", voller Schmerzen.
Wovon redet er?
Einerseits will ich ihm helfen, ich will den Schmerz für ihn erträglicher machen oder gar ganz lindern, doch andererseits ist mir auch klar, dass wenn ich bleibe, ich sterben werde. Wenn die Schmerzen vergangen sind, wird er seinem Plan nachgehen. Er wird mich töten, ob ich ihm nun geholfen habe oder nicht.
Also entscheide ich mich dagegen. Selbst wenn es mir das Herz zerfetzt, ihn so zu sehen, gequält von Leid. Ich springe über ihn hinweg und renne los, aus der Gasse hinaus und lasse den Blonden liegen, wo er jetzt ist.
Rette dich selbst, sagt man doch, oder nicht? Selbst wenn die Schuldgefühle bereits in mir hochkriechen, dafür, dass ich egoistisch genug bin, mein Leben erst zu retten, bevor ich mich um ihn kümmere, renne ich weiter und drehe mich nicht um.
Wenn ich stehen bleibe, tötet er mich, sobald er wieder kann.
Es tut mir leid Taehyung.
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