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Jungkook

Die Stimme ist tief, aber klar und laut. Sie hat einen gefährlichen Unterton und sorgt dafür, dass ich auf der Stelle herumwirble und die Person anschaue, die mich erwischt hat, bei meinem kleinen Rundgang.

Es ist ein Junge, einige Jahre älter als ich, mit strohblonden Haaren, die ihm in die Stirn fallen. Er ist gross und schlank, sieht aber nicht unbedingt schmächtig aus. Seine Augen sind dunkel, beinahe schwarz und er hat ein Piercing am rechten Ohr, allerdings zwei am linken. Er trägt ein weisses Oberteil, darüber eine olivgrüne Jacke, die ihm bis zu den Oberschenkeln reicht, dazu schwarze Jeans und ebenso schwarze Kampfstiefel. Sein Blick ist voller Abneigung, emotionslos und die Arme hat er vor der Brust verschränkt. Aber das wohl auffallendste an ihm ist, das schwarze Kreuz über seinem linken Auge, genauso wie das andere, weitaus filigranere Tattoo, welches sich auf derselben Seite seines Gesichts von der Wange, über den Hals bis unter das Oberteil erstreckt. Es ist genauso schwarz, stellt aber irgendein Tier dar, wenn mich nicht alles täuscht, sogar ein Dämon. Es hat ein weit aufgerissenen Maul, mit spitzen Zähnen und einer langen, gespaltenen Zunge und sieht auf keinen Fall freundlich aus - genauso wie er auch nicht.

"Ich habe dich etwas gefragt, also antworte gefälligst!", reisst der Jugendliche mich nun harsch aus meiner Musterung. Ich wende mich ihm gänzlich zu und mache den Mund, um mir eine gescheite Ausrede einfallen zu lassen, doch ich finde keine. "Hat's dir die Sprache verschlagen?", höhnt er nun und macht einen Schritt auf mich zu.

Absolut alles an ihm, schreit 'Ich bin gefährlich, halte dich von mir fern' und genau deswegen will ich einen Schritt rückwärts gehen, um den Abstand zu waren, doch ich versuche meine Angst zu ignorieren.  "Ich wollte mich nur etwas umsehen", gestehe ich schliesslich mit einer Stimme, die nicht so fest ist, wie ich sie eigentlich haben wollte. Er schnaubt. "Weisst du denn nicht, dass kleine Jungs, wie du, sich nicht an Orten herumtreiben sollten, die sie nicht kennen? Es gibt viele böse Menschen. Und weisst du was? Ich bin einer von ihnen."

Ich gebe ein abschätziges Lachen von mir. Er sollte vielleicht nicht so dick auftragen, dann würde ich mich auch mehr von ihm einschüchtern lassen. Zwar wirkt er durch sein Auftreten gefährlich, aber wenn er so redet, kann ich ihn ja kaum mehr ernst nehmen.

"Ich soll Angst vor dir haben?", spotte ich also praktisch und sehe ihn abwertend an. Innert Sekunden verändert sich seine Miene. Sie ist nicht mehr Emotionslos, vielmehr erfüllt von Zorn und Hass. Ich kann nicht blinzeln, da hat er die guten zehn Meter auch einfach so schon überbrückt und steht direkt vor mir. Da er viel grösser ist als ich, beugt er sich über mich, sodass ich ängstlich den Kopf in den Nacken legen muss, um weiter in seine Augen zu blicken. 

Wo ich zuvor noch keine grosse Angst verspürt habe, so klopft mein Herz nun schnell gegen meinen Brustkorb und ich habe das Verlangen, mich umzudrehen und wegzurennen. Seine Augen funkeln gefährlich und sind tatsächlich pechschwarz, als er laut blafft: "Gottverdammt ja, du solltest Angst vor mir haben!"

Seine Worte bringen mich schliesslich dazu, herumzuwirbeln und das Weite zu suchen. Ich drehe mich nicht noch einmal um, blicke nicht zurück, ich will nur raus aus diesem Trakt und zurück in meinen eigenen. Es war eine dumme Idee, hierher zu kommen, vielleicht haben sie mich deshalb nie in die anderen Trakte gelassen - weil hier Menschen leben, die grausam und böse sind. Oder sollte ich besser Kreaturen sagen?

Doch noch während ich renne, gerate ich auf unerklärliche Weise in schwarzen Rauch. Abrupt bleibe ich stehen und schlage um mich, um das komische Zeug zu vertreiben. Erstaunlicherweise entfernt es sich von mir, dann allerdings beginnt es, sich zu verändern. Ich kann nicht mehr hindurchsehen, stattdessen formt sich eine pechschwarze Silhouette daraus, die sich langsam etwas aufhellt, bis der Blonde von zuvor wieder vor mir steht. 

"A-aber... wie...", beginne ich zu stottern, was er mit einem höhnischen Lachen quittiert. Ich verstehe das nicht, er war doch hinter mir!? Wie kann er sich zu Rauch verwandeln und dann wieder ein Mensch werden? 

Ist er überhaupt noch ein Mensch? Ist er ein zweites Experiment?

 Ich sehe keinen Zorn mehr in seinem Gesicht, nur noch blanken Spott und Boshaftigkeit in seinen Augen glänzen. "Du willst schon gehen? Aber du hast doch noch nicht alles gesehen", wispert er mit seiner tiefen Stimme, sodass sich die Härchen an meinem Nacken aufstellen und eine Gänsehaut meinen gesamten Körper überzieht. "B-bitte", flehe ich leise und sehe mit grossen, Tränengefüllten Augen zu ihm auf, "Ich möchte gehen. I-ich werde nicht wiederkommen, ich schwöre es!"

"Oh nein", lächelt er leicht und wenn ich ihn so ansehe, habe ich das Gefühl, Satan persönlich in den boshaften, höhnischen Zügen seines Gesichts, seinem Lächeln und seinen Augen zu sehen.

"Du solltest wissen, dass Neugier tödlich sein kann~", sagt er nur und holt dann aus. Wimmernd ducke ich mich und halte schützend meine Arme über meinen Kopf, als würde mir dies helfen, bei jemandem wie ihm. Ich weiss nicht, wer er ist oder was er alles kann, aber er scheint mächtig zu sein und das bereitet mir ungeheure Angst.

"Was ist hier los?!"

Kaum höre ich diese Stimme, diesmal hell und herrisch, wie ich oft gehört habe, gebe ich meine verteidigende Haltung auf und drehe mich um, nur um meinen Retter zu sehen. "Seokjin!", rufe ich erleichtert und will auf ihn zurennen, nur weg von diesem Monster, als mich letzteres am Handgelenk packt und zum Bleiben zwingt.

"Nicht so hastig, Giftzwerg!", zischt der Blonde in mein Ohr, löst seinen Blick dabei aber nicht von Seokjin, der mit grossen Schritten auf uns zukommt. "Jungkook, was tust du hier? Yoongi, was willst du mit ihm anstellen? Lass ihn gefälligst los!"

Er hat dieser Kreatur tatsächlich einen Namen gegeben?! Bastard hätte doch gereicht! 

"Der Junge ist so dämlich, ich dachte, er kann mein Spielzeug sein", höre ich Yoongi sagen und erschaudere durch seine Worte. "Yoongi!", zischt Seokjin herrisch und gibt damit zu verstehen, dass er keine Lust auf Spässe hat. Yoongi knurrt leise, lässt mich dann aber los und verpasst mir einen Schubs, sodass ich nach Luft schnappend in Seokjins Arme stolpere und mich gerade noch an seinem Kittel festhalten und damit vor dem Fallen bewahren kann.

Der Ältere zieht mich schützend an sich und nimmt meine Hand. "Sorg dafür, dass der Bengel nicht mehr hier auftaucht. Das nächste Mal werde ich mich weder zurückhalten, noch auf dich hören", verlangt Yoongi und starrt mich an. Unsicher erwidere ich den Blick, woraufhin er die Zähne fletscht und sich ruckartig etwas vorbeugt.

Ich zucke zusammen und wende schnell den Blick ab, bevor Seokjin mich mitzieht, an dem Blonden vorbei, durch die Gänge zu Trakt A. 

"Jungkook, es hat einen Grund, wieso du nicht in die anderen Trakte darfst", seufzt mein Betreuer auf dem Weg. Ich nicke zaghaft. Ich habe meine Lektion gelernt, so schnell werde ich definitiv nicht mehr etwas anderes als meine Zimmerwände sehen wollen. 

"Aber es war so langweilig, immer nur dasselbe zu sehen. Ich darf nicht einmal raus oder so! Ich darf nicht einmal in die Kantine! Wieso?"

Seokjin seufzt und bleibt mit mir stehen, kaum sind wir über die Schwelle der Tür getreten und zurück in Trakt A. "Weil es eben so ist. Sieh mal, Jungkook, du bist besonders, verstehst du? Aber ich kann versuchen, mit meinen Chefs zu reden, sodass du nicht immer hier herumsitzen musst. Wäre das etwas?", schlägt er mir lächelnd vor.

Ich nicke auf der Stelle. "Schön, dann werde ich das gleich mal zur Sprache bringen. Und du wirst solange gefälligst nicht mehr aus deinem Trakt gehen, verstanden?!" Ein weiteres Mal nicke ich und sehe ihm nach, wie er den Flur entlang eilt, zur Zentrale. Als mein Blick zur Tür wandert, die Trakt B von A trennt, schrecke ich wieder zusammen, als ich den Blondschopf an den Türrahmen gelehnt sehe. 

Ein Grinsen schmückt seine Lippen. "Keine Sorge", lässt er gelangweilt verlauten, "Ich werde dir nicht näher kommen. Sollte ich auch nur einen Fuss nach A setzen, kann ich was erleben und das tue ich mir definitiv nicht an."

Verwirrt lege ich den Kopf schief. Er wirkt auf einmal wie eine völlig andere Person, von der hasserfüllten, gemeinen Seite ist nichts mehr übrig. Er wirkt eher Motivationslos, gelangweilt und faul. "Ich habe dich gar nicht gehört oder gesehen", murmle ich ratlos. 

Sein Grinsen wird breiter. "Oh, Kleiner", seufzt er tief, "Ich werde nicht umsonst Schatten genannt." 

Schatten? Neugierig mache ich einen Schritt auf ihn zu. "Erzähl mir mehr", verlange ich wissbegierig. Er lacht auf. "Sagte ich dir nicht zuvor noch, dass Neugier tödlich enden kann? Du solltest deine Nase nicht in Dinge stecken, die dich nichts angehen. Und ausserdem..."

"Und ausserdem? Was ausserdem?", hake ich nach. Yoongis Lächeln fällt, er mustert mich von Kopf bis Fuss, seine Miene wirkt wieder kalt. 

"Erzähl mir viel mehr, was dich so besonders macht, dass du dir der Kontakt zu uns verboten wurde. Was ist an dir so speziell, dass sie dich hüten wie einen Schatz?"

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