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Jungkook
Ich sitze am Tisch und esse schweigend mein Müsli, während ich ins Wohnzimmer schaue und dort Hoseok und Yoongi sehe. Hobi Hyung hat noch immer die Couch bezogen, seit er hier ist und als Yoongi gestern endlich einmal müde geworden ist, hat er sich einfach mit dem Jüngeren zum Sofa begeben. Hyung hat sich darauf gelegt und Hobi einfach auf ihn und so sind sie dann wohl auch eingeschlafen. Bis jetzt sind sie auch noch nicht aufgewacht, beide schlafen noch und Yoongi Hyung hat seine Arme locker um den Oberkörper von Hobi Hyung gelegt.
Es gibt ein unfassbar süsses Bild ab und ich freue mich, dass die beiden wieder beieinander sein können, doch gleichzeitig schmerzt es auch irgendwie, sie so zu sehen, denn die Szene erinnert mich daran, wie ich oft zusammen mit Taehyung gekuschelt habe und wie schmerzlich ich ihn immer noch vermisse. Ich habe keine Ahnung, wo er ist und wie es ihm geht, wie sehr die Medikamente ihm zusetzen müssen und ob sie ihm wehtun, aber ich habe schreckliche Angst um ihn. Was, wenn es ihm miserabel geht und sie ihn schrecklich behandeln? Wenn sie ihn foltern? Seit ich begriffen habe, wie wertlos wir für dieses Team sind, traue ich ihnen alles zu. Sie wollten Ji Hyung umbringen, weil er nicht ihren Vorstellungen entsprochen hat, sie wollen mich durch die Hände meiner eigenen Hyungs töten, weil ich nicht ihren Vorstellungen entspreche, ich gehe davon aus, dass sie nicht davor zurückschrecken, Taehyung sehr, sehr weh zu tun, wenn sie wollen. Jedem von meinen Hyungs, die noch dort sind.
Ich hoffe nur, Tae, Namjoon Hyung und Jimin Hyung passen gut auf sich auf, sodass ihnen nichts geschieht und wir sie bald da raus holen können, damit sie endlich wieder sie selbst werden. Ich vermisse sie nämlich über alles.
Der Löffel, den ich in die Frühstückschale voller Milch und Cornflakes tauche, verursacht klirrende Geräusche, als er gegen das Keramik der Schale stösst und nebst den und meinen eigenen, regelmässigen Atemzügen, vernehme ich bloss noch das Ticken der Uhr direkt an der Wand neben mir. Seunghyun Hyung ist in seinem Arbeitszimmer und Ji Hyung schläft noch. Sobald er aufwacht, werden wir wieder aufs Dach gehen, um dort weiter Yoga zu machen, worin ich tatsächlich auch immer besser werde. Ich hätte nicht gedacht, dass das so entspannend sein kann, wenn man es richtig anstellt und oft ist es mir auch noch nicht gelungen, an nichts zu denken, wo mir gerade so vieles durch den Kopf geht, aber die seltenen Male, die ich es hingekriegt habe, waren unfassbar beruhigend. Für einen Augenblick ist mir gewesen, als würde die Zeit langsamer werden und all die Hektik, die mich beherrscht hat, einfach verschwinden. Ein angenehmes Gefühl und ich wünschte, ich würde es öfter spüren, aber dafür hetze ich viel zu sehr, mache mir zu viele Sorgen und komme kaum zu Ruhe.
Ich kann nicht ruhig werden, wenn ich daran denke, dass Menschen, die ich über alles Liebe unter Medikamente gesetzt werden, um sie zu willenlosen Maschinen zu machen. Der Gedanke allein ist schmerzhaft.
Ich sehe kurz in die Frühstücksschale, mustere die herumschwimmenden Cornflakes in der Milch und rühre etwas mit meinem Löffel darin herum, sodass sie allesamt im Kreis schwimmen. Ich versinke in Gedanken, während ich stumpf in die Milch blicke und so vergehen mehrere Minuten, in denen ich nichts tue, bis ich höre, wie jemand sich leicht räuspert. Durch das plötzliche Geräusch in der Stille, schrecke ich zusammen und sehe wieder auf, nur um im Wohnzimmer zu sehen, wie Yoongi Hyung einen Arm von Hoseoks Oberkörper genommen hat und sich damit nun gerade durch die Haare wuschelt.
Ich weite die Augen und erstarre für einen Moment komplett, halte die Luft ab und warte einfach ab. Der Blonde dreht nach wenigen Sekunde dann mit einem Seufzen den Kopf in meine Richtung und unsere Blicke streifen sich, sodass mein Herzschlag nervös in die Höhe schiesst.
Unsicher beisse ich auf meine Unterlippe und bin bereit, die Flucht zu ergreifen, sollte Yoongi noch immer unter dem Einfluss der Medikamente stehen, doch der Blondschopf weitet nur die Augen etwas und starrt mich verdutzt an. "Jungkook...", murmelt er mit leiser, rauer Stimme und mir fallen dabei bereits ein paar Steine vom Herzen. Seine Stimme ist nicht länger voller Hass und Wut, wenn er mit mir spricht, wie sehr habe ich den tiefen, rauen Klang vermisst, der trotzdem immer so sanft geklungen hat?
"Hyung?", frage ich leise und lasse den Löffel in die Frühstückschale gleiten, während ich ihn weiterhin beobachte, "Wie fühlst du dich?" Sollte er das hier nur spielen und gleich wieder ausflippen, kann ich immer noch Ji wecken oder Seunghyun aufmerksam machen, doch anscheinend ist er inzwischen, nach den endlos langen Stunden, wieder in Ordnung... oder zumindest so, wie er immer ist. Hyung war nie wirklich in Ordnung und das sehe ich ihm jetzt genauso an, wie damals, wenn wir nebeneinander in seinem Trakt gesessen sind und er mir leise von seinem Leid erzählt hat.
"Ich glaub, ich hatte im Leben noch nie so schreckliche Kopfschmerzen", murmelt er und schliesst kurz die Augen, bevor er sich seufzend über die Stirn reibt und mich dann wieder ansieht und fokussiert. "Ich... erinnere mich kaum noch. Aber... was ich weiss... würde ich am liebsten auch vergessen, so widerwärtig finde ich es", fügt er dann noch leiser hinzu und ich schüttle sofort den Kopf. "Hyung, du kannst nichts dafür", meine ich mit zerbrechlicher Stimme und schlucke leer, um den Kloss, der sich in meinem Hals bildet, zu vertreiben, "Sie haben dich gezwungen."
"Es tut mir leid, Jungkook", ist das Einzige, was er auf meine Worte erwidert, "Und sieht dann weg, mustert Hoseok, der noch immer mit dem Kopf auf seiner Brust liegt und weiterhin tief und fest schläft, "Wir haben dich gequält, dabei hast du niemandem etwas getan. Wenn- wenn ich nur etwas stärker gewesen wäre, hätte ich es vielleicht überwältigen können... wäre immun gegen das gewesen, was sie uns eingeflösst haben." Ich kann sehen, wie die Wut in seinen Augen aufblitzt, doch sie ist nicht gegen mich gerichtet, nein, vielmehr gegen sich selbst. Er macht sich selbst für sein Verhalten verantwortlich und er hasst sich dafür, dabei kann er doch am allerwenigsten dafür. Es versetzt mir einen Stich, dass er so abwertend von sich denkt, wo er keinerlei Schuld an der Situation hat. Er ist kein Planer gewesen, er hat die Figuren nicht auf dem Spielfeld verteilt und geschoben, er ist nur die Marionette gewesen, all die lange Zeit lang, er hat sich nicht wehren oder dagegen tun können. Letzten Endes ist er genauso ein Opfer, wie ich. Ein weiterer Bauer neben mir auf dem Schachbrett.
"Yoongi, es ist nicht deine Schuld!", wiederhole ich energisch und blinzle angestrengt die aufkommenden Tränen in meinen Augen zurück. "Ich bin nur froh, dass du endlich wieder du bist! I-ich hab dich ver-vermisst, Hyung..."
Yoongi Hyungs Blick huscht wieder zu mir und trotz der Trauer und der Reue, die ich in seinen Augen erkennen kann, schenkt er mir ein kleines, sanftes Lächeln voller Ehrlichkeit, ohne etwas zu antworten. Wir verfallen einen Augenblick in Schweigen und Yoongi Hyung beginnt sachte und zart durch Hoseok Hyungs Haare zu streichen. Erneut erinnere ich mich an Tae und ich schlucke leer, als ich leise das Wort ergreife und meinen Hyung wieder anspreche.
Jener brummt nur leise und sieht dann wieder mit müder Miene zu mir. Er ist sicherlich genauso erschöpft von der Tortour, wie Hoseok Hyung es war, also wird er bestimmt auch noch etwas mehr schlafen, aber bevor ich ihn lasse, gibt es noch eine Sache, die ich wissen will.
"Wie... geht es ihnen? Den anderen, meine ich?", will ich unsicher mit einem dumpfen Angstgefühl in der Magengegend wissen, "Sind sie okay? Unverletzt?"
Yoongi Hyungs Blick gleitet in die Ferne und er zögert mit der Antwort, was meine Angst nur noch steigert. "Hyung?", hake ich ängstlich nach und spiele aufgewühlt mit dem Saum meines Shirts. "Ich will ehrlich zu dir sein, Jungkook", meint er dann schliesslich und sein Blick fängt meinen wieder ein, "Namjoon und Jimin schien es soweit es eben möglich war in diesem Zustand, gut zu gehen. Aber Tae... habe ich kaum gesehen. Ich erinnere mich nicht wirklich, vielleicht habe ich viele Erinnerungen nicht, wo er da war, aber... die, die ich habe... er sah nicht gut aus. Körperlich okay, aber... ich weiss nicht, ob du das von seinen Emotionen und seinem Wohlbefinden auch behaupten kannst. Was sie mit ihm gemacht haben, muss ihm mehr zugesetzt haben, als angenommen."
Alarmiert sehe ich ihn an. "Was haben sie mit ihm gemacht?!", will ich wissen und kralle meine Finger in den Stoff meines Oberteils, während mein Herzschlag wieder an Fahrt aufnimmt. Einerseits bin ich erleichtert, dass es zwei meiner Hyungs soweit gut geht, aber andererseits mache ich mir nun bloss noch mehr Sorgen um Taehyung. Was soll das heissen? Es klingt ganz und gar nicht gut und es jagt mir eine riesige Angst ein.
"Ich hab nicht viel davon mitgekriegt, aber sie haben ihn als allererstes ins Labor geholt. Ich weiss nicht, ob es bloss eine Strafe dafür war, dass er dir so sehr zur Flucht verholfen hat, oder ob... ob es ist, weil er am schwersten zu dem Punkt zu kriegen war, wo sie uns haben wollten, weil er dich liebt."
Verwirrt neige ich den Kopf. "Was soll das heissen?", hake ich nach und Yoongi Hyung seufzt tief. "Sie haben ihn als erstes... so gemacht, wie wir eben alle waren, dann Jimin, danach kam ich dran und dann waren noch Hoseok und Namjoon, je nach dem, welcher von beiden der nächste war. Aber Jimin war weitaus schneller soweit, als er. Es hat mehrere Stunden gedauert und was ich aus dem Labor gehört habe, lässt schliessen, dass sie ihm nicht einfach nur wie mir eine Spritze verabreicht haben. Ich hab die Schreie gehört... sie... sie haben ihn gequält, bevor sie ihm dasselbe wie mir verabreicht haben."
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